Vor vierzig Jahren erschien in Italien unter dem Titel „Danubio“ die monumentale Biographie von Claudio Magris über den nach der Wolga zweitlängsten Fluss Europas. Bald gab es eine deutsche Ausgabe, die heute als Standard-Kulturgeschichte des Donauraumes gilt. Regensburg spielt bei dieser Kulturreise donauabwärts eine bedeutende Rolle. Werfen wir aber auch einen Blick auf einige andere deutsche Städte, die Magris beschreibt.

Claudio Magris (geb. 1939 in Triest) war nicht nur Professor für deutsche Literatur an der Universität Triest, er zählt auch zu den profundesten Kennern deutscher Kulturgeschichte. Kein Wunder, dass er fast 70 Orte am Fluss und noch mehrere abseits gelegene Städte eingehend literarisch beschrieb. Er unternahm dutzende Reisen, las Unmengen an Büchern und führte unzählige Gespräche, um uns heute tief in die Geschichte „unseres“ Flusses eintauchen zu lassen. © Hanser / Peter-Andreas Hassiepen
Die Reise beginnt mit der alten Streitfrage: Wo kommt die Donau eigentlich her? Bereits die alten Griechen Strabon und Plinius lagen mit dem Schwarzwald ganz gut, doch bald ging es noch genauer: Breg und Brigach wurden als Quellflüsse anerkannt, der Brunnen einer Karstquelle in Donaueschingen hat eher symbolischen Charakter. Ein Dr. Ludwig Oehrlein, Arzt und hobbymäßiger Quellensucher von Flüssen (er reiste sogar ins Quellgebiet des Nils) behauptete 1954, nur die Breg wäre der wahre Quellfluss, was in Donaueschingen, wo man verständlicherweise auf den eigenen Brunnen setzte, helle Empörung auslöste.
Oder man sagt einfach, dort wo Breg und Brigach zusammenfließen, etwas außerhalb von Donaueschingen, ab da heißt es Donau. Punkt. Jetzt kann die Reise weitergehen.
Plötzlich weg
Oder doch nicht? Ein paar Kilometer weiter, bei Immendingen, versickert an vielen Tagen des Jahres ein Großteil des Donauwassers im Kalkschotter, um vierzig Kilometer südlich als Aach wieder ans Tageslicht zu treten und zum Rhein zu fließen. Die jugendliche Donau soll nichts als ein kleiner Nebenfluss des Rheins sein? Also Donau erst ab Tuttlingen?

Eine Donauversickerung bei Immendingen. Das Wasser versickert und fließt zum Rhein. © Wolfgang Ludwig
Auch im Nibelungenlied kommt die Donau nicht so gut weg: Der Rhein, das ist Siegfried, germanische Tugend, die Donau ist Atilla alias Etzel, ein wenig Orient, der die Burgunder gegen Ende des Epos mit tatkräftiger Hilfe Kriemhilds untergehen lässt.
Über die obere Donau (die nach altbayrischer Diktion angeblich in Regensburg endet) wurde viel geschrieben. Sehr viel davon stammt von Ernst Neweklowsky, einem Schiffsingenieur aus Linz (gest. 1963) – die nächste merkwürdige Person, die Magris uns vorstellt. Dessen Werk über „Schifffahrt und Flößerei im Raume der oberen Donau“ umfasst stolze zweitausendeinhundertvierundsechzig Seiten und wiegt sechs Kilogramm. Zwölf Jahre hat er daran geschrieben und beschreibt für alle, die es unbedingt wissen wollen, sämtliche Details aller Wasserfahrzeuge, die jemals die Donau befahren haben, alle Arten von Übergängen, Furten, Sitten und Gebräuche der Schiffer, Zollrechte, alle Schriften die jemals zum Fluss erschienen sind... Ob die Welt das so genau wissen will? Auch Claudio Magris hat nicht alles gelesen.
In Ulm rückt Magris wieder die fiktionale Literatur in den Mittelpunkt: In einer Erzählung beschreibt E.T.A. Hoffmann 1819 den Klassenstolz der Ulmer Handwerker, wo sich der Fassbinder Meister Martin weigerte, seine Tochter einem Patrizier zur Frau zu geben. „Hinauf heiraten“ ist uncool!
Dieses Selbstbewusstsein der Handwerker kam besonders von den Bootsbauern, die die als „Ulmer Schachteln“ bezeichneten Einweg-Boote herstellten, damit reich und selbstbewusst wurden und Ulm zu einem beliebten Warenumschlagplatz machten.
Aber auch die aus Ulm stammenden Geschwister Scholl werden im Zusammenhang mit der Stadt hervorgehoben.

