Obwohl Emanuel Schikaneder, Textautor der „Zauberflöte“, in Regensburg und Wien lange ein gefeierter Theaterstar war, reichte es in Wien am 21. September 1812 nur zu einem Begräbnis dritter Klasse, bei dem der Leichnam nach der Öffnung der Unterseite des Sarges in ein Massengrab gekippt wurde. Keine Inschrift, keine Erinnerung. Dafür konnte der Sarg weiterverwendet werden.
Tiefer Fall eines Superstars
Doch der Reihe nach: Der am 1. September 1752 in Straubing geborene Emanuel Schikaneder wuchs als Halbwaise bei seiner Mutter in Regensburg in einfachen Verhältnissen auf. Auf Grund seiner außerordentlichen Begabungen schaffte er es ins Jesuitengymnasium St. Paul, wo er musikalisch gefördert wurde und auch bei den Regensburger Domspatzen mitsingen durfte. Bald schloss er sich einer Augsburger Wanderschauspieltruppe an und gründete später eine eigene Theatergruppe, mit der er in ganz Süddeutschland und Österreich sehr erfolgreich herumzog. Zeitweise war er sogar Direktor von angesehenen Häusern in Augsburg, Regensburg und Wien.
Vor allem in kleineren Städten, die kein eigenes Ensemble hatten, boten Wanderschauspieler, abgesehen vom lokalen Tratsch, die einzige Abwechslung. Schikaneders Erfolge waren nicht nur dem schauspielerischen und musikalischen Talent geschuldet, sondern auch seinen ökonomischen Fähigkeiten: Er schaffte es (fast) immer, dass die Kasse stimmte („Mein einziger Hauptzweck dabei ist, für die Kasse des Direktors zu arbeiten.“), weil er seine Stückauswahl genau auf Interesse und Bildungsgrad des Publikums abstimmte und die Stücke mit tollen Kulissen und Musik aufpeppte. Schikaneder brachte sowohl Schauspiele von bekannten Schriftstellern (Schiller, Lessing, Shakespeare) als auch eigene auf die Bühne und setzte sich sehr für deutschsprachige Singspiele ein. Auch den jungen Mozart lernte Schikaneder bei seinen Aufführungen kennen. Später sollte diese Bekanntschaft wertvolle Früchte tragen.
Emanuel Schikaneder um 1789 von J.H. Löschenkohl. (© Wien Museum mit frdl. Genehmigung)Affären und falsche Väter
Wanderschauspielgruppen, meist als „fahrendes Gesindel“ bezeichnet, hatten gesellschaftlich und moralisch nicht gerade den besten Ruf. Schikaneders Truppe wurde dieser Meinung durchaus gerecht: Im März 1780 wurde der Sohn von Juliana Moll, einer der Schauspielerinnen der fahrenden Gruppe, in Laibach (heute Ljubljana) getauft. Der Vater war, das dürfte allen klar gewesen sein, nicht deren Ehemann, sondern der Prinzipal Schikaneder persönlich. Julianas Ehemann (der vermutlich auch einiges am Laufen hatte, aber darum ging es in dem Fall ja nicht) weigerte sich, die Vaterschaft anzuerkennen. Schikaneder, selbst mit der Schauspielerin Eleonore verheiratet, wollte seinen moralischen Ruf wahren. Was tun? Die Lösung bot Jakob Neukäufler, ein anderer Schauspieler, in selbstloser Weise an. Er ließ sich als Vater ins Taufregister eintragen, Schikaneder machte ganz unschuldig den Taufpaten. Schikaneders Ruf als Ehemann und vorbildlicher Prinzipal wurde gewahrt (der Ruf der Mutter war offenbar egal), und Neukäufler durfte sich über eine Gehaltserhöhung und attraktive Rollen freuen. Verpflichtungen dem Kind gegenüber hatte er keine. Für einen ledigen Mann war ein uneheliches Kind ja keine Schande, sowas „passiert halt“.
Erfolge und Probleme in Regensburg
Ab Februar 1787 bespielte Schikaneders Truppe Regensburg. Die Theatergruppe hatte sich inzwischen einen sehr guten Ruf erarbeitet, doch Carl Anselm von Thurn und Taxis, der die Bühne zu Verfügung stellte, stand der Sache etwa skeptisch gegenüber, denn er war kein Freund des deutschsprachigen Theaters. Trotzdem kaufte er für sich und den Hofstaat ein Dauerabo für mehrere Logen. Zusammen mit den nach Vergnügung und Abwechslung lechzenden, sehr spendierfreudigen Abgeordneten zum Reichstag und dem Regensburger Publikum als solide Basis ergab sich eine ökonomisch günstige Ausgangslage. Schikaneder baute auf der Wöhrdinsel für den Sommer sogar ein Freilichttheater mit 3.000 Plätzen und betrieb es sehr erfolgreich. Doch der Aufenthalt in Regensburg hatte seine Tücken. Da waren zunächst einmal zwei Schauspielerinnen, die von Schikaneder nicht mit ihren Wunschrollen bedacht wurden. Sie legten sich zwei Reichstagsabgeordnete als Lover zu und schwärzten Schikaneder mit diversen Vorwürfen bei den Abgeordneten an, von denen viele den Aufführungen in der Folge fernblieben.
