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Corona spaltet die Gesellschaft. Während die einen aufgrund fundierter Erkenntnisse eine Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern suchen, spielen die anderen auf Basis ihrer meist fundamentlosen Denkansätze mit der körperlichen und geistigen Gesundheit ihrer Anhänger. Aus diesem Spiel wird jedoch gefährlicher Ernst, wenn Falschinformationen missbraucht und in Form von Verschwörungstheorien in falsche Hände gelangen.   

„Die Pandemie ist vorbei“, sagt Ken Jebsen am 11. Mai in seinem Video mit dem Titel „Gesicht zeigen!“. Zu sehen ist er darin mit Joker-Face und der dazu passenden Maskierung: weißes Gesicht, schwarz auslaufende Augen, blutrot verschmierter Mund. Es ist jedoch nicht allein Jebsens Äußeres, das ihn im Video zum Joker-Doppelgänger stilisiert. Auch sein Verhalten mit der markanten Lache erinnert an den im gleichnamigen Hollywoodstreifen von der Gesellschaft verstoßenen Clown, der im Film seinem Wahnsinn zwischen Fiktion und Psychose erliegt. Ähnlich wie der Joker wirkt auch Jebsen in seinem Video wie eine Gallionsfigur für alle Underdogs. In der aktuellen Corona-Krise sind damit vor allem jene Menschen gemeint, die sich mit aller Kraft gegen eine scheinbare Verschwörung reicher Eliten aufbäumen, um gemeinsam für ihre Rechte zu kämpfen, die ihnen ihrer Ansicht nach wegen eines Phantoms – dem Corona-Virus – von einer Obrigkeit genommen wurden, um eine totale Diktatur in der Manier eines Dritten Reiches zu etablieren.

Genau diese Theorie verbreitet Jebsen nun auch in seinem Joker-Video sowie in seinen weiteren Beiträgen, die er auf YouTube oder auf seinem alternativen Medien-Kanal KenFM postuliert. Dabei schlüpft der ehemalige RBB- und aufgrund antisemitischer Äußerungen gefeuerte Journalist stets in eine andere Rolle, um seine Warnungen zu verbreiten: Mal ist er Clown, mal seriöser Medienvertreter, mal eingesperrter Satiriker. Egal welche Rolle Jebsen einnimmt, seine Monologe gleichen stets einer Gehirnwäsche im Schleudergang. Bestes Beispiel: Sein Video mit dem Titel „Corona-Diktatur? Machtergreifung im Deckmantel der Volksgesundheit“ – ein rund 30-minütiges Possenspiel, das Ende März online ging, mehr als 800.000 Views hat und alle geläufigen Verschwörungstheorien vereint. Zugleich birgt es aber eine Gefahr, die sich vor allem rechte Gruppierungen zunutze machen: die Verharmlosung der NS-Zeit. Doch von vorne.       

Gehirnwäsche im Schleudergang

Gehirnwäsche im Schleudergang Jebsens Masche ist stets die Gleiche und zeigt sich auch in dem Video Ende März deutlich: Er redet die Zuschauer schwindlig, spricht zum Teil in einer Geschwindigkeit, die seine Aussagen ausformuliert zum Nonsens werden lassen, wirft immer wieder Signalwörter ein, ohne sie in einen Zusammenhang zu stellen, und entwirft Schreckensszenarien – deklariert als Fragen, die sich ihm stellen –, ohne sie zu beantworten. So entwirft er Ende März etwa das Bild, dass die Regierung Menschen, die unerlaubt auf die Straße gehen und damit die Gesundheit anderer gefährden, erschossen werden dürfen. „Wie viele von uns würden das machen?“ Seine vage und zugleich diffuse Antwort lautet: „Und da bin ich mir nicht so sicher.“ Hinzu kommt: Er benutzt in seinem Video gezielt falsches Vokabular, was gleich zu Beginn deutlich wird. Bevor er mit seinen Denkmustern beginnt, zieht er vor die Kamera Gitterstäbe auf und begrüßt seine Zuschauer: „,Hallo‘ an euch zu Hause in den Käfigen.“

