Was macht ein gutes Leben aus? Und warum sind manche Menschen zufriedener als andere? Die Regensburger Wirtschaftswissenschaftlerin Prof. Dr. Lea Cassar beschäftigt sich mit diesen Fragen. Ihre Forschung zeigt, wie stark unsere Gewohnheiten, Beziehungen und Entscheidungen das Wohlbefinden prägen und wo wir selbst etwas verändern können.
Der nächste Urlaub. Ein Abend mit Freunden. Ein Konzert, ein gutes Essen oder einfach Zeit für etwas, das uns Freude bereitet. Oft sind es erstaunlich einfache Dinge, die unser Leben schöner machen. Trotzdem kommen sie im Alltag schnell zu kurz. Arbeit und Verpflichtungen gehen vor, anderes erscheint wichtiger und manches heben wir uns für später auf. Doch wovon hängt es eigentlich ab, ob wir glücklich sind? Von den Umständen, in denen wir leben? Von Geld, Erfolg oder den Menschen um uns herum? Oder haben wir selbst mehr Einfluss darauf, als wir vielleicht denken?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch Prof. Dr. Lea Cassar, Inhaberin des Lehrstuhls für empirische Wirtschaftsforschung an der Fakultät für Volkswirtschaftslehre der Universität Regensburg. Die Wirtschaftswissenschaftlerin lehrt dort den Kurs „The Science of Well-Being“ und nähert sich dem Thema aus wissenschaftlicher Perspektive. Der Begriff „Glück“ ist für Cassar jedoch etwas zu vage. In der Forschung spricht man vom „subjektiven Wohlbefinden“. Dazu gehört, welche positiven und negativen Gefühle wir erleben, aber auch eine grundsätzlichere Frage: Wie zufrieden sind wir mit unserem Leben?
Was darüber entscheidet, ist komplex. Gene und Lebensumstände spielen eine Rolle, bestimmen jedoch längst nicht alles. Einen großen Teil dessen, was unser Leben lebenswerter macht, können wir selbst beeinflussen. Auf die Frage, was es für ein glückliches Leben braucht, antwortet Cassar mit gerade einmal zwei Worten: „Gute Gewohnheiten.“
Zufriedenheit beginnt im Alltag
Gute Gewohnheiten klingen zunächst wenig spektakulär. Doch genau darin liegt für Professor Cassar ein wichtiger Punkt. Wohlbefinden entsteht nicht nur durch die großen Ereignisse im Leben. Vieles entscheidet sich im Alltag und damit auch darin, wie wir unsere Zeit verbringen.
Körperliche Aktivität spielt für unser Wohlbefinden eine herausragende Rolle, denn regelmäßige Bewegung wirkt sich positiv auf die körperliche und psychische Gesundheit aus. Ebenso wichtig ist für Cassar, mit der Aufmerksamkeit ganz bei dem zu sein, was man gerade tut. Beim Spaziergang bedeutet das, bewusst die Umgebung wahrzunehmen, statt bereits die nächsten Tage zu planen, und in einem Gespräch wirklich zuzuhören, statt gedanklich schon bei der nächsten Aufgabe zu sein. Meditation kann dabei helfen, ist aber nur eine Möglichkeit. Entscheidend ist, dem gestressten Nervensystem immer mal wieder eine Pause zu gönnen.
Wer seine Aufmerksamkeit ganz auf den Moment richtet, kann so sehr in einer Tätigkeit aufgehen, dass er dabei die Zeit vergisst. Die Psychologie spricht von einem Zustand des „Flow“. Das kann beim Sport, beim Musizieren, Kochen, Gärtnern oder auch bei der Arbeit passieren. Gerade Letzteres ist interessant. Cassar verweist auf Untersuchungen, wonach Menschen bei der Arbeit teilweise häufiger im Flow sind als in ihrer Freizeit. Denn dort sind sie gefordert, konzentrieren sich auf eine Aufgabe und setzen ihre Fähigkeiten gezielt ein.
