Es ist mal wieder super heiß. Schnell den Bikini, die Badehose oder den Badeanzug in die Strandtasche geschmissen und ab an den See oder das Meer. Aber Moment: Soll es heute lieber der sportliche rote Badeanzug oder doch der verspielte gepunktete Zweiteiler sein? Der Weg zur heutigen freien Wahl der Bekleidung im kühlen Nass war kein Spaziergang. Es war ein jahrhundertelanger, erbitterter Kampf gegen Prüderie, moralische Zwänge und staatliche Regulierung.
Damit ist die Geschichte der Bademode weit mehr als eine Chronik wechselnder Modetrends, sie ist ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Emanzipation. Werfen wir einen Blick zurück auf eine Reise, die im antiken Marmorbad begann, durch lebensgefährliche Stoffberge des 19. Jahrhunderts führte und schließlich in einer modischen Bombe gipfelte.
Die Antike: Das erste „Baden“
In der römischen und griechischen Antike hatte das Baden einen völlig anderen Stellenwert als heute – es war ein fester Bestandteil von Kultur, sozialem Leben und Hygiene. In den prächtigen Thermenanlagen sprangen die Menschen meist komplett nackt oder in einfachen, leichten Tuniken ins Wasser. Ursprünglich war die strikte Trennung von Männern und Frauen die Norm. Im Laufe der Zeit und mit dem Bau größerer Thermen etablierten sich jedoch oft gemischte Bereiche. Die Strenge der Geschlechtertrennung ist dementsprechend stark von der jeweiligen Epoche und Region abhängig. Wer tiefer in die Historie eintaucht, stößt unweigerlich auf ein berühmtes Kunstwerk: das sogenannte „Bikini-Mosaik“ in der sizilianischen Villa Romana del Casale. Die antiken Abbildungen zeigen Frauen in erstaunlich modernen, zweiteiligen Outfits, die verblüffend an die Strandmode der 1950er-Jahre erinnern. Doch der Schein trügt: Experten vermuten heute, dass das Mosaik keine Bademode darstellt, sondern funktionale Sportkleidung.

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Das schamhafte Viktorianische Zeitalter: Schwere Stoffe und Bademaschinen
Mit dem Niedergang des Römischen Reiches ab dem 5. Jahrhundert n. Chr. verfiel nicht nur die monumentale Thermen-Infrastruktur, auch der Sittenwandel und die Angst vor Krankheiten setzten dem Baden ein Ende. Jahrhundertelang galt Wasser sogar als gesundheitsgefährdend, da Ärzte predigten, es öffne die Poren für die Pest und andere Seuchen. Erst im 19. Jahrhundert, der viktorianischen Ära, änderte sich dieses Bild grundlegend und Baden wurde wieder zu einem größeren Thema – allerdings nicht zum Vergnügen, sondern als streng medizinisches Heilmittel. Mit dieser Wiederentdeckung kam jedoch die große Prüderie. Der weibliche Körper musste um jeden Preis vor den Blicken der Männer geschützt werden. Die Lösungen der damaligen Zeit klingen aus heutiger Sicht wie ein schlechter Scherz. Frauen wurden in knöchellange, hochgeschlossene Kleider aus schwerer Wolle oder dickem Flanell gesteckt. Damit der Stoff im Wasser nicht nach oben trieb, nähte man kurzerhand Bleigewichte in die Säume. Dass diese nassen Kleidungsstücke im Wasser tonnenschwer wurden und eine lebensgefährliche Einladung zum Ertrinken waren, wurde den strengen Sittenregeln schlicht untergeordnet. Viele konnten zu dieser Zeit nicht schwimmen, sodass das „Baden“ ausschließlich im hüfthohen bis schulterhohen Wasser stattfand, was es aber nur bedingt weniger gefährlich machte. Damit aber nicht genug: Es kamen sogenannte „Bademaschinen“ zum Einsatz. Dabei handelte es sich um fahrbare Holzkabinen auf Rädern. Die Damen stiegen an Land hinein, wurden von Pferden sichtgeschützt ins Wasser gezogen und konnten dort über eine kleine Treppe direkt in das Meer.
