Die gesundheitlichen Risiken von Alkohol und Rauchen sind bekannt – trotzdem gehören beide für viele weiter zum Alltag. Warum ist das so? Und wie hat sich ihr Stellenwert seit den 70er-Jahren verändert?
Freitagabend in einer Bar: Drei Freunde stehen an der Theke und lachen. Die Gespräche springen von den Ereignissen des letzten Urlaubs zu den Plänen für den späteren Abend. Zwei bestellen Bier, die Dritte sagt: „Ich nehm‘ ein alkoholfreies Pale Ale.“ Kein Spruch, kein Augenrollen – niemand reagiert. Früher hätte man das vielleicht erklären müssen. Heute ist es einfach eine Option auf der Karte.
Der Alkohol ist noch da. Es wird getrunken. Es wird geraucht. Doch die Art, darüber zu sprechen und nachzudenken, hat sich verändert.
Wird also tatsächlich weniger konsumiert? Oder hat sich vor allem verändert, wie Alkohol und Tabak gesellschaftlich bewertet werden? Und warum können oder möchten viele trotz der bekannten Risiken nicht ganz darauf verzichten?
Der neue Alltag
Früher hat man sich ganz selbstverständlich in den Wirtshäusern getroffen, um sein Feierabendbier zu trinken. Kaum jemand hat sich Gedanken darüber gemacht, dass das schädlich sein könnte. Es war normal. Die nächste Generation hat scheinbar das Koma-Trinken eingeführt. Cocktails und Mischgetränke haben die Discos erobert. Und heute? Besonders jüngere Generationen trinken weniger, manche bewusst gar nichts. Immer öfter finden sogenannte Sober Partys oder Dry Events statt, bei denen kein Alkohol ausgeschenkt wird. Viele Besucher solcher Partys beschreiben die Abende nicht als langweiliger, sondern als klarer, entspannter oder ganz einfach anders.
Rund um diesen Wandel ist ein neuer Markt entstanden: Im Supermarktregal steht heute eine deutlich größere Auswahl alkoholfreier Alternativen – vom alkoholfreien Wein und Bier bis hin zum 0,0-prozentigen Wildberry Lillet. Die Politik diskutiert über eine höhere Alkoholsteuer und in den Sozialen Medien wird vor den Risiken von Alkohol- und Tabakkonsum gewarnt.
Früher musste man erklären, warum man nichts trinkt. Das ist zum Teil noch heute so. Doch die Fragen werden weniger, der Verzicht selbstverständlicher.
Das sagen die Zahlen
Dennoch gilt Deutschland weiterhin als Hochkonsumland. Wie das aktuelle „DHS Jahrbuch Sucht“ der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zeigt, ist der Verbrauch dennoch seit Jahren leicht rückläufig. Im Jahr 2024 kam es zwar zu einem minimalen Anstieg von 0,2 Litern pro Kopf – dieser ändert jedoch nur wenig am langfristigen Abwärtstrend. Besonders bei jüngeren Menschen sinkt der Konsum deutlich, während ältere und mittlere Jahrgänge weiterhin vergleichsweise viel trinken. Insgesamt bleibt das Gesamtniveau weiterhin hoch.
Parallel dazu hat sich eine Fitness- und Gesundheitskultur entwickelt, in der Alkohol zunehmend kritisch hinterfragt oder ganz vermieden wird. Vor allem in der Generation Y und Z ist Gesundheit auf Social Media bereits seit mehreren Jahren ein Trend-Thema.
Pro-Kopf-Alkoholkonsum in Deutschland
| Jahr | Jahr Liter Reinalkohol pro Kopf (Alter: ab 15 Jahren) |
| 2012 | 12,3 |
| 2019 | 11,5 |
| 2021 | 11,1 |
| 2023 | 10,8 |
| 2024 | 10,0 |
* Gesamter Pro-Kopf-Alkohol (PKA) = registrierter PKA + Konsum unregistrierter Alkohol (z. B. nicht statistisch erfasster oder im Ausland gekaufter Alkohol) + Adjustierung für Konsum durch Tourismus
Eine Frage des Alters?