Kurz nachdem er noch das Wort „eingesperrt“ hat fallen gelassen, kommen bereits die Parallele zu den Großeltern, ihren jüdischen Nachbarn, die auf einmal verschwunden waren, und die Fragen: „Wie hat das denn angefangen? Und wie hat sich das angefühlt?“ Die Antwort folgt prompt: „Das war so wie jetzt. Genau so. Da hat die Regierung einfach gesagt: ‚Hör zu, ab jetzt ist alles anders. Und es ist gefährlich, weil überall sind möglicherweise Feinde... im Ausland, aber auch im Inland Spione. Und achtet mal drauf, wenn ihr einen seht, und bleibt zu Hause.‘ Und dann hat man gemerkt, wenn man jetzt von der Meinung abweicht – es stand in allen Zeitungen dasselbe auch drin, deswegen stimmt es ja auch, wenn überall dasselbe drinsteht, dann stimmt es ja auch – und wenn man damals Radio London gehört hat, das waren ja alles Verschwörungstheoretiker … Jedenfalls, ihr habt euch sicher die Frage gestellt, wie sich das angefühlt hat, und es hat sich so angefühlt wie jetzt. Wir warten erst mal ab, was uns die Regierung an neuen Informationen gibt, und man kann im Moment überhaupt nicht sicher… äh … äh vorsichtig genug sein, was sich abspielt. Es gibt allerdings einen Unterschied zu damals. Ich muss ab und zu rausgucken, ob irgendjemand mich beobachtet. Und zwar 1943 oder bis `45, als es zum Beispiel auch richtige Bombennächte gab, da war in Deutschland aber auch in Italien… da gab’s keine Ausgangssperre. Nein, die Leute durften sogar bei diesen Bomben, also Bombardierung der Städte, durften die tagsüber raus. Das ist ja jetzt anders.“

Das Spiel mit der Angst

Dass es in Bezug auf die freie Bewegung auch Ende März eben nicht anders war, verschweigt Jebsen, indem er stets von einer Ausgangssperre spricht, die es in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern zu keiner Zeit der Corona-Krise gegeben hat. Es waren auch Ende März nur Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen. Jebsen interessiert das jedoch nicht und weicht stattdessen aus zu Ländern wie Italien und Spanien, zieht diese als Vergleich heran, obwohl die Situation dort komplett anders war – zur Zeit der Ausstrahlung von Jebsens Video am 27. März gab es in Italien bereits fast 10.000 Covid-19-Tote, in Spanien fast 5.000. In Deutschland waren es etwas mehr als 300. Auch die Infektionszahlen lagen in Ländern wie Italien zu diesem Zeitpunkt deutlich höher als in Deutschland. Ein Grund, dass Deutschland schon damals nicht in eine Katastrophe gerutscht ist, liegt in den verschiedenen Gesundheitssystemen, einen anderen bringt SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach in der ARD-Talkshow von Anne Will auf den Punkt: „Hier waren 80 Prozent Glück, 20 Prozent was wir gemacht haben. Wir hatten das Glück, dass wir die furchtbaren Bilder aus Italien sehen mussten, zu einem Zeitpunkt, wo die Bevölkerung sofort reagiert hat. Das war der größte Faktor. Der Lockdown ist dann gekommen, der hat es noch mal abgesenkt […]. Wir hatten das Glück, dass wir nicht die ersten in der Katastrophe gewesen sind. Daher haben wir Glück gehabt, dass wir die Katastrophe abwenden konnten.“

