Zum Interview in unserer filter-Redaktion bringt Paula Dischinger ein dickes Buch mit, gefüllt mit unzähligen bunten Bildern. Darin versammelt sind ihre Kunstwerke: Modeentwürfe, Fotos von Performancekunst im öffentlichen Raum, spontane Aktionen und Experimente. Noch bevor die erste Frage fällt, wird klar: Diese Künstlerin lässt sich nicht in vorgefertigte Kategorien pressen.
Mit ihrem schlichten dunklen Pulli, den locker zusammengebundenen Haaren und dem offenen Lächeln wirkt sie sofort nahbar. Man fühlt sich wohl in ihrer Gegenwart. Wenn sie uns ihre Kunstwerke zeigt, leuchten ihre Augen.
Die Regensburgerin hat mit ihren 24 Jahren schon einen beeindruckenden Weg hinter sich. Von einer, wie sie selbst sagt, „schlechten Schülerin“ hat sie es über den Kulturförderpreis Oberpfalz an eine der renommiertesten Modeschulen Europas geschafft. Dort entwirft sie eine Kollektion, die es sogar in die chinesische GQ, eines der bekanntesten Modemagazine weltweit, schafft. Ihr größter Erfolg? Nicht für Paula Dischinger. Heute sind ihre Kunst-Performances weltweit gebucht. Die Fashion-Welt hat sie hinter sich gelassen.
Uns nimmt sie mit auf ihre Reise – von ihren Anfängen über die Zeit an der Elite-Uni und ihre Herausforderungen, ihre ersten Erfolge und ihre Entscheidung, der Modewelt den Rücken zu kehren. Sie zeigt uns ihre Kunst und gewährt Einblicke in Fashion-Elite, sagt aber auch: „Die Fashion-Welt ist gar nicht so toxisch, wie man denkt.“
„Ich wollte eigentlich immer Hebamme werden“
Schon als Kind faszinieren Paula Dischinger Materialien, sie arbeitet gerne mit den Händen. „Das habe ich von meinen Eltern mitbekommen – beide sind Architekten. Wir haben zu Hause immer viel handwerklich gemacht, von Insektenhotels bis zu unseren Faschingskostümen“, erinnert sie sich lächelnd.
In der Schule mag sie Kunst am liebsten – die anderen Fächer interessieren sie nicht wirklich. „Ich war sehr gefordert in der Schule“, sagt sie selbst.
Eine Karriere als Künstlerin habe sie nie geplant. „Ich wollte immer Hebamme werden“, erzählt sie. Dann kommt 2019 ihre Abitur-Abschlussarbeit: ein Projekt namens „Mode aus Papier“ – eine komplette Fashion-Linie, bei der alle Kleidungsstücke aus Papier bestehen. Sie erhält dafür den Jugend- und Kulturförderpreis des Bezirks Oberpfalz.
Damit bewirbt sie sich am renommierten Institut Français de la Mode (IFM) in Paris – und wird genommen. „Alle haben mir gesagt, was für eine einmalige Chance das ist, also habe ich es einfach ausprobiert.“
Von Malawi zu 60-Euro-Sushi
Bevor Paula für ihr Studium in die Modehauptstadt Paris zieht, verbringt sie ein Jahr in Malawi. Dort unterrichtet sie 100 Mädchen einer sechsten Klasse in „Expressive Arts“, einem Mix aus Musik, Kunst und Sport.
An ihrer neuen Uni fühlt sie sich zunächst fremd. Besonders der große Kontrast zwischen Malawi und Paris macht ihr zu schaffen: „Ich musste erst mal klarkommen – die große Armut auf der einen und der Überfluss auf der anderen Seite waren extrem.“ Sie erzählt: „An der IFM studieren sehr viele, sehr reiche Menschen – man zahlt dort mittlerweile über 15.000 Euro Studiengebühren im Jahr. Ich hatte ein Stipendium, aber das sind schon massive Summen.“ Paula beobachtet Menschen, denen ihre privilegierte Situation kaum bewusst zu sein scheint: „Wenn Kommilitonen sich Sushi per Lieferservice für 60 Euro in den Übungssaal bestellen, überlege ich sofort, was man damit alles machen könnte.“ In der Zeit hinterfragt sie viel.
Kleidung, die wächst
Dennoch bleibt Paula an der Uni – und startet erste Projekte. „Angefangen hat es mit Papier als Medium, das ich äußerst interessant fand. Schnell öffneten sich für mich Wege zu anderen Materialitäten.“ Obwohl es im Studium um Modedesign geht, fasziniert sie besonders der menschliche Körper und wie er sich bewegt.

