Elly Maldaque war eine ausgezeichnete und beliebte Lehrerin in Regensburg, hatte sehr gute Dienstbeschreibungen, war aber ständig auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Bei einer fragwürdigen Durchsuchung ihrer Wohnung wurde zufällig ihr Tagebuch mit Kommunismusfantasien entdeckt.
Dass sie kurz danach, im Juni 1930, um einige Tage Sonderurlaub für eine Reise in die Sowjetunion ansuchte, brachte das Fass zum Überlaufen. Eine fristlose Entlassung aus dem Schuldienst war die nicht überraschende Folge.
Elly Maldaque wurde am 5. November 1893 in Erlangen in ein nach Aussagen der Nachbarn verhaltensauffälliges, protestantisches Elternhaus geboren. Der Vater war Büchsenmacher bei der Bayerischen Armee, politisch weit rechts angesiedelt, ein religiöser Schwärmer, von fanatischem Wahrheitsdrang erfüllt und oft schwer zu ertragen. Zur Mutter Karoline entwickelte Elly dagegen ein engeres Verhältnis. Der jüngere Bruder fiel im Ersten Weltkrieg.
1909 übersiedelte die Familie Maldaque nach Regensburg, Elly blieb noch in Erlangen, wo sie 1913 ihre Lehrerinnenausbildung mit sehr guter Benotung abschloss. Die Jahre bis 1920 musste sie als junge Springerin in verschiedenen Volksschulen abdienen, bis sie endlich einen Vertrag als erste weibliche Lehrkraft in der protestantischen Von-der-Tann-Schule in Regensburg erhielt.
Diese noch heute existierende Volksschule weist mit 55 Prozent einen hohen Migrantenanteil auf und bietet mehrere Schwerpunkte, wie Deutschförderprogramme und politische Grundbildung für Kinder. Eine Umbenennung der Schule auf „Elly Maldaque“ ist beabsichtigt.
Beliebte Lehrerin
Elly mochte die Unterrichtstätigkeit, war bei Schülerinnen und Eltern sehr beliebt, obwohl die Arbeit damals nicht leicht war. Die Klassenstärke lag deutlich höher als heute (über 40 Kinder war keine Seltenheit), Eheschließung bei Lehrerinnen bedeutete sofortige Entlassung, und man musste sehr aufpassen, nicht in irgendein Fettnäpfchen zu treten. Der Besuch der Ausstellung „Der Mensch“ im Regensburger Stadtpark mit einer Mädchenklasse, bei der es auch darum ging, „wie Kinder entstehen“, war ein solches und brachte ihr angeblich einen Verweis ein, obwohl sie sonst nach Unterrichtsinspektionen nur sehr gute Dienstbeschreibungen erhielt.
Auch die tägliche Unterrichtsarbeit gestaltete sich für die junge Lehrerin recht anstrengend, einige Krankenstände waren die Folge. Nach außen gab sie sich selbstbewusst, innerlich war sie zerbrechlich und depressiv. „Ich gehöre (...) zu den Menschen, die zwei Seelen in meiner Brust haben“, schrieb sie 1930 in Anspielung an ein Goethe-Zitat in ihr Tagebuch.

Von-der-Tann-Grundschule, Regensburg: Die Wirkungsstätte von Elly Maldaque. © filterVERLAG
Bedrückende Lebensumstände in Regensburg
Das genaue Kennenlernen der Lebensverhältnisse eines großen Teils der Regensburger Bevölkerung – zum Teil hautnah über Erzählungen der Kinder und durch Besuche bei Eltern – muss deprimierend gewesen sein, weil die damalige Politik überhaupt keine Lösungsansätze bot. Viele Menschen wohnten unter erbärmlichen Verhältnissen ohne Fließwasser und WC, die Säuglingssterblichkeit war eine der höchsten in Bayern.
Lösungen glaubte Elly im Kommunismus zu finden. „Allmählich erkannte ich klar die schreiende Ungerechtigkeit unserer Gesellschaftsordnung“, sollte sie später schreiben. Sie nahm Kontakt zur kommunistischen Bewegung auf, besuchte Veranstaltungen und ließ sich von ihrer Schulfreundin Irene Neubauer, einer in Weimar aktiven Lehrerin und Kommunistin, beeinflussen. Elly selbst war nie Mitglied der KP, beschäftigte sich nicht intensiv mit der Theorie des Kommunismus und strebte kein politisches Amt an. Man kann ihren Zugang zur Politik ruhig als naiv bezeichnen.
Diese Freundin Irene Neubauer sollte ihr zum Verhängnis werden.
Im März 1930 kam Irene Neubauer zu Elly nach Regensburg, besuchte dort einen Prozess gegen den kommunistischen Funktionär und zeitweisen KP-Stadtrat Konrad Fuß im Amtsgericht und unterhielt sich mit ihm. Fuß, den Elly sehr bewunderte, war wegen „Religionsvergehens“ angeklagt, da er bei der Beerdigung eines Arbeiters die Rede des Pfarrers öffentlich als „Schmarrn“ bezeichnet und gotteslästerliches von sich gegeben hatte. Er erhielt einen Monat Gefängnis, wurde aber in 2. Instanz freigesprochen. Irene Neubauer wurde wegen des Kontakts zum Angeklagten zur Ausweiskontrolle aufgefordert, konnte sich aber nicht ausweisen, da sie ihre Papiere in der Wohnung der Freundin gelassen hatte. Bei einer daraufhin durchgeführten Durchsuchung von Neubauers Gepäck in Ellys Wohnung fiel die Polizei so nebenbei Ellys Tagebuch mit ihren Gedanken zum Kommunismus in die Hände. Tags darauf wurde ihre Wohnung in einer rechtlich fragwürdigen Aktion genauer durchsucht. Eine Mitgliedskarte der KP fand die Polizei nicht, wohl aber einen Mitgliedsausweis vom „Bund der Freunde der Sowjetunion“. Eintragungen aus dem Tagebuch wurden aus dem Zusammenhang gerissen und so zusammengestellt, dass das Bild einer Staatsgefährderin entstand.
