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Flink Fahrer auf Fahrrad mit pinker Jacke

Spätestens seit der Pandemie boomt das Geschäft der Lieferdienste in Deutschland: Lieferando konnte im Jahr 2020 großes Wachstum verzeichnen und zusätzlich bildete sich eine komplett neue Sparte der Lieferbranche. Services wie Gorillas, Getir und Flink bieten ihren Kunden an, Lebensmittel bis vor ihre Haustüre zu liefern – das meist innerhalb von nur zehn Minuten.

Aber was bedeutet das für die Angestellten? Wie können Arbeitgeber einen derartigen Service anbieten und gleichzeitig gute Arbeitsbedingungen für ihre Angestellten gewährleisten?

Lieferservices prägen inzwischen das Straßenbild jeder größeren Stadt: Die Kuriere auf ihren Fahrrädern mit orangenen, pinken oder schwarzen Jacken und kastenartigen Rücksäcken auf ihren Rücken düsen durch die Gegend, um Essen von A nach B zu befördern. Für die Kunden wird das Bestellen so leicht wie nur möglich gestaltet, meistens per App oder am PC. Für die Lieferanten geht es dann erst los: Essen einsammeln, losradeln, abliefern. Und danach direkt zum nächsten Auftrag. Ähnlich läuft es auch bei Flink, einem Lieferdienst, der erst seit kurzem in Regensburg aktiv ist.



„Bequemer“ Einkauf per App – zumindest für Kunden


Wie bereits durch Lieferando bekannt, wird auch bei Flink alles über die App gesteuert. Die Nutzer bekommen einen Katalog mit Lebensmitteln präsentiert, die sie in ihren Warenkorb legen können. Dabei handelt es sich um alles, was man beim Einkauf benötigen könnte: Frisches Obst und Gemüse, Backwaren, Tiefkühl-Lebensmittel, Getränke. Sogar Drogerie- oder Tabakbedarf kann man sich liefern lassen. Flink wirbt damit, dass man zu regulären Supermarktpreisen einkaufen kann, ohne das Haus zu verlassen – lediglich 1,80 Euro Lieferkosten kommen dazu, sobald man den Mindestbestellwert von einem Euro erreicht hat.

Sobald eine Bestellung eintrifft, geht es dann in den Warenhäusern weiter. Denn Flink besorgt ihr Angebot nicht aus Partnerläden, sondern hat Lager in den Städten verteilt, in denen sogenannte „Picker“ die Bestellungen zusammenstellen. Dann holen die „Rider“, also Lieferanten, die fertig gepackten Tüten ab und fahren sie den Kunden bis vor die Haustür.


Wieso stehen Flink und Co. in der Kritik?


Die jungen Lieferservices ernten besonders wegen ihres Umgangs mit den Beschäftigten negative Kommentare: Ehemalige Beschäftigte von Flink berichten auf der Plattform kununu, auf der man (Ex-)Arbeitgeber bewerten kann, von einer „Hire & Fire“-Mentalität, also der ständig wechselnden Besetzung von Arbeitsplätzen, fehlenden Ruhemöglichkeiten für die Rider und Problemen bei der Kommunikation im Unternehmen.

Auf ähnliche Missstände weisen auch die Angestellten von Gorillas – einem Konkurrenten Flinks – in Berlin hin. Dort wird seit Wochen gestreikt, der Grund sei der ungerechte Umgang mit Angestellten. Bislang blieb Flink von Arbeitsniederlegungen und Lohnkämpfen verschont, aber der Unmut unter den Beschäftigten scheint zu wachsen. Oft werden die Bedingungen, unter denen insbesondere die Kuriere arbeiten, kritisiert: Die Rede ist von defekten E-Bikes, der Nutzung des privaten Smartphones und Datenvolumens aus Notwendigkeit und der anstrengenden Arbeit bei Wind und Wetter. Inwiefern das tatsächlich der Fall ist, können nur die Angestellten und Flink selbst beurteilen.



Wie positioniert sich Flink als Firma dazu?


Auf Anfrage betont das Unternehmen stets, dass sich alle Standorte noch im Aufbau befinden und die Prozesse weiterhin verbessert werden sollen. Die Kundennachfrage sei enorm und es sei Ziel Flinks, ihre Teams weiter aufzurüsten und eine Balance zwischen Kundenservice und Mitarbeiterschutz zu finden. Trotz allem soll das Feedback insbesondere in Regensburg enorm positiv gewesen sein – an dieser Stelle dankt Flink ihren Mitarbeitern in den Standorten und auf den Bikes dafür.

