Es ist eine wilde Geschichte, die Hermann Lenz vor 50 Jahren in Regensburg inszenierte: Ein harmloser Student gerät unfreiwillig in eine handfeste Kriminalstory, die Gassen der Altstadt werden ebenso zum Schauplatz der Handlung wie eine berühmte Buchhandlung.
Hermann Lenz (nicht verwandt mit Siegfried Lenz) weiß, worüber er schreibt. Er besuchte Regensburg mehrmals, in der legendären Buchhandlung „Atlantis“ in der Wahlenstraße 8 hielt er wiederholt Lesungen ab.
Diese Buchhandlung von Fred Strohmaier (1930 – 2020) war eine weit über die Stadtgrenzen hinaus berühmte Institution, die der Patron bis zu seinem 86. Lebensjahr persönlich betrieb. Ende 2016, nach knapp 55 Jahren, war dann für immer Schluss.

Herrmann Lenz © Suhrkamp
Kultbuchhandlung
Fast das gesamte Who is Who der deutschsprachigen Literatur war hier für Lesungen und Diskussionen zu Gast: Neben Hermann Lenz machten auch Günter Grass, Thomas Bernhard, Martin Walser, Ernst Jandl, Elias Canetti, Daniel Kehlmann, Siegfried Lenz und sehr viele andere Regensburg damals zu einem Hotspot der deutschsprachigen Literatur.
Viele der Studenten und Studentinnen der erst 1962 gegründeten Universität Regensburg frequentierten zahlreich die Lesungen und Diskussionen in der „Atlantis“, empörten sich über das Weltgeschehen und über einzelne Persönlichkeiten, die die Kurve von der Nazizeit zu wohldotierten Positionen der Gegenwart elegant geschafft hatten.

Hier war bis 2026 ein deutscher Literatur-Hotspot: Ehemalige Buchhandlung Atlantis, Wahlenstraße 8. © filterVERLAG
In diesem Umfeld siedelt Hermann Lenz (geb. 1913 in Stuttgart, gestorben 1998 in München) seine vor fast 50 Jahren erschienene Erzählung „Der Tintenfisch in der Garage“ an und zeichnet dabei ein anschauliches Bild von Regensburg in den 1970er Jahren.
Der seltsame Titel bezieht sich auf ein spanisches Sprichwort, das eine Person beschreibt, die in einem ihr nicht genehmen Umfeld lebt.
Lehrer oder Weltrevolutionär?
Die Person, um die es geht, ist der einundzwanzigjährige Ludwig, der an der neuen Uni in Regensburg Germanistik studiert und ein biederes Leben als Gymnasiallehrer anstrebt. Ganz anders hingegen seine Studienkollegen: Da wird über die Weltordnung diskutiert, über Marx und die Macht des Kapitals und wie man herrschende Verhältnisse verändern könnte. Die Buchhandlung war ein beliebter Treffpunkt.
Ludwig fühlt sich nicht so ganz wohl in diesen Runden, aber er beginnt auch an seinen eigenen Lebensplänen zu zweifeln – wie der Tintenfisch eben.
Wie löst man sich aus diesem Umfeld von Kollegen, die nicht sein Ding sind? Der Zufall hilft! Bei einer Radtour machte Ludwig beim Fährhaus in Prüfening die Bekanntschaft einer jungen Frau, allerdings einer ziemlich seltsamen.
Sie nennt sich Friederike (falls es stimmt, was sie sagt), scheint einiges über Ludwig zu wissen und gibt zu, ihn seit einem Apothekenbesuch in der Tändlergasse vor einigen Wochen beobachtet zu haben: Warum? Vorerst unklar!
Man trifft sich trotzdem wieder. Von sich erzählt Friederike auffallend wenig, außer dass sie „nicht ganz hiesig“ sei und bei einem ominösen „Onkel“ wohne, der oft „Geschäftsbesuch“ empfange.
Irgendwie hat Ludwig das Gefühl, Friederike fühle sich auch nicht ganz wohl in ihrer Haut – noch ein Tintenfisch!