Naives Verhalten
Unbedachterweise beantragte Elly im Juni 1930, als die Polizei sie bereits im Visier hatte, beim Kultusministerium die schon erwähnte einwöchige Freistellung für eine Reise zu einer pädagogischen Ausstellung in Leningrad, durchgeführt von eben diesem „Bund der Freunde der Sowjetunion“.
Ob ihr eigentlich klar war, was für Verbrechen unter dem Begriff „Kommunismus“ gerade damals in der Sowjetunion begangen wurden, und was für ein mörderisches und menschenverachtendes Regime dort an der Macht war? Und ob ihr bewusst war, dass Personen, die extremistischem Gedankengut anhängen aus diesen Gründen damals wie heute im Staatsdienst keinen Platz haben? Wahrscheinlich nicht.
Nun reichte es der Schulbehörde. Am 27. Juni 1930 erhielt Elly das Entlassungsschreiben des Kultusministeriums, ohne vorherige Anhörung und mit Verlust der Ruhestandsversorgung. Als Begründung wurde (unzutreffenderweise) angeführt, dass sie „wirkendes Mitglied der kommunistischen Partei Deutschlands“ wäre. Für Elly brach eine Welt zusammen. Sie bat um Aufschub der Entscheidung, um einen Widerspruch einreichen zu können, Eltern und Kollegen setzten sich für sie ein und bezeugten, Elly hätte nie politisches Gedankengut in die Arbeit einfließen lassen – vergeblich. Typisch für die Zeit war, dass Personen, die offen für die NSDAP tätig waren und ihre Überzeugung auch im Schuldienst kundtaten, von der Behörde meist nicht behelligt wurden. Hier sah man offenbar keine Gefahr des extremistischen Gedankenguts.
Dann trat auch noch Ellys Vater auf den Plan: Er, der religiöse Fanatiker, empfand die politische Orientierung der Tochter als Unheil, wollte eine Dienstunfähigkeit wegen psychischer Erkrankung durchsetzen (sie hatte einen Nervenzusammenbruch erlitten) und beantragte die Einweisung von Elly in die psychiatrische Anstalt Karthaus-Prüll in Regensburg. Am 9. Juli 1930 wurde Elly gegen ihren Willen in die geschlossene Abteilung dieser Anstalt verfrachtet, wo sie unter ungeklärten Umständen am 20. Juli verstarb.

Die Verbringung von Elly Maldaque ins „Irrenhaus“ am 9.Juli 1930 (©aus: Simplizissimus, Jg. 35, Heft 24; Zeichnung von Th. Heine)
Breites Echo in Presse und Literatur
Bei der Behandlung des Falls im Bayerischen Landtag wurde das Vorgehen der Regensburger Schulbehörde bestätigt. In der Presse erregte ihr Vorgehen großes Aufsehen.
Je nach politischer Richtung der Zeitungen wurde Elly die alleinige Schuld gegeben oder die Sache als Skandal bezeichnet. Der Regensburger Anzeiger veröffentlichte am 1.8.1930 eine Aussage von Kultusminister Franz Goldenberger (BVP), der meinte, dass „der Staat seine Beamten nicht dafür bezahlen könne, dass sie mithelfen, sein Grab zu schaufeln“ und wiederholte die falsche Aussage, dass Elly Maldaque Mitglied der KP gewesen sei.
Immerhin hatte Goldenberger auch einige nationalsozialistische Lehrer aus dem Schuldienst entlassen und die Nationalsozialisten gegen sich aufgebracht.
Die liberalen Regensburger Neuesten Nachrichten beschrieben am 5.7.1930 den Fall einer „tüchtigen Lehrerin“ als Tragödie, die Volkswacht (SP) hoben die gute Arbeit, die die Verstorbene geleistet hatte, hervor, wiesen auf die zweifelhafte Verwertung des gefundenen Materials hin und erhoben „im Namen aller Gutgesinnten Anklage.“ Christliche und kommunistische Blätter berichteten ebenfalls – jeweils aus ihrer Sicht.
Der Fall Maldaque wurde auch in der Literatur thematisiert. Walter Mehring schrieb eine satirische Ballade, Josef Wolfgang Steinbeißer (gestorben 1980 in Regensburg) lässt die zu Unrecht in die Anstalt eingewiesene „Lehrerin Elly“ in seinem Stück (erste szenische Lesung 1970) verzweifelt aus dem Fenster springen.
Aus Münchner Zeitungen erfuhr Ödön von Horvath von der Sache und empörte sich über das einseitige Vorgehen der Behörden, die unverständliche Einweisung der Lehrerin in die „Irrenanstalt“ und die fragwürdigen Todesumstände.
Seine dramatische Bearbeitung des Falles in „Die Lehrerin von Regensburg“ blieb aber ein Fragment, das erst um 1978 im Tübinger Germanistischen Institut in verschiedenen Fassungen rekonstruiert werden konnte.
Wolfgang Ludwig I filter Magazin