All diese Faktoren verschweigt Jebsen und treibt stattdessen auch nach seinem Prolog das voran, worauf er sowie die meisten anderen Verschwörungstheoretiker das Fundament ihrer Theorien bauen: Sie pervertieren die Angst vor dem Virus in eine Angst vor einer drohenden Diktatur, wie sie Deutschland zuletzt in den Jahren 1933 bis 1945 erlebt hat. Im Blick immer den Feind: in diesem Fall die Bundesregierung, die Pharmaindustrie und die Medien, die gemeinsam einen Komplott schmieden. „Der Konspirationismus löst eine vielschichtige und widersprüchliche Wirklichkeit in den manichäischen Gegensatz von Gut und Böse auf. Der meist kleinen Gruppen von Verschwörern, die letztendlich für alles, was geschieht, verantwortlich ist, steht die große Gruppe der Opfer gegenüber, die bis auf wenige Erleuchtete gar nicht begreift, was passiert“, schreibt der Experte für Verschwörungstheorien Michael Butter. Neben dieser Schwarz-Weiß-Einordnung kommt hinzu, dass Verschwörungstheoretiker scheinbar Licht ins Dunkel bringen und Fragen nach dem Warum mit ihren eignen Behauptungen füllen. (Beispiele hierzu lesen Sie im Opening des Magazins auf Seite 3.) Das Resultat: Sie löschen Unsicherheit aus und maximieren damit genau das, was Menschen in der Krise am nötigsten brauchen: Erklärungen und damit einhergehend Gewissheit, wenn auch eine fadenscheinige. Obendrein bedienen sie ein menschliches Bedürfnis, wonach Ereignisse als Ergebnis von absichtlichen Handlungen einer bestimmten Gruppe begriffen werden. Aus der Identifikation der vermeintlichen Verschwörer resultiert jedoch ein auch für die Corona-Krise entscheidender Glaube: „Es bleibt immer noch etwas Zeit, die Verschwörung zu stoppen“, so Butter.

Die Früchte der Angst

Diese Meinung vertritt auch Jebsen. Den Gipfel der Unverfrorenheit erklimmt er dabei, als er sich selbst zum Anführer der Widerstandsbewegung ausruft: „Was ich hier mache, das ist wahrscheinlich Radio London. Das ist vielleicht aufwiegeln, das ist gefährlich, da muss man aufpassen, genau wie auch damals die Résistance gefährlich war und Radio London gefährlich war. Denn das weicht vom Mainstream ab.“ Jebsen hetzt in diesem aber auch in seinen anderen Videos immer wieder gegen die Medien, bezeichnet sich dabei selbst indirekt als Weiße Rose, indem er die Geschwister Scholl als „keine offizielle Quelle“ betitelt, ebenso wenig wie er eine ist. Butter erkennt bei diesem scheinbaren Alleinstellungsmerkmal Parallelen zu den alternativen Medien: „[…] in den letzten Jahren [ist] eine ganze Reihe von vor allem im Netz aktiven Alternativmedien entstanden, die für sich in Anspruch nehmen, den angeblich tendenziösen, mitunter sogar angeblich bewusst manipulierten Informationen der traditionellen Medien eine der Wahrheit verpflichteten Berichterstattung entgegenzustellen.“ Das Problem: Die User solcher Alternativmedien hinterfragen nicht die Aussagen der Theoretiker, sondern stimmen ihnen wie ‚gebrainwashed‘ zu. Hinzu kommt, dass sie sich in abgeschotteten Online-Communities aufhalten und auch in diesen informieren: Echokammern oder Filterblasen entstehen. „Das Resultat solcher Echokammern ist eine Fragmentierung der Öffentlichkeit“, so Butter. Im Internet seien so Teilöffentlichkeiten entstanden, in denen Verschwörungstheorien als „legitimes Wissen“ gelten.

Wie hörig diese Teilöffentlichkeiten ihren Chefideologen sind, wird am Beispiel der Corona-Protestbewegungen deutlich – befeuert auch von Köpfen wie Jebsen. Gen Ende seines Videos schürt er den Widerstand durch eine Art ironische Provokation: „Wo guckst du das Video? Auf der Straße oder in deinem Käfig? Was unterscheidet dich von deinen Großeltern. Na? Ganz ehrlich: sehr wenig. […] Das heißt, du würdest abwarten, bis das alles vorbei ist. Und genau das haben unsere Großeltern auch gemacht. ‘45. Haben auch abgewartet.“ Was Jebsen hier noch indirekt andeutet, bringt der Kopf eines weiteren alternativen Mediums konkret zum Ausdruck. Jürgen Elsässer etwa, Chefredakteur des rechtspopulistischen Magazins Compact, ruft in einem erst auf YouTube, mittlerweile auch von der Compact-Website gelöschten Video direkt zum Protest auf: „Jetzt reicht es. Wir sind nicht die Untertanen von Frau Merkel und auch nicht die Versuchskaninchen von der Impfindustrie. Wir wollen unsere Freiheit zurück. Wir lassen uns nicht mehr einsperren“, sagt Elsässer mit verschränkten Armen und ohne eine Miene zu verziehen in die Kamera. „Diese Regierung hat uns nach Strich und Faden belogen und betrogen. Corona ist keine gefährliche Seuche wie die Pest. Die breite Masse der Bevölkerung ist nicht ernsthaft bedroht. Das heißt: Alle Einschränkungen, alle Diktaturmaßnahmen, alle Ausgehverbote müssen sofort fallen. […] Und jetzt kommt auch noch die Impflicht oder das Mitführen eines Immunitätsausweises. [...] Es ist der Frühling der Demokratie. Es gilt die Parole: Wir sind das Volk. Was wir jetzt brauchen, ist eine Großdemonstration gegen die Corona-Diktatur.“

