Was hält eine Region zusammen und bringt sie voran? Vier Menschen aus Regensburg und dem Landkreis zeigen, wie viel entstehen kann, wenn Menschen anpacken: im Ehrenamt, in der Politik, im Unternehmen oder in der Bildung. Ihre Lebenswege könnten unterschiedlicher kaum sein und haben doch etwas gemeinsam.
Es war Mai 1956, als Ferdinand Härtl zum ersten Mal den Ortsverband des Technischen Hilfswerks in Regensburg betrat. Zwei Jahre zuvor hatte er als junger Bub das Jahrhunderthochwasser in Regensburg erlebt und in all dem Chaos weißgekleidete Männer mit Gummistiefeln beobachtet, die anpackten, um die Stadt vor den Wassermassen zu schützen. Wer diese Menschen seien, wollte er wissen. „Das sind die Männer vom THW“, wurde ihm erklärt. „Sie arbeiten im Katastrophenschutz.“ Das war der Moment, an dem er wusste, dass er einer von ihnen sein wollte. Und so trat er zwei Jahre später, im zarten Alter von 13 Jahren, dem Verband bei. Eine Jugendgruppe gab es damals noch nicht. Sein Vater musste daher die Beitrittserklärung unterschreiben, um für ihn zu bürgen, da er selbst noch nicht berechtigt war. Da stand er nun, bei Weitem der Jüngste unter all den „gestandenen Mannsbildern“. Was er fand, war eine starke Gemeinschaft von Männern, die Probleme nicht diskutierten, sondern lösten. Die nicht fragten, ob es ihre Aufgabe sei, sondern dort hingingen, wo sie gebraucht wurden. „Das war meins“, sagt er heute, sieben Jahrzehnte später, immer noch voller Stolz.
Härtl ist inzwischen 83 und hat an unzähligen Einsätzen teilgenommen. „Viele davon waren nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich, weil wir damals keine professionelle Ausrüstung hatten“, erklärt er. Seile, Winden, Schaufeln, Schubkarren und Strickleitern – mehr gab es nicht. Von moderner Arbeits- und Schutzkleidung ganz zu schweigen. Lediglich Gummistiefel hatten sie, die sie bei Hochwasser vor der Nässe schützten. Anstelle von Einsatzfahrzeugen verfügte die Truppe damals lediglich über ein Lastenfahrrad. Doch das trübte seine Moral nie. Er füllte Sandsäcke und errichtete Hochwassersperren, wenn die Donau mal wieder über die Ufer trat, führte Felssprengungen durch und half, wo er nur konnte, wenn Menschen in Gefahr gerieten. Doch seine Arbeit umfasste nicht nur die Bewältigung von Katastrophen, sondern bescherte ihm auch einige außergewöhnliche Erlebnisse. So war er dabei, als das THW 1972 die Olympischen Spiele in München unterstützte – ein Highlight, das er bis heute nicht vergessen hat. Er erlebte die Besuche von Papst Johannes Paul II. 1996 und Papst Benedikt 2006 in der Domstadt, fotografierte Einsätze, schrieb Berichte für das THW-Journal, half in der Küche, in der Ausbildung, überall dort, wo jemand gebraucht wurde, ohne je zu fragen, ob das zu seiner Rolle gehöre. Nicht weil er musste, sondern weil es das Richtige war.
„Ich habe keinen einzigen Tag bereut. Das THW ist mein Leben“
Vieles hat sich seitdem verändert. Das THW entwickelte sich über die Jahre von einer kleinen Mannschaft wagemutiger Männer zu einer starken und hochmodernen Einsatztruppe mit einem Fuhrpark schwerer Maschinen und hochmoderner Einsatzgeräte. Der Verband umfasst verschiedene Fachgruppen, die auch jungen Menschen hervorragende Ausbildungs- und Entwicklungschancen bieten. Auch Frauen gehören heute ganz selbstverständlich zum Bild der Truppe – damals wäre das undenkbar gewesen. „Unsere Mädels können ganz schön anpacken“, freut sich Härtl. „Die sind selbstbewusst und übernehmen viele Führungspositionen und das ist auch gut so.“ Geblieben sind die Kameradschaft, der Wille zu helfen und füreinander einzustehen. Ein Gefühl, das er in unserer modernen Gesellschaft manchmal vermisst.
