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Die Domillumination sorgte für ungeahnten Besucheransturm, der Missbrauchsskandal bei den Domspatzen für Entsetzen, eine „Herzlos“-Lehrerin für Furore und ein musealer Betonklotz für Kopfschütteln. Und zwischen alldem kämpfte ein Mann für seine Rehabilitation. Um es auf den Punkt zu bringen: Das Jahr 2019 sorgte auch in Regensburg für mannigfaltigen Gesprächsstoff.

 
ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN?!

Die Causa Wolbergs wirkt wie eine Never Ending Story. Nach einem „Fast Freispruch“ im ersten Prozess Anfang Juli startete am 1. Oktober das zweite Verfahren gegen den Regensburger Oberbürgermeister, der trotz eines entsprechenden Antrags weiterhin vorläufig vom Amt suspendiert bleibt. Obwohl Joachim Wolbergs im ersten Prozess in lediglich zwei Fällen für schuldig befunden und in sämtlichen anderen Anklagepunkten freigesprochen wurde, hält der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die Suspendierung aufrecht.

Eine verhängnisvolle Affäre

Folgenreich blieb der Prozess aber nicht nur für Wolbergs und die Mitangeklagten. Der vor allem politische Rattenschwanz, den die sogenannte Regensburger Parteispendenaffäre nach sich zieht, wurde 2019 speziell in den Reihen der SPD deutlich. Ende Juni, noch vor der Urteilsverkündung, traten zunächst zwei Stadträte aus der Fraktion aus – aus Solidarität mit dem vorläufig suspendierten OB. Nach der Urteilsverkündung schlugen drei Kreisverbandsvorsitzende vor, Wolbergs nach dessen Austritt im April in die Partei zurückzuholen. Die Jusos sowie der Vorsitzende des SPD-Stadtverbands Regensburg distanzierten sich Mitte Juli jedoch vom offenen Brief der Kreisverbandsvorsitzenden. Ebenfalls im Juli verkündete Christian Schlegl von der CSU, 2020 nicht mehr für den Regensburger Stadtrat kandidieren zu wollen – aus beruflichen und privaten Gründen heißt es. Schlegl, der 2014 in einer Stichwahl deutlich gegen Wolbergs verlor, steht wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung sowie einer möglichen Falschaussage im ersten Prozess gegen Wolbergs selbst im Visier der Ermittler. Ob er angeklagt wird, steht bis dato noch nicht fest. Anfang September zog die Regensburger SPD Konsequenzen aus der sogenannten Korruptionsaffäre: Künftig will sie Spenden von mehr als 1.000 Euro offenlegen. Damit geht sie einen Schritt weiter als das Gesetz, demgemäß Spenden erst über 10.000 Euro der Veröffentlichungspflicht unterliegen. Und nicht zuletzt trat Norbert Hartl, freigesprochener Mitangeklagter im ersten Prozess, im Oktober aus der SPD aus – nach 48 Jahren Parteizugehörigkeit. In seinem Brief beklagt er vordinglich die Vorverurteilung durch Teile der SPD.   

Über die Brücke zur Wiederwahl?

Und Wolbergs selbst? Er trat Ende April aus der SPD aus und kehrte damit nach mehr als 30 Jahren der Partei den Rücken. Zugleich kam er so einem Rauswurf zuvor: Mitte April hatte Wolbergs in Regensburg zusammen mit mehreren Unterstützern den Wahlverein „Brücke – Ideen verbinden Menschen“ gegründet. Laut Satzung der SPD ist eine doppelte Mitgliedschaft – SPD auf der einen und Konkurrenz-Verein auf der anderen Seite – jedoch unzulässig. Bereits Mitte April hatte Wolbergs verkündet, mit seinem neuen Verein bei der Kommunalwahl 2020 antreten zu wollen, im Juli wurde der vorläufig suspendierte Oberbürgermeister von der „Brücke“ offiziell zum Spitzenkandidaten für das oberste Amt der Stadt nominiert. Der Gang über die Brücke also Wolbergs‘ Weg zum Ziel? Geht es nach dem Willen der Staatsanwaltschaft Regensburg, wird eine Brücke dafür wohl nicht reichen. Denn bereits unmittelbar nach dem ersten Prozess kündigte sie an, das Urteil vom Bundesgerichtshof überprüfen zu lassen. Dabei geht es ihr vor allem um jene Angeklagten, die freigesprochen wurden oder trotz Verurteilung wegen eines Delikts keine Strafe erhalten haben. Sämtliche Vorwürfe gegen sie wies die Staatsanwaltschaft dabei gleich zurück, obwohl sie gerade bei der Urteilsverkündung nahezu deklassiert wurde und im Laufe des Verfahrens mehr an Rumpelstilzchen denn an eine seriöse Anklagebehörde erinnerte. Wie dem auch sei, die Entscheidung des BGH dauert an, ebenso wie der zweite von ihr eingefädelte Prozess, in dem es nahezu um dieselben Anklagepunkte geht wie im ersten, nur dass die Mitangeklagten ausgetauscht wurden. Die sogenannte Regensburger Korruptionsaffäre also nichts weiter als ein ermüdender Kalauer? Im März 2020 wird zumindest für den zweiten Prozess ein Urteil erwartet und Karats Hit dann vielleicht zum neuen Regensburger Gassenhauer: „Über sieben Brücken musst du gehen / Sieben dunkle Jahre überstehen / Siebenmal wirst du die Asche sein / Aber einmal auch der helle Schein.“

