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Im Sommer 2019 sorgte der Circus Afrika für viel Aufregung in Regensburg. Jetzt war ein anderer Zirkus in der Welterbestadt zu Gast – Teil des Programmes waren Tiger und Seelöwen. Und auch bei ihm kamen die Kontroversen nicht zu knapp.

Vom 05. Bis zum 08. März gastierte ein neuer Zirkus am Platz an der Bamberger Straße. Nachdem im August 2019 der Circus Afrika vor allem unter Tierschützern für Furore sorgte, versuchte in der vergangenen Woche der Moskauer Zirkus sein Glück in Regensburg. Regensburger Nachrichten war vor Ort, um sich vor allem von der Tierhaltung ein eigenes Bild zu machen.

Beim Betreten des Zirkusplatzes sticht einem der große Wagen mit den Wildkatzen sofort ins Auge. Schließlich ist es für die meisten Menschen nicht alltäglich, plötzlich vor sieben Tigern zu stehen, die einen unruhig durch die Gitterstäbe beobachten. Jedoch gehören die gemusterten Raubtiere genauso zum Alltag des Dompteurs Robano Kübler wie die kritischen Fragen, die die Wildtierhaltung im Moskauer Circus betreffen.

Tiger im Zirkus nicht mit Wildtieren zu vergleichen

Die Frage nach der artgerechten Tierhaltung überrascht Kübler überhaupt nicht. Er ist es gewohnt, dass man ihm und seiner Tigergruppe mit Skepsis entgegentritt. „Wir wissen selber, dass das nicht artgerecht ist“, stimmt er zu. Doch die Tiger könnte man nicht mit Tieren in freier Wildbahn gleichsetzen. „Sie müssen das Tier mit einer Hauskatze vergleichen.“ Da die Tiere im Zirkus geboren wurden, würden sie in der Wildnis nicht überleben können. Sie seien sensibler, dafür aber auch schlauer als ihre wilden Artgenossen. Für den Düsseldorfer scheinen die Wildkatzen wirklich seine Haustiere zu sein: Er ist nun schon mit seiner neunten Generation von Tigern auf Reisen. Dazu gehört ein schneeweißes Exemplar, das Kübler zufolge das einzige in ganz Deutschland sei. In der Manege träten immer nur drei Tiger auf, die Nummer ginge fünf Minuten. Es sei also kein Problem, wenn einer der Tiger mal keine Lust habe, aufzutreten.

Wie jedes Tier haben auch Tiger individuelle Eigenschaften, die laut Kübler gefördert werden müssen. Beispielsweise sei eine seiner Wildkatzen besonders „hyperaktiv“ und müsse dauerhaft beschäftigt werden, während sich eine zweite überhaupt nicht anfassen lasse. Um die Details dieser Merkmale besser verstehen zu können, habe er in Afrika die dort lebenden Wildkatzen studiert, erzählt der Wildtierlehrer. Tiger bräuchten jeden Tag eine neue Beschäftigung, um vollends ausgelastet zu sein. Kübler behauptet, es sei nicht so wichtig, wie groß das Gehege ist – es sei die Beschäftigung, die wirklich zähle.

Große Becken für die Seelöwen

Teil des Zirkusprogrammes sind jedoch nicht nur die Tiger, sondern auch zwei patagonische Seelöwenmännchen. Andrew und Lappy stammen aus Südamerika und sind im Zirkus geboren. Das ist auch der Grund, weshalb ihr Trainer Gary Jahn nur Englisch mit ihnen spricht. „Lappy, sing!“, „tongue“ oder „kiss“ gehören zum Standardprogramm. Laut Jahn seien Seelöwen genauso schlau wie Delphine und könnten Tricks wie diese innerhalb von 20 Minuten lernen. Das gelinge mithilfe eines Belohnungssystems: „Ohne Fisch geht gar nichts.“

Auch Gary Jahn muss Skepsis gegenüber seiner Wildtierhaltung entgegennehmen. Da Wildfang schon seit längerer Zeit verboten ist, wurden alle Tiere im Zirkus geboren. Laut ihrem Trainer würden die Seelöwen dort länger leben als in freier Wildbahn, da sie keinerlei Gefahr ausgesetzt seien. Nach 30 bis 33 Jahren sei das Leben eines wilden Seelöwen zu Ende – Andrew ist inzwischen schon 20 und putzmunter. Ebenfalls hätten in dem Außenbecken, das 100.000 Liter Wasser beinhaltet, normalerweise fünf Seelöwen Platz, so Jahn. Auch das Becken im Transportwagen, in dem sich die Tiere bei Nacht und auf Reisen aufhielten, sei mit 22.000 Litern Wasser größer als von den Zirkusrichtlinien gefordert.