Dass er für die unzähligen Einsätze und schlaflosen Nächte nie entlohnt wurde, stört ihn nicht. „Was man vom Ehrenamt zurückbekommt, ist unbezahlbar“, sagt er. „Die Dankbarkeit der Menschen, das Gefühl, gebraucht zu werden, anderen helfen zu können.“ Das lasse sich mit nichts aufwiegen. Ohne das Ehrenamt, sagt er, würde vieles in diesem Land nicht so funktionieren, wie es funktioniert. Das sei ein Beitrag, den kein Staat der Welt bezahlen könne, auch wenn er wollte. Er wünsche sich, dass die Politik das mehr wertschätze, und zwar mit konkreter, struktureller Unterstützung für die Menschen.
Im Mai dieses Jahres wurde Ferdinand Härtl für 70 Jahre Ehrenamtsdienst beim THW ausgezeichnet. Zur Feier im Rosarium in Regensburg kamen der Oberbürgermeister, Abgeordnete des Landtags und des Bundestags, der Landesbeauftragte des THW sowie Vertreter der Feuerwehr und der DLRG, bei denen er ebenfalls Mitglied ist. Eine lange Reihe von Menschen, die einem Mann die Hand schüttelten, der nie im Rampenlicht stand und auch nie danach strebte.
„Ich habe keinen einzigen Tag bereut“, sagt Härtl. „Das THW ist mein Leben.“ Und er hat noch Pläne: „Die 80 Jahre Mitgliedschaft würde ich gerne noch vollmachen.“

© THW Regensburg
Ferdinand Härtl hat nie viel Aufhebens um sich gemacht. Sieben Jahrzehnte lang war er da, wenn Hilfe gebraucht wurde. Sein Leben zeigt, dass gesellschaftliches Engagement weder eine besondere Stellung noch ein hohes Amt voraussetzt. In einer Zeit, in der oft darüber diskutiert wird, was in unserer Gesellschaft alles schiefläuft, ist er ein guter Beweis dafür, wie viel möglich ist, wenn Menschen füreinander einstehen.
„Wenn die Chance kommt, an exponierter Stelle Verantwortung zu übernehmen, kann man sich nicht wegducken“
Tanja Schweiger hätte sich das Amt der Landrätin nicht selbst ausgesucht. 2007 wurde sie gefragt, ob sie kandidieren wolle. Ihr erster Gedanke: „Da sagt man jetzt nicht gleich nein.“ Ihr Zweiter: „Kritisiert hast du schon oft genug. Wenn die Chance kommt, an exponierter Stelle Verantwortung zu übernehmen, kann man sich nicht wegducken.“
Sie nahm die Herausforderung an, erzielte einen Achtungserfolg, wurde in den Landtag gewählt, trat 2014 erneut an, setzte sich erfolgreich gegen fünf weitere Bewerber durch und wurde ins Amt gewählt. Zwölf Jahre später, im März 2026, wurde sie mit 60,3 Prozent im ersten Wahlgang zum zweiten Mal in ihrem Amt bestätigt – ein Ergebnis, das für sich spricht.
Der Landkreis Regensburg vereint vieles, was auf den ersten Blick nicht selbstverständlich zusammenpasst: internationale Unternehmen und kleine Familienbetriebe, schnell wachsende Gemeinden und ländlich geprägte Orte, Innovation und Tradition. Für Tanja Schweiger liegt genau darin die Stärke der Region. Sie ist überzeugt, dass die besten Lösungen entstehen, wenn unterschiedliche Menschen sich vernetzen und gemeinsam Lösungen entwickeln.