WENN DIE GROSSEN SCHWÄCHELN
 
Egal ob Krones, Continental oder Osram – die großen Konzerne schwächelten 2019 auch regional. Der Hersteller für Abfüll- und Verpackungsanlagen Krones mit Sitz in Neutraubling senkte zuletzt Mitte Dezember seine Prognose. Und das bereits zum wiederholten Mal im Jahr 2019. Das Unternehmen erwartet bei der EBT-Marge nur noch 1 Prozent statt der zuvor angepeilten 3 Prozent. Im Rahmen der Effizienzmaßnahmen baut Krones zudem bereits im laufenden Geschäftsjahr Stellen ab. Und dieses Programm soll auch 2020 fortgeführt werden. Im kommenden Jahr sollen 300 weitere Stellen in Deutschland und weitere 200 Stellen weltweit abgebaut werden. Gestrichen werden sollen vor allem Arbeitsplätze in der Verwaltung. Das Ziel der Sparmaßnahmen: In den kommenden beiden Jahren soll der Vorsteuergewinn (EBT) um rund 150 Millionen Euro aufgebessert werden.

Auf Besserung hofft auch Osram. Anfang Dezember wurde der Lichtkonzern vom österreichischen Sensorikspezialisten AMS übernommen. Eine finanzielle Herausforderung, denn AMS muss sich für die 55 Prozent alles Osram-Aktien verschulden. Während man an der Börse positiv auf die Übernahme reagierte, zeigte sich die Gewerkschaft IG Metall eher zurückhaltend und forderte die Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten. Allein in Regensburg wurden 2019 rund 500 Stellen gestrichen. Ob der regionale Osram-Standort von der Übernahme profitieren wird, wird sich zeigen.

Massive Umstrukturierungsmaßnahmen plante 2019 auch der Automobilzulieferer und Reifenhersteller Continental, um die aktuelle Krise zu bewältigen. Conti setzt dabei vor allem auf Elektromobilität und verabschiedet sich langsam aus dem Geschäft mit Hydraulik-Komponenten für Verbrennungsmotoren. Bis zum Jahr 2028 sollen mehr als 5.000 Arbeitsplätze wegfallen. Während für den Standort Regensburg zumindest derzeit noch keine Einschnitte geplant sind, trifft es das Werk in Roding umso härter. Nach einem erfolglosen Runden Tisch zur Rettung des Standorts, soll das Conti-Werk in Roding bis 2024 nun endgültig geschlossen werden. Betroffen sind davon rund 520 Arbeitnehmer. In der Welterbestadt wird man die Conti-Krise bald an der Fassade der Fußballarena bemerken. Denn ab 2020 wird Continental nicht mehr Namensgeber des Regensburger Fußballstadions sein. Wer neuer Namenssponsor wird, ist bislang noch ungeklärt.  

Apropos Fußballstadion: Bereits Mitte Mai erfolgte der Paukenschlag in der Regensburger Fußballwelt. Cheftrainer Achim Beierlorzer verkündete seinen Wechsel zum 1. FC Köln. Mit seinem Weggang schrumpfte auch der Kader des SSV Jahn zur Jahreshälfte weiter. Nach vier Spielzeiten verließ im April erst Philipp Pentke den Verein zum Zweitliga-Saisonende 2018/2019 und wechselte zur TSG 1899 Hoffenheim. Gleich tat es ihm Angreifer Sargis Adamyan, der ebenfalls nach dem Ende der vergangenen Saison zum baden-württembergischen Bundesligisten wechselte. Neuer Cheftrainer des SSV Jahn Regensburg wurde der 37-jährige Fußballlehrer Mersad Selimbegovic, der seit 2006 beim Jahn zu Hause ist und bis zu seinem Aufstieg in die Chefriege als Co-Trainer von Beierlorzer in Erscheinung trat. Neben einem etwas holprigen Saisonstart fand der SSV Jahn aber nicht nur wieder gut in die Spur, sondern feierte im Oktober 2019 auch noch sein 130-jähriges Bestehen. Etwas zu feiern hatte Anfang Juni auch der 28. Regensburg Marathon: Nach neun Jahren überquerten die Läufer endlich wieder die Steinerne Brücke.  