Eine selbstgezüchtete Biomembran, die zur zweiten Haut wird und das Konsumverhalten hinterfragt. © Kaj Lehner
Paula experimentiert mit verschiedenen Materialien – eine Fashion-Linie entwirft sie aus Kombucha. Dabei nutzt sie nicht den Pilz selbst, sondern die Membran, die sich als Nebenprodukt auf der Oberfläche bildet. Ihr Ziel: Ein Bekleidungsmaterial selbst zum Wachsen zu bringen – ähnlich wie eine Tomatenpflanze. Damit hinterfragt sie das Konsumverhalten der Menschen und welche synthetischen Stoffe wir auf der Haut tragen. Gleichzeitig fasziniert sie der Umweltaspekt, schließlich kann man dieses Material selbst züchten. Man braucht nur ein großes Gefäß, dort wächst es immer weiter. Im Kühlschrank stoppt der Prozess.
Für ihre Idee war eine entsprechend große Membran nötig. So züchtet sie den Kombucha teilweise sogar in ihrer Badewanne: „Waschen musste ich mich zu der Zeit eben im Waschbecken“, erzählt sie und schmunzelt. Die Membran passt sich der Körpertemperatur an und klebt gut auf der Haut. Außerdem hat Kombucha positive gesundheitliche Effekte. Ein kreatives, durchdachtes Projekt – doch für die IFM ist es nur eines von vielen, das als nicht alltagstauglich bewertet wird.
Für ihren Bachelor-Abschluss entwirft Paula die Kollektion „HA?“ (steht für: „herd animal?“) – und schafft es damit in die chinesische GQ. „Aber schon vor der Veröffentlichung wurde so viel geändert, dass mir die Kollektion selbst eigentlich gar nicht so gut gefällt“, gesteht sie. Auf die Frage, ob sie das nicht als Auszeichnung empfinde, antwortet sie: „Ach, Preise sind mir nicht so wichtig. Für mich ist das Schönste, einfach machen zu dürfen, was ich mache.“

Die Kollektion XCY für die chinesische GQ. © GQ_China AW24/25
Während des Studiums führt sie immer wieder endlose Diskussionen in Abschlussjurys. „Sie fragten, wo bei meiner Kombucha-Kollektion Taschen möglich wären, dann würde es mehr wie ein Kleidungsstück aussehen und verkaufbar sein. Sie haben es nicht verstanden. Ich habe erklärt: ‚Bei diesem Teil geht es nicht um Taschen.‘“ Der Schritt von Mode Richtung Kunst entsteht dadurch, dass sie immer wieder aneckt, immer wieder zu „wilde Sachen“ macht. „Am Ende versucht die Universität oft, ihre Studierenden in eine bestimmte Richtung zu lenken. An der IFM bereitet man sie vor allem auf die klassische Pariser Modeindustrie vor – und man spürt selbst, ob das wirklich die eigene Richtung ist. Eine Dame aus der Jury hat irgendwann zu mir gesagt: ‚Du bist nicht geschaffen für diese Modeindustrie im klassischen Sinne.‘ Das hat mir ehrlich gesagt geholfen.“
Persönlich interessiert sie sich kaum mehr für Mode. Sie zeigt auf ihren Pulli und sagt: „Ich habe immer genau diesen Pullover an. Eigentlich habe ich nur drei Outfits, die ich ständig trage. Ich habe einfach nicht das Bedürfnis, mich im klassischen Sinne modisch zu kleiden – und merke gar nicht, wie ich ausschaue.“ Jeden Morgen steht sie auf und weiß ganz genau, was sie trägt. „Das gibt mir Sicherheit.“
Studiert habe sie dennoch gerne an der bekannten Mode-Uni. „Paris zieht interessante Menschen an. Ich habe mich dort am Ende sehr wohlgefühlt und immer noch viele Freunde dort.“
„Ich habe nicht unter den Menschen dort gelitten“
Häufig gelten die Modewelt und Elite-Unis als toxische Umgebungen – man kann sich kaum vorstellen, dass jemand wie Paula gerne dort ist. Sie selbst sagt: „Ich würde mich nicht als große Vertreterin von Aussagen wie ‚Die Modelwelt ist so toxisch, deshalb bin ich da weg‘ bezeichnen. Aber ich glaube, das liegt an mir persönlich – ich kam ganz gut klar mit den Leuten dort. Obwohl mich die Oberflächlichkeit gestört hat, habe ich nicht unter den Menschen gelitten. Und wahrscheinlich wurde ich als so ‚anders‘ wahrgenommen, dass ich trotzdem zu jedem Kontakt hatte – zu den jüngeren sowie den älteren Jahrgängen.“
Damals ist sie zum Beispiel mit der Tochter eines bekannten Politikers oder dem Sohn eines großen Modeunternehmers in einem Jahrgang. „Mit lauter so ‚Götterkindern‘. Aber wenn wir geredet haben, hatte ich eigentlich nicht das Gefühl, dass sie besonders arrogant oder abgehoben sind. Wenn man Zeit alleine mit solchen Menschen verbringt, sind sie häufig nochmal anders.“
Ständig unterwegs – und doch auf der Suche
Nach ihrem Bachelor-Studium zieht Paula direkt nach London, um den Master „Performance Art: Society“ an der Central Saint Martins University zu absolvieren. Bei unserem Gespräch steht bereits ihre Abschlussfeier bevor. Danach geht es für sie nach Stuttgart, wo sie an der Akademie der bildenden Künste ihren Meisterschüler macht.