In der freien Zeit passiert dagegen häufig das Gegenteil. Nach einem langen Arbeitstag lassen wir uns aufs Sofa fallen, schauen eine Serie oder scrollen auf dem Smartphone. Daran ist zunächst nichts falsch. Problematisch wird es, wenn die Freizeit überwiegend aus passiver Ablenkung besteht. Denn Nichtstun und Erholung sind nicht zwangsläufig dasselbe. Cassars Rat ist deshalb sehr pragmatisch: bewusst auswählen, womit wir unsere freie Zeit verbringen, und häufiger Dinge tun, die uns interessieren, in denen wir aufgehen oder die uns besser fühlen lassen als zuvor. Und einige der wichtigsten davon erfordern weder viel Geld noch einen perfekten Plan. Oft braucht es dafür vor allem andere Menschen.

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„Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt“ – Albert Schweitzer
So unterschiedlich Menschen sind, bei einem Punkt ist die Forschung ziemlich eindeutig: Soziale Beziehungen spielen für unser Wohlbefinden eine entscheidende Rolle. Wer regelmäßig Zeit mit Menschen verbringt, denen er sich verbunden fühlt, ist tendenziell zufriedener. Untersuchungen über besonders glückliche Menschen zeigten immer wieder, dass viele von ihnen einen beträchtlichen Teil ihrer Zeit in Gemeinschaft verbringen.
Das bedeutet nicht, dass jeder ständig Gesellschaft braucht. Gerade introvertierte Menschen benötigen regelmäßig Zeit für sich, um ihre Akkus wieder aufzuladen. Doch zwischen bewusstem Alleinsein und sozialer Isolation liegt ein großer Unterschied. „Wenn man einen freien Abend hat, sollte man sich nicht immer zurückziehen und die Zeit vor dem Fernseher verbringen. Lieber rausgehen und Menschen treffen“, rät Cassar. Ein Abendessen mit Freunden, ein gemeinsamer Spaziergang oder einfach ein gutes Gespräch können unglaublich wertvoll sein.
Gleichzeitig beobachtet Cassar kritisch, dass persönliche Begegnungen zunehmend Konkurrenz durch digitale Kommunikation bekommen. Über Facebook, Instagram, TikTok und Co. bleibt man scheinbar mit vielen Menschen in Kontakt. Doch Nachrichten, Kommentare oder Likes können persönliche Begegnungen und gemeinsam verbrachte Zeit nicht ersetzen. Umso wichtiger ist es, Beziehungen auch wirklich zu pflegen. Freundschaften leben davon, dass wir ihnen tatsächlich Zeit einräumen. Ein „Wir müssen uns unbedingt mal wieder sehen“ reicht dafür nicht. Aus guten Vorsätzen müssen auch gemeinsame Pläne werden. Für die eigene Lebensfreude kann es deshalb helfen, schönen Dingen einen festen Platz im Kalender einzuräumen. Das klingt vielleicht wenig spontan. Doch Verbindlichkeit kann verhindern, dass wir Dinge, die uns guttun, immer wieder auf später verschieben.
Kann man Glück kaufen?
Wie wir unsere Zeit verbringen, beeinflusst also unser Wohlbefinden. Ähnliches gilt offenbar für unser Geld. Denn es macht einen Unterschied, ob wir uns davon Dinge kaufen oder Erlebnisse ermöglichen. „Es geht nicht nur darum, wie viel wir konsumieren, sondern auch darum, wie wir konsumieren“, sagt Cassar.
Die Forschung liefert dazu einen interessanten Befund: Erlebnisse tragen häufig stärker und länger zu unserem Wohlbefinden bei als materielle Anschaffungen. An Dinge gewöhnen wir uns erstaunlich schnell. Das neue Auto, die teure Tasche oder das neue Smartphone kann zunächst große Freude bereiten. Doch was eben noch besonders war, wird irgendwann selbstverständlich. In der Forschung spricht man von Anpassung.
Bei Erlebnissen funktioniert das anders. Ein tolles Konzert, eine schöne Reise oder ein leckeres Essen kann uns lange begleiten. Wir erinnern uns an Orte, Gespräche und besondere Momente. Teilen wir diese Erfahrungen mit anderen, entstehen daraus gemeinsame Erinnerungen. Hinzu kommt etwas, das bereits vor dem eigentlichen Erlebnis beginnt: die Vorfreude. Wer eine Aktivität plant, Karten für ein Konzert gekauft oder einen besonderen Abend vereinbart hat, kann sich Tage oder sogar Wochen darauf freuen. Auch diese Erwartung trägt laut Cassar zum Wohlbefinden bei. Studien zeigen, dass die Vorfreude auf ein Erlebnis stärker sein kann als die auf den Kauf eines Gegenstandes.
