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Mit ihrer Wahl zur Oberbürgermeisterin honorierten die Regensburger Gertrud Maltz-Schwarzfischers Engagement in den vergangenen sechs Jahren. In unserem Interview thematisieren wir nicht nur ihre Kindheit und Jugend, sondern konfrontieren die OB auch mit aktuellen Anschuldigungen im Streit mit den Gastronomen.  

Frau Maltz-Schwarzfischer, Sie wohnen seit einem halben Jahrhundert in Regensburg. Wo hat sich Regensburg Ihrer Ansicht nach am stärksten verändert – zum Positiven wie auch zum Negativen?

Dass sich Regensburg verändert hat, erkennt man am stärksten in der Altstadt. Dort war es nicht nur grau, sondern zum Teil richtig trist. Es gab auch kaum ein saniertes oder gut erhaltenes Haus, und gelebt haben dort sehr viele arme Menschen. Und wie viele  Autos damals unterwegs waren, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Wenn meine Mutter beispielsweise als Hausfrau auf ihrem täglichen Einkauf in der Stadt war, ist man in der Gesandtenstraße auf einem vielleicht 50 Zentimeter breiten Gehsteig gegangen. In der Mitte fuhren nicht nur die Autos, sondern es verliefen auch noch die Straßenbahnschienen. Wenn man da mit dem Fahrradreifen reinkam, wurde es zum Teil richtig gefährlich. Bei der Schnupftabakfabrik musste man aufgrund der engen Straße und des starken Verkehrsaufkommens durch einen Durchgang – also nach unten und wieder hoch. Und da unten hat es derart nach Pissoir gestunken, dass es wirklich gruselig war – vor allem weil man dort auch durchmusste. Die Altstadt war in meiner Kindheit also weder ein Ort, der schön war, noch ein Ort, wo man hingehen konnte. Es wäre auch niemand auf die Idee gekommen, ein paar Stühle rauszustellen und ein Café aufzumachen. Das gab es nicht. Das hat sich ganz stark zum Positiven verändert. 

Und zum Negativen?

Wenn man jetzt nur auf das  alltägliche Leben in der Altstadt schaut: Eine meiner ersten Wohnungen lag in der Silbernen Fischgasse, und ich kann mich erinnern, dass die Hausbesitzer, also die Senioren, tagsüber am Fenster waren und sich über die Gasse hinweg unterhalten haben. Man hat sich gekannt. Das war etwas ganz anderes als heute. Schlagwort Gentrifizierung. Aber es gibt in der Altstadt auch heute noch Leben. Und es ist auch wichtig, dass alles in der Altstadt passiert – nicht nur Events und Feiern, sondern auch Handel, Gewerbe, Arbeiten und Leben. Und das muss man erhalten, weil alles voneinander abhängt und das eine vom anderen profitiert. Der wirtschaftliche Erfolg, den Regensburg durch das kongeniale Ineinandergreifen von wirtschaftlichem Aufschwung und universitärem Wachstum erlebt, führt letztendlich dazu, dass sich das menschliche und soziale Zusammenleben immer stärker verändert und sich immer stärker behaupten muss. 

Sie haben Vor- und Frühgeschichte sowie Klassische Archäologie studiert. Was hat Sie damals dazu bewogen, diesen Studiengang zu wählen?  

Ich habe schon im Alter von 15 Jahren in den Ferien bei Ausgrabungen gearbeitet, weil ich das total spannend fand, was bei uns unter dem Boden verborgen ist. Und wenn man an Indiana Jones denkt, kann man  Entdeckungen und Abenteuer mit Archäologie wirklich verbinden. Das hat mich damals schon total fasziniert. Anfangs hatte ich es aber eher als etwas betrachtet, das ich in meiner Freizeit mache, und habe angefangen, Wirtschaft zu studieren. Das war aber überhaupt nichts für mich, und ich habe auf etwas umgesattelt, bei dem ich mit Leidenschaft dabei war. Und das war eben Archäologie sowie Vor- und Frühgeschichte. Das habe ich  nie bereut.  

Wie hat die Berufung Ihres Vaters als evangelischer Pfarrer Ihren eigenen Lebensweg beeinflusst?