Noch pendelt sie zwischen Berlin, Stuttgart und London. In Regensburg und Berlin hat sie Ateliers. Sie ist ständig unterwegs. Schon während ihres Studiums reist sie für Praktika und eigene Performances regelmäßig ins Ausland. „Ich war in Tokio bei einer Textildesignerin und in New York bei einer Modedesignerin.“
Reisen ist für sie Alltag. „Ich hatte schon immer schnell Leute um mich, ich bin nie lange allein. Vielleicht auch, weil ich als Kind mit meinen Eltern sechs Mal umgezogen bin.“ Sie lebt sich überall schnell ein, kommt aber nicht wirklich an. Egal, ob für kurze Zeit oder für mehrere Jahre: Wirklich als Teil der Gesellschaft fühlt sie sich im Ausland eigentlich nie: „Ich empfand es eher als eine Art Parallelgesellschaft – und das ist gar nicht negativ gemeint. Aber ich habe fast nur Leute kennengelernt, die ebenfalls zugezogen sind.“ Das Ziel müsse für sie nicht sein, sich wie eine Einheimische zu fühlen, dennoch hätte sie gerne mehr „richtige Pariser“ kennengelernt. Deshalb sucht sie bewusst Anknüpfungspunkte – etwa in der Kirche, wo sie sich sonntags einfach dazu setzt, „auch wenn ich vielleicht nicht immer alles verstanden habe.“
Sie ist gerne unterwegs – und doch sagt sie: „Ich wünsche mir einen Ort, an dem ich daheim bin, wo alle meine Sachen sind.“ Im Moment lagern ihre Werke in verschiedenen Städten. „Manchmal verliere ich selbst den Überblick. In den Ateliers, aber auch in meiner Wohnung liegt überall Kunst von mir“, lacht sie. Ihr Leben beschreibt sie selber als bunt und wild. Umso wichtiger sind ihr feste Routinen: So trägt sie nicht nur jeden Tag dieselbe Kleidung, sondern sie frühstückt auch jeden Tag das Gleiche – Quark mit ein bisschen Milch, Leinöl, Leinsamen, einen Apfel und ein paar Trauben.
Wenn sie eine Wunschheimat wählen könnte, wäre es Paris. Auf die Frage, warum nicht London, antwortet sie: „Weil Paris die Stadt der ‚Kunst und Kultur‘ ist, dort fühle ich mich heimisch.“ Berlin könne sie sich auf Dauer ebenfalls nicht vorstellen, dort sei ihr der Überfluss an Eindrücken manchmal zu groß.