Ort des Abgangs: Das Sterbehaus Schikaneders in Wien, Florianigasse 10. Heute gehobenes Bürgertum, damals Armenhaus. © WolfgangLudwigUnd dann war da noch die Sache mit Fürst Karl Anselm und seinen ständigen Liebschaften, die seiner Ehefrau Auguste Elisabeth so sehr missfielen, dass sie angeblich Mordanschläge gegen ihren Mann geplant hätte. Carl August verfrachtete die Gattin kurzerhand auf eines seiner Schlösser nach Hornberg in der Nähe von Freiburg im Breisgau, also weit weg von Regensburg, wo sie zehn Jahre lebte und im Juni 1787 starb. Aber der Fürst hatte schon Ersatz bei der Hand: Sein ehemaliges Dienstmädchen avancierte zur Geliebten, mit der er bereits zu Lebzeiten der Gattin ein Kind hatte. Obwohl sie nicht seinem Stand entsprach, heiratete er sie kurz nach dem Tod der verbannten Ehefrau. In Regensburg war man entrüstet, aber was soll´s – er war ja der Fürst. Ein Hochzeitsgeschenk gab es natürlich auch: Das Wasserschloss Train zwischen Regensburg und Ingolstadt, wo sich die neue Fürstin sehr gerne aufhielt.
Genau auf diesem Schloss wurde Schikaneder mehrmals gesehen, was sich sofort nach Regensburg herumsprach, nicht eben zu seinem Vorteil. Noch dazu behauptete eine Regensburger Dienstmagd öffentlich, der Theatermacher hätte sie geschwängert. Dessen Mitgliedschaft in der örtlichen Freimaurerloge wurde daraufhin ruhend gestellt, und als die Luft immer dicker wurde (immerhin ging es ja um die neue Gattin des Fürsten), setzte er sich im Mai 1789 mit einigen Getreuen unter falschem Namen per Schiff nach Wien ab. Seine Frau blieb vorerst zurück. In Abwesenheit wurde Schikaneder zu einer Geldstrafe und zwölf Tagen Haft verurteilt.
Das war das unrühmliche Ende von Schikaneders Gastspiel in seiner Heimatstadt.
Erfolge mit Mozart in Wien
In Wien konnte Schikaneder beruflich rasch Fuß fassen und weiterspielen, und zwar sehr erfolgreich in einem eigenen Theater. Die Bekanntschaft mit Mozart, der zur selben Zeit in Wien weilte, gipfelte in der Zusammenarbeit bei der Zauberflöte, zu der Schikaneder das Libretto lieferte. Diese Oper bildete von nun an eine solide Basis der Inszenierungen des Theatermachers. Er stattete sie mit großem Pomp aus und setzte das Werk hunderte Male auf den Spielplan. Die Zusammenarbeit mit Beethoven war etwas mühsamer. Dazu kamen eigene Stücke, wie das Singspiel „Wastl aus Tirol“, das Tiroler Provinzklischees bedient, die in Wien gut ankamen. Ab 1803 ging es aber bergab: Häufige Misserfolge, enorme Ausgaben für die Inszenierungen, die kaum eingespielt werden konnten, die Franzosenkriege, die einen Rückgang der Zuschauerzahlen bedeuteten, Wirtschafts- und Währungskrisen oder einfach die Tatsache, dass sich der Publikumsgeschmack geändert hatte, ließen Schikaneders Stern rapide sinken.
„Ein Diner zu Ehren Mozarts“ von August Borckmann, nachgestellte Szene, nach 1880. Am Tisch: Mozart (Rückenansicht), Schikaneder (stehend) © Wien MuseumWo bin ich eigentlich?
Nachdem er in Wien keine Chance mehr hatte, probierte Schikaneder es noch in der Provinz: in Brünn (Brno, heute: Tschechische Republik) mit Erfolg, aber finanziellem Fiasko, zum Schluss in Budapest, wo er, inzwischen schwer alkoholsüchtig, nicht mehr wusste, wo er eigentlich war, was er im Theater machen sollte und nur noch wirres Zeug redete. Er konnte den Dienst daher nicht antreten und musste völlig pleite mit seiner Frau nach Wien zurückkehren.Heute ist es unvorstellbar, dass in einem Theater in einem Jahr bis zu sechzig Neuinszenierungen herauskamen, die oft nur kurz geprobt wurden und bei denen neben wenigen gelernten Schauspielern jede Menge unausgebildete Laien eingesetzt wurden. Aber dem Publikum, das damals nur wenige Vergnügungen kannte, gefiel es trotzdem, zumindest meistens.
Das Ende ist tragisch: Völlig mittellos vegetierte der ehemalige Theaterstar ab 1811 mit seiner Frau und mit einer Schauspielerin, die seit einigen Jahren seine Nebenfrau war und mit der er ein Kind hatte, in einer engen Wohnung eines Bekannten dahin, bis er im September 1812 endlich sterben konnte. Emanuel Schikaneder beherrschte lange und an vielen Orten das Theater. Die Kunst, rechtzeitig abzutreten, beherrschte er nicht.

Schiekaneder Gedenktafel in Wien. In Regensburg gibt es keine, dort wurde er auch zu Gefängnis verurteilt.
Wolfgang Ludwig / filter Magazin