Wer genauer hinschaut, merkt schnell: Es gibt nicht den einen Umgang mit Alkohol, sondern viele.
Bei den Anfangzwanzigern ist Alkohol oft nur noch eine Möglichkeit unter vielen. Man bestellt, was passt: Bier, Spritz, einen alkoholfreien Cocktail, eine Cola Zero. Der Abend muss nicht eskalieren, um gut zu sein.
In älteren Jahrgängen zeichnet sich oft ein anderes Bild: Wein wird nachgeschenkt, fast automatisch. Man erzählt von früher, von langen Nächten, von Abstürzen, die heute eher wie Anekdoten wirken und dennoch fast als Leistung gefeiert werden. Gleichzeitig bleibt manches Glas halb voll stehen. „Ich merk das einfach mehr als früher.“ Es ist ein leiseres Trinken geworden, aber nicht weniger vertraut.
Dazwischen steht eine Generation, die nicht grundsätzlich verzichtet, aber auch nicht mehr automatisch mittrinkt. Dafür gibt es sogar einen Begriff: sober curious. „Ich trinke schon noch“, sagt eine 31-Jährige, „aber nicht mehr einfach so.“ Es ist kein Verzicht, eher eine Entscheidung, die jedes Mal neu getroffen wird.
Der Gedanke, dass man ohne Alkohol keinen Spaß haben könne, gehörte lange zu den hartnäckigsten kulturellen Vorstellungen – der Drink als Grundvoraussetzung für einen gelungenen Abend. Dieser Mythos scheint aktuell zu bröckeln.
Die Frage ist jedoch, ob sich das tatsächlich an einzelnen Generationen oder Gruppen festmachen lässt. Ganz so einfach ist es nicht, da jeder Mensch unterschiedlich ist, unterschiedliche Freundeskreise hat und in unterschiedlichen Umfeldern groß geworden ist. Es gibt nach wie vor 20-Jährige, die sehr viel trinken und 60-Jährige, der ihr Leben lang gerne getrunken und jetzt bewusst aufgehört haben.

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„Kein Alkohol ist auch keine Lösung“?
Er wird immer wieder zum Protagonisten berühmter Songs: „Alkohol – ist dein Fallschirm und dein Rettungsboot“, singt Herbert Grönemeyer, während die Toten Hosen erklären: „Kein Alkohol ist auch keine Lösung! Ich hab es immer wieder versucht. Es würde gehen, doch es geht nicht gut.“ Während der Toten Hosen-Song eher provoziert, wirft Grönemeyer einen fast melancholischen Blick auf Abhängigkeit und Selbsttäuschung. Trotz ihres kritischen Untertons werden beide Songs bis heute allzu gerne lauthals mitgegrölt.
Vielleicht zeigt das auch, welche große Rolle Alkohol noch immer in weiten Teilen der Gesellschaft spielt. Doch warum ist das so?
Ein Grund liegt in seiner sozialen Funktion: Wie häufig kommt es vor, dass man sich auf einer Party zunächst fremd und unbeholfen fühlt – und nach ein paar Gläschen scheinbar mühelos neue Kontakte knüpft? Auch beim Flirten hilft Alkohol vielen, die erst schüchtern in der Ecke standen. Er macht gesellig. Er wirkt enthemmend. Diese soziale Leichtigkeit kann aber auch an ihre Grenzen stoßen und mit zunehmender Menge ins Gegenteil umschlagen: Gespräche werden unklarer, Signale schwerer lesbar und die Kontrolle nimmt ab.
Viele verbinden aber ein After-Work-Aperölchen oder ein Feierabendbier auch mit Entspannung oder dem bewussten Abschalten vom Alltag. Manche sehen darin eine Art Pause vom unentwegten Kontrollmodus. Gleichzeitig wirkt Alkohol gemeinschaftsstiftend – auf einen Erfolg, eine Verlobung oder einfach einen schönen Abend anzustoßen, schweißt zusammen. Kaum ein anderes Getränk wird so häufig in Gesellschaft konsumiert. Darauf zu verzichten, hieße für viele, ein vertrautes Ritual aufzugeben. Vielleicht hat das mit Disziplin zu tun, vielleicht aber auch mit persönlichen Prioritäten. „Lieber genieße ich mein ganzes Leben lang mein Gläschen Sekt, das mich entspannt, und lebe dafür ein paar Jahre kürzer“, meint eine Kollegin im Gespräch.
