Wie wirkt sich wahrgenommener Antisemitismus auf die psychische Gesundheit jüdischer Studierender aus? Dieser Frage ist ein Forschungsteam unter Leitung der Universität Regensburg nachgegangen. Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zu nichtjüdischen Studierenden und macht zugleich sichtbar, welche Faktoren die Belastung beeinflussen.
Antisemitismus hat in Deutschland stark zugenommen. Was diese Entwicklung für die psychische Gesundheit jüdischer Studierender bedeutet, wurde bislang kaum empirisch untersucht. Eine aktuelle Studie von Forschenden der Universität Regensburg und der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin unter Leitung der Regensburger Kinder- und Jugendpsychiaterin Dr. Irina Jarvers zeigt nun: Jüdische Studierende sind psychisch deutlich stärker belastet als ihre nichtjüdischen Kommilitoninnen und Kommilitonen. Als zentraler Risikofaktor erwies sich dabei wahrgenommener Antisemitismus.
320 Studierende für Untersuchung befragt
Zwischen Juni und September 2024 befragten die Forschenden in einer Online-Erhebung 320 Studierende in Deutschland, davon 151 mit jüdischer Selbstidentifikation. Untersucht wurden die Themen Stress, Angst, Depressivität und Selbstwert mit etablierten Fragebogenverfahren sowie persönlich wahrgenommener Antisemitismus, Sicherheitsgefühl, jüdische Identifikation und Verbundenheit mit Israel. Wahrgenommener Antisemitismus bezeichnet dabei die persönliche Einschätzung der Befragten, wie verbreitet und wie gravierend antisemitische Einstellungen sind, zusammengefasst aus drei Angaben: zu Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft allgemein, zu israelbezogenem Antisemitismus und zu Antisemitismus im akademischen Umfeld. Zugrunde gelegt wurde die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance.
Rekrutiert wurde über jüdische Studierendennetzwerke und Aushänge an Berliner Hochschulen. Da in Deutschland keine Daten dazu vorliegen, wie sich jüdische Studierende insgesamt zusammensetzen, lässt sich die Repräsentativität der Stichprobe nicht prüfen. Die Ergebnisse beschreiben deshalb Muster innerhalb dieser Gruppe und sind keine Hochrechnung auf alle jüdischen Studierenden in Deutschland.
Angst zeigt den deutlichsten Unterschied
Das Ergebnis der Studie: Jüdische Studierende berichteten über signifikant höhere Werte bei den Themen Angst, Depressivität und Stress als ihre nichtjüdischen Kommilitoninnen und Kommilitonen. Der deutlichste Unterschied zeigte sich beim Thema Angst. Beim Thema Selbstwert gab es dagegen keinen Unterschied zwischen den Gruppen. Auch wenn Alter, Geschlecht, Einkommen, politische Orientierung und psychiatrische Vorgeschichte statistisch berücksichtigt wurden, blieb die jüdische Zugehörigkeit ein eigenständiger Vorhersagefaktor für alle drei Belastungsmaße.
Wahrgenommener Antisemitismus erhöht die Belastung
Innerhalb der Gruppe der jüdischen Studierenden untersuchten die Forschenden, welche Faktoren mit der Belastung zusammenhängen. „Gemeinsam ließ sich mit ihnen etwa die Hälfte der Unterschiede im Stresserleben zwischen den Befragten nachvollziehen, ein für sozialwissenschaftliche Studien hoher Wert“, so Irina Javers. Am deutlichsten fiel der wahrgenommene Antisemitismus ins Gewicht: Je stärker die Befragten Antisemitismus in der Gesellschaft, im Israelbezug und im akademischen Umfeld wahrnahmen, desto höher waren Stress, Angst und Depressivität. Ein hoher Selbstwert wirkte durchgehend schützend. Eine stärkere Verbundenheit mit Israel ging mit höheren Stresswerten einher.
Mehr als die Hälfte fühlt sich nicht sicher
Die Zahlen zum Sicherheitsempfinden sind deutlich: Die befragten jüdischen Studierenden schätzten, dass im Durchschnitt 46,5 Prozent der deutschen Bevölkerung negative Einstellungen gegenüber Jüdinnen und Juden haben. 54,3 Prozent fühlten sich als jüdische Person in Deutschland nicht oder eher nicht sicher, nur 5,3 Prozent fühlten sich sehr sicher. 86,8 Prozent führten den von ihnen wahrgenommenen Anstieg des Antisemitismus auf den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und die darauffolgenden gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zurück.
Bemerkenswert ist ein weiterer Befund: Die jüdische Identifikation der Befragten hat sich durch das Ereignis nicht geschwächt, sondern ist im vergangenen Jahr sogar noch gestiegen. Je stärker Befragte Antisemitismus wahrnahmen, desto stärker beschrieben sie ihre jüdische Identität. Wahrgenommene Bedrohung und Identitätsstärkung gehen hier also Hand in Hand.
Für die Forschenden war besonders spannend, dass sich der Selbstwert zwischen jüdischen und nichtjüdischen Studierenden nicht unterschied. „Es spricht dafür, dass die erhöhte Belastung nicht auf ein geringeres Selbstwertgefühl zurückgeht, sondern auf die äußeren Bedingungen, unter denen diese Studierenden leben und studieren“, sagt Irina Jarvers.
Was bedeutet das praktisch?
„Die Studie legt nahe, dass psychosoziale Beratungsstellen an Hochschulen für identitätsbezogene Belastungen und auch für subtile Formen von Antisemitismus sensibilisiert sein sollten“, so Jarvers. Da sich der Selbstwert als Schutzfaktor erweise, könnten Angebote, die persönliche Ressourcen und Bewältigungsstrategien stärken, einen Teil der Belastung abfedern. Präventiv könnten Hochschulen Antisemitismus in ihren Diversitätsstrategien explizit adressieren und einen respektvollen Umgang in politisch aufgeladenen Debatten fördern.
Universität Regensburg / RNRed