Seit Juni 2025 haben die Museen der Stadt mit Dr. Sebastian Karnatz einen neuen Leiter. Im Gespräch erzählt er, wie seine frühe Leidenschaft für Museen ihn geprägt hat und wie er sich die Zukunft der städtischen Museen vorstellt. Ein offenes Gespräch über Zukunft und Erhalt, aber auch über ein engagiertes Team und seine Rolle als Führungsposition.
Der neue Leiter der Museen der Stadt, Dr. Sebastian Karnatz, empfängt uns in seinem hellen, freundlichen Büro. Unter dem Tisch liegt ein Hundekörbchen – seinen kleinen, aufgeweckten und freundlichen Hund dürfen wir am Ende des Interviews noch kennenlernen. Im Gespräch geht es um seine neue Rolle als Leiter der Museen der Stadt, seine Pläne für die Zukunft und seine ganz persönliche Verbindung zu Museen.
„Ich wurde schon als Kind von meinen Eltern in Museen gezogen“
Können Sie sich erinnern, wann Sie Ihre Leidenschaft für Museen entdeckt haben? Gab es einen Moment oder ein Erlebnis, das Ihr Interesse an Kunst und Geschichte nachhaltig geprägt hat?
Ich wurde schon als Kind von meinen Eltern in Museen gezogen (lacht). Ich bin aber auch immer gern gegangen, weil ich die Mischung aus Überforderung, die man als Kind dort empfindet, und die neuen Welten, die man dort entdecken kann, schon immer spannend fand. Dieses „über Dinge staunen“ ist etwas, dass das Museum schaffen kann – ob mit acht oder mit 80.
Was hat Sie als erfahrener Kunsthistoriker persönlich an der Leitung der städtischen Museen Regensburg gereizt?
Wir haben hier das Glück, eine fantastische Sammlung auf allerhöchstem Niveau zu haben – und dazu viele authentische Orte. Mich reizt besonders, dass wir mit historischer Architektur arbeiten können – von der Minoritenkirche über den Kreuzgang bis zur gesamten Klosteranlage. Regensburg ist Welterbestadt und ich erlebe, dass Kultur für die Gesellschaft hier wirklich etwas zählt. Die Menschen sind sehr interessiert, aber auch kritisch. Und genau das schätze ich sehr. Ich bin wirklich gerne hier.
Als Leitung der städtischen Museen tragen Sie die Verantwortung für mehrere Museen und vielfältige Teams. Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben und welche Werte und Prinzipien sind Ihnen in der Zusammenarbeit mit Ihren Mitarbeitenden wichtig?
Ich hoffe, dass mein Führungsstil offen und wertschätzend ist – denn ich habe von Tag Eins angemerkt, wie viele tolle Menschen hier arbeiten. Ihnen möchte ich Freiraum und Verantwortung für eigene Projekte geben. Mein Ziel ist nicht, Einzelkonzepte vorzugeben, die umgesetzt werden sollen, sondern das gebündelte Know-how unseres Teams zu nutzen. Gleichzeitig versuche ich, klare Strukturen zu schaffen, in denen jeder seine Stärken einbringen kann. Da sind wir, denke ich, auch auf einem guten Weg und haben gemeinsam, auch mit externer Unterstützung, schon viel erreicht.
„Es gibt viele Projekte, die ich realisieren möchte“
Sie haben etwa bei der Neukonzeption des Erlebnismuseums auf der Cadolzburg in Mittelfranken bereits innovative und multimediale Ausstellungskonzepte umgesetzt. Welche Rolle spielen digitale oder interaktive Formate in Regensburg für Sie?
Digitale Formate sind für mich ein fester Bestandteil. Auf der Cadolzburg hatten wir nur wenige Objekte, die wir durch innovative Formate besonders spannend präsentiert haben. In Regensburg haben wir hingegen einen sehr guten Bestand an Originalobjekten, die wir highlighten möchten. Digitale Angebote sollen dabei unterschiedliche Wege öffnen, das Museum zu erleben und die Geschichte der Exponate auf vielfältige Weise erzählen.
Gibt es ein Projekt, das Sie in den ersten Jahren unbedingt realisieren möchten oder ein Konzept, das den Regensburger Museen Ihrer Meinung nach bisher gefehlt hat?