EIN MUSEUM OHNE ARCHITEKTONISCHE MUSE
 
Der rund 80 Millionen teure, graue, leblose Kasten called Museum der Bayerischen Geschichte, dessen architektonische Schönheit sich inmitten eines Welterbes für manch einen einfach nicht erschließen mag, öffnete am 5. Juni nach vier Jahren Bauzeit seine Pforten. Das Foyer des Museums samt Panoramafilm ist für Besucher generell unentgeltlich, die Dauerausstellung hingegen war nur im ersten Monat kostenfrei und der Ansturm auf das neue kulturelle Gebäude groß: Nach drei Öffnungstagen war bereits die 10.000-Marke geknackt, nach einer Woche verbuchte das Museum des Hauses der Bayerischen Geschichte 46.000 Gäste, 21.500 davon besuchten die Ausstellung im Obergeschoss. Nach 23 Tagen stand die Zahl 150.000 auf dem Besucherkonto des Museums, 90.000 auf dem der Dauerausstellung.

So positiv die Zahlen scheinen, die Kritik blieb dennoch nicht aus. In seinem Gastbeitrag auf einem Regensburger Nachrichtenportal moniert Künstler und Historiker Wolfram P. Kastner vom Institut für Kunst und Forschung München die „CSU-Linie“ des Museums. Außerdem: zu viel Automobilindustrie, zu wenig Kulturgut. Das Haus der Bayerischen Geschichte wertet Kastners Beitrag schlicht als einen subjektiven Besucherbericht und feiert munter fröhlich weiter: Ende September wurde im Erdgeschoss des Museums die Bayerische Landesausstellung „100 Schätze aus 1000 Jahren“ eröffnet, rund fünf Wochen später konnte bereits der 50.000ste Besucher begrüßt werden. Und nicht zuletzt holte das Haus der Bayerischen Geschichte Mitte November mit seinem Museumsgebäude in Regensburg den FIABCI Prix D´Excellence Germany 2019 in Gold in der Kategorie Gewerbe. Doch Preis hin oder her, unterm Strich ist und bleibt das Museum vor allem eins: G‘schmacksach.

IST DAS KUNST ODER KANN DAS WEG?

Neben dem Museum sorgt seit Oktober ein weiteres Objekt für Kontroversen: der goldene Waller, platziert vor dem Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg. Der güldene Koloss, der mehr einem gestrandeten Miniatur-Free Willy mit abgehakten Flossen denn einem Kunstwerk gleicht, ist mit seinen 870 Kilogramm zwar um einige tausend Kilo leichter als sein vermeintlicher Artgenosse, dafür aber nicht minder begehrt. Denn die mit zig tausenden Goldblättchen überzogene Oberfläche der Skulptur war bereits binnen einer Woche diversen Angriffen ausgesetzt: Mal wurde darauf gekritzelt, mal hatten Unbekannte versucht, das mehr als zwei Meter hohe Kunstwerk zu erklimmen. So oder so wurden Spuren auf der goldenen Haut der 180.000 Euro teuren Kunst hinterlassen. Während Oliver Störmer vom Berliner Künstlerduo STOEBO in den Anfeindungen auch die Wut auf den unweit stehenden grauen Architekturklotz ausgedrückt sieht, will die Stadt dem Vandalismus vorerst nichts entgegensetzen. Stattdessen appelliert sie an die Vernunft der Bürger, Kunstwerke in der Öffentlichkeit doch bitte nicht zu beschädigen. Süß. Bleibt nur zu hoffen, dass Willy nach dem Entfernen seiner winterbedingten Schutzzäune nicht in die nur wenige Meter entfernte Donau eintaucht und free like an orca davonschwimmt.