Die Antworten auf Nachfragen zu den Arbeitsbedingungen fallen jedoch relativ knapp aus. Die Mitarbeiter in den Hubs und auf den Bikes seien alle unbefristet und sozialversicherungspflichtig angestellt. Das ist ein Unterschied zu anderen Lieferservices in Deutschland, bei denen oft kritisiert wird, dass es sich bei deren Kurieren um sogenannte „Solo-Selbstständige“ handle, die im Auftrag der Unternehmen liefern. Auf diese Art der Anstellung wird bei ihren Pickern und Ridern hierzulande bewusst verzichtet, betont Flink in ihrem Statement.

Weitere Fragen zu den tatsächlichen Arbeitsbedingungen konnten zum Teil nicht beantwortet werden. So traf das Unternehmen keine Aussagen zu den Vorwürfen der „Hire & Fire“-Vorgehensweise und anderen Statements ehemaliger Angestellter auf kununu. Ebenfalls wurde nicht erläutert, ob es Pläne gäbe, den Beschäftigten Smartphones in Zukunft zur Verfügung zu stellen oder ob sie weiterhin ihre Privatgeräte nutzen müssen. Dennoch möchte Flink seine Beschäftigten aktiv unterstützen, heißt es in ihrem Statement: Dazu gehört die Bereitstellung der notwendigen Uniformen, einem E-Bike oder entsprechend ausgestatteten Rückzugsräumen.

Außerdem wurde kurz angerissen, wie sich Arbeitnehmer im Betrieb organisieren dürfen: Es stehe den Mitarbeitern jederzeit frei, die für sie passende gesetzliche Vertretung zu bestimmen. Parallel hierzu fänden im Unternehmen Prozesse statt, Formate zur Verbesserung des direkten Feedbacks zu entwickeln. Hier wird also angedeutet, dass beispielsweise die Bildung eines Betriebsrats und eine gewerkschaftliche Organisation nicht außer Frage stünden.


Wie schätzen Gewerkschaften die Lage ein?


Lange Zeit war ungeklärt, welche Gewerkschaft überhaupt für die Picker und Rider zuständig ist: Letztendlich wurde festgelegt, dass ver.di die verantwortliche Gewerkschaft ist, anstatt der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG).

Und ver.di sieht die Situation der Arbeitnehmer kritisch – die Arbeitsbedingungen seien häufig schwierig, um nicht zu sagen prekär, so Alexander Gröbner, Bezirksgeschäftsführer der ver.di Oberpfalz. Auch er bemängelt die technische Ausstattung, das Fehlen von Mobiltelefonen und die zum Teil defekten Räder. Außerdem würde der Arbeits- und Gesundheitsschutz, beispielsweise bei der Traglastbeurteilung, kaum beachtet, kritisiert Gröbner das Handeln in der Branche.

Gröbner sieht an dieser Stelle viele Vorteile für Flink-Mitarbeiter, die sich für einen Gewerkschaftsbeitritt entscheiden: Allem voran betont er Leistungen wie Rechtsberatungen und eine Durchsetzung der Arbeitnehmerrechte durch die Gewerkschaft, sollte es zum Konfliktfall kommen. Auch der Aufbau von Betriebsräten und weiteren Strukturen sei zentral, um Mitbestimmungsrechte tatsächlich durchsetzen zu können. Dafür wäre laut Gröbner die Einstimmigkeit der Belegschaft von Nöten. Sobald man diesen Schritt getan habe, könnte man sich mit einer tarifvertraglichen Regelung von Arbeitsbedingungen befassen, angefangen bei Arbeitszeiten bis hin zur Entlohnung. Jedoch sei die ver.di Oberpfalz bislang noch nicht in direkten Kontakt mit Flink getreten, ergänzt der Bezirksgeschäftsführer. Daher kann die Gewerkschaft die Situation nur von außen beobachten und ebenfalls keine perfekte Einschätzung der Lage bieten.

Solange man noch nicht an diesem Punkt angekommen ist, sieht die ver.di ihre Verantwortung primär darin, den Kontakt mit den Betroffenen zu vertiefen. Denn leider sei die Informationslage von Beschäftigten zu ihren Arbeitnehmerrechten noch immer lückenhaft, bedauert Gröbner. Daher wird auf eine kontinuierliche Aufklärung gesetzt.


Junge Unternehmen mit alten Problemen


Wie fair Flink zu seinen Angestellten tatsächlich ist, kann also nicht durch eine simple Bestandsaufnahme der aktuellen Situation festgestellt werden. Dafür ist das Wachstum zu rasant und die Lage zu unsicher. Die Causa Flink verdeutlicht dennoch, dass frisch gegründete Start-ups mit denselben Problemen hadern, die selbst ihre etablierte Konkurrenz noch beschäftigt. Darauf sollte man auch intern oder durch gewerkschaftliche Unterstützung reagieren können – schafft man das nicht, können die Konflikte schnell aus dem Ruder laufen und das Verhältnis zwischen Arbeitnehmer und -geber langfristig geschädigt werden.


RNRed
Bildquelle: bigstockphoto.com | Flink
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