Es gibt viele Projekte, die ich realisieren möchte. Ende Mai wird mit dem Abschluss des document Kepler ein lange geplantes Vorhaben realisiert: Im Dachgeschoss entsteht das sogenannte Kepler Lab – ein Science Lab mit vielen Hands-on-Stationen, in dem Besucherinnen und Besucher selbst experimentieren können. Es bietet eine spielerische Vertiefungsebene mit einem astronomisch-physikalischen Hintergrund.
Ein zentrales Projekt ist die Einrichtung eines Raumes mit Schwerpunkt auf die Kunst rund um Albrecht Altdorfer. Wir haben wunderbare Stücke von ihm und viele Geschichten, die wir erzählen können – auch tragische, wie jene der Zerstörung des jüdischen Viertels. Somit lässt sich ganz Regensburg um 1500 exemplarisch anhand eines Künstlers darstellen.
Wie möchten Sie neue Besuchergruppen ansprechen, z. B. junge Menschen oder Familien, ohne die wissenschaftliche Tiefe zu verlieren?
Um junge Menschen oder Familien anzusprechen, muss nicht auf wissenschaftliche Tiefe verzichtet werden. Ziel der Museen sollte es sein, komplexe Inhalte verständlich zu erklären, anstatt sich hinter Fachbegriffen zu verstecken, die die Menschen abschrecken. Familien erreichen wir aktuell bereits durchaus ordentlich.
Schwieriger ist es, Jugendliche zu gewinnen. Hier setzen wir auf Themen und Formate, die an ihre Lebenswelt anknüpfen. Im Oktober zeigen wir etwa eine größere Ausstellung zu Regensburg in den 1950er-Jahren – einer Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs nach dem Nationalsozialismus. Begleitet wird diese u. a. mit einem 50er-Jahre-Konzert. Inhaltlich arbeiten wir auch mit Gegensätzen: kitschigste Heimatfilme auf der einen Seite, kulturelle Skandale wie der Film ‚Die Sünderin‘ mit einer angedeuteten Nacktszene auf der anderen. Elvis Presley steht sinnbildlich dafür: Er galt als Ikone des Rock ’n’ Roll und hat zugleich während seiner Zeit hier das Volkslied ‚Muss i denn zum Städtele hinaus‘ aufgenommen.
Welche Rolle spielen Kooperationen mit Schulen oder Universitäten?
Mit Schulen arbeiten wir eng zusammen und wollen unsere Führungen so anpassen, dass sie noch besser zu den Bedürfnissen der Klassen passen. Auch mit Universitäten gibt es spannende Projekte: Dieses Jahr entsteht gemeinsam mit dem Institut für Wissenschaftsgeschichte die Ausstellung „AD ASTRA“, die Regensburg als Wissenschaftsstandort für Astronomie beleuchtet und gleichzeitig 50 Jahre Verein der Freunde der Sternwarte Regensburg e.V. würdigt.
Welche Veränderungen oder Entwicklungen möchten Sie in Regensburgs Museumslandschaft allgemein langfristig anstoßen?
Wir möchten noch mehr mit unseren Besucherinnen und Besuchern in den Austausch gehen und öfter Neues präsentieren. Erfolgreiche Projekte wie die Lange Nacht der Museen zeigen, wie fruchtbar Kooperation und Vernetzung sein können. Darum sollen gemeinsam mit anderen Museen weitere Veranstaltungen und Konzepte entstehen.
Zudem arbeiten wir an einer Neukonzeption im Historischen Museum. Es sind drei Abteilungen geplant – eine römische, eine Mittelalter- und eine Neuzeitabteilung, die bis in die Gegenwart reicht. Innerhalb dieser stellen wir uns wiederum Kabinette vor, die dann mit der reinen Chronologie brechen und Themen wie Migration durch die Zeiten hindurch aufgreifen und etwa zeigen, dass Migrationsbewegungen die Stadt bereits seit der Zeit der Bajuwaren geprägt haben. Die Neukonzeptionierung muss mit einer dringend benötigten Sanierung einhergehen, bei der die gesamte technische Infrastruktur erneuert wird. Mein Ansatz ist dabei, möglichst minimale Eingriffe an einem so bedeutenden historischen Gebäude wie diesem vorzunehmen. Sobald die Sanierung abgeschlossen ist, kann auch die neue Ausstellung eröffnet werden. Ich freue mich auf die Umsetzung vieler neuer Konzepte und bin überzeugt, dass wir damit in Regensburg glänzen können.
Vielen Dank für das spannende Interview, wir freuen uns schon auf unseren nächsten Museumsbesuch!
Ein Interview von Marina Triebswetter I filter Magazin