Und manchmal macht uns Geld sogar glücklicher, wenn wir es gar nicht für uns selbst ausgeben. Untersuchungen zeigen, dass es unser Wohlbefinden steigern kann, anderen etwas zu schenken. Geld und Lebensfreude sind also keineswegs Gegensätze. Entscheidend ist vielmehr, wie wir es einsetzen.
Was wir selbst in der Hand haben
„Jeder ist für sein eigenes Glück verantwortlich.“ Ein Satz, der eher nach einem Kalenderspruch klingt und bei Menschen, die gerade eine schwere Zeit durchmachen, vermutlich kaum Begeisterung auslöst. Professor Cassar meint damit allerdings nicht, dass wir grundsätzlich selbst schuld sind, wenn nicht alles nach Plan läuft. Wir können vernünftig entscheiden und trotzdem enttäuscht werden, scheitern oder mit Dingen konfrontiert werden, die wir nicht gewollt haben. Die Frage ist, wie wir mit solchen Situationen umgehen.
In der Psychologie gibt es dafür den Begriff „Locus of Control“. Dahinter steckt die Frage, ob wir die Ursachen für das, was uns passiert, eher bei uns selbst oder bei anderen, dem Zufall und äußeren Einflüssen sehen. Kurz gesagt: Haben wir unser Leben selbst in der Hand oder fühlen wir uns ihm ausgeliefert?
Für Cassar ist gerade der Glaube an die eigene Einflussmöglichkeit wichtig. Wer überzeugt ist, an seiner Situation ohnehin nichts ändern zu können, wird sich kaum darum bemühen, sie zu ändern. Wer hingegen erkennt, wo sein eigener Handlungsspielraum liegt, kann Entscheidungen treffen und selbst aktiv werden. Doch selbst auf das, was wir nicht ändern können, haben wir zumindest in einem Punkt Einfluss – nämlich darauf, welche Geschichte wir uns darüber erzählen.
Um ihren Studentinnen und Studenten diesen Gedanken näherzubringen, lässt Cassar sie eine negative Geschichte aus ihrem eigenen Leben betrachten und anschließend möglichst nüchtern auseinanderpflücken: Was ist tatsächlich passiert? Welche Gefühle sind mit der Situation verbunden? Was davon ist Tatsache und was Interpretation oder eine Befürchtung möglicher Folgen?
Nehmen wir den Verlust eines Arbeitsplatzes. Eine Kündigung ist eine Tatsache. „Ich werde keinen neuen Job finden“ oder „Meine Karriere ist vorbei“ sind es nicht. Das sind Gedanken über eine Zukunft, die noch gar nicht eingetreten ist. Und genau diese Geschichten, die wir uns täglich selbst erzählen, können erheblichen Einfluss darauf haben, wie wir unser Leben wahrnehmen. Das hat nichts damit zu tun, unangenehme Gefühle schönzureden. An diesem Punkt wird Cassar sehr deutlich. Trauer, Angst, Wut oder Enttäuschung sollten nicht ignoriert werden. „Der erste Schritt ist, die eigenen Gefühle anzunehmen, egal welche es sind“, sagt sie. Erst danach stellt sich die Frage, welche Gedanken wir mit ihnen verbinden.
Für Cassar spielt dabei die Vorstellungskraft eine erstaunlich große Rolle, denn Veränderung beginnt mit einer neuen Sichtweise. „Man muss sich vorstellen können, glücklich zu sein“, sagt Cassar. Erst wenn eine andere Zukunft überhaupt denkbar erscheint, können wir beginnen, auf sie hinzuarbeiten. Vor diesem Hintergrund erhält das Wort Eigenverantwortung eine ganz andere Bedeutung. Es geht nicht um Schuld, sondern um die Erkenntnis, dass wir selbst mehr kontrollieren können, als wir manchmal denken.

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Kann man Glück lernen?