Mein Vater war in jeder Hinsicht ein sehr beeindruckender Mensch. In seinem Amt als Pfarrer hat er unglaublich viel an grundsätzlicher Haltung vertreten. Das hat sich nicht nur in seiner Haltung gegenüber der WAA (Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf, Anm. d. Red.) widergespiegelt, sondern auch in der damaligen Asyl- und Flüchtlingsfrage. Mein Vater war ein Mensch, der kein Blatt vor den Mund genommen hat und jemand, der seine Haltung auch gegen Widerstände zeigte. Und meine Mutter war Aktivistin gegen die Apartheit in Südafrika – dieses Elternhaus macht mutig, zu den eigenen Einstellungen zu stehen und auch etwas Unbequemes zu vertreten.  

Hat Sie das soziale und politische Engagement Ihrer Eltern auch dahingehend beeinflusst, sich selbst politisch zu engagieren?

Zumindest hat es mich darin bestärkt, meinen Mund aufzumachen und mich überall einzubringen oder einzumischen – egal, wo ich war. Mein Vater war zwar auch in der SPD, aber parteipolitisch betrachtet war ich  das Gegenteil. Ich habe mich eher außerparlamentarisch engagiert. Beim Frauennotruf zum Beispiel oder allgemein innerhalb der Frauenbewegung. Parteipolitik war mir immer zu reglementiert und mit zu vielen Hierarchien und Strategien versehen. Deswegen bin ich erst sehr spät zur SPD und war nicht bei den Jusos.   

Wenn Sie einen Schwank aus Ihrem Leben erzählen sollen, welche Geschichte erzählen Sie am liebsten?

Ich habe zwar keinen Lieblingsschwank, aber weil wir gerade so schön hier im Alten Rathaus sitzen: Wir hatten damals eine Doppelhochzeit im Regensburger Standesamt. Und weil wir alles recht kurzfristig geplant hatten, bekamen wir nur noch einen sehr frühen Termin an einem Freitag. Nach der Trauung sind wir anschließend zum Weißwurstfrühstück ins Hofbräuhaus gegangen. Womit ich und meine Freundin aber nicht gerechnet hatten, war, dass wir von Freunden der Bräutigame entführt wurden. Wir saßen dann in der Cafébar, und nichts ist passiert – also überhaupt nichts, bis unsere Entführer im Hofbräuhaus angerufen und einen der Herren ans Telefon geholt haben. Der meinte dann aber nur: „Ja, die werden schon wieder kommen (lacht)! Wir suchen die nicht.“ Mein Mann hatte also schon damals sehr viel Vertrauen in mich (lacht).  

Was war Ihre größte Jugendsünde?

Das sag ich nicht (lacht). Natürlich waren wir als Jugendliche nicht anders als heute, und wir haben vieles ausprobiert und Grenzen ausgelotet und überschritten. Und vom Prinzip her war alles dabei, was man sich vorstellen kann. Aber so genau möchte ich darauf jetzt nicht eingehen (lacht).  

Was hat Ihnen während des Lockdowns am meisten gefehlt? Haben Sie etwas Neues für sich gelernt?

Ich glaube, man muss Geduld und eine innere Gelassenheit entwickeln, weil einen die Situation schon nervös machen kann. Und ich verstehe alle, die endlich das zurück haben wollen, was sie unter einem „schönen Leben“ verstehen. Mir persönlich haben am meisten die privaten und persönlichen Begegnungen gefehlt. Also das ganz normale Zusammenkommen – und zwar ohne Stress, Vorsicht, Abstand und der Ungewissheiten, ob man sich nun treffen darf, eine Maske tragen muss oder bereits ins Wirtshaus gehen darf oder nicht. Ich glaube, das fehlt auch allen anderen am meisten. Da wird man natürlich unruhig. Und ich habe die Sorge, dass sich dadurch unser gesellschaftliches Leben ganz anders entwickeln könnte. Und dass es vielleicht nicht so einfach werden wird, diese Distanz wieder zu überwinden.  Allein wenn man sich überlegt, dass die vielen Vereinstreffen ausgefallen sind, die das Leben von ganz vielen Menschen strukturieren und prägen. Wenn das plötzlich weg ist, dauert es schon, bis man sich aufraffen kann, um sein gesellschaftliches Leben wieder aufzubauen. 

Sehen Sie dann die Möglichkeit, dass durch Corona einige Menschen den Anschluss verlieren werden?

Ich glaube, dass hier zwei Sachen zusammenkommen: die Corona-Distanz  und die Digitalisierung. Und da sind die jungen Menschen ganz anders organisiert. Die fühlen sich schon in einer Community, wenn sie in ihren ganzen Gruppen unterwegs sind. Ältere Menschen sind hingegen angewiesen auf die persönlichen Begegnungen und verlieren da schnell den Anschluss. Man sieht bereits jetzt in den Seniorenheimen, wie wahnsinnig schwer es zu verkraften ist, dass man seine Kinder nicht mehr umarmen darf, wenn sie zu Besuch kommen. Berührungen sind auf der menschlichen Ebene aber unheimlich wichtig. Ich glaube, wir gehen aktuell einem ziemlichen Wandel entgegen.  