„Verantwortung für den Landkreis Regensburg tragen zu dürfen, empfinde ich jeden Tag aufs Neue als Ehre.“
Was sie antreibt, ist die tägliche Begegnung mit Menschen, die daran arbeiten, etwas für die Region zu bewirken. „Die Begegnungen mit engagierten Bürgern, Ehrenamtlichen sowie Unternehmern zeigen mir, wie viel Potenzial in unserer Region steckt. Dies motiviert mich immer wieder, mich mit ganzer Kraft für den Landkreis einzusetzen. Verantwortung für den Landkreis Regensburg tragen zu dürfen, empfinde ich jeden Tag aufs Neue als Ehre.“
Die vergangenen Jahre haben den Landkreis immer wieder vor außergewöhnliche Herausforderungen gestellt: zwei große Flüchtlingsströme, die Suche nach Unterkunftsmöglichkeiten und die Bereitstellung des Hotelschiffs „MS Rossini“, die Corona-Pandemie sowie der schnelle Aufbau von Test- und Impfzentren. Rückblickend kann Tanja Schweiger kaum glauben, wie all das in kurzer Zeit bewältigt werden konnte: „Das war nur möglich, weil überall Menschen Verantwortung übernommen und an einem Strang gezogen haben, in der Verwaltung ebenso wie bei den beteiligten Organisationen. Es ist jedes Mal beeindruckend zu erleben, welches Wissen und welche Kompetenz vorhanden sind und was wir bewirken können, wenn alle gemeinsam anpacken.“
Schweiger lächelt bei der Erinnerung. Je älter sie werde, desto bewusster nehme sie wahr, was diese Region zu bieten habe. Der Oberpfälzer sei von Haus aus ein bisschen zurückhaltend. Das dürfe man ruhig ablegen. Ein wenig mehr Regionalstolz würde dieser Gegend guttun, nicht aus Überheblichkeit, sondern als Wertschätzung für das, was hier täglich geleistet werde und als Inspiration für Weiteres.
Manchmal braucht es jedoch den Blick von außen, um zu erkennen, was man vor der eigenen Haustür hat. Vor Kurzem waren Gäste aus Hamburg wegen eines Digitalisierungsprojekts im Landkreis zu Besuch. Nach Feierabend zeigte ihnen ein Mitarbeiter die Walhalla und anschließend verbrachten sie den Abend gemeinsam in der Regensburger Altstadt. Die Besucher waren so begeistert, dass sie ihre Dienstreise am liebsten verlängert hätten. „Sie sagten: Man hat ja das Gefühl, man ist in Italien“, erzählt Schweiger. Solche Momente zeigen ihr immer wieder, wie schnell man das Besondere als selbstverständlich hinnimmt, wenn man hier aufgewachsen ist.
Das größte ungenutzte Potenzial sieht sie in der Vernetzung: zwischen Unternehmern, dem sozialen Bereich und der Gesellschaft. „Ich glaube, dass wir viel mehr Gemeinsamkeiten haben als Unterschiede“, sagt sie. Es gehe darum, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen und noch besser zu wissen, was die Region alles zu bieten habe. Sie erlebe es immer wieder, dass an einem Tisch Menschen zusammenkämen, die dieselben Ideen verfolgten, vor denselben Herausforderungen stünden und trotzdem nie miteinander gesprochen hätten. „Wenn unterschiedliche Menschen miteinander ins Gespräch kommen, entstehen die besten Lösungen“, betont sie.
„Jede Investitionsentscheidung, die nicht getroffen wird, schwächt unseren Standort“
Neben einer engmaschigeren Vernetzung sieht sie auch eine große Notwendigkeit für stetige Investitionen in moderne Technologien und in die Digitalisierung. Denn wer hier den Anschluss verliert, wird im globalen Wettbewerb schnell abgehängt. Im bundesweiten Ranking zur Verwaltungsdigitalisierung belegt der Landkreis Regensburg unter allen deutschen Landkreisen den ersten Platz. Darauf ist die Landrätin stolz, will jedoch keinesfalls den Fuß vom Gas nehmen. Sie wisse genau, was in der Region in Sachen digitaler Infrastruktur noch nicht laufe und wo wir noch hinmüssen.
Genau das ist ihr eigentliches Thema: Investitionen, denn sie entscheiden über den Erfolg von morgen. „Wir müssen weiterhin investieren – und das auf allen Ebenen. In Köpfe, in Know-how, in Innovation, in Technologie, in Digitalisierung.“ Sie denkt dabei nicht nur an den Landkreis, sondern auch an die gesamte wirtschaftliche Struktur der Region. Einige der ansässigen Firmen seien Weltmarktführer, aber das sei kein Naturgesetz. „Unternehmen müssen täglich daran arbeiten, ihre Position zu behalten. Was für sie gilt, gilt ebenso für die Verwaltung. Jede Investitionsentscheidung, die nicht getroffen wird, schwächt unseren Standort“, betont sie.