Ein Instrument spielen, eine Sprache lernen oder sportlich besser werden: All das üben wir. Warum sollte das beim eigenen Wohlbefinden anders sein? Auch daran lässt sich arbeiten, sagt Cassar. Für sie ist es eine Fähigkeit, die sich bis zu einem gewissen Grad trainieren lässt. Genau darauf zielt ihr Kurs „The Science of Well-Being“ ab. Die Studierenden beschäftigen sich nicht nur wissenschaftlich mit dem Thema, sondern wenden die Erkenntnisse auch auf ihr eigenes Leben an. Nach Meinung der Professorin sollte das allerdings viel früher beginnen. Kinder könnten bereits in der Schule lernen, was ihnen guttut und wie sie mit schwierigen Gefühlen umgehen. Wie das aussehen kann, zeigt die Grundschule Dorfen Nord im Münchner Umland. Dort gibt es über das Schuljahr verteilt sogenannte „Glückstage“, an denen sich die Schülerinnen und Schüler mit verschiedenen Aspekten des Glücklichseins beschäftigen.
Cassar würde sich wünschen, dass solche Themen selbstverständlich zum Unterricht gehören. Schließlich bereitet die Schule Kinder in vielerlei Hinsicht auf ihr späteres Berufsleben vor. Warum also nicht auch auf die Frage, wie sie ein zufriedenes Leben führen können? „Das Leben besteht nicht nur aus Arbeit, und Bildung sollte Menschen nicht nur auf den Arbeitsmarkt vorbereiten“, sagt sie.

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Was einen guten Job ausmacht
Arbeit ist für Cassar weit mehr als nur ein wirtschaftliches Thema. Ein großer Teil ihrer eigenen Forschung beschäftigt sich mit der Frage, was Menschen in ihrem Beruf motiviert und welche Rolle die Arbeit für ihr Wohlbefinden spielt. Einkommen und Sicherheit sind wichtig. Doch ob wir unsere Arbeit gerne machen und als erfüllend empfinden, hängt von anderen Faktoren ab. Vier Punkte sind für Cassar dabei besonders entscheidend.
Der erste ist Sinn. Menschen möchten in dem, was sie tun, einen Sinn erkennen. Dafür muss man keineswegs in einem sozialen Beruf arbeiten. Sinn kann in ganz unterschiedlichen Tätigkeiten entstehen. Entscheidend ist, dass wir selbst einen Wert darin erkennen, was wir tun.
Der zweite Punkt ist Autonomie. Wer zumindest einen gewissen Spielraum hat, wie er seine Arbeit erledigt, erlebt sie anders als jemand, dem jeder einzelne Schritt vorgegeben wird.
Hinzu kommt das Gefühl, etwas gut zu können und dafür Anerkennung zu erhalten. Idealerweise fordert uns eine Aufgabe so, dass wir unsere Fähigkeiten einsetzen müssen, ohne dauerhaft überfordert zu sein. Hier schließt sich der Kreis zum bereits genannten Flow-Zustand: Passen Herausforderung und Können zusammen, können wir völlig in einer Aufgabe aufgehen. Ist die Herausforderung dauerhaft zu groß, entsteht Stress. Ist sie zu gering, können Unterforderung, Frust und Unzufriedenheit die Folge sein.
Der vierte Faktor führt zurück zu einem Thema, das sich durch viele Bereiche unseres Lebens zieht: die Beziehungen zu anderen Menschen. Wie wir mit Kollegen, Vorgesetzten oder Kunden auskommen, prägt auch die Qualität unseres Arbeitslebens. Ein gutes soziales Umfeld kann einer Tätigkeit zusätzliche Bedeutung verleihen, weil wir uns zugehörig fühlen und uns als Teil einer Gemeinschaft erleben. Ein hohes Gehalt allein sagt also wenig darüber aus, wie zufrieden wir mit unserer Arbeit sind.
Wenn Wohlbefinden zum Wirtschaftsfaktor wird
Wie wir uns bei der Arbeit fühlen, ist zunächst eine persönliche Frage. Die Folgen reichen jedoch weit darüber hinaus. Denn mangelndes Wohlbefinden kann auch für Unternehmen teuer werden: Beschäftigte fehlen häufiger, sind weniger leistungsfähig oder verlassen das Unternehmen. Für die Ökonomin Cassar gewinnt das Thema damit eine weitere Dimension.