LIGHT UP THE CATHEDRAL


Während das Bayern-Museum und der goldene Waller aufgrund ihrer Optik bei den Regensburgern eher für Unmut sorgten, gab es am Dom Augenschmaus vom Feinsten. Die Lichtshow anlässlich der Fertigstellung der Domtürme vor 150 Jahren brachte vom 22. bis 28. September nicht nur den Dom zum Strahlen, sondern auch tausende Gesichter – vorausgesetzt sie bekamen das Spektakel zu sehen. Denn das war gar nicht so einfach. Bereits am ersten Tag drängten Hunderte Zuschauer auf den Domplatz, um der 15-minütigen Premiere der Illumination „La cathédrale magique“ zu folgen. Obwohl die Lichtshow von Sonntag- bis Freitagabend jeweils dreimal zu sehen war und aufgrund der großen Nachfrage sogar um einen Tag verlängert wurde, konnten nicht alle Besucher die bunt erstrahlte Westfassade des Doms bestaunen. Der Andrang für die 320.000 Euro teure Illumination des französischen Künstlerkollektivs Spectaculaires war gerade am letzten Aufführungstag schlicht zu groß: Allein am Samstag strömten Tausende Menschen in die Innenstadt, sodass der Domplatz zweitweise immer wieder gesperrt werden musste. Am Ende des sechstägigen Jubiläumsbeitrags haben immerhin rund 60.000 Besucher das strahlende Highlight am Dom bewundern können – ein wohl auch dank Social Media hervorgerufener Überraschungserfolg, mit dem weder die Verantwortlichen noch die Einheimischen gerechnet hatten.

DER CHOR THRONT ÜBER ALLEN

Ganz und gar nicht erfreulich waren hingegen die Ergebnisse der Studien zu den Missbrauchsfällen bei den Regensburger Domspatzen, die im Juli veröffentlicht wurden. Das Resultat in einem Satz: Der Erfolg des Knabenchors stand über dem Wohl der Schüler. Bereits vor zwei Jahren stellte der Rechtsanwalt Ulrich Weber seinen Abschlussbericht zu den Missbrauchsfällen beim weltberühmten Chor vor. Am 22. Juli dieses Jahres wurde dann noch die sogenannte „Regensburger Aufarbeitungsstudie“ vorgestellt. Und nicht zuletzt gab es Anerkennungszahlungen an Betroffene. Nach Angaben von Bischof Rudolf Voderholzer wurden insgesamt 3,785 Millionen Euro ausbezahlt – Geld, das den Dom in einem ganz anderen Licht erstrahlen lässt. Für die Jahre 1945 bis 1995 stuft Weber 547 Opfer als „hoch plausibel“ ein. 500 waren Opfer körperlicher Gewalt, 67 von ihnen wurden sexuell misshandelt. Auf Täterseite, bestehend aus Geistlichen, Schul- und Musiklehrern aber auch Nonnen, identifiziert er für die Vorschule und das Musikgymnasium 49 Personen – 45 übten körperlich Gewalt aus, neun sexuell. Obwohl die Normalität für viele Schüler von einem „nicht von Gewalt dominierten Alltag“ zeugte, dürfen die Ursachen für das Fehlverhalten dennoch nicht verschwiegen werden. Denn sowohl der Weber-Bericht als auch die Aufarbeitungsstudie kommen zum gleichen Schluss: Finanzierung und Erfolg des Chors waren wichtiger als das Wohlergehen der Schüler oder eine kindgerechte Pädagogik.

Begünstigt wurde der Missbrauch durch interne undurchsichtige Strukturen mit unklarer Verantwortungsverteilung. Die kalte und angstbesetzte Atmosphäre beruhte auf „militärischen Drill“ sowie auf „Überwachung und ‚obsessiven‘ Ordnungssinn“. Der von Desinteresse zeugende Erziehungsstil zeigte sich dabei in Form von „Prügelorgien“, wie etwa durch Johann Meier, Leiter der Domspatzenvorschule in Etterzhausen bei Pielenhofen. Dass Georg Ratzinger, Domkapellmeister und Bruder von Josef Ratzinger, nichts von den Prügelorgien Meiers wusste, ist laut Studie „ausgeschlossen“. Am 11. April 2019 äußerte sich dessen Bruder, der emeritierte Papst Benedikt, zu den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche und zieht die 68er in die Verantwortung. Seiner Meinung nach habe es zur „Physiognomie der 68er Revolution“ gehört, dass auch Pädophilie erlaubt sei. Das ist jedoch schlicht falsch. Zudem tragen die 68er keine Schuld am Vergehen klerikaler Menschen an Schutzbefohlenen, was auch in der Aufarbeitungsstudie klargestellt wird. Vielleicht wäre Papst Benedikt besser beraten gewesen, die Aufklärung der Missbrauchsskandale selbst anzustoßen. Der breiten Öffentlichkeit bekannt wurden sie – auch jene bei den Domspatzen – nämlich schon im Jahr 2010, Ratzingers Rücktritt folgte erst 2013.
 