Neben den individuellen Funktionen nimmt Alkohol auch gesellschaftlich einen festen Platz ein. Gerade in gut situierten Kreisen scheint ein Glas Wein oder Whiskey in gediegener Runde weiterhin Ausdruck eines bestimmten Lebensstils zu sein. Alkohol also als soziale Norm? Irgendwie schon.
Hinzu kommt eine kulturelle Prägung: Von klein auf lernt man, Alkohol mit Genuss, Geselligkeit und besonderen Momenten zu verbinden – das Bier beim Fußballschauen, der Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt oder der Begrüßungssekt auf der Hochzeit. Filme und Werbung verstärken dieses Bild noch. So entsteht eine früh erlernte Selbstverständlichkeit, die selten hinterfragt wird.
Wissen gegen Gewohnheit?
Wissenschaftlich gesehen ist klar: Alkohol ist nicht gesund – auch nicht in Maßen. Denn selbst kleine Mengen können das Risiko für Krankheiten wie bestimmte Krebsarten oder Herzkreislauf-erkrankungen sowie die Verletzungs- und Unfallgefahr erhöhen. Zudem besteht langfristig ein er-höhtes Suchtpotenzial. Noch vor einigen Jahren galt ein Glas Wein oder Bier pro Tag teilweise als gesund. Heute wird Alkohol in der Forschung deutlich kritischer gesehen. Die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) lautet, möglichst ganz auf Alkohol zu verzichten.
Spricht man im Freundeskreis über diese Risiken, kippt das Gespräch häufig in Rechtfertigung oder Lobeshymnen auf den „verdienten Drink“. Doch warum ist das so? Niemand fordert in diesen Gesprächen einen vollständigen Verzicht oder nimmt einem den Alkohol weg. Ist es vielleicht weniger der äußere Druck als das eigene Gewissen, vor dem man scheinbar rechtfertigen möchte, warum man ihn doch braucht?
Aufklärung kann Verhalten verändern. Aber sie ersetzt nicht die Rolle, die Alkohol für viele lange gespielt hat. Er ist weniger Mittel als Ritual – und deshalb weit mehr als nur ein Getränk mit berauschender Wirkung.
Die Antwort auf die Frage, warum so viele Menschen trotz des Wissens immer noch zum Entspannungs-Drink greifen, könnte also lauten: Weil zwei Dinge gleichzeitig wahr sein können.
Alkohol ist schädlich.
Und
Alkohol fühlt sich gut an.
Das sagt die Psychologie
Psychologisch betrachtet gibt es verschiedene Mechanismen, die dazu führen können, dass Menschen entgegen ihres besseren Wissens handeln. Prof. Dr. Peter Fischer, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Sozial-, Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Regensburg, nennt unter anderem die große psychologische Distanz zu möglichen Langzeitfolgen: „Viele Menschen beginnen bereits in jungen Jahren mit dem Trinken, zu dem Zeitpunkt erscheinen gesundheitliche Risiken wie Bauchspeicheldrüsenkrebs oder schwere Organschäden oft weit entfernt und werden leichter verdrängt.“
Doch meistens ändere sich dieses Verhalten auch im Alter nicht. „Wenn ich Alkohol trinke, dann bin ich entspannter, dann habe ich weniger Angst“, beschreibt Prof. Fischer. Für viele wirke er wie eine Art Selbstmedikation. Alkohol aktiviert nachweislich das Belohnungssystem im Gehirn und fördert die Ausschüttung von Dopamin. Gleichzeitig wirkt er dämpfend auf das zentrale Nervensystem und beeinflusst das GABA-System, das eine wichtige Rolle bei Beruhigung und Entspannung spielt. Viele Menschen fühlen sich dadurch entspannter, manche enthemmter.
