Grillen für den Frieden?


Mann und Frau ticken nicht nur anders, sie kochen auch anders. Während er vom perfekten Gar-Punkt und von feinsten Aromen spricht, blickt sie auf den Schauplatz eines gastronomischen Stellungskrieges. Denn die Schattenseiten der Emanzipation haben eine neue Sorte Mann hervorgebracht: Den gastrosexuellen Mann. Und genau dieser brandschatzt sich durch den angestammten Bereich der Weiblichkeit und gibt zum Leidwesen aller auch noch unentwegt Tipps, wie etwas am besten gelingt. Dabei muss es sich nicht mal um einen messerschwingenden Da Vinci handeln – die Küche allein liefert genügend Zündstoff. Doch das muss nicht sein.


Seit über zwei Jahrtausenden spielt sich das Leben rund um den Herd ab. Als Ort des häuslichen Kultes wurden hier bereits im alten Griechenland die Neugeborenen in die Hausgemeinschaft aufgenommen, Schutzflehenden Asyl gewährt und Schwüre auf den Herd getätigt. Geweiht war das Herdfeuer allerdings nicht Prometheus, der den Menschen laut Mythos das Feuer brachte, sondern der Göttin Hestia. Als Mitglied der zwölf Olympischen Götter reichte sie allein den Göttern die Mahlzeiten und unterhielt das ewige Feuer des Herdes. Der Herd – eine ursprünglich weibliche Domäne.

Fremdes Territorium

Laut dem Wohnpsychologen Uwe Linke ist dies auch heute noch so. Das Rollenverständnis der letzten Jahrhunderte fußt auf der Vorstellung, dass die Weiblichkeit für das leibliche Wohl der Gemeinschaft zuständig ist. Der Mann bringt das Geld, die Frau kauft Lebensmittel ein und bereitet diese zu. Dieses Prinzip lässt sich auch am Kauf- und Lagerverhalten in Singlehaushalten beobachten. Während es im Kühlschrank der Frau nur so von Lebensmitteln wimmelt, herrscht in seinem meist gähnende Leere. Eingekauft hat eben in der Regel die Mutter, gekocht auch. Aus der psychologischen Perspektive gehört die Küche also der Frau. Dringt nun der Mann in diesen Bereich ein, herrscht aus verschiedenen Gründen akute Habachtstellung. Selbst dann, wenn Mann und Frau gerne gemeinsam kochen.

Bleiben wir bei der Mutter. Dort schmeckt es laut Volksmund nicht ohne Grund am besten. Bei unserer kulinarischen Entwicklung steht sie an vorderster Front. Von ihr bekommen wir nicht nur die Brust oder das Fläschchen, sondern lernen laut Linke auch den Umgang mit den Lebensmitteln wie auch das Kochen selbst. Die Zubereitung von Lebensmitteln ist für Linke somit eine äußerst intime Angelegenheit. Werden wir von unserem Partner beim gemeinsamen Kochen kritisiert oder übervorteilt, sägt dies sofort an der Ernährerkompetenz unserer Mütter. Somit verursacht auch die höflichste Bitte um kleinere Zwiebelwürfel nicht selten beleidigte Mienen bei unserem Gegenüber. Häufen sich derartige Kritiken räumt so mancher „Taugenichts“ das Feld.

Eine Wissenschaft für sich

Durch den Auftritt des gastrosexuellen Mannes hat sich das Konfliktpotential sogar noch verschärft. Geprägt wurde der Begriff von Radiomoderator und Autor Carsten Otte. Ein gastrosexueller Mann denkt laut ihm nur an das Kochen. Er studiert jegliche Art von Garmethode bis hin zum extraordinären Sous-vide-Garer. Während Frauen gerne unkompliziert und schnell kochen wollen, feiern Männer ein „wahres Küchenfest“, erklärt auch Hans Haas, Chefkoch des mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten Tantris in München. Die Kreation von Speisen sei für Männer eine regelrechte Kunst. Und wer manchen Mann dabei beobachtet, wie er seinen Kaffee brüht, weiß, wovon gesprochen wird. Hier gilt es, nicht lediglich Wasser zu erhitzen, sondern in seinem Kernreaktor Brühdruck, Wasserhärte und Mahlgrad perfekt aufeinander abzustimmen. Das Kochen avanciert beim Mann zur wissenschaftlichen Disziplin, die sich unweigerlich auf die partnerschaftliche Kochpraxis auswirkt.

Die Küche sei laut Linke ein Arbeitsort mit besonderem Privatinteresse. Während es uns in der Arbeit „relativ“ egal sein kann, wie das Endprodukt ausfällt oder wie genau das Ergebnis zustande kommt, beäugen wir in der Küche mit Argusaugen den gesamten Prozess. Zu grobe Zwiebeln passen nicht in die Textur der Soße, Zucker unterstreicht den natürlichen Geschmack der Zwiebel und ja nicht braun werden lassen. Wir wollen keine Röstaromen, wir schwitzen hier nur an. Dass der Mann die Kochkunst zur Wissenschaft erhebt, verkompliziert die Kooperation zwischen Mann und Frau und sorgt für zusätzlichen Zunder. Zumal er sich in ihrem Revier bewegt.

Der inszenierte Grillreflex

Zurück zum Ursprung. Während der heimische Herd der Frau zugeordnet wird, handelt es sich beim offenen Feuer seit jeher um eine Männerdomäne. Rohes Fleisch, Rauch und Feuer treiben dem Mann nicht nur das Wasser in den Mund, sondern auch die Grillzange in die Hand. Während es sich bei der Küche zumeist um ungeschütztes Territorium handelt, wissen Männer ihren Platz hinter dem Grill definitiv zu verteidigen. Während 80 Prozent der Männer angeben, die Grillzange nur ungern aus den Händen zu geben, tolerieren 13 Prozent sogar überhaupt niemanden an ihrer Seite.

Um zu erklären wie Männer am Grill ticken, greift für den Soziologen Sacha Szabo die Argumentation der archaischen Fleischzubereitung jedoch zu kurz. Auch wenn beim Grillen das Neandertalmotiv zutrifft und sich der Mann als Herrscher über das Feuer inszeniert, sieht Szabo in dieser Handlung eher einen Reflex auf die Moderne. Sozusagen ein von beiden Geschlechtern gewolltes Rollenspiel, bei dem sich der Mann Terrain aus der Moderne zurückerobern, gegen Convienence Food auflehnen und sich als Ernährer präsentieren kann. Im Gegensatz zur den Unwägbarkeiten der Lebenswirklichkeit herrscht hier noch Eindeutigkeit: Wer über das Feuer wacht, verteilt das Essen. Und wer das Essen verteilt, der hat die Hosen an. Dass es sich aber um eine Inszenierung handelt, erkennt man daran, dass sich der Ottonaormalgriller in der Regel nur für das Objekt seiner Begierde interessiert: Fleisch. Marinaden und Beilagen fallen in die Obhut der Frau und werden in die Küche outgesourct.

Der heimische Grill eignet sich somit als hervorragender wenn auch inszenierter Friedensstifter zwischen den Geschlechtern. Hier sind die Arbeitsbereiche nicht nur getrennt, sondern auch die Rollen wieder klar definiert. Hier findet aber auch der Gastrosexuelle einen Ort, um die unterschiedlichsten Fleischsorten und Garvarianten auszuprobieren, innovative Schnitttechniken anzuwenden und im Falle des Falles das Fleisch bis zum Umfallen mit einer selbstgemixend Marinadenkreation einzupinseln. Mit etwas Glück bleibt auch die Küche in Frieden.
Bildquelle: bigstockphoto.com | KarepaStock



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