© HC_Wagner
Was sie besorgt, ist nicht der Mangel an Ideen oder Ressourcen. Es ist eine Haltung, die sie in jüngster Zeit bei einigen Unternehmern, in Verwaltungen und in der öffentlichen Debatte beobachtet. Eine Art kollektives Zögern, das sich festsetzt. „Ich habe die Sorge, dass sich Unternehmer und Verwaltungen das eine oder andere nicht mehr trauen.“ Die Signale aus Berlin bereiteten mehr Sorgen als Hoffnung. Aber genau das dürfe nicht dazu führen, dass man sich entmutigen lasse. Die Region lebe von ihrer wirtschaftlichen Vielfalt. Diese Vielfalt sei ihre Stärke. Aber sie müsse besser gebündelt werden, damit daraus mehr hervorgehen könne. Verkehrsinfrastruktur, Mobilität, Digitalisierung, attraktives Arbeiten und Wohnen abseits der Metropolen: Das seien die Themen, um die es gehe. „Wenn man zurückblickt“, sagt sie, „sind heute die Regionen stark, die mutig und mit Weitblick vorangegangen sind und nicht die, die gezaudert haben.“
Doch eine Region entwickelt sich nicht allein durch politische Entscheidungen. Sie lebt von den Menschen, die sie Tag für Tag mitgestalten. Sie schaffen Arbeitsplätze, bilden junge Menschen aus und entscheiden darüber, ob Ideen umgesetzt werden oder im Sande verlaufen. Sie prägen damit nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung, sondern besonders den gesellschaftlichen Zusammenhalt im Landkreis.
„Die DNA der freien Reichsstadt lebt noch“
Die Reinhausen GmbH (MR, bis März 2026 Maschinenfabrik Reinhausen GmbH) produziert seit 1929 vor allem Widerstandsschnellschalter in Regensburg. Das Unternehmen ist tief in der Region verwurzelt, obwohl der globale Wettbewerb längst kostengünstigere Standorte bietet. Für Dr. Nicolas Maier-Scheubeck ist das eine bewusste Entscheidung. Die in bald 100 Jahren gewachsene Unternehmenskultur ist für ihn ein ortsgebundener Wettbewerbsvorteil, den man nicht geringschätzen dürfe. Das Unternehmen lebe nicht von der Massenproduktion, sondern von der Fähigkeit, technisch anspruchsvolle Lösungen für Stromnetze zu entwickeln und kundenindividuell herzustellen. „Es gibt nur wenige Unternehmen, die maßgeschneiderte Lösungen in so hoher Stückzahl liefern können wie wir“, erklärt er.
Der gebürtige Regensburger studierte an der hiesigen Universität sowie in Köln, promovierte anschließend und trat – nach Stationen in Industrie und Beratung – im April 1996 in die Geschäftsführung der MR ein und leitete diese seit 2010 als deren Sprecher. Unter seiner Führung wuchs das Familienunternehmen von einem Jahresumsatz von rund 100 Millionen Euro und 1.000 Beschäftigten zu einer marktführenden Unternehmensgruppe mit 1,5 Milliarden Euro Umsatz, bald 6.000 Mitarbeitenden und über 50 Tochtergesellschaften. Allein am Stammsitz in Regensburg sind heute rund 3.000 Personen beschäftigt.

© Reinhausen GmbH
Dass er in die Domstadt zurückkehrte, war auch das Resultat des vorzeitigen Ausscheidens seines Vorgängers. Die Chance, Verantwortung für die bereits erfolgreiche MR zu übernehmen, fügte sich aber auch mit der familiären Situation – sowohl Mutter als auch Ehefrau betrieben in Regensburg Einzelhandelsgeschäfte. Nach der Geburt der einzigen Tochter und dem wachsenden geschäftlichen Erfolg entwickelte sich das Gefühl, am richtigen Ort angekommen zu sein. „Das hat einfach gepasst“, sagt er. Sich bietende Karrieremöglichkeiten bei anderen Unternehmen schlug er konsequent aus.