endstation verschwoerung ausstieg in fahrtrichtung rechts 2 full1Die Samen solcher Aufrufe von Verschwörungstheoretikern wurden auch in Bayern gesät: Ein Widerstand, der zunächst harmlos begann – etwa mit Slogans wie „Covid-1984 Fuck Bill Gates“ an Hausmauern in Münchens Maxvorstadt (siehe Einleitungsbild) –, spitzte sich immer mehr zu und gipfelte in eine Gefährdung der Bevölkerung, wie am 9. Mai auf dem Marienplatz: Mehr als 3.000 Menschen tummeln sich auf dem Platz in Münchens Innenstadt, genehmigt waren 80. Die Polizei schreitet nicht ein – auch zum Schutz unbeteiligter Passanten –, um nicht noch mehr Enge und Unruhe in den meist eh nicht eingehaltenen Mindestabstand zu bringen. Auf dem Platz selbst strecken viele die gängigsten Verschwörungstheorien in Plakatform gen Himmel: „Das einzige, was das Böse braucht, ist, dass gute Männer und Frauen schweigen.“ Wieder ein anderer trägt ein Plakat mit der „Finanzierung von Covid-19 Impfstofflaboren“ durch die Bill und Melinda Gates Stiftung vor sich her, und zwischen all den Menschen sticht ein in gelber Signalfarbe zu Karton gebrachter Spruch heraus: „Corona ist kein Virus, sondern ein Trojaner.“ Während der Protest in München trotz Verstößen noch friedlich verlief, artete er in Berlin am 1. Mai in Gewalt gegen ein Team vom ZDF aus – einem nicht-alternativen Medium. Am 6. Mai griff ein Demonstrant einen Kameramann von der ARD an, im Vorfeld fielen Begriffe wie „Lügenpresse“. Und unter all diesen Corona-Gegnern mischen sich Menschen, die ein T-Shirt mit einem gelben Davidstern tragen, auf dem „ungeimpft“ geschrieben steht.

Wenn Angst in falsche Hände gerät
Vertrieben wird dieses T-Shirt auch im Online-Shop eines rechtsextremen Bloggers. Im aktuellen Verfassungsschutzbericht des Landes Sachsen- Anhalt wird dieser Blogger als „Provokateur und Verschwörungstheoretiker“ beschrieben, dessen Aktivitäten eine „klare rechtsextremistische Konnotation“ zugrunde liege. Der Blogger selbst organisiert nicht nur Anti-Corona-Demos, sondern liefert noch dazu die passenden Outfits und Accessoires für den Widerstand – mit den gängigen Slogans von Verschwörungstheorien, die von einer Verunglimpfung Bill Gates‘ über die Analogie zu George Orwells Klassiker „1984“ bis hin zur Negierung der Corona-Pandemie reichen. Und zwischen alldem werden Kleidungsstücke angeboten, etwa mit einem Bild von Anne Frank, das er auf einer Demo selbst getragen hat, oder Shirt-Variationen mit dem besagten Judenstern mit der Aufschrift „ungeimpft“.