Was bleibt, ist Regensburg. Dorthin kehrt sie gerne zurück. Hier hat sie ihr Abitur gemacht, hier leben ihre Familie und enge Freunde. „Auf sie kann ich mich hundertprozentig verlassen“, sagt sie. Auch die Kulturszene schätzt sie: immer wieder präsentiert sie auch hier ihre Kunst, beteiligt sich an Aktionen. „Das macht richtig Spaß – und die Leute sind sehr interessiert.“

Das Abendessen: Eine Performance, bei der das Tischtuch alle Menschen miteinander verbindet. © Paul Dittmann
Immer am Menschen
Allein ist Paula eigentlich nie. Aktuell teilt sie sich eine Wohnung in Berlin-Kreuzberg mit ihrer besten Freundin Sophia, die sie an der IFM kennenlernt. „Meine Wohnung ist ein Ort, an dem immer Leute sind. Ich hasse es, alleine zu sein.“
Diese Nähe zu Menschen zieht sich durch alles, was sie macht. „Auch bei der Arbeit ist es mir wichtig, mit anderen Leuten zusammenzuarbeiten.“
So entstehen ganz unterschiedliche Projekte rund um die Welt: „Manchmal mache ich einen Film, dann mache ich doch mal wieder was mit Mode, dann eine Rauminstallation oder Performance im öffentlichen Raum“, beschreibt sie und lacht. Am liebsten macht sie mehrere Projekte gleichzeitig. „Meine Eltern fragen oft, wie viele verschiedene Sachen ich noch machen möchte. Aber ich tanze eben gerne auf verschiedenen Hochzeiten – ich habe die Energie und noch keine Verantwortung, das will ich ausnutzen.“
„Ich sehe meinen Beruf als größtes Geschenk an und fühle mich so geehrt, dass ich das machen darf.“
Mit ihren 24 Jahren hat sie bereits große Projekte realisiert. Darunter eine Live-Performance vor dem berühmten Club Berghain in Berlin – ohne Genehmigung, aber mit großer Aufmerksamkeit. „Das war schon eher eine rebellische Aktion.“ Aber so erlangt man eben Bekanntheit. „Viele Berliner Mode-Magazine haben im Nachgang über unsere Aktion berichtet. Für die darauffolgende Fashion Week wurde das Projekt sogar von Christiane Arp angefragt.“
Ein weiteres Projekt ist „Das Abendessen“ – eine interaktive Performance mit einem speziell konstruierten Tischtuch. „Die Decke bietet jedem Gast ein Kopfloch- und zwei Ärmelkanäle. Jeder hat so denselben Aktionsraum, auch wenn er eingeschränkt scheint“, erklärt die Künstlerin. Ziel ist es, Menschen zusammenzubringen, ihre Interaktionen zu beobachten und die Gemeinschaft zu stärken. „Mich interessiert, wie Menschen sich formieren, wie sie zusammenwirken.“ Jeder einzelne sei limitiert in seinem Bewegungsraum, aber die Gemeinschaft insgesamt habe immer noch denselben Aktionsraum.
„Am Anfang spürt man diesen inneren Konflikt, diese Unsicherheit, und dann kann man sich durch die Gemeinschaft lösen. Das ist ein besonderes Gefühl. Am Ende möchte keiner mehr aufstehen, weil jeder sich so geborgen fühlt“, freut sie sich.
Die Performance war bereits in mehreren Städten zu sehen, darunter Regensburg, Berlin und London. Meistens habe sie Glück – ihre Ideen werden gesehen: „Dann nimmt das seinen Lauf und es entstehen neue Kontakte und Chancen“, freut sich die Künstlerin. „Das Abendessen“ sei dieses Jahr ein echter Dauerbrenner.
„Wenn ich Fahrrad fahre, dann fliege ich“
Alle Projekt, egal wie unterschiedlich, zeigen: Es geht immer um Menschen, Begegnungen und das Zusammenspiel von Individuum und Gesellschaft. Ihre Ideen entstehen fast immer unterwegs. „Wir hatten als Kinder keinen Fernseher. Deshalb liebe ich es bereits seit ich klein bin, Situationen und Menschen zu beobachten.“ Auch auf Reisen trifft man sie selten bei den großen Sehenswürdigkeiten an, lieber steht sie im Getümmel und nimmt Kontakt zu Menschen auf.