Richtig eng: Die Donauenge bei Weltenburg. © Wolfgang Ludwig
Das kleine Städtchen Günzburg beehrte Maria Antoinette 1770 auf ihrer Reise zur Hochzeit nach Paris (die Ehe endete bekanntlich durch die Guillotine). Den hier geborenen Massenmörder Josef Mengele hingegen möchte man verständlicherweise lieber totschweigen.
Ingolstadt ist für Magris mit Marie Luise Fleißer verbunden. In dem Stück „Pioniere in Ingolstadt“ thematisiert sie 1924 das schwere, oft demütigende Leben der Frauen in der vermeintlichen Idylle der Provinzstadt, fern aller emanzipatorischer Entwicklungen der Großstädte.
Bald nach Ingolstadt wird es richtig eng: Die Donau arbeitete sich im Jura durch den Kalkstein durch, und die Benediktiner gründeten im 8. Jahrhundert an dieser Engstelle das idyllisch gelegene Kloster Weltenburg.
Regensburg: Glanz früherer Zeiten
Regensburg, wo die Donau schon eine ansehnliche Breite erlangt, ist die „Weltstadt der Vergangenheit“. Die „Nostalgie wacht über die Reste der Vergangenheit“, und da gibt es viel zu bewahren, was der Stadt einst großräumige Bedeutung verschaffte: Die adeligen Familien, die ihre Macht mit Türmen zur Schau stellten, die bedeutenden Persönlichkeiten, die hier zu Gast waren und natürlich der Immerwährende Reichstag, der eine „Größe der Idee und Armut der Realität“ symbolisiert.

Schon ganz schön breit: Die Donau bei Walhalla. © Wolfgang Ludwig
Aber der Besuch in Regensburg hat für Claudio Magris auch eine persönliche Dimension: Hier lebt eine ehemalige Schulfreundin aus seiner Triestiner Gymnasiumklasse, die der Klassenlehrer einst wegen ihrer Aufsätze und Lateinkenntnisse hoch gelobt, aber wegen des „mangels an Sittlichkeit“ gescholten hat. Man kann ahnen, wie sich die junge Dame in den 1950er Jahren in der Schule im konservativen Triest aufgeführt hat. Aus ihr ist trotzdem etwas geworden.
Welch beachtlichen Weg Regensburg seit der Vergangenheit gegangen ist, beschreibt Magris nicht. Dabei gäbe es aus der Gegenwart auch so manches zu berichten – nicht nur literarisch!

Bei Passau ist der Inn (hellblau) größer als die Donau. © Wolfgang Ludwig
Es geht weiter über Straubing, eng verbunden mit der tragischen, im Donauwasser endenden Liebe der bürgerlichen Agnes Bernauer zu einem Adeligen, über Vilshofen nach Passau, dessen Diözese sich einst weit über Österreich bis nach Ungarn erstreckte. In Passau „dominiert das Runde, die Kurve, ein in sich abgeschlossener Kosmos, der von der Bischofsmütze bedeckt und beschützt wird. Die Schönheit der Stadt ist die einer reifen Frau (...).“
Passau ist aber nicht nur die Stadt des Bischofs, sondern auch die Stadt des Wassers: Die kleine Ilz und der mächtige Inn münden in die kleinere Donau – warum ist es nicht der Inn, der den Namen behält?
Zweimal Donau
Mehr als 2.200 Kilometer hat die Donau ab Passau noch vor sich.
Jetzt ist sie schon richtig erwachsen geworden. In Wien werden es für 21 Kilometer plötzlich zwei Donaus. Aus Gründen des Hochwasserschutzes wurde der Fluss nämlich auf zwei Arme aufgeteilt. In Budapest fließt sie mitten durchs Stadtzentrum, und in Belgrad gesellt sich die Save zur Donau, die nun noch mächtiger wird.

Ziemlich viel Wasser: Die Save mündet bei Belgrad in die Donau. © Wolfgang Ludwig
Bis zum Bahnbau in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts nutzten viele Reisende die Donau als bequemen Weg in die Türkei – und Regensburg war für viele Orientreisende der Ausgangspunkt.
Heute fährt man wieder gern auf der Donau, aber nur zum Vergnügen. Und wieder ist Regensburg der Ort, wo das Vergnügen beginnt.
Wolfgang Ludwig I filter Magazin