Bayerischer Dialekt, scharfer Humor und eine klare Haltung: dicht & ergreifend lassen sich nur ungern in Schubladen stecken. Im Interview spricht Mike Huber alias Urkwell über den Wandel der Sprache, bayerische Klischees und den Kampf um den Boaznkäfer. Und er verrät, worauf sich die Fans beim Konzert in Regensburg freuen dürfen.
Seit „Zipfeschwinga“ gehören dicht & ergreifend zu den prägenden Stimmen der bayerischen Musikszene. Mike Huber, vielen besser bekannt als Urkwell, spricht mit uns über Bayern und seine Klischees – und warum dicht & ergreifend keine Tracht tragen. Es geht um Sprache und ständige Veränderung und darum, warum es doch eigentlich egal ist, ob wir „Oida“ oder „Digga“ sagen. Aber auch darum, wie sehr sich Menschen verändern können – und weshalb jemand, den man nach Jahren wiedersieht, längst ein anderer sein kann. Außerdem erzählt er vom Kampf für den „Boaznkäfer“ als Kulturort und natürlich vom anstehenden Konzert in Regensburg am 24. Oktober.
Seit eurem ersten Hit „Zipfeschwinga“ sind inzwischen zwölf Jahre vergangen. Wie habt ihr euch seitdem verändert?
Wir haben über die Jahre natürlich verschiedene Erfahrungswerte gesammelt – aber verändert haben wir uns eigentlich nicht. Damals waren wir plötzlich mit einer Welt konfrontiert, die wir so nicht gekannt haben. Wir sind natürlich selbst auf Konzerte gegangen und hatten andere Projekte, die mit Musik zu tun hatten, aber plötzlich haben wir eine richtige Tour gespielt. Deshalb würde ich sagen: Die größte Veränderung war eigentlich das Drumherum.
Ich bin sehr froh, dass wir damals schon in einem relativ erwachsenen Alter waren, denn ich wüsste nicht, was so etwas mit Menschen macht, die gerade mal 20 sind.
Dialekt ist ein wichtiger Teil eurer Musik und man könnte sagen, auch Teil eures Erfolgs. Glaubt ihr, dass Dialekte irgendwann verschwinden – oder verändern sie sich letztendlich einfach ständig?
Sprache verändert sich ständig. Ich rede heute nicht mehr so, wie ich vor drei Jahren geredet habe. Es ist ein ständiger Prozess, ein Wandel. Und ich finde es auch schön, dass sich Dinge verändern und sich gegenseitig befruchten.
Wenn die jüngeren Leute anders reden, ist das doch super, wenn sie das gerade so fühlen. Letzten Endes geht es bei Sprache ja nicht nur um die Worte selbst, sondern auch um das, was dahintersteckt. Ob jetzt jemand „Oida“ sagt oder „Digga“, ist doch eigentlich egal. Man versucht damit einfach, einem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Im Subtext steckt vielleicht: „Hey, du, mein Gegenüber, ich hab dich gern. Ich sehe dich als Bruder, als Freund.“ Und das ist eigentlich das Entscheidende.
Ich glaube, Kommunikation ist eines der anspruchsvollsten Werkzeuge, die wir überhaupt haben. Und wenn man ehrlich ist, kann man sich von dem, was man redet, wahrscheinlich 85 Prozent sparen.
Ihr werdet selbst auch stark über Bayern und eure Sprache wahrgenommen. Wie viel Klischee-Bayer steckt in euch – und wie viel davon wollt ihr vielleicht auch gar nicht sein?
Unser fundamentaler Auftrag ist eigentlich genau, kein Klischee zu sein. Nicht mit Gewalt, sondern indem wir uns anschauen: Was ist eigentlich dieses Klischee, das über einen Kulturkreis oder über Menschen gelegt wird?
Wir tragen zum Beispiel aus Prinzip keine Tracht. Wir setzen uns lieber historisch damit auseinander. Früher hatte Tracht einen kulturellen Ausdruck. Sie hat zum Beispiel kommuniziert, wie jemand gesellschaftlich oder familiär eingeordnet ist. Heute redet kaum noch jemand über sowas. Wenn wir uns anschauen, wie sie heute zelebriert wird, kommen wir zu dem Schluss: Das repräsentiert für uns nicht unser Lebensgefühl. Tracht ist zu einem kommerziellen Möchtegern-Schickeria-Mode-Accessoire geworden.
Mit dem Boaznkäfer versucht ihr, das Wirtshaus, das deinen Eltern gehört hat, als Ort für Kultur, Begegnung und Subkultur neu zu denken. Gleichzeitig kämpft ihr dort gerade selbst mit Auflagen und hohen Kosten. Was braucht es, damit solche Orte eine Zukunft haben?
Also, wir haben dieses Wirtshaus noch nicht gerettet. Ältere Wirtshäuser sind in der Regel nicht up to date, was Brandschutz oder Lärmschutz angeht. Das betrifft übrigens auch viele Vereinsheime in ganz Bayern.
Aus dem Grund dürfen im Boaznkäfer aktuell keine Veranstaltungen stattfinden. Wenn Auflagen kommen, die eine halbe Million Euro kosten, und du mit einem Kulturverein kein Geld verdienen kannst, weißt du irgendwann nicht mehr, wie das funktionieren soll. Wir sind gerade im nackten Überlebenskampf.