Hinzu kommt eine soziale Prägung. In der Psychologie spricht man von Lernen am Modell. Das geschieht zunächst im privaten Umfeld. „Bis zur Pubertät spielen die Eltern die größte Rolle als Modelle. Wenn die Eltern rauchen und trinken, wird dieses Verhalten als etwas Normales abgespeichert“, so Prof. Fischer. Später übernehmen Freunde und Bekannte, aber auch Influencer diese Rolle – sie werden zur sogenannten Peer Group.
Filme und Werbung nehmen ebenfalls unterbewusst Einfluss: „Wenn in Filmen die Protagonisten Alkohol zu sich nehmen, lerne ich: Mein Vorbild trinkt, um herunterzukommen oder Spaß zu haben“, erläutert Prof. Fischer. Er erzählt zudem von einer Bushaltestelle in der Nähe der Schule seiner Kinder, wo laufend Alkoholwerbung gezeigt wird. „Da gehen jeden Tag tausende von Kindern vorbei. Gerade deshalb sind solche Stellen so beliebt: Was ich im Gehirn eines Kindes verankere, das repliziert sich ein ganzes Leben lang.“
Corona: Wenn der Anlass sich verändert, aber der Alkohol bleibt
Hat die Pandemie den Alkoholkonsum noch verstärkt? Nicht direkt. Es gab Ausgangssperren, Bars und Clubs waren lange Zeit ganz geschlossen und öffentliches Trinken vielerorts verboten. Soziale Anlässe wie Partys fielen damit weg, exzessives Rauschtrinken kam seltener vor. Gleichzeitig waren viele Menschen alleine, fühlten sich gestresst oder überwältigt von der neuen Lebenssituation. Manche suchten daher nach Möglichkeiten, sich zu beruhigen oder sich etwas zu gönnen – zu Hause. Mit dem Partner, der Mitbewohnerin oder alleine. Für einige wurde der Alkohol zum häufigen Begleiter im Alltag. Besonders Menschen, die bereits zuvor viel konsumierten, steigerten ihren Alkoholkonsum teilweise noch weiter.
Die Corona-Pandemie hat den Alkoholkonsum nicht einfach gesenkt oder erhöht. Sie hat vor allem verändert, wann, wo und warum Menschen trinken.
Rauchen – ähnliche Funktionen, anderer Status
Dichte Luft, gelbe Lampen, Aschenbecher auf jedem Tisch – und kaum jemand fragt sich, ob das eigentlich gesund ist. Man raucht, man trinkt – das gehört vom Wirtschaftswunder bis weit in die 1970er-Jahre hinein ganz selbstverständlich zum Alltag.

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Erst in den 1980er- und 1990er-Jahren rücken die gesundheitlichen Folgen des Rauchens stärker ins Bewusstsein der Menschen. 2007/08 kommt das Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden, Restaurants und Bars. Was die einen freut, führt bei den anderen zur Weigerung, überhaupt noch eine Kneipe zu betreten.
Heute können sich die meisten kaum noch vorstellen, nach dem Restaurant- oder Kinobesuch nach kaltem Rauch zu riechen, die Kleidung direkt in die Wäsche zu werfen und trotzdem mit verrauchten Haaren ins Bett zu gehen. Ganz abgesehen vom allgegenwärtigen Passivrauchen.
In Deutschland raucht heute noch ein Viertel der Erwachsenen, Männer häufiger als Frauen. In der Nachkriegszeit und bis weit in die 1970er-Jahre waren es noch deutlich mehr. Zum Teil hat fast die Hälfte der Männer geraucht – aber nicht etwa vor der Tür, sondern in Restaurants, Büros, öffentlichen Verkehrsmitteln und teilweise sogar in Schulen oder Krankenhäusern. Bereits seit Mitte der 1990er-Jahre gingen die Raucherzahlen zunächst kontinuierlich zurück. Laut Statistischem Bundesamt war ab 2018 wieder ein leichter Anstieg zu beobachten. In den vergangenen beiden Jahren waren die Werte hingegen erneut leicht rückläufig.
Besonders deutlich zeigt sich der langfristige Rückgang bei Jugendlichen. Klassisches Rauchen hat vor allem bei den 14- bis 17-Jährigen stark abgenommen. Nach einem kurzfristigen Anstieg im Jahr 2022 stabilisierten sich die Werte 2024/25 wieder auf einem niedrigeren Niveau von etwa 7 bis 9 Prozent.