Doch nicht nur das Unternehmen selbst, sondern auch die Stadt, die ganze Region und vor allem deren Bewohner verfügen offensichtlich über das gewisse Etwas, das diesen Teil des Landes so besonders macht.
„Die DNA der freien Reichsstadt lebt noch“, sagt Maier-Scheubeck. „Da ist ein spürbarer Stolz auf die Andersartigkeit, ein Mir-san-Mir-Gefühl, gepaart mit der Bodenständigkeit des Oberpfälzers.“ Aus seiner Sicht passt diese Mentalität gut zu dem, was die Reinhausen GmbH seit vielen Jahrzehnten auszeichnet: Die langfristige Orientierung, die hohe Sorgfalt und die Lust an der Bewältigung herausfordernder Aufgaben sowie die große wechselseitige Hilfsbereitschaft seien Teil einer Unternehmenskultur, die sich am Standort Regensburg über viele Generationen hinweg entwickelt habe.
„Culture eats strategy for breakfast“
Ein wichtiger Leitsatz aus drei Jahrzehnten Unternehmensführung stammt von dem amerikanischen Management-Berater Peter Drucker: „Culture eats strategy for breakfast.“ Dieses Prinzip hat Maier-Scheubeck in seinen drei Jahrzehnten an der Spitze der MR stets begleitet. „Die Unternehmenskultur ist der unsichtbare Kitt, der hier alles miteinander verbindet. Der Geist, der in den Hallen schwebt“, erklärt er. Das ist Vorteil, aber auch Nachteil zugleich, lasse sich die Unternehmenskultur doch nur sehr langsam verändern und entscheide am Ende doch stets über Erfolg und Misserfolg der Unternehmensstrategie.
Als er vor 30 Jahren in die Geschäftsführung eintrat, wollte er zunächst vieles „nach Lehrbuch“ modernisieren. Zumal als einer von sehr wenigen Betriebswirten in einem von Ingenieuren dominierten, technikgetriebenen Unternehmen. Heute sieht er das wesentlich differenzierter. Kontinuierlicher Wandel sei zwar notwendig, letztlich aber nur dann erfolgreich, wenn er konsequent auf dem aufbaue, was in den Köpfen und Herzen der Mitarbeitenden bereits angelegt sei. Eine Veränderung der Unternehmenskultur könne man insofern nicht verordnen. Man müsse diese pflegen, zielgerichtet weiterentwickeln und vor allem auch glaubhaft vorleben. Diese Haltung prägt auch sein Verständnis von gesellschaftlicher Verantwortung. Unternehmen müssten mehr leisten als nur wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Sie seien schließlich Teil einer Region und trügen Verantwortung nicht nur für die Beschäftigten und deren Familien, sondern auch für die Allgemeinheit.
Daher engagiert sich Maier-Scheubeck auch gerne über seinen eigentlichen Verantwortungsbereich hinaus. Und das nicht nur in berufsnahen Gremien wie der IHK oder dem Arbeitgeberverband. Mit der Scheubeck-Jansen Stiftung fördern die Eigentümer der MR seit 2001 MINT-Projekte in Wissenschaft und Bildung – vom Kindergarten bis hin zur Hochschule. Ziel ist es, unter anderem mehr Mädchen und junge Frauen für Technik und Naturwissenschaften zu begeistern. Die MINT-Labs Regensburg im städtischen RUBINA-Haus sind sichtbares Ergebnis dieses Engagements für eine lebenswerte Zukunft der Region. Gleichzeitig unterhält die Reinhausen GmbH eine eigene Kinderkrippe und plant aktuell, diese um einen Betriebskindergarten zu erweitern. Viele Belegschaftsmitglieder wohnen im Landkreis und schätzen die Möglichkeit der arbeitsplatznahen Unterbringung des Nachwuchses, was nicht zuletzt für Teilzeitkräfte den Tagesablauf erheblich erleichtert.