Man kann nicht auf der einen Seite jammern, dass die Wirtshäuser sterben, und auf der anderen Seite Auflagen schaffen, die es unmöglich machen, ein Wirtshaus zu betreiben. Da bekommt man den Eindruck: Es gibt eigentlich nur noch Kultur von Reichen für Reiche. Wenn man das auf alte Wirtshäuser überträgt, muss man sich fragen: Ist das ursprüngliche Gefühl dann nicht irgendwann auch weg, wenn man alles blitzblank renoviert und modernisiert hat?
Wir versuchen aber, maximal produktiv und positiv mit der Situation umzugehen. Wir haben uns auch mit dem Landratsamt zusammengesetzt und versuchen, gemeinsam Lösungen zu finden. Und ich muss sagen: Die Leute dort machen ihren Job gewissenhaft. Die sind nicht persönlich gegen Kultur. Das merkt man in den Gesprächen.
Trotzdem versucht ihr, den Boaznkäfer zu erhalten.
Genau. Dafür veranstalten wir am 13. Oktober in der Stadthalle Landau an der Isar ein Benefizkonzert. Mit dabei sind Eva Karl-Faltermeier, Maxi Pongratz und FÄTTES B. Wir spielen dort auch schon alle Songs von unserem neuen Album. Wir wollen damit helfen, den Boaznkäfer zu retten. Der Ticketpreis liegt für Mitglieder bei 50 Euro, für Nichtmitglieder bei 75 Euro. Und jeder kann natürlich freiwillig noch etwas drauflegen.
Ihr bezieht gesellschaftlich und politisch klar Stellung. Wie wichtig ist es, sich selbst und die eigene Meinung immer wieder zu hinterfragen?
Für mich geht es darum, im Moment anzukommen und nicht im Gestern oder in der Zukunft zu leben, weil beides irreale Zustände sind. Man muss sich jeden Tag die Augen auswaschen und sich fragen: Sehe ich das noch so wie gestern? Weil sich alles entwickelt. Was bringt mir das, wenn ich meinem Nachbarn, der mal irgendeinen Scheiß gemacht hat, in zehn Jahren wieder begegne und ihn automatisch damit verbinde? Wenn ich so durchs Leben gehe, mache ich mir nur mein eigenes Leben mies, weil der Mensch sich drei Wochen später schon verändert haben kann.
Kann Humor bei gesellschaftlichen und politischen Themen manchmal mehr bewegen als eine verbissene Diskussion?
Humor ist das trojanische Pferd für die Gehirne des Spießbürgertums. Erst bringt man jemanden zum Lachen und dann stellt er plötzlich fest: „Hoppala, das ist ja eigentlich gar nicht meine Überzeugung.“ Und dann fragt er sich: „Warum habe ich eigentlich gelacht?“ Und da beginnt der Denkprozess. Das ist eigentlich die Signatur von dicht & ergreifend seit Tag eins.
Wenn ihr einen dicht & ergreifend-Song über einen Abend in Regensburg schreiben würdet: Welche drei Dinge müssten unbedingt vorkommen?
T-Recs. Der Vinyl-Laden von Maniac. Der muss vorkommen. Und dann gibt es da noch einen weiteren Vinylladen, der muss auch mit rein, T-Recs. Und eine dritte Sache, die genauso wichtig ist wie der Dom: der T-Recs-Vinylladen von Maniac.
Ihr kommt am 24. Oktober nach Regensburg. Was erwartet die Fans?
Wir spielen natürlich die krassesten Banger unseres neuen Albums – und natürlich die Classics, ohne die wir alle nicht mehr leben können. Wir bringen aktuell laufend neue Songs raus. Weil wir seit dem ersten Album nur Hits produziert haben, werden wir es natürlich nicht schaffen, alle zu spielen. Das würden wir gerne, aber dann wäre das Konzert vier Stunden lang. Deshalb spielen wir die Songs, die am allermeisten Spaß machen.
Es wird wie immer geiler als beim letzten Mal.
Vielen Dank für das offene Gespräch, Mike!
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Zweiländerdreieck Tour 2026/27
Ab Herbst 2026 sind dicht & ergreifend wieder live in Deutschland und Österreich unterwegs. Am 24. Oktober 2026 kommen sie nach Regensburg in die das Stadtwerk.Donau-Arena.Karten gibt es an allen bekannten VVK-Stellen und online unter: www.der-kartenvorverkauf.de oder www.dichtundergreifend.com.
Neues Album
Am Freitag, den 16. Oktober 2026, veröffentlichte "dicht & ergreifend" ihr viertes Studioalbum „Zweiländerdreieck“. Technisch, musikalisch, inhaltlich und lyrisch das bunteste und vielschichtigste Album der Band. Denn mit diesem wagen Dutti & Urkwell nun den nächsten Bruch mit der eigenen Identität: Die Hälfte der Songs erscheint erstmals auf Hochdeutsch – ein echtes Novum ihrer Bandgeschichte. In ihrem neuesten Song „Lies“ wird auch auf Englisch und Spanisch gerappt.
Neben „Identität“ sind noch weitere 17 Songs auf dem neuen Album. „Egal“, „Helga“, „Mischimi“, „Hamma scho imma so gmacht“ und „Lies“ wurden bereits als erste Single-Auskopplungen veröffentlicht.
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Ein Interview von Marina Triebswetter