SOMMER, SONNE, SKURRILES

Während Medien im Sommer bekannterweise in ein Loch fallen, fallen andere im Sommer in die Donau – und das nicht immer freiwillig. Skurriles gab es jedoch schon, bevor die Temperaturen die 30-Grad-Marke knackten.

Ein Aufruf sorgt für Aufregung

Den ersten Sonnenstich schien für viele Deutsche im Frühjahr eine Lehrerin aus Regensburg erhalten zu haben, als sie bei den ersten Märzstrahlen zum Kinderverzicht aufrief. In ihrem Buch „Kinderfrei statt kinderlos – ein Manifest“ spricht sich Verena Brunschweiger bewusst für ein kinderloses Dasein aus, vor allem der Umwelt zuliebe. Denn pro verzichtetes Kind könnten 58,6 Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden, so die „Herzlos-Lehrerin“, wie sie von der Bild-Zeitung betitelt wurde. Zum Vergleich: Ein autoloses Leben schlage gerade einmal mit 2,4 Tonnen CO2 zu Buche. Kinderverzicht, so Brunschweiger, sei folglich der größtmögliche persönliche Beitrag zum Schutz von Umwelt und Klima. Aber, und auch das betont die Lehrerin bei allem Gegenwind, ihre Äußerungen würden sich nicht gegen Kinder per se richten, sondern könnten vor allem jungen Paaren in der Kinder-Entscheidungsfindung als Hilfe dienen. Ihre steile These stieß vor allem vor dem Hintergrund ihrer Berufswahl auf Kritik und Entsetzen. Brunschweiger selbst nimmt es gelassen. Denn selbst wenn sie Kinder als das Schlimmste, was man der Umwelt antun könne, bezeichnet, so habe sie die bereits geborenen Kinder und damit insbesondere auch ihre Schüler trotzdem gern. Naja, besser als nichts.        

Wenn’s Auto baden geht

Weiter gingen die Skurillitäten im April oder besser gesagt die Pleiten-, Pech- und Pannenshows. Denn Pech hatte ein Pärchen beim Sonnenbaden am Donauufer bei Seppenhausen zur Genüge. Doch von vorne. Passend zu den warmen Temperaturen hatte das Paar eine Luftmatratze eingepackt, bei der sie jedoch Luft nachpumpen mussten. Der Pannenkompressor ihres Fiat Punto schien für die Frau dafür gerade rechtzukommen. Damit dieser auch mit ausreichend Strom versorgt wird, beugte sie sich ins Auto und drehte den Zündschlüssel um. Problem: Der erste Gang war ohne Handbremse eingelegt. Die Folge: Der Fiat rollte los in Richtung Donauufer. Die 50-Jährige lief zunächst neben dem Fahrzeug her und versuchte es anhalten, doch dann klopfte schon die nächste Pechsträhne an: Die offen stehende Fahrertür prallte gegen einen Baum. Dadurch wurde die 50-Jährige selbst zu Boden geschleudert und glücklicherweise nur leicht verletzt. Das Fahrzeug ließ sich jedoch nicht mehr aufhalten und rollte in die Donau. Dort schwamm es dann auch einige Zeit, denn das Pärchen fuhr zunächst per Anhalter nach Regensburg in ein Krankenhaus, um die Quetschungen der Frau am linken Bein behandeln zu lassen. In der darauffolgenden Nacht begaben sich die Verliebten aber schließlich doch noch zu einer Polizeiinspektion in Regensburg, um den Vorfall zu melden. Die Wasserschutzpolizeigruppe rückte an und umfangreiche Bergungsmaßnahmen inklusive Sperrung des Schiffsverkehrs starteten. Mit Hilfe eines Peilboots konnte der Fiat in rund vier Metern Tiefe zwar lokalisiert werden, für ihn kam aber jede Hilfe zu spät: Totalschaden. Persönliche Gegenstände konnten jedoch wieder ausgehändigt werden, auch wenn das wohl nur ein kleiner Trost für das schiefgelaufene Sonnenbad sein dürfte. Die Verursacherin musste nämlich mit einer Anzeige nach dem Gesetz zur Ordnung des Wasserhaushalts rechnen und zudem für die nicht unerheblichen Bergungskosten aufkommen.