Wie groß das Problem ist, zeigen aktuelle Zahlen. Laut dem Markt- und Meinungsforschungsinstitut Gallup hatten 2025 gerade einmal zehn Prozent der Beschäftigten in Deutschland eine hohe emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber. 77 Prozent wiesen eine geringe, weitere 13 Prozent gar keine emotionale Bindung auf. Das bedeutet nicht, dass all diese Menschen mit ihrer Arbeit unzufrieden sind. Die Zahlen zeigen jedoch, dass sich ein großer Teil der Beschäftigten ihrem Unternehmen nur wenig verbunden fühlt.
Für Arbeitgeber hat das konkrete Folgen. Gleichgültigkeit, Fehlzeiten, geringere Produktivität und höhere Fluktuation verursachen Kosten. Noch deutlicher wird die wirtschaftliche Dimension beim Blick auf die psychische Gesundheit. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation gehen weltweit jedes Jahr schätzungsweise zwölf Milliarden Arbeitstage allein aufgrund von Depressionen und Angststörungen verloren. Den dadurch entstehenden Produktivitätsverlust beziffert die WHO auf rund eine Billion US-Dollar pro Jahr.
Cassar beschäftigt sich auch aus ökonomischer Sicht mit diesen Folgen. Für sie wäre es allerdings zu kurz gedacht, das Wohlbefinden der Mitarbeiter nur deshalb ernst zu nehmen, weil zufriedene Beschäftigte möglicherweise produktiver sind. Ihr Wohlbefinden habe einen Wert an sich. Gute Arbeitsbedingungen liegen damit im Interesse beider Seiten. Unternehmen profitieren von Mitarbeitern, die gerne bleiben und ihre Fähigkeiten einbringen, Beschäftigte von einer Arbeit, die sie nicht dauerhaft belastet.
Für Cassar reicht dieser Gedanke über einzelne Unternehmen hinaus. Auch auf gesellschaftlicher Ebene stellt sich die Frage, welchen Stellenwert das Wohlbefinden der Menschen neben wirtschaftlichen Kennzahlen hat. Das Bruttoinlandsprodukt zeigt, wie leistungsfähig eine Volkswirtschaft ist. Wie zufrieden die Menschen mit ihrem Leben sind, spiegelt sich darin nicht wider. Genau deshalb wird seit Jahren darüber diskutiert, wirtschaftlichen Fortschritt nicht allein am Wachstum zu messen, sondern weitere Faktoren der Lebensqualität einzubeziehen.
Nicht auf später verschieben
Was bleibt also von all den Erkenntnissen über Wohlbefinden? Vielleicht vor allem, dass wir nicht darauf warten müssen, bis die perfekten Voraussetzungen dafür geschaffen sind. Viele der Dinge, die unser Leben bereichern, liegen erstaunlich nah: Menschen, mit denen wir uns verbunden fühlen. Eine Tätigkeit, in der wir aufgehen. Bewegung. Ein Abend, auf den wir uns freuen. Das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Und die Fähigkeit, auch in schwierigen Zeiten zu erkennen, worauf wir selbst Einfluss haben.
Cassar spricht dabei von einem Kontinuum. Zwischen einer psychischen Erkrankung und einem Leben, mit dem wir rundum zufrieden sind, liegt ein großes Spektrum. Wer sich ganz okay fühlt, muss sich damit nicht zufriedengeben. So wie wir selbstverständlich versuchen, körperlich gesund zu bleiben oder uns beruflich weiterzuentwickeln, können wir auch unserem eigenen Wohlbefinden mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn Lebensfreude braucht keinen besonderen Anlass. Man kann heute damit anfangen, den Menschen anzurufen, den man längst wiedersehen wollte. Den Tisch zu reservieren. Karten für das Konzert zu kaufen. Etwas Neues auszuprobieren oder sich bewusst Zeit für das zu nehmen, was im Alltag immer wieder zu kurz kommt.
Cassar formuliert es noch deutlicher. Bei Status und Besitz könne es guttun, irgendwann zu sagen: „Es ist genug.“ Beim eigenen Wohlbefinden dürfe man dagegen ruhig anspruchsvoller sein. Ihre Botschaft: „Trauen wir uns, mehr von einem guten Leben zu erwarten.“
Ein Bericht von Kathrin Gnilka / filterMagazin