Die besten Einfälle kommen ihr auf dem Fahrrad: „Wenn ich Fahrrad fahre, dann fliege ich eigentlich. Ich habe das Gefühl, dass der Wind mir die ganzen anderen, unwichtigen Sachen wegbläst und ich einfach frei denken kann.“
Für sie ist die Idee das Wichtigste. „Wenn ich die hab‘, tu ich schon so, als wäre das Projekt abgeschlossen“, sagt sie lachend. „Die Umsetzung macht mir oft weniger Spaß als das Konzept zu kreieren.“
Ihre Visionen hält sie zunächst auf Papier fest. Aber in einer Art Geheimschrift, „da soll auch keiner was damit anfangen können“. Arbeiten tut sie meist nachts – von 16 Uhr bis 3 oder 4 Uhr morgens. „Da habe ich Ruhe, keiner will was von mir, keiner schreibt mir Mails.“

Formations: Wie Vögel fliegen, zusammen, hintereinander, im Windschatten. © Kaj Lehner
Es muss nicht immer schön sein
Paula Dischinger geht es bei ihrer Kunst besonders um die Wirkung: „Am Ende will ich nur eine Reaktion hervorrufen, es muss keiner sagen, ‚Boah, das sieht ja toll aus‘. Die Leute müssen es auch nicht gleich verstehen, sie sollen Fragen stellen, diskutieren und hinterfragen.“
Für ihre Performances im öffentlichen Raum, etwa in New York, reizt sie die Unmittelbarkeit: Die Menschen sind unvorbereitet, die Reaktionen echt. „Es geht nicht um Inszenierung, sondern um echte Begegnung.“ Risiken wie Behördenkontrollen nimmt sie gelassen: „Angemeldet sind solche Performances meistens nicht – aber wir tun ja nichts Böses.“
Ihre Kunst soll keine Missstände anprangern oder ein politisches Statement setzen. „Eigentlich will ich die positiven Dinge hervorheben, ich möchte Freude, Gemeinschaft und Nichtalltägliches vermitteln anstatt auf Leid aufmerksam zu machen. Es gibt schon zu viele Künstler, die das tun. Und ich bin überzeugt, dass positive Erfahrungen sich auf den Alltag übertragen, sich ausbreiten und so weitere positive Dinge entstehen – ein Dominoeffekt.“
„Ich vermarkte mich zu schlecht“
Künstlerisch zu arbeiten heißt oft, mit Unsicherheiten zu leben – das Einkommen ist schwer kalkulierbar. Bei Paula läuft es bislang gut. „Durch das Stipendium habe ich noch jemanden, der mich monatlich unterstützt. Ich gebe mein Bestes und hatte bisher konstant kleinere und auch ein bisschen größere Aufträge, die mich über Wasser halten. Das sind so viele Projekte, dass ich das nächste halbe Jahr gut um die Runden komme.“
Sie merkt aber auch: „Ich vermarkte mich zu schlecht. Wenn ich darin besser wäre, könnte ich künstlerisch wahrscheinlich eine ganz andere Position einnehmen. Ich liebe einfach dieses Arbeiten, dieses unendliche Arbeiten, in meinen Gedanken gefangen zu sein, zu träumen und weiter-zukommen.“
Spannend ist: In der Fashion-Welt lässt sich am wenigsten Geld verdienen. Paula verleiht ihre Stücke oft an Stylisten oder andere Interessierte – doch viele kommen gar nicht zum Einsatz oder kehren schmutzig zurück. „Meine Designs waren in den größten Zeitschriften zu sehen, aber das bringt dir keinen Cent. Du musst dankbar sein, wenn überhaupt dein Name erwähnt wird.“
Ihre Sachen verleiht sie aber immer noch – neulich sogar ihre Kombucha-Stücke – ja, die gibt es noch. Sie lagern in einer Box im Kühlschrank – und immer wenn jemand Interesse hat, holt sie sie raus.
Weiter unterwegs
In den kommenden Wochen und Monaten stehen bereits zahlreiche Projekte an: Ab dem 24. Juni zeigt Paula ihre Installation „AUFNEHMEN“ im Rahmen der Ausstellung „Faszination Kathedrale“ anlässlich des 750-jährigen Jubiläums des Regensburger Doms, begleitet von einem Künstlergespräch am 15. August. Ihr Erfolgsprojekt „Abendessen“ wird an gleich mehreren Orten zu sehen sein: am 1. Mai in Friedrichshafen, am 2. Mai im Rahmen der Berlin Art Week, am 22. Mai in Frankfurt und am 30. Mai in Lemgo. Im Juni und Juli zieht es sie ins Allgäu: Für zwei Monate arbeitet sie in Lindenberg in der Residenz ‚Das Mobile Atelier‘ des BBK Bayern – in ihrem mobilen Atelier ‚Priam‘.
Paula Dischinger ist weiter unterwegs – auf der Welt und auf ihrem Fahrrad, immer auf der Suche nach Inspiration und danach, Menschen zusammenzubringen. „Und selbst wenn mir irgendwann die Ideen ausgehen, kann ich immer noch Hebamme werden “, sagt sie lächelnd. „Doch ich habe viel Vertrauen in mich selbst und bin flexibel, egal, wo mein Weg mich hinführt.“
Ein Portrait von Marina Triebswetter I filter Magazin