Auch innerhalb des Unternehmens soll Gemeinschaft entstehen. Es gibt eine eigene Blaskapelle (mit Maier-Scheubeck als Schirmherr) die nicht nur ein vielbesuchtes Weihnachtskonzert gibt, sondern bei Betriebsfesten und vereinzelt auch Kundenbesuchen aufspielt. Weiterhin werden zahlreiche Betriebssportgruppen aktiv unterstützt – nicht zu vergessen die regelmäßigen Feiern für Jubilare aber auch Betriebsrentner. Für Maier-Scheubeck sind solche Angebote kein nettes Extra, sondern die Basis für ein hierarchie- und abteilungsübergreifendes Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Menschen begegnen sich dabei auch außerhalb ihres Arbeitsalltags – und bringen das dort praktizierte Miteinander dann wieder zurück ins Unternehmen.
Dabei richtet sich sein Blick längst nicht nur auf die MR. Wenn er heute mit Menschen seiner Generation spricht, dann spürt er, dass der Blick zu oft auf die Vergangenheit gerichtet ist und nicht auf die Zukunft. „Da ist mehr Erinnerung als Aufbruch. Das Narrativ, früher sei alles besser gewesen, macht mir mehr Sorgen als jeder politische Streit.“
Für ihn ist die Region weit besser aufgestellt als sie oft dargestellt wird. In Unternehmen, Vereinen und Nachbarschaften funktioniere vieles erstaunlich gut. Menschen engagierten sich, übernähmen Verantwortung und gestalteten ihre Umgebung aktiv mit. Diese Realität gehe in der öffentlichen Debatte vielfach unter.
„Man kann die große Welt nicht ändern – die kleine Welt um sich herum dagegen schon“
Ende Juli übergab Dr. Nicolas Maier-Scheubeck, nach etwas mehr als 30 Jahren als Geschäftsführer der Reinhausen GmbH, den Staffelstab an seine Nachfolger. Mit ihm geht viel Erfahrung zu Märkten, Abläufen und Menschen sowie ein ganz besonderer Tonfall – das sehen viele im Unternehmen so. Was bleibt, ist seine Überzeugung, dass langfristiger Erfolg nicht allein durch Strategien oder Strukturen entsteht, sondern eben auch durch die Art, mit welcher Motivation die Menschen Tag für Tag zusammenarbeiten. Und an der Weiterentwicklung dieser Unternehmenskultur hat er in den zurückliegenden Jahrzehnten kräftig mitgewirkt – in einer so langen Zeit sollte ein zukunftsfestes Fundament gelegt worden sein.
Maier-Scheubeck plädiert für Mut und Zuversicht – und vor dem Hintergrund der sehr konservativen Branche der Energieversorger für einen längeren Atem. Echter Fortschritt ergäbe sich nicht durch kurzfristige Erfolge, sondern resultiere aus Entscheidungen, deren Wirkung sich oft erst viele Jahre später zeige. Schon Bill Gates wusste: „Die Menschen überschätzen, was innerhalb von zwei Jahren passiert und unterschätzen, was durch konsequentes Handeln binnen zehn Jahren gelingen kann.“ Insofern kann, wer langfristig denkt, oft überraschend früh ans Ziel gelangen. Das gelte für die Entwicklung neuer Technologien ebenso wie für die Anwendung von Wissen und Erfahrung sowie den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Wer Verantwortung übernehme, müsse bereit sein, in die Zukunft zu investieren, auch wenn der Nutzen nicht sofort sichtbar werde. Genau darin sieht er eine der größten Aufgaben seiner Generation: Bedingungen zu schaffen, von denen andere noch lange profitieren können.