Die etwas andere Granate

Einen weiteren Hit hielt der Juni bereit. Eine 32-Jährige aus dem Oberpfälzer Landkreis Tirschenreuth fand beim Joggen in einem Waldstück in Kemnath ein mysteriöses Objekt. Sie nahm es kurzerhand mit nach Hause, lackierte es schwarz um und verwendete es als Dekoration für ihre Wohnung. Im Laufe des Tages inspizierte die Joggerin ihr neues Accessoire etwas genauer und fing an, über das mysteriöse Objekt zu recherchieren. Bereits wenig später hatte sie Gewissheit über ihren Fund und verständigte gegen Mitternacht die Polizei, die auch sogleich anrückte. Denn das neue Dekoteil der 32-Jährigen hatte sich als Panzerfaustgranate entpuppt. Gefahr bestand glücklicherweise nicht, da das mysteriöse Objekt von den Beamten als Übungsgranate für Panzerfäuste ohne Zünder und Sprengstoff identifiziert wurde. Anfassen oder gar mit nach Hause nehmen sollte man solche Gegenstände jedoch in keinem Fall.

Betrunken radelt sich’s besser?!

Schlangenlinien waren nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was Mitte Juni noch folgen sollte: Stark alkoholisiert stürzte eine Radlerin in Regensburg in die Donau und hatte dabei Glück im Unglück. Wie Zeugen beobachteten, steuerte die 22-Jährige in der Nacht von einem Freitag auf Samstag in Schlangenlinien auf ihr Unglück zu. Im Bereich der Anlegestelle Donaulände fand ihre Fahrt dann ein jähes Ende: Die Radlerin stürzte zusammen mit ihrem Drahtesel in die Donau. Doch damit nicht genug. Die junge Frau prallte mit ihrem Kopf gegen die Bordwand eines Schiffes, das am Kai lag. Trotz des Aufpralls konnte sich die 22-Jährige selbständig aus dem Wasser zwischen Schiff und Kaimauer auf einen kleinen Vorsprung retten. Von dort aus konnten die Rettungskräfte der Feuerwehr und der DLRG die Regensburgerin bergen. Durch den Sturz erlitt die junge Frau glücklicherweise nur eine Kopfplatzwunde, eine Gehirnerschütterung sowie diverse Prellungen. Etwas schlimmer fiel jedoch ihr Alkoholpegel aus: Ein durchgeführter Atemalkoholtest ergab rund zwei Promille. „Betrunken radelt sich’s besser“ war wohl auch das Motto des 53-jährigen Radfahrers, der am letzten Juni-Wochenende des Jahres mit über drei Promille auf seinem Drahtesel in Regensburg unterwegs war. Der 53-Jährige radelte in der Nacht von Sonntag auf Montag auf der Protzenweiherbrücke und stürzte dabei mehrfach vom Fahrrad. Unerschrocken von seinen Fahrproblemen stieg der Mann immer wieder auf seinen Drahtesel und setzte seine Fahrt fort. Vorbeikommende Polizeibeamte schauten dabei allerdings nicht lange zu und hielten den 53-Jährigen an. Bei seiner Kontrolle ergab der Alkoholtest einen Pegel von umgerechnet über drei Promille. Seine Fahrkünste endeten damit abrupt, die Folgen nicht: Der Mann musste mit einer Anzeige wegen des Verdachts der Trunkenheit im Verkehr rechnen. Apropos Verkehr: Inwieweit der im November vom Stadtrat durchgewunkene „Radentscheid Regensburg“ die Bahnen für die betrunkenen Drahteselreiter innerhalb der Stadt fördern oder eher behindern wird, wird sich noch zeigen. Geplant ist bislang unter anderem ein Netz von durchgängigen Hauptrouten für den Radverkehr, die alle Stadtteile miteinander verbinden sollen.

Ohne große Worte
 
Einer darf beim Thema „Sommer, Sonne, Skurriles“ natürlich nicht fehlen: der berühmt-berüchtigte Circus Afrika. Nach Elefantenspaziergängen auf einer Verkehrsstraße in Cham und anderen vermeintlich inszenierten Aufmerksamkeits-Sperenzien medial überall vertreten machte der Zirkusdirektor samt Crew und Tieren im August schließlich auch in Regensburg Halt. Der Stellplatz sponserd for free by Deutsche Bahn, die über die Gründe keine Auskunft geben mag. Es hagelte Kritik und Proteste von der Tierschutzseite, Ehrenrettung und Anfeindungen von der Zirkusseite. Um es kurz zu machen: Es bedarf zum Circus Afrika nicht mehr vieler Worte außer – Tiere gehören nicht in den Zirkus. Punkt.  

SIT DOWN FOR THE FUTURE?!