Tierschützer waren alarmiert

Auch bei diesem Gastspiel sind vom TierrechteAktiv e.V. an allen Vorstellungstagen Demonstrationen angemeldet worden. Sie wollten bei den Zirkusbesuchern Aufmerksamkeit für artgerechte Tierhaltung und die Attraktivität eines wildtierfreien Zirkus erregen. Robano Kübler dagegen ist der Überzeugung, dass Zirkusse ganz bewusst falsch dargestellt werden: „Ich bin auch Tierschützer.“ Er würde niemals Verwahrlosung in einem Zirkus zulassen, dafür seien ihm seine Tiere viel zu wichtig. Zu den Protesten äußert er sich nur schulterzuckend: „Ihre Meinung ist okay, aber die Falschaussagen nicht.“ Laut ihm müssten alle Skeptiker eine Woche auf dem Zirkusgelände verbringen und ihm bei der Pflege der Wildkatzen helfen, um sich somit selbst von der Tierhaltung überzeugen zu können.

Auch ohne Besuch auf dem Zirkusgelände vertritt der Regensburger Tierschutzverein TierrechteAktiv e.V. eine gänzlich andere Meinung als der Tigerdompteur. Nach Angaben des Vereins hätte der Zirkus die Tiere nach seiner Ankunft am Zirkusplatz mindestens 37 Stunden nicht entladen. Dies belegen die Aktivisten mit Fotoaufnahmen von Montag und Dienstag, worauf geschlossene Wägen und leere Gehege zu sehen sind. Im Gespräch mit den Regensburger Nachrichten behauptete Kübler jedoch, dass die Tiger erst am Mittwochmorgen in Regensburg angekommen seien – zu diesem Zeitpunkt waren die Seelöwen und zwei der Tiger in den Außengehegen. Der Tierschutzverein behauptet außerdem, dass die Tiere nach der letzten Vorstellung am 8. März erneut 23 Stunden lang „in ihre Zellen gesperrt“ wurden, bevor der Zirkus die Weiterreise nach Weiden antrat.

In 27 europäischen Ländern, beispielsweise in Belgien, Österreich und den Niederlanden, sind bestimmte oder alle Tierarten im Zirkus verboten. Laut einer Forsa-Umfrage sind auch 82 Prozent der Deutschen der Meinung, dass Tiere im Zirkus nicht artgerecht gehalten werden. Auf die Frage, wie er mit einem potentiellen Wildtierverbot in Deutschland umgehen würde, reagiert Kübler ruhig. „Ich würde niemals meine Tiere abgeben.“ Seiner Meinung nach bestünde die Definition des Zirkus aus drei Grundpfeilern: Artisten, Clowns und Tiere. „Alles andere ist Betrug.“

Kontroversen bleiben bestehen

Wie schon beim Circus Afrika steht die Meinung der Tierschützer konträr zu jener der Zirkusbetreiber. Regensburger Nachrichten hat beide Zirkusse vor Ort besucht um sich ein Bild zu machen - und auch beim Moskauer Zirkus bleibt ein mulmiges Gefühl angesichts der Tiere in Gefangenschaft bestehen. Auch wenn weder Verwahrlosung noch Quälerei der Tiere festzustellen war, löst es dennoch eine Welle der Trauer aus, einem machtvollen Tiger durch Gitterstäbe in die Augen zu blicken. Auch der kleine Einblick in das Zirkusleben kann den Gedanken, ob die Tiere unter diesen Umständen wirklich glücklich sein können, nicht vertreiben.
Bildquelle: Kamerafoto / filterVERLAG | Anika Norys

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