Die Jahrhundertwende & die 1920er: Der Aufbruch in Richtung Freiheit
Um 1900 herum kam Bewegung in die starren Konventionen. Die Menschen wollten sich bewegen, Sport treiben und das Wasser aktiv genießen. Zwar trugen Frauen anfangs noch Pumphosen und Badehemden aus Flanell und Leinen – oft sogar noch mit einem Rock darüber – und Männer gestreifte Einteiler, doch die Stoffe wurden allmählich praktischer. Es kamen erste Badeanzüge aus dünner Baumwolle auf, die allerdings immer noch recht lang und hochgeschlossen waren. Für große Aufruhr sorgte 1907 eine Frau: Die australische Rekordschwimmerin Annette Kellermann. Sie weigerte sich, in den unpraktischen Kostümen der Zeit zu schwimmen und trat in den USA in einem hautengen, einteiligen Anzug auf, der ihre Beine unbedeckt ließ. Ihre Meinung: „Ich will schwimmen und das kann ich nicht mit einer Wäscheleine voll Stoff an meinem Körper!“ Daraufhin wurde sie wegen „ungebührlichen Entblößens“ verhaftet. Doch der Stein wurde ins Rollen gebracht.
In den „Goldenen Zwanzigern“ war die Sehnsucht nach Freiheit nicht mehr aufzuhalten. Die Schnitte wurden radikal kürzer, Arme und Beine wurden endlich frei. Der sogenannte Jupes-Anzug – ein Einteiler mit angesetztem Röckchen – setzte sich im Alltag durch. Völlig reibungslos verlief diese Moderevolution allerdings nicht: In den USA patrouillierten sogenannte „Strandpolizisten“ an den Küsten, die mit dem Maßband bewaffnet die erlaubte Beinlänge der Badenden nachmaßen, um Bußgelder zu verteilen.

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Ein Schritt vor und zwei zurück — Der „Zwickelerlass“ von 1932
Während in vielen Teilen Europas nun relativ freizügig gebadet wurde, machte Deutschland bald darauf einen bürokratischen Schritt zurück. Um der gefühlten „Verluderung“ der Sitten entgegenzuwirken, trat am 1. November 1932 die preußische Badepolizeiverordnung in Kraft – besser bekannt als der berüchtigte „Zwickelerlass“.
§ 1. (1) Das öffentliche Nacktbaden ist untersagt.
(2) Frauen dürfen öffentlich nur baden, falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. Der Rückenausschnitt des Badeanzugs darf nicht über das untere Ende der Schulterblätter hinausgehen.
(3) Männer dürfen öffentlich nur baden, falls sie wenigstens eine Badehose tragen, die mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist. In sogenannten Familienbädern haben Männer einen Badeanzug zu tragen.
Auszug aus der Badepolizeiverordnung des preußischen Innenministeriums vom 1. November 1932.
Der Erlass sorgte 1932 für riesiges Gelächter im Land. Weil niemand so genau wusste, wie die Polizei die Einhaltung kontrollieren sollte, schwärmten an den Stränden tatsächlich „Zwickel-Kontrolleure“ aus. Die Kabarettisten der Weimarer Republik dichteten damals amüsiert: „Vom Scheitel bis zum Zwickel!“
Ein Zwickel ist übrigens eine im Schritt eingenähte Stoffraute. Die zusätzliche Stoffschicht sollte verhindern, dass sich im nassen Zustand allzu intime Konturen abzeichneten.

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Die 1940er & 1950er: Die Bikini-Revolution
Das Jahr 1946 markiert den wohl explosivsten Wendepunkt der Bademode. Der französische Autoingenieur Louis Réard entwarf ein Kleidungsstück aus vier winzigen Stoffdreiecken und nannte es den „Bikini“ – benannt nach dem Bikini-Atoll, auf dem kurz zuvor US-Atombombentests stattgefunden hatten. Réard wusste genau, dass seine Kreation eine modische Atombombe war. Der Stoffmangel der Nachkriegszeit spielte ihm in die Karten, doch der Skandal war gigantisch. Kein Model wollte das Stück präsentieren, weshalb er eine Nackttänzerin für die Premiere engagieren musste.
