Vor einem Jahr öffnete in Regensburg das Caritas Marienheim – eine Notunterkunft für wohnungslose Frauen. Das Marienheim ist für viele eine Chance zum Neuanfang und bisher das einzige seiner Art in der Oberpfalz.
Wer in der Ostengasse 36 übernachtet, ist am Nullpunkt seines Lebens angelangt. „Die Frauen haben ein Bett, ein Regal, einen Spind“, sagt Michaela Sigl, die Leiterin der Caritas Notunterkunft für obdachlose Frauen im Caritas Marienheim. Wenig Platz eröffnet dort viel Raum. „Die Frauen finden bei uns ein Zuhause auf Zeit – und drücken den Reset-Knopf.“
Vor einem Jahr öffnete das Caritas Marienheim mit 31 Zimmer für wohnungslose Frauen. Die Einrichtung vereint drei Hilfsformen unter einem Dach – Notunterkunft, Wohngruppe und Nachsorge. Es gibt in dem dreistöckigen Haus Einzelzimmer sowie Zimmer, die sich zwei oder drei Frauen teilen. Die Notunterkunft im Erdgeschoss hat dreißig Betten. Knapp 7700 Übernachtungen verzeichnet Michaela Sigl fürs erste Jahr. Das sind 7700 Frauennächte unter einem schützenden Dach.
„Zu uns kann jede jederzeit kommen. Wir sind da.“
„Wer zu uns kommt, hat alles verloren“, sagt Diplom-Sozialpädagogin Sigl. 134 Frauen im Alter von 19 bis 84 Jahren hat sie seit dem Dienstag, den 1. April 2025, aufgenommen. Sie kommen häufig aus problematischen Beziehungen und sind finanziell abhängig von einem Partner. Viele haben Gewalt erlebt, manche sind drogenabhängig, andere psychisch erkrankt. Die Notunterkunft ist die letzte Anlaufstelle. Sigl sagt: „Zu uns kann jede jederzeit kommen. Wir sind da.“
Sandra (Name geändert), 48, kam als eine der ersten und lebt nun schon seit einem Jahr in der Notunterkunft. In ihrem Spind hat sie einen Rucksack und „Knabberzeugs“, in ihrem Regal stehen Thriller und Fantasyromane neben Shampoo, Make-Up, Wimperntusche. Sie schläft in Bett Nummer 25 in Zimmer zehn, das sie mit einer anderen Frau teilt. Sandra rief in einer Nacht vor etwa einem Jahr die Polizei. Ihr Partner, alkoholabhängig, verprügelte sie. In ihre Wohnung kehrte sie nie zurück, seither schläft sie in der Notunterkunft. „Ich bin mein eigener Mensch geworden“, sagt sie.
Ein Schutzraum für Frauen
Das Caritas Marienheim, in dem die Notunterkunft untergebracht ist, versteht sich als Ort des Neuanfangs. Der palaisartige Bau in der Regensburger Stadtmitte, unweit der Donau, wurde Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und diente früher als Altenheim für Pfarrhaushälterinnen. Bald nahm die Einrichtung auch Männer auf, zuletzt war es ein Heim für Demenzerkrankte. Ende 2023 musste es wegen Personalmangels schließen.

Blick in die NOAH-Notunterkunft für Frauen im Caritas Marienheim © Sonja Och
Wie bei seiner ursprünglichen Nutzung wird das Marienheim heute wieder ausschließlich von Frauen bewohnt – ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Arbeit in der Wohnungslosenhilfe: Wenn Frauen Gewalt erlebt haben, erklärt Einrichtungsleiterin Sigl, meiden sie Hilfsangebote, bei denen sie auf Männer stoßen. Die Regensburger Notunterkunft für Frauen ist die erste und einzige ihrer Art in der Oberpfalz – und schließt damit eine Versorgungslücke.
Margarete (Name geändert), 70, lebt seit Juli 2025 in der Ostengasse 36, Zimmer fünf, Bett 12. Im Regal: Tupperware, Hygienebeutel, Pullover und T-Shirts. Im Bett: ein Stoffkrokodil. Ihre Geschichte, sagt sie, sei lang und kompliziert, zu lang, um sie zu erzählen. Was auch immer sie herbrachte – das Marienheim ist ihr Zuhause auf Zeit geworden. „Es ist wie das Leben in einer Großfamilie, mit allen Höhen und Tiefen“, sagt sie.
„Wir tun alles, damit sich die Frauen wieder aufrichten können“
Die Caritas Regensburg arbeitet im Marienheim mit einem Mehrphasenmodell – vom Unterbringen in akuter Notlage über die Stabilisierung bis hin zur Wiedereingliederung. Die Notunterkunft gilt als Phase eins: Schutz und Sicherheit. „Wir tun alles, damit sich die Frauen wieder aufrichten können“, sagt Sigl.
Anika Mrazek und Flutura Alihajdaraj, die beiden Sozialpädagoginnen der Notunterkunft, bieten psychosoziale Unterstützung, beraten also bei persönlichen Herausforderungen. Sie unterstützen bei der Entwicklung eines strukturierten Alltags und vermitteln lebenspraktische Fähigkeiten wie Ordnung halten oder Essen zubereiten. Zudem helfen sie beim Beantragen von Sozialleistungen und bei der Job- und Wohnungssuche. „Ich möchte Frauen auf ihrem Weg in ein stabiles Leben begleiten“, sagt Mrazek. „Wir entwickeln gemeinsam mit den Klientinnen Perspektiven und gehen kleine, realistische Schritt in Richtung Stabilisierung“, sagt Alihajdaraj.
Zehn Frauen wurden seit Eröffnung des Marienheims in eigene Wohnungen vermittelt. „Die, die wollen, schaffen das“, sagt Leiterin Michaela Sigl. Der Neuanfang beginnt am Nullpunkt – mit einer Nacht im Caritas Marienheim.
Caritasverband für die Diözese Regensburg e.V. / RNRed