Orthopädie-Professor Joachim Grifka warnt vor einem neuen Trend: Zwei künstliche Gelenke gleichzeitig operieren zu lassen. Für Patienten würde dadurch das Infektionsrisiko steigen, außerdem sei der Heilungsprozess komplizierter. Schonendere Therapien oder minimalinvasive Eingriffe können laut dem Experten oft bessere Alternativen sein.
Beim Einsatz künstlicher Hüftgelenke ist Deutschland Spitzenreiter: 450.000 Hüft- und Kniegelenke wurden in Deutschland 2024 eingesetzt. Das sind 50 Prozent mehr als vor 10 Jahren und umgerechnet auf die Einwohnerzahl sind das nahezu doppelt so viele wie in anderen OECD-Ländern, zeigt eine aktuelle Studie. Künstliche Gelenke sind für Kliniken ein gutes Geschäft. Neue, fragwürdige Operationsmethoden lassen jetzt einen weiteren Anstieg der Eingriffe erwarten. Nun warnt Professor Joachim Grifka, Leiter der Forschungsstelle Orthopädie und Ergonomie der Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg, vor diesem Trend.
„Das bringt für den Patienten nur Nachteile“
„In Deutschlands Kliniken wird beim Hüft- und Kniegelenk-Ersatz zu schnell und zu oft operiert“, kritisiert Professor Joachim Grifka seit Jahren. Der frühere Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik Regensburg, der heute in München und Regensburg Sprechstunde hat und operiert, warnt jetzt vor dem allerneuesten Trend: An einem Operationstag gleich zwei Gelenke gleichzeitig zu ersetzen.
„Das bringt für den Patienten nur Nachteile“, sagt der Mediziner. Wichtig sei, dass Operierte zwei bis drei Stunden nach dem Eingriff wieder aufstehen und laufen könnten. Das funktioniere aber nur, wenn das zweite Bein nicht ebenfalls durch eine Operation beeinträchtigt ist.
Bei beidseitigem Gelenkersatz ist nach Einschätzung Grifkas auch der Heilungsprozess wesentlich komplexer. Eine solche Paralleloperation von zwei Hüft- oder Knieprothesen könne deshalb letztendlich statt zur schnellen Gehfähigkeit direkt zu einem Sitzplatz im Rollstuhl führen.
Vervierfachtes Infektionsrisiko
Ein weiteres schwerwiegendes Problem des schlechten Heilungsprozesses ist die höhere Infektionsrate. Bei einem einseitigen Ersatz liegt das Risiko einer Infektion unter 1%, bei gleichzeitigem Ersatz von zwei Gelenken bei 4%.
Professor Grifka, der laut dem amerikanischen Magazin NewsWeek zu den 100 besten Orthopäden der Welt zählt, kritisiert grundsätzlich die oft übereilten chirurgischen Eingriffe. „An erster Stelle muss geprüft werden, ob eine Prothese überhaupt erforderlich ist“, sagt der Mediziner.
Neue Therapiemethoden helfen Prothesenoperationen verhindern
Neueste, gelenkerhaltende Behandlungsmethoden könnten Prothesenoperationen überdies deutlich verzögern oder sogar überflüssig machen. Der renommierte Mediziner verweist dabei unter anderem auf die neuen Möglichkeiten von Fettstammzellen-Transplantationen. Dieses Therapieverfahren sei in den letzten Jahren deutlich verbessert worden. „Viele Patienten kommen damit auch ohne Prothese oft über viele Jahre gut zurecht“, so der Professor.
Wird der sanfte Gelenkaustausch dann doch unausweichlich, setzt Grifka auf minimalinvasive, schmerzarme Eingriffe. Der Mediziner war auch der erste in Deutschland, der neue Knie- und Hüftgelenke mit nur einem Tag Klinikaufenthalt, also ambulant, eingesetzt hat. Möglich war dies durch sein ausgefeiltes Programm der Prähabilitation, bei dem der Patient vor der Operation Verhaltensmaßnahmen für nach der Operation erlernt und ein detailliertes Physiotherapieprogramm absolviert. Das kommt auch allen Patienten zugute, die nach der Operation einige Tage im Krankenhaus bleiben.
Sein Rat an Patienten: „Ein neues Gelenk ist kein Reifenwechsel, eine leichtfertige, vorschnelle Indikationsstellung zum Gelenkersatz ist unverantwortlich. Lassen Sie jede Empfehlung zum Gelenkersatz von einem weiteren Experten überprüfen, der auch die konservative Behandlung beherrscht“, so Professor Grifka.
Professor Joachim Grifka, OTH Regensburg / RNRed