Zeitungen lesen, stundenlang plaudern und bei einer Tasse Kaffee die Zeit vergessen: Die klassische Kaffeehauskultur hat eine lange Geschichte. Auch in Regensburg gibt es noch Orte, die an diese Tradition erinnern. Ein Blick auf alteingesessene Cafés, berühmte Kaffeehäuser Europas und eine Kultur im Wandel.
Kaffeehäuser gehören irgendwie zur mitteleuropäischen Kultur. Da saßen die (Möchtegern-) Künstler den ganzen Tag herum, man traf sich zum Plaudern oder las kostenfrei Zeitungen... gibt es das heute noch? Und wie ist das in Regensburg?
Bei klassischen Kaffeehäusern denkt man zuerst an Paris, Wien oder Prag. Es gibt kleine Tischchen, Thonet-Stühle, dutzende Kaffeearten, aber nur eine geringe Speiseauswahl.
Man konsumierte wenig und redete dafür umso mehr. So mancher Künstler saß den ganzen Tag dort, empfing seine Gäste am Tisch, kritzelte irgendwelche Texte auf Papier, ging am Abend ins Theater, dann nochmals ins Café (wehe, es hatte wer anders seinen Stammplatz eingenommen) und kam erst nach der Sperrstunde in seine oft völlig zugemüllte Wohnung, in der man gerade noch irgendwo schlafen konnte ... Soweit das Klischee, das immerhin ein Körnchen Wahrheit enthält. Denn solche Typen gab es wirklich, aber leben konnte ein Café von solchen Gästen auf Dauer nicht.
Fakt ist, dass die Türken den Kaffee im 16. Jahrhundert nach Mitteleuropa gebracht hatten, vorher schon vereinzelte Kaufleute nach Venedig, von wo er ebenfalls nach Mitteleuropa gebracht wurde. Bald entstanden eigene Orte zum Kaffeetrinken, denn Restaurants hatten meist keine Konzession zum Ausschenken des beliebten Getränks. Das heißt, man ging nach dem Essen im Restaurant extra noch ins Café oder traf sich dort, weil es zuhause zu wenig Platz gab.
Kaffeehauskultur in Regensburg
Wenn man durch Regensburg spaziert, fällt einem am Rathausplatz die nette Confiserie Prinzess auf. Auf einer Tafel an der Hauswand steht, das wäre das älteste Café der Stadt, immerhin aus dem Jahr 1686. Ein französischer Gesandter zum Reichstag brachte ein spezielles Rezept für kleine Süßwaren an die Donau, und das Café verkaufte diese sehr erfolgreich unter dem Namen Pralinen, die auch zu Sitzungen des Immerwährenden Reichstages geliefert wurden. In ihrer Freizeit saßen die Abgeordneten gerne im Prinzess für dienstliche und private Zusammenkünfte und führten sicherlich ganz wichtige Gespräche.
Heute ist das Café umgebaut und modernisiert, den alten Flair gibt es nicht mehr, aber die Pralinen sind nach wie vor köstlich.

© Wolfgang Ludwig

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Mehr typischen Kaffeehausflair bietet das Café und Bistro Orphée. Kleine Tischchen, eng zusammengestellt, eine Innenausstattung aus 1900, Zeitungen zur Auswahl, Künstlerbilder an der Wand – fast wie in Paris. Im Vorraum bei der Rezeption des gleichnamigen Hotels kann man an der Wand den Pariser Metro-Plan studieren und die nächste Fahrt planen.