Die Debatte um die Nutzung der Grünflächen durch Regensburger Wirte, erhitzt aktuell die Gemüter vieler Regensburger. Dult-Festwirt Michael Hahn bespielt aktuell den Pop-up-Biergarten im Stadtpark. Nun wurde Ihnen vorgeworfen, in einer E-Mail an die Gastronomen nur den Grieser Spitz und die Schillerwiese angeboten zu haben. Wieso ist der Stadtpark nun doch eine Möglichkeit zur Bespielung durch Gastwirte?

Wie immer ist alles eine Frage der Kommunikation. Ich finde es generell schwierig, wenn man etwas über offene Briefe und die Medien kommuniziert, anstelle zum Telefonhörer zu greifen und sich über die Sachverhalte regelmäßig auszutauschen. Ich hatte zu Beginn dieser Freisitzdebatte längere Telefonate mit Herrn von Jena und Herrn Mascarello und gedacht, dieser Kommunikationsweg wäre damit auch beschritten. Ich war auch zweimal bei ihren Demonstrationen, und wir hatten uns gut ausgetauscht – auch mit Frau Griesbeck. Wie dieser kommunikative Zwirl plötzlich entstanden ist, wird man nicht mehr nachvollziehen können. Grundsätzlich stehen öffentliche Flächen der Stadt Regensburg allen offen.

Zum einen gibt es Plätze, Straßen und Gassen, für die sich eine Sondernutzung beantragen lässt. Diese Sondernutzungen kann man genehmigen lassen, wofür aber Gebühren anfallen, die wir in diesem Jahr gesenkt haben. Wir sind der Gastronomie somit schon entgegengekommen – auch mit den Freisitzen, die wirklich schnell genehmigt wurden, was im Übrigen auch für die Verwaltung ein Kraftakt war. Zum anderen gibt es die Grünflächen. Hier war es schon immer so: Wenn jemand eine Veranstaltung durchführen will, muss er es beim Stadtgartenamt und dem Ordnungsamt beantragen. Entweder man bekommt es mit bestimmten Auflagen genehmigt oder nicht. Und genau das habe ich den Wirten im Schreiben mitgeteilt. Das gilt nicht nur für den Grieser Spitz, die Schillerwiese oder den Stadtpark, sondern für alle Grünflächen, solange keine Biotopausschreibung, Denkmalschutz oder Ähnliches entgegenstehen. Ich bin davon ausgegangen, dass das auch die Gastronomen wissen. Und wenn man so etwas beantragt, ist es für mich auch selbstverständlich, dass man es selbst organisieren muss. Das gilt auch für Strom und Wasser. Das muss auch jeder Verein selbst organisieren. So war das immer und so ist es auch jetzt. Und einige Gastronomen mussten das auch gewusst haben, da sie Anträge im Gartenamt gestellt haben. Dass die Pläne schließlich wieder verworfen wurden, lag an den Abstandregelungen, die das Geschäft nicht mehr rentabel genug für die Antragsteller machte. Ich hätte es wirklich schön gefunden, wenn die Gastronomen mit einem gemeinsam entwickelten Konzept für die Schillerwiese oder eine andere Grünfläche auf uns zugekommen wären. Den Grieser Spitz hätten wir aufgrund der Entwicklungen zum Freizeithotspot allerdings wohl nicht mehr dafür freigegeben. 

In der Petition der Regensburger Gastronomen wird kritisiert, dass die Wirte in Regensburg seit Jahren Gewerbesteuer zahlen und der Stadtpark von einem Auswärtigen bespielt wird.