Die Erklärung für das Tragen und Verwenden des Judensterns liefert der rechte Blogger auf seinem YouTube-Kanal in Replik auf einen ZDF Frontal-21-Beitrag selbst, indem er das Symbol wie zur NS-Zeit als Ausdruck der angeblichen Unterdrückung abstempelt. Eine Relativierung der Shoah weißt er zurück: „Wenn das eine Relativierung der Shoah wäre, wäre jede Verwendung des Begriffes Nazi in Verbindung mit einem Corona-Kritiker, mit einem Oppositionellen gegen die aktuelle Merkel-Politik oder mit einem AfD-Politiker mindestens auch Relativierung der Shoah. Das müssen diese Links-Maden, die diesen Begriff auch immer wieder verwenden oder die dazu Relativierung sagen, erst mal überhaupt begreifen. Weil, wenn die heute normale Menschen, lautere Menschen, die sich rechtschaffend verhalten, als Nazi betiteln, dann relativieren die damit ja genauso die Shoah.“ Dass sich der Sinn seiner Rechtfertigung auch beim wiederholten Lesen nicht erschließt, scheint eine Art Taktik des Bloggers zu sein. Denn schon im Verfassungsbericht steht, dass er etwa „Beiträge aus der Tagespresse in einer irrealen, diffusen Art“ kommentiert. Außerdem stelle er „reale Gegebenheiten bewusst verzerrt dar, damit diese in sein Weltbild passen und eine große Anhängerschaft finden können“. Dies führe so weit, „dass von ihm falsche Tatsachen verbreitet werden“, so der Verfassungsschutzbericht. Die falscheste von allen an dieser Stelle in Kürze: der Vergleich und die Gleichsetzung des millionenfachen Mordes an Juden im Dritten Reich mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona- Pandemie, die Menschenleben schützen und nicht etwa ,ausmerzen‘ sollen.

Das Weltbild des rechten Bloggers zeigt sich dabei auf dem ersten Blick versteckt, bei näherem Hinsehen ist es jedoch deutlich erkennbar: Es reicht – wie die in seinem Shop zum Druck auf Kleidungsstücken angebotenen Slogans verraten – von Islamophobie über Solidarität mit Rechtspopulisten bis hin zu antisemitischen Äußerungen. Dass er vor diesem Hintergrund selbst Symbole jüdischer Unterdrückung im Dritten Reich am Körper trägt, ist einerseits makaber, zeigt andererseits aber auch die Gefahr, die von Verschwörungstheorien ausgeht, wenn sie in falsche Hände geraten: Zum Vorschein kommt ein zum Teil extremer Rechtspopulismus, der unter dem Deckmantel des Corona-Widerstandes Anhänger zu rekrutieren sucht – und das kommt nicht von ungefähr, wie eine Aussage von Butter suggeriert: „Die offensichtlichste Parallele zwischen Populismus und Verschwörungstheorien ist das Misstrauen gegenüber Eliten.“

Und genau dieses Misstrauen, allen voran gegen Angela Merkel und die Medien, schüren und befeuern auch rechtsextreme Gruppierungen oder alternative Medien der Neuen Rechten. Egal ob Compact, PI News, Deutschland Kurier, Philosophia Perennis oder kla.tv – sie alle verbreiten nicht nur Fake News über die aktuelle Corona-Pandemie, sie standen auch alle Mitte Mai 2019 auf dem Plakat der „1. Konferenz der freien Medien im Deutschen Bundestag“, organisiert von vier AfD-Bundestagsabgeordneten. Dementsprechend AfD-nahe Themen finden sich auch auf den Websiten der rechten Medien und Blogger. Ein Thema, das neben Verschwörungstheorien sowohl die Partei als auch ihre „freien Medien“ eint, ist das Thema Flüchtlinge. Genauer: Die Hetze gegen Flüchtlinge. Der Blog Philosophia Perennis verfügt über ein Ressort mit dem Namen „Islamisierung“, PI News treibt es noch weiter und zeigt mit seinen Rubriken bereits auf der Homepage seine Schwerpunktthemen und zugleich Gegner an: „Siedlungspolitik“, „Islam“, „Linke“ oder „Altmedien“, um nur die augenfälligsten zu nennen. Hinzu kommt die auf PI News geschaltete Anzeige der Bürgerbewegung Pax Europa, bei der es sich laut der bayerischen Informationsstelle gegen Extremismus um eine „verfassungsschutzrelevante islamfeindliche Bestrebung“ handelt, „die den Islam als ‚vorsteinzeitliche, nazistische und frauenverachtende Ideologie‘ sieht“.