Last but not least ein Thema, das vielen zu den Ohren raushängt und dennoch an Präsenz nicht verliert. Seit Ende 2018 treffen sich deutschlandweit Schüler und Studenten, um für den Klimaschutz zu demonstrieren. Im Februar 2019 erreichte Fridays for Future nun auch Regensburg, und am 5. Juli fand in der Welterbestadt eine Großdemonstration statt. Bei der Kundgebung am Dom wurde dabei vor allem eines deutlich: Das „Stand Up for the Future“ ist einem „Sit Down“ gewichen.

Parolen mit Techno-Beat

Freitag, 5. Juli, kurz vor 18 Uhr, Kundgebung am Domplatz. Ein junger Mann tritt auf der Rednerbühne vor der ehemaligen Dompost ans Mikro. 2.500 Menschen hätten an der Demo teilgenommen, die Bewegung hätte es geschafft, die komplette Altstadt mit einer Menschenkette einzukesseln, dann fordert er Jung und Alt auf, sich in die Arme zu nehmen. Das darauffolgende „Los geht’s“ bekundet dann endgültig den Start der Kundgebung.

Den Anfang macht die Parole „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“, die von Sprechchören wiederholt wird, ehe ein Techno-Beat einsetzt und dem Ganzen, wenn auch etwas außer Takt, Songcharakter verleiht. Für einen kurzen Moment erinnert die Szene an ein Stadion-Konzert von Rammstein, wo Tausende Menschen wie ferngesteuert einfache deutsche Songverse wiederholen: „Du, du hast mich, du hast mich gefragt und ich hab nichts gesagt.“ Die Szene erinnert für einen kurzen Moment an Rammstein, nur eben ohne Gitarrenriffs, ohne Pyrotechnik, ohne in die Luft gerissene Arme, ohne Head Banging…. eigentlich erinnert die Szene so gar nicht an Rammstein. Vor allem nicht, wenn man ein Ohr auf die PA-Anlage richtet. Die jungen Redner sind während ihrer kurzen Vorträge oft schlecht zu verstehen, es sei denn, man steht mittig und nicht zu weit von der Bühne entfernt. Das Resultat: Während die vorderen Reihen jubeln und applaudieren, herrscht bei den Menschen, die sich weiter hinten an den Außenmauern des Doms anlehnen, zum Teil gähnende Stille – und das buchstäblich.
 
Doch weiter im Programm mit dem nächsten Song, der das gleiche Muster besitzt wie der erste: Parole, Techno-Beat, schlechte Akustik. „Wer nicht hüpft, der ist für Kohle – umz, umz, umz, umz.“ Ob es nun der Spruch ist oder der Beat, der die Demonstranten zum Hüpfen animiert, bleibt offen. Fakt ist: Die Menschen auf dem Domplatz stehen und hüpfen – zumindest für die Dauer des Songs. Danach setzt sich der Großteil der jungen Demonstranten wieder auf das warme Kopfsteinpflaster.

Aus Sit-in und Bed-in wird Sit-down
 
Um neben Climate auch Love, Peace und Happiness zu zelebrieren, ertönt verhältnismäßig leise John Lennons Imagine. Eine Frau, geschätzt um die 50, steht rechts neben der Bühne, bewegt ihren Körper zum Takt der Hippie-Friedenshymne der 70er und singt die Lyrics mit. Vor ihr sitzen im großen Kreis junge Menschen, die ihre Kinder sein könnten, und schweigen. Kennen sie den Song nicht? Fehlt der Techno-Beat? Oder schlicht die Animation zum Mitmachen? Eine Erinnerung an John Lennon und Yoko Ono blitzt auf – ihr berühmter Bed-in aus dem Jahr 1969. Im Bett sitzend, umringt von Fotografen und mit den Statements „Hair Peace“ und „Bed Peace“ an den Fensterscheiben kuscheln der Beatles-Sänger und seine Frau für Liebe und Frieden. In diesem Zusammenhang poppt noch ein weiteres Bild im Kopf auf: die Sit-ins der 60er, eine gewaltfreie Revolte gegen Rassendiskriminierung.  

Laut Polizei nehmen 1.200 Menschen an der Kundgebung auf dem Regensburger Domplatz teil, es bleibt friedlich bis zum Ende der Demo um 20.30 Uhr. Doch trotz Friede, Liebe und einer bedeutsamen Thematik hinken wie schon bei Rammstein auch diese beiden Vergleiche beim Blick auf die Kundgebung, und das vor allem aus einem Grund: Egal ob Bed-in oder Sit-in – es fehlt an Enthusiasmus. Das, was sich am 5.Juli 2019 auf dem Regensburger Domplatz abspielt, ist ein Sit-down. Leidenschaft findet meist nur auf der Bühne statt. Es sei denn, die – nennen wir sie – Animateure versuchen, die zum Teil träge wirkenden jungen Menschen zum Mitmachen oder gar zum Aufstehen zu bewegen.