© Wolfgang Ludwig

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Regensburg hat natürlich noch viele weitere Cafés mit oft langer Tradition zu bieten. Als Beispiele seien nur Rehorik 190° genannt, das im angrenzenden Stammhaus seinen Kaffee röstet und ihn mit großer Verbundenheit zur Materie vertreibt, sowie das Café Goldenes Kreuz am Haidplatz mit seiner jahrhundertealten Geschichte.
Berühmte Kaffeehäuser in Europa
Die ersten und berühmtesten Cafés in Europa stehen aber nicht in Deutschland. Das erste Lokal entstand 1645 in Venedig. Das Caffè Florian am Markusplatz gibt es heute noch und ist der ideale Platz, um überschüssiges Reisebudget ganz schnell loszuwerden.
Nicht ganz so alt ist das Café Slavia in Prag. Hier traf Franz Kafka seine große Liebe Milena Jesenská. Heute sitzen Touristen und Kafka-Fans an den Tischen. 1968, nach der russischen Invasion in der Tschechoslowakei, bei der die DDR tatkräftig mitgeholfen hatte, wurden deutsch- und russischsprechende Gäste von den Kellnern ignoriert. Man musste dem Personal erst klar machen, dass man nicht aus der DDR kam, dann gab´s Kaffee.
Das Café de Flore im Pariser Viertel Saint-Germain-des-Prés ist zwar noch jünger (1887), aber so etwas wie die Mutter aller Cafés. An die beeindruckende Gästeliste wie Albert Camus, Pablo Picasso, Jean Paul Sartre, Jaques Prévert oder Karl Lagerfeld, um nur ganz wenige zu nennen, kommt kein Regensburger Café heran. Aber sehen konnte man die berühmten Besucher früher wohl kaum, so dicht war der Qualm der Gitanes.
Ein Kuriosum ist auch das Wiener Café Hawelka. Erst 1939 eröffnet, entwickelte es sich nach dem Krieg zu einem echten Treffpunkt für Künstler und solche, die vorhatten, es demnächst zu werden. Berühmt wurde es durch ein Lied von Georg Danzer („Jö schau“, 1975), der den Besuch eines nackten Mannes nach einer angeblich verlorenen Studentenwette besang. Die Besitzerin, Frau Hawelka, soll sich über den seltsamen Gast echauffiert haben, ihr Mann hingegen verzog keine Miene und half dem Gast, im vollen Lokal einen Platz zu finden („..., weil ein Bohémienlokal pfeift auf Spießbürgermoral“) Tagsüber findet man auf den abgewetzten Stühlen und Sofas so wie in Prag oder Paris jede Menge Touristen, interessanter wird das Publikum erst einige Zeit nach Mitternacht. Auch der Nackerte soll erst weit nach Mitternacht in das Lokal gekommen sein, als die Atmosphäre weitaus entspannter und toleranter als tagsüber war.

© Wolfgang Ludwig

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Kaffeehaussterben: Eine Tradition unter Druck
Von geringer Konsumation und langem Herumsitzen kann aber heutzutage kein Lokal mehr leben. In echten Kaffeehäuser ist der Preis eines Kaffees daher beachtlich, sieben Euro und mehr sind keine Seltenheit, im Florian in Venedig deutlich mehr. Dort kommt zu bestimmten Tageszeiten noch eine saftige Musikgebühr dazu. Aber keine Angst – die Regensburger Cafés spielen nicht in dieser oberen Preisliga.
Außerdem braucht man in den Cafés viel Zeit, denn schnell geht hier gar nichts. Dafür können Sie in der Wartezeit internationale Zeitungen durchblättern – Printausgaben natürlich, und die Abos kosten dem Lokal eben auch einiges.
Immer wieder müssen traditionelle Kaffeehäuser schließen, denn viele Leute wollen nicht lange warten, weniger zahlen, und berühmte ehemalige Gäste sind vielen einfach wurscht. Auch die Konkurrenz von schnellen und günstigen Stehcafés an Verkehrsknotenpunkten trägt zum Gästeschwund bei.
Aber wenn Sie einmal in eine Stadt mit so berühmten Kaffeehäusern kommen, sollten Sie sich die Zeit nehmen und in eine andere Welt eintauchen. Und nicht so genau auf Ihre Euros schauen.
Ein Bericht von Wolfgang Ludwig / RNRed