Kinofeeling auf dem Campus: Mit rotem Teppich, Popcorn und großem Applaus hat die Universität Regensburg sechs historische Unterrichtsfilme präsentiert. Das Projekt des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik zeigt die Entwicklung des Sachunterrichts mithilfe von Grundschulkindern als Hauptdarstellern.
Goldene und rote Luftballons, stimmungsvolles Licht, Kinomusik und ein roter Teppich vor dem Hörsaal – wer am Freitagabend die Universität Regensburg betrat, erkannte die grauen Räumlichkeiten kaum wieder. Der Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik hatte zur Premiere von sechs historischen Unterrichtsfilmen geladen, die im Rahmen eines von der Virtuellen Hochschule Bayern (vhb) geförderten Projekts entstanden sind.
Vom Online-Seminar zum Filmprojekt
Der VIP-Eingang war dabei für die Hauptdarstellerinnen und Hauptdarsteller des Abends reserviert: 28 Schülerinnen und Schüler im Grundschulalter sowie sechs Erwachsene, die historische Lehrkräfte verkörperten. Gemeinsam mit zahlreichen Familienangehörigen, Projektbeteiligten, LehrstuhlmitarbeiterInnen und Gästen füllten sie den festlich geschmückten Hörsaal H10.
Durch den Abend führten Projektleiter PD Dr. habil. Michael Haider und Projektmitarbeiterin Kerstin Cwielong. Beide begrüßten die Gäste und gaben Einblicke in das Projekt „Konzeptionen des Sachunterrichts“, das seit 2014 gemeinsam mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und der Universität Augsburg durchgeführt wird. Zusammen mit Prof. Dr. Bärbel Kopp und Dr. Günter Renner (FAU Erlangen-Nürnberg) sowie Prof. Dr. Andreas Hartinger und Prof. Dr. Sonja Ertl (Universität Augsburg) entwickelte Michael Haider ein bayernweites Online-Seminar, das angehenden Grundschullehrkräften unterschiedliche historische und aktuelle Konzeptionen des Sachunterrichts näherbringt.
Im Zuge der Überarbeitung des Seminars entstand die Idee, sechs kurze Filme zu bedeutenden historischen Entwicklungen des Sachunterrichts zu produzieren. Als Drehort diente das Erste Bayerische Schulmuseum in Sulzbach-Rosenberg. Neben privater Kleidung stattete der Kostümverleih „Oberpfälzer Kleidertruhe“ aus Vohenstrauß die Schauspielerinnen und Schauspieler mit originalen Kleidungsstücken aus den 1920er- und 1970er-Jahren aus. Die Dreharbeiten hatten sich über drei Tage erstreckt. Kerstin Cwielong und Michale Haider organisierten mit ihrem Team historische Unterrichtsmaterialien und den gesamten Ablauf. Das Medienteam um Daniel Reichenberger übernahm Kamera, Beleuchtung, Ton und Schnitt.
Eine Zeitreise durch den Sachunterricht
Ein Grußwort sprach Prof. Dr. Astrid Rank, Inhaberin des Lehrstuhls für Grundschulpädagogik und -didaktik. Dabei berichtete sie von ihren eigenen Schulerfahrungen und schlug den Bogen zu den jungen Darstellerinnen und Darstellern: Vielleicht werde auch ihre heutige Schulzeit in einigen Jahrzehnten einmal Gegenstand historischer Filme sein.
Den Auftakt der Filmreihe bildete eine Unterrichtsstunde zur Heimatkunde aus den 1920er Jahren. Im historischen Klassenzimmer des Schulmuseums wurde das Thema „Große Wäsche“ aufgegriffen und typische Merkmale des damaligen Unterrichts anschaulich dargestellt. Nach einem kurzen Blick auf die Zeitgeschichte mit Sputnikschock und Mauerbau folgten zwei Beispiele wissenschaftsorientierter Konzeptionen aus den USA. In den 1960er und 1970er Jahren folgten zahlreiche Ideen, wie Sachunterricht gestaltet werden soll. In einer Unterrichtsstunde zur Strukturorientierung untersuchten die Kinder eine Wippe, während bei der Verfahrensorientierung das Ordnen von Farben im Mittelpunkt stand. Anschließend wurde das „Nuffield Junior Science Project“ vorgestellt, das anhand einer Unterrichtsstunde zur Zentralheizung die Idee des freien Forschens und Entdeckens verdeutlichte. Nach einer Pause stand schließlich der mehrperspektivische Sachunterricht im Mittelpunkt. Am Beispiel des Themas „Post“ wurde gezeigt, wie Alltagserfahrungen von Kindern zum Ausgangspunkt von Lernprozessen werden können.
Zum Abschluss der Filmreihe zog Michael Haider ein Fazit und spannte den Bogen von den historischen Konzeptionen zum heutigen Sachunterricht. Er machte deutlich, dass die gegenwärtige Leitidee der Vielperspektivität zahlreiche Gedanken früherer Ansätze aufgreift und weiterentwickelt. So orientiere sich der heutige Unterricht ebenso an den Interessen und Lebenswelten der Kinder, wie dies bereits in der Heimatkunde der Fall war. Kinder experimentierten selbstständig wie im Nuffield Projekt, entdeckten Strukturen und Begriffe (wie in der Strukturorientierung) und lernten Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen (wie in der Verfahrensorientierung) kennen. Auch freies Entdecken und Forschen habe bis heute seinen festen Platz behalten. Die Idee, einen Gegenstand aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten (Mehrperspektivischer Unterricht), sei schließlich zu einem grundlegenden Prinzip des modernen Sachunterrichts geworden.
Auch abseits der Leinwand war bei der Premiere für eine besondere Atmosphäre gesorgt. Die große Fläche vor dem Hörsaal H10 war passend zur Filmpremiere dekoriert. Eine Popcornmaschine sorgte für echtes Kinoflair, dazu wurden Kinosnacks und Getränke angeboten. Nach der Vorführung waren alle Gäste zu einem Sektempfang und einem kleinen Buffet eingeladen.
Aus einem universitären Lehrprojekt wurde so ein außergewöhnlicher Abend, der bei allen Beteiligten noch lange in Erinnerung bleiben dürfte. Die zahlreichen begeisterten Reaktionen und der anhaltende Applaus zeigten eindrucksvoll, was für ein gelungenes Ergebnis bei dem Projekt entstanden ist. Was ursprünglich als Überarbeitung eines digitalen Hochschulkurses begann, entwickelte sich zu einem Gemeinschaftsprojekt, das Forschung, Lehre, und Zusammenarbeit mit Grundschulkindern miteinander verbindet.
Universität Regensburg / RNRed