Mühsame Animationsversuche gegen die Bequemlichkeit

„What do we want?“ tönt es aus den Lautsprecherboxen. „Climate Justice“ – grölen die Teilnehmer und sind für einen Moment wieder hellwach. „When do we want it?“ – „Now!“ Das Animieren zeigt Wirkung. Problematisch wird es nur, wenn es ans Aufstehen geht. Stand Up for the Future? Auf dem Domplatz eher Fehlanzeige. Die Parolen sollen mit einem Recorder aufgenommen werden. „Wäre super, wenn ihr dafür alle noch mal aufstehen könntet“, bittet geradezu ein junger Animateur die Teilnehmer. Schließlich hätten sie doch Energie, um den Slogan ins Mikro zu brüllen. Energie hin oder her, nur einen Atemzug später korrigiert er seine erste Fünf-Minuten-Angabe auf zwei Minuten herunter und das nicht ohne Grund. Es erfolgt zwar eine kollektive Erhebung, doch nur wenige Momente später verfällt sie erneut dem bequemen Sitzen auf dem warmen Kopfsteinpflaster. Im Anschluss ertönen ein paar Verse aus David Bowies Heroes. Und ja, die Bewegung hat Recht, we all can be heroes – aber bitte ohne Strumpfhosen und Pantoffeln.

Dieses Bild kommt nämlich auf, wenn man den nächsten Animationsversuch verfolgt. Ein Musik-Act wird angekündigt. „Dafür solltet ihr vielleicht wieder aufstehen!“, ruft ein junger Mann freudig ins Mikro. Nach einer kurzen Pause ohne Regung der Sitzenden fügt er fast schon kleinlaut hinzu: „Oder sitzenbleiben – je nachdem, wie ihr wollt.“ Es scheint, als wolle er die abgekühlten Gemüter bloß nicht erhitzen. Dabei redet er mit den sitzenden Demonstranten wie ein Vater, der seine Kinder möglichst antiautoritär erziehen möchte. Mit jungen Menschen, die für Klimaschutz brennen, ernst genommen werden und etwas bewegen wollen, redet man anders.

Stand Up for the Future

Die Kundgebung am Domplatz gleicht einem Happening, bei dem jeder sein individuelles Anliegen zum Thema Klimaschutz zu Karton oder Bettwäsche bringen darf: der Antikapitalistische Block, der Saatguttag, Omas for Future und selbst Freunde der Bienen rufen noch immer zu deren Rettung auf. Ein Eindruck will sich aber dennoch nicht verflüchtigen: Es fehlt an Enthusiasmus. Fahnen, Plakate, Parolen, ein aktuelles und brennendes Thema, Musik und kurzes Gegröle hin oder her – Leidenschaft transportieren können letztendlich nur die Demonstranten.
 
Lediglich ein Mann sticht aus der Masse heraus. In seiner Hand über dem Kopf hält er einen Pappkarton mit der Aufschrift: „Make Climate Great Again“. Er tut nicht viel mehr, als den Karton stehend über seinen Kopf zu halten und sich ab und an durch die Reihen zu bewegen – und dennoch kommt bei seinem Anblick das Gefühl hoch, als liege ihm das Klima-Thema tatsächlich am Herzen. Ein Thema, das ohne Frage von großer Relevanz ist. Für die Gegenwart und für die Zukunft. Für Jung und für Alt. Bei Ninja Warrior hätte man ihn wohl zum „Last Man Standing“ gekürt. Auf dem Regensburger Domplatz scheint man für jegliche Ehrung zu erschöpft zu sein.

Was am 5. Juli 2019 auf dem Regensburger Domplatz passierte, hatte mit einer Rammstein-Atmosphäre, einem Bed- oder Sit-in oder gar einem Stand-up nichts zu tun. Es glich vor allem bei den jungen Teilnehmern zum Großteil einem Sit-down – einem Ausruhen, das mit begeisterter Revolte egal in welcher Form wenig zu tun hatte. Die Forderungen der Bewegung sind lang und bedeutend: Kohleausstieg bis 2030, 100 Prozent erneuerbare Energien oder ein Nettonull in der Treibhausbilanz sind nur ein paar wenige davon. Es sind Forderungen, für die es sich aufzustehen und zu kämpfen lohnt. Deswegen, Fridays for Future Regensburg: Stand Up for the Future – und das nicht nur im Winter, wenn das Kopfsteinpflaster zum Sitzen zu kalt ist.
Bildquelle: Kamerafoto / filterVERLAG | xx

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