In den folgenden Jahren war der Bikini an den meisten europäischen und amerikanischen Stränden streng verboten und wurde vom Vatikan als sündhaft verurteilt. Doch der Sog von Popkultur war stärker als die Verbote der Kirche. Ikonen wie Brigitte Bardot im Film Und immer lockt das Weib (1956) oder Ursula Andress, die 1962 im ersten Bond-Film James Bond jagt Dr. No im elfenbeinfarbenen Bikini mit Tauchermesser aus den Fluten stieg, machten den Zweiteiler weltberühmt.
Der geteilte Strand: Bademode in BRD und DDR
In den Jahrzehnten nach dem Krieg entwickelte sich die Badekultur im geteilten Deutschland in völlig unterschiedliche Richtungen. Hier stießen zwei Weltanschauungen aufeinander, die sich auch im Textil (oder dessen Abwesenheit) widerspiegelten.
Die BRD und das „Wirtschaftswunder“
Im Westen orientierte man sich stark an den Trends aus Frankreich und den USA. Mit dem steigenden Wohlstand und den zunehmenden Italien-Urlauben in den 1950er- und 60er-Jahren wurde die Bademode zum Statussymbol. Man zeigte, was man hatte – allerdings streng reglementiert durch bürgerliche Moralvorstellungen. Der Bikini setzte sich in der BRD erst spät und gegen große Widerstände durch. Noch in den 60er-Jahren gab es Freibadverbote für den freizügigen Zweiteiler. So durfte ein Fotomodell 1965 auf dem Münchner Viktualienmarkt im Bikini nur unter Polizeischutz posieren und wurde danach zu Sozialstunden verurteilt. Im städtischen Freibad von Passau blieb der Bikini per Badeordnung sogar bis zum Jahr 1968 offiziell verboten.
Die DDR und die Freikörperkultur (FKK)
Im Osten entwickelte sich eine ganz eigene Dynamik. Da die sozialistische Planwirtschaft bei der Produktion modischer, elastischer Bademode oft hinterherhinkte, machten die Bürger aus der Not eine Tugend: Die FKK (Freikörperkultur) erlebte an den Ostseestränden einen gigantischen Boom. Nacktbaden war in der DDR kein Akt der Rebellion gegen den Staat, sondern ein Ausdruck von Naturverbundenheit, Gleichheit und paradoxerweise ein Stück unpolitischer Freiheit im durchorganisierten Alltag. Während man im Westen also schick und oft noch recht prüde am Strand flanierte, ließ man im Osten die Hüllen komplett fallen.
Die 1970er bis 1990er: Befreiung des Körpers und High-Tech
In den folgenden Jahrzehnten fiel auch das letzte bisschen Stoff. Die 1970er-Jahre standen im Zeichen der absoluten Körperbefreiung. Der Oben-Ohne-Trend (Monokini) eroberte die europäischen Strände und der extrem knappe String-Bikini war immer öfter an den Küsten Brasiliens und der Welt zu sehen.
Gleichzeitig erlebte die Bademode eine textile Revolution. Hochelastische Kunstfasern wie Lycra und Elasthan waren zwar schon Ende der 1950er-Jahre erfunden und in den 60ern schüchtern eingesetzt worden, doch in den 1980er- und 90er-Jahren wurden sie perfektioniert und in der breiten Masse genutzt – befeuert durch den damaligen Fitness- und Aerobic-Boom. Die Schnitte wurden sportlich und figurbetont – die Ära der extrem hohen Beinausschnitte, weltberühmt geworden durch die roten Badeanzüge der Serie Baywatch, war geboren.
Am Ende siegt die Freiheit
Wenn man die gesamte Entwicklung betrachtet, wird klar: Die Evolution der Bademode ist eine Chronik des Befreiungsschlags und der Emanzipation. Wir haben uns im Laufe von etwas mehr als einem Jahrhundert vom extremen Zwang, von bleischweren Stoffbergen und staatlicher Kontrolle hin zur absoluten textilen Wahlfreiheit bewegt.
Nach Jahrhunderten voller Vorschriften gehört der Sommer heute endlich uns – und zwar genau so, wie wir es wollen.
Ein Fashion.Bericht von Juliane Obermeier / RNRed