„Man kann die große Welt nicht ändern, die kleine Welt um sich herum dagegen schon“, sagt er zum Abschluss. „Jeder Mensch, auf den man positiv einwirkt, gibt einen Teil dieser Energie an andere weiter.“
„Ich möchte alle Kinder erreichen“
Schon während ihres Bachelorstudiums der Sensorik und Analytik stellte sich Nina Sindersberger immer wieder dieselbe Frage: Warum sitzen hier so wenige Frauen? Auch während ihres Forschungsmasters und ihrer anschließenden Promotion im Bereich Maschinenbau ließ sie diese Frage nicht los. Auf der Suche nach einer Antwort engagierte sie sich in verschiedenen MINT-Initiativen, betreute Jugendliche in Mentoring-Programmen und bot Workshops für Familien an. Dabei wurde ihr zunehmend klar, dass die Begeisterung für Technik nicht erst im Studium oder in der Schule entsteht, sondern bereits viel früher. Gleichzeitig bemerkte sie, dass sie mit ihren Angeboten immer dieselben jungen Menschen erreichte – diejenigen, deren Eltern ohnehin Wert auf Bildung legten und zusätzliche Kurse bezahlen konnten. Doch was war mit den Kindern, die diese Möglichkeiten nicht hatten? Sollten sie einfach durchs Raster fallen? Für Nina Sindersberger war das keine Option.
„Ich möchte alle Kinder erreichen“, erklärt sie. „Ich möchte ihnen die Möglichkeit geben, sich zu entscheiden: Machen mir Naturwissenschaften Spaß oder nicht? Möchte ich Ingenieurin oder Ingenieur werden – oder eben etwas ganz anderes?“
Für Sindersberger beginnt Chancengleichheit bereits lange vor der Berufswahl. Daher suchte sie nach einer Möglichkeit, Kinder unabhängig von ihrer Herkunft oder den finanziellen Möglichkeiten ihrer Eltern zu erreichen, und schnell wurde klar: Der Ort, an dem sie alle zusammenkommen und viel Zeit miteinander verbringen, ist der Kindergarten.
Doch auch dort erkannte sie ein Problem. Erzieherinnen und Erzieher wollten Kindern vielfältige Erfahrungen ermöglichen, hatten dafür jedoch oft weder die Zeit noch den technischen Hintergrund. Neue MINT-Angebote bedeuteten meist zusätzliche Vorbereitung und Einarbeitung. Genau diese Hürde wollte sie beseitigen.
Gemeinsam mit ihrem Mann entwickelte die promovierte Maschinenbauingenieurin deshalb unter dem Namen „NaWi-Geht's?“ Experimentierkästen für Kindergärten, die sich ohne Vorbereitung in den Alltag integrieren lassen. Malen, Basteln, Experimente und kleine Projekte greifen ineinander und sind so aufgebaut, dass pädagogische Fachkräfte ohne MINT-Vorkenntnisse, technischen Hintergrund oder aufwendige Vorbereitung sofort loslegen können. Alle Experimente wurden vorab in unterschiedlichen Umgebungen getestet. Nur die, die zuverlässig funktionierten, schafften es in die Kästen. „Wenn das Experiment nicht klappt, dann haben die Kinder keinen Spaß“, sagt sie. „Und das ist schade.“ Die Anleitungen führen Schritt für Schritt durch jedes Experiment und sind so formuliert, dass sie direkt auf Kinderniveau vorgelesen werden können. Erzieherinnen und Erzieher sollen nicht erst einen Abend in die Vorbereitung investieren müssen, sondern einfach starten können.

© Florian Hammerich
Beim Hochschulgründertag 2025 der OTH Regensburg gewann Nina Sindersberger mit ihrem Projekt den Nachhaltigkeitspreis. Einen wichtigen Anteil daran hatte das Female-Founders-Programm der Hochschule, das Gründerinnen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit begleitet und unterstützt. „Als Mama von zwei Kindern war ich schon immer sehr sicherheitsliebend. Ich dachte mir immer: ‚Irgendwann mache ich das vielleicht mal’. Das Programm hat mir den Mut gegeben, die Idee auszusprechen. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich sicher nicht angefangen. Sie wäre in meinem Kopf geblieben.“
Heute ermutigt sie andere, ebenfalls diesen Schritt zu gehen. Gerade Frauen würden ihre Ideen oft viel länger hinterfragen als Männer. „Ich glaube, wir brauchen andere Startbedingungen. Viele Frauen wägen erst jedes Risiko ab. Männer probieren häufig einfach aus.“
Trotzdem sieht sie darin auch eine Stärke. Während technische Innovationen oft aus wirtschaftlichen Überlegungen entstehen, haben viele Gründerinnen einen zusätzlichen Anspruch. „Ganz oft wollen sie mit ihren Ideen auch etwas für die Gesellschaft bewirken.