Das stimmt so leider nicht. Erstens führt auch die Familie Hahn in Regensburg Gewerbesteuer ab, und die Gastronomen werden genauso berücksichtigt. Sie müssen halt mal ein Konzept vorlegen und einen Antrag stellen. Das hat Familie Hahn gemacht. Es war schließlich nicht so, dass die Stadt gesagt hat: „Wir laden dich ein und bereiten dir das Terrain. Und jetzt stell’ dich hin und verkaufe dein Bier!“ Es ist also auch eine Holschuld der Gastronomen und keine Bringschuld der Stadt Regensburg. Wenn die Gastronomen auf uns zu gekommen wären – und das können sie immer noch – dann hätten wir eine kreative Lösung gefunden. Dass es die gibt, haben wir bei den Freisitzen gezeigt. Vorher hätte schließlich nie jemand daran gedacht, dass man Anwohnerparkplätze verlagert und Podeste aufbauen lässt. Man muss einfach miteinander reden. Und die Stadt kann auch nicht nur die Anträge von Einheimischen berücksichtigen und den Antrag der Familie Hahn ignorieren, immerhin ist die Familie Hahn seit Jahrzehnten auf der Dult vertreten und beschäftigt dort  Regensburger als Bedienung oder Security. Vielleicht kommen jetzt noch Anträge für einen schönen sonnigen Herbst. Aber es wird nicht leicht. Und das muss man akzeptieren, weil es für niemanden leicht ist. 

Das öffentliche Leben wird sich mit sinkenden Temperaturen wieder nach innen verlagern. Von der CSU-Fraktion kam der Vorstoß, der Gastronomie Freisitze mit Heizpilzen für den Winter zur Verfügung zu stellen. Wäre das überhaupt eine Möglichkeit?

Heizpilze sind keine Idee der CSU, das haben die Gastronomen-Vertreter gleich zu Beginn an mich herangetragen, und ich habe gesagt, wir würden das prüfen. Geprüft werden muss hier nach dem bayerischen Denkmalschutzrecht und nach dem Brandschutz. Wenn die Heizpilze so aufgestellt werden, dass die Abstände zu Fassaden und entflammbaren Materialien eingehalten werden, spricht brandschutztechnisch theoretisch nichts dagegen. Gestalterisch spricht gegen manche Heizpilzvarianten zwar sehr viel, aber aktuell sind wir der Meinung, dass es sich um eine Ausnahmesituation handelt und dass wir alles in die Altstadt stellen, was irgendwie hilft, damit sich die Menschen im Freien vor der Sonne oder der Kälte schützen können. Vielleicht finden wir auch ästhetisch ansprechende Varianten. Aber eigentlich ist es ein Wahnsinn, wenn wir sagen, dass wir zuvor den Umweltgedanken ganz vorne angestellt haben und die energetische Dämmung aller Gebäude vorangetrieben haben, und dann blasen wir mit den Heizpilzen die Energie in die Luft. Das ist zwar ein Widerspruch in sich, aber durch Corona müssen ganz viele Teile des öffentlichen Lebens eben draußen im Freien stattfinden. Um die Freisitze auch im Winter zu ermöglichen, müssen wir im Übrigen auch die Satzung ändern, wozu es einen Stadtratsbeschluss braucht. 

Schon jetzt werden für die Herbst- und Wintermonate viele Hauspartys prognostiziert. Was kann man dagegen unternehmen? Oder kann die Stadt überhaupt etwas dagegen unternehmen?

Naja, da muss ich nur an die Zeiten des absoluten Lockdowns erinnern, als es Denunzianten gab, die ihre Nachbarn angezeigt haben. Und dann muss die Polizei prüfen, was dahintersteckt. Erst gestern hat der bayerische Ministerpräsident Markus Söder verkündet, dass die Bußgelder angehoben werden und strenger gegen Regelverstöße vorgegangen wird. Aber eigentlich muss man nur vernünftig sein. Niemand will, dass es zu einem erneuten Lockdown kommt. Ich bin auch nicht dafür, dass man jetzt ein Denunziantentum anheizt, damit jeder mit dem Finger auf den anderen zeigt. Wir sollten uns einfach damit abfinden, dass wir uns noch eine Zeit lang anders verhalten müssen als bisher, auch im privaten Rahmen.  

Ministerpräsident Markus Söder hatte angekündigt, dass die Pandemie eine Charakterprüfung wird. Welche Note würden Sie in diesem Sinne den Bürgern der Stadt Regensburg geben?

Ich sehe Regensburg immer ausgesprochen positiv und ich würde den Regensburgern immer noch eine Note 2 geben. Denn im ganz normalen Alltag halten sich immer noch 99 Prozent an die Regeln, auch wenn es schwerfällt. Leider gibt es immer ein paar Unvernünftige, aber über deren Benotung müssen wir gar nicht erst reden. Aber die Meisten halten sich an die Regeln – und das durchzuhalten, ist schwer. Deswegen braucht es Geduld und eine gewisse Gelassenheit, dass man die Dinge, die man gar nicht ändern kann, nicht einfach nur aushält, sondern auch versucht, ihnen etwas Gutes abzugewinnen.
Bildquelle: Kamerafoto / filterVERLAG | Pokorny
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