© Deutsches Literaturarchiv und Museum in Marbach / Neckar: Hier wird der Nachlass von Fred Strohmaier gelagert und bearbeitet
Falsche Schecks
Spätestens, als sie Ludwig bei einem Stadtbummel ersucht, in einer Bank einen Scheck für sie einzulösen, denn sie müsse mit ihrer Wäsche inzwischen ganz dringend zur „Reinigungs-Madame“ hinüber gehen, hätte er hellhörig werden müssen. Aber können Tintenfische hören?
Bei einem Besuch von Ludwigs Eltern am Land in Berching (stellt man so eine Unbekannte seinen Eltern vor?) scheint sich Friederike in den biederen Verhältnissen irgendwie wohl zu fühlen. Hätte sie auch gerne so ein Leben?
Aber es kommt anders: Einige Treffen und viele Geheimnistuereien später sind sie und der „Onkel“ plötzlich weg. Die Vermieterin wird deutlich: „Endlich ist dieses G´schwerl draußen...Zwar haben´s immer fein getan und davon g´redt, daß früher Geld g´habt ham ... aber des Madel hab ich trotzdem mal erwischt, wie´s meinen Schrank aufg´mocht hot.“ Kleinkriminelle also, oder mehr?
Ludwig schlendert gedankenverloren durch die Stadt, die ohne Friederike für ihn nun eine andere war. An der Fürst-Anselm-Allee kann man die Reste eines Turmes sehen, dessen Türmer, so erinnert er sich an Erzählungen, statt auf Feuer zu achten, lieber auf ein Bier ging oder schlief ... er kommt am Jakobstor vorbei, das „viele Lastwagenfahrer am liebsten weggefegt hätten“... gottseidank hörte man nicht auf sie ... er geht durch die engen Gassen der Altstadt, wo ihn ein versteinerter Mensch aus einem Erker anstarrt ... da kommt auf einmal der „Onkel“ auf ihn zu, reißt ihn aus seinen Gedanken und erklärt, dass er und Friederike nun wegziehen müssten. Er bittet um einen letzten Gefallen, nimmt einen Scheck aus der Brieftasche und deutet auf eine Bankfiliale. Zwei junge Männer, aus dem Nichts kommend, stehen ihm zur Seite und wollen ihn begleiten, „damit Ihnen nichts passiert“.
Friederike taucht ebenfalls auf, Ludwig steckt ihr den Scheck schnell zu, er will damit nichts mehr zu tun haben. Sie läuft weg, die Männer folgen ihr. Dann ist plötzlich Polizei da: Handschellen klicken, Waffen werden abgenommen, ab ins Polizeiauto. Friederike sagt noch zu Ludwig: „So verändert sich eine wie ich.“
Wieder Tintenfisch
Am anderen Morgen liest Ludwig in der Zeitung von einem im letzten Augenblick verhinderten Bankraub. Hätte er für eine Bande angeworben werden sollen? War es eine Geldbeschaffungsaktion einer der damals aktiven politischen Terrorgruppen?
Nun fühlt sich Ludwig erst recht wie ein Tintenfisch in einer Garage.
Heinrich Böll hatte mit der Katharina Blum (1974) fast zeitgleich ein ähnliches Thema behandelt, aber direkter und politisch polarisierender. Lenz, der von dem viel jüngeren Peter Handke protegiert und populär gemacht wurde, hat es nicht so mit dem Direkten. Seine Geschichten sind etwas seltsam, die Protagonisten oft resignative Eigenbrötler, die radikale Veränderungen ablehnen.
Ob Ludwig seinen Weg gemacht hat und als Oberstudienrat in Pension gegangen ist? Ob er in der Buchhandlung „Atlantis“ noch Lesungen besucht hat? Wir werden es wohl nicht mehr hören.
Von dieser Buchhandlung, obwohl 2016 geschlossen, wird man allerdings sehr wohl noch etwas hören. Sämtliche Korrespondenzen mit den Autoren und die Gästebücher von Fred Strohmaier wurden von dessen Nachfahren an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach am Neckar übergeben, wo der Nachlass bearbeitet wird. Wahrscheinlich wird daraus einmal eine Ausstellung oder ein Buch über die legendäre Buchhandlung. Aber das kann dauern – möglicherweise Jahrzehnte, denn in Marbach lagern viele Nachlässe.
Wolfgang Ludwig I filter Magazin