„Kinder sind unfassbar wichtig für uns alle. Sie gestalten unsere Zukunft."
Nina Sindersberger wünscht sich vor allem eines: mehr Wertschätzung für die frühkindliche Bildung. Kindergärten seien weit mehr als nur Betreuungsorte. Dort würden die Grundlagen für Neugier, Kreativität und Selbstvertrauen gelegt. Gleichzeitig fehlten oft Zeit, Personal und finanzielle Mittel, um Kindern die Vielfalt an Erfahrungen zu ermöglichen, die sie eigentlich bräuchten. Für Sindersberger steht fest: „Kinder sind unfassbar wichtig für uns alle. Sie gestalten unsere Zukunft. Ihr Ziel ist ambitioniert: „In zehn Jahren möchte ich alle Kinder in Deutschland erreichen.“
Dass Nina Sindersberger Regensburg nie verlassen hat, überrascht sie kaum. „Regensburg fühlt sich einfach nach Heimat an“, sagt sie. „Wenn ich durch die Gassen gehe, denke ich mir jedes Mal, wie wunderschön das eigentlich alles ist.“ Sie schätzt die besondere Mischung aus historischer Stadt, familiärer Atmosphäre und internationaler Vernetzung. Gerade als Gründungsstandort biete Regensburg etwas, das sie anderswo selten erlebt habe: kurze Wege, persönliche Netzwerke und gleichzeitig Verbindungen weit über die Region hinaus, etwa durch die Nähe zu Tschechien. Was ihr jedoch oft fehle, sei ein gesunder Stolz auf das, was hier bereits vorhanden sei. „Wir könnten viel stolzer präsentieren, was wir hier haben. Es gibt so viele Möglichkeiten in Regensburg. Man muss nur die Augen aufmachen.“
Genau das versucht sie selbst vorzuleben. Neben ihrer Arbeit als Gründerin und Wissenschaftlerin engagiert sie sich unter anderem bei ForschJung sowie der Volkshochschule und arbeitet hauptberuflich als Projektleiterin eines bayerisch-tschechischen Studenteninkubators an der OTH Regensburg. Für sie muss gesellschaftliches Engagement kein politisches Amt bedeuten. „Ich kann auch so meinen Beitrag leisten und unterstützen.“ Diese Haltung wünsche sie sich von mehr Menschen: dort anzupacken, wo jeder Einzelne etwas bewegen kann.
„Jeder bedient sein Zahnrädchen“
Vier Menschen. Vier Lebenswege. Und doch verbindet sie etwas. Keiner von ihnen wartet darauf, dass andere die Dinge verändern. Ferdinand Härtl zeigt seit sieben Jahrzehnten, was es heißt, Verantwortung für andere zu übernehmen. Tanja Schweiger gestaltet die Zukunft der Region, indem sie unterschiedliche Interessen zusammenführt und gemeinsame Lösungen ermöglicht. Dr. Nicolas Maier-Scheubeck hat über Jahrzehnte ein Unternehmen ausgebaut, das Mitarbeitende und deren Familien, energietechnische Innovationen und Verantwortung für die Region gleichermaßen in den Mittelpunkt stellt. Nina Sindersberger gibt Kindern die Chance, ihre Talente zu entdecken, bevor Vorurteile oder fehlende Möglichkeiten ihnen Grenzen setzen.
Sie alle zeigen, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht durch große Reden entsteht. Er beginnt dort, wo Menschen ihre Fähigkeiten einsetzen, Verantwortung übernehmen und andere mitnehmen – im Verein, im Unternehmen, in der Wissenschaft, im Ehrenamt oder im Kindergarten. Denn wie Tanja Schweiger sagt: „Jeder bedient sein Zahnrädchen.“
Vielleicht ist genau das die größte Stärke dieser Region: die vielen Menschen, die jeden Tag ihren Teil dazu beitragen, dass Regensburg und sein Umland lebenswert bleiben. Denn Heimat ist nicht einfach nur der Ort, an dem wir leben. Sie entsteht jeden Tag neu – durch das, was wir füreinander tun.
Kathrin Gnilka / RNRed