Das gefilterte Echo in der Blase

Fort zieht sich diese Symbiose aus Verschwörungstheorien und rassistischen Weltanschauungen in Gruppen des Messengerdienstes Telegram oder den sozialen Netzwerken. Bestes Beispiel: der Twitter-Account der Identitären Bewegung. Am 12. Mai findet sich dort folgender Tweet: „#DerGroßeAustausch bedeutet, dass wir zu einer Minderheit im eigenen Land und schließlich mehr und mehr durch Fremde ersetzt werden. Die UN nennen das offiziell #ReplacementMigration (#Ersetzungseinwanderung).“ Dass die UN eine „Bestandserhaltungsmigration“ meint und keine „Ersetzung“ der deutschen Bevölkerung im Sinn hat, ist das eine. Das andere ist der Hashtag #DerGroßeAustausch – eine Verschwörungstheorie, die von einem geheimen Plan ausgeht, die weiße Bevölkerung beispielsweise durch Muslime auszutauschen.

Entscheidend ist jedoch auch hier die Einbettung des Tweets: Er steht inmitten von Nachrichten, die die Corona-Krise als Folge der Globalisierung ausweisen, Angela Merkels Politik an den Pranger stellen oder gegen linke Aktivisten hetzen und Retweets anderer Medien der Neuen Rechten wie der Jungen Freiheit, Compact und das Freilich Magazin oder Twitter-Accounts wie den von einprozent.de, auf dem sich ein ähnliches Bild abzeichnet: ein Mix aus Verschwörungstheorien, Aufruf zum Widerstand gegen die Eliten und hetzerischen Parolen gegen Migranten, weshalb er in Summe einem angsteinflößenden Warnschuss vor einer totalen Diktatur mit deutscher Unterbevölkerung gleicht. Oder anders gesagt: Diese Kanäle entwerfen ein Schreckensszenario, das fernab der ungefilterten Realität liegt – desinformiert, unreflektiert und kompromisslos. Gefährlich wird dies, wenn sich Anhänger von Verschwörungstheorien – egal aus welchem politischen Lager sie stammen – auch über solche Kanäle informieren, und das meist unhinterfragt. Was für sie zählt, ist laut Butter nämlich nicht die Frage, wer im Hintergrund der Verschwörungstheorie die Strippen zieht, sondern allein die Übereinstimmung, dass es überhaupt eine Verschwörung gibt. Das Problem dabei ist jedoch, dass sich diese Teilöffentlichkeiten in Echokammern und Filterblasen bewegen, in denen neben Verschwörungstheorien auch rechtes Gedankengut propagiert wird – für die Neue Rechte ein gefundenes Fressen, um bislang selten erreichte Aufmerksamkeit zu akkumulieren, indem sie auf einen fahrenden Verschwörungs-Zug aufspringt.

Doch droht angesichts der stetig wachsenden Anhängerschaft von Verschwörungstheorien eine Gefahr für unsere Demokratie? Wohl kaum. Denn noch immer gilt der Grundsatz, dass Filterblasen in der Realität weniger einflussreich sind als von den darin Gefangenen erhofft. Feststeht jedoch: Dass Menschen aller politischen Couleur mit verschwörerischen Theorien zur Corona-Pandemie ihre Meinung auf Demos, alternativen Medienkanälen oder sozialen Netzwerken kundtun und verbreiten dürfen, verdanken sie einzig und allein den Grundrechten von Versammlungs-, Presse- und Meinungsfreiheit sowie der demokratischen Staatsform Deutschlands. Von einer totalen Diktatur zu reden, ist somit ein Absurdum, das lediglich dazu dient, Menschen zu ängstigen, um sie für die eigenen Interessen zu manipulieren und zu instrumentalisieren. Zugleich liegt aber der Schutz dieser Grundrechte genauso in der Pflicht der Bundesregierung wie der Schutz der Bevölkerung vor Sars-CoV-2 – ein Virus, das entgegen vieler Theoretiker kein Phantom oder gar die Erfindung einer verschwörerischen Gemeinschaft von Eliten ist, sondern ein Virus, das – so unglaublich es noch immer klingen mag – nicht nur Deutschland in die größte Krise seit Ende des Zweiten Weltkrieges gestürzt hat. Diesen Zustand zu missbrauchen, um endlich die lang ersehnte Aufmerksamkeit zu bekommen und aus dem Schatten der eigens gebastelten Echokammer herauszutreten, gleicht der eigentlichen Verschwörung.

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