© Aktuelle Daten der DEBRA: Langzeitstudie Deutsche Befragung zum Rauchverhalten, COPYRIGHT: DEBRA-Studie, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf,
www.debra-study.info, Stand 01/2026
Zu diesem Wandel haben strengere Gesetze, veränderte gesellschaftliche Normen und eine deutlich stärkere Gesundheitsaufklärung beigetragen. Gleichzeitig zeigt sich am Beispiel des Rauchens besonders deutlich, wie stark Konsumverhalten emotional und kulturell geprägt wird. „Als wir vor 30 Jahren im Kino den Marlboro-Cowboy gesehen haben, haben wir gelernt: Wer so cool sein möchte wie er, muss rauchen“, erklärt Prof. Fischer. Zigaretten wurden nicht einfach als Produkt beworben, sondern mit Freiheit, Coolness oder Abenteuer verbunden. Heute wirke es laut Fischer fast absurd, dass damals ganz selbstverständlich das HB-Männchen über die Bildschirme flimmerte. Während Zigaretten-Werbung damals Kinos, Reklametafeln und Litfaßsäulen prägten, warnen heute Schockbilder auf Zigarettenschachteln vor den Risiken. Auch auf Social Media klären unzählige Videos über die Gefahren auf.
Dennoch verschwindet das Bedürfnis zu Rauchen nicht vollständig, sondern verlagert sich teilweise in neue Formen. Immer mehr Menschen ersetzen klassische Zigaretten durch Vapes und E-Zigaretten – gesellschaftlich stellen sie immer noch eine Art Grauzone dar. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft E-Zigaretten jedoch als gesundheitlich bedenklich ein und fordert striktere Regulierungen. Sie warnt davor, dass insbesondere die süßen Aromen, das moderne Design und das Social-Media-Marketing gezielt junge Menschen ansprechen könnten.
Rauchen im Allgemeinen macht schnell süchtig – auch wenn die Vorstandsvorsitzenden großer Tabakkonzerne im Jahr 1994 noch unter Eid behaupteten: „Ich glaube, dass Nikotin nicht abhängig macht.“
Außerdem verankert sich die Zigarette schnell im Alltag: ob in Stresssituationen, in Pausen oder als soziales Ritual. Wer wurde nicht schon mal für einen Tag zum Raucher, um vom Flurfunk im Büro nicht ganz abgeschnitten zu sein? Und auch beim Weggehen können die Worte „Hast du Feuer für mich?“ der Beginn einer neuen Freundschaft sein. All das könnte erklären, warum der Rückgang deutlich langsamer verläuft, als gesundheitspolitische Maßnahmen es erwarten ließen.
Im Gegensatz zu Alkohol scheint Rauchen heute allerdings ein deutlich schlechteres Image zu haben. Die Zigarette wurde nicht nur reguliert, sondern kulturell umcodiert: vom gesellschaftlichen Standard zum Symbol eines erklärungsbedürftigen Verhaltens. Wer heute raucht, tut dies meist im Bewusstsein, gegen einen gesellschaftlichen Trend zu handeln.
Prof. Fischer glaubt jedoch, dass sich auch der gesellschaftliche Umgang mit Alkohol weiter verändern könnte. „Meine Prognose ist, dass wir uns in zehn oder zwanzig Jahren wundern werden, dass in Sendungen wie ,Germany’s Next Topmodel‘ oder ,Der Bachelor‘ ganz selbstverständlich Bier- oder Cocktailwerbungen liefen.“ Er sei sich sicher, dass bis dahin allgemein deutlich weniger Alkohol konsumiert wird.
Rauchen hat gesellschaftlich längst seinen Status verloren – Alkohol bislang vor allem seine Unschuld.
| 1974: Verbot von Tabak-Werbung im Fernsehen und Rundfunk in Deutschland. |
| 2003: Die EU schränkt Tabakwerbung in Zeitungen, Zeitschriften und im Internet stark ein. |
| 2007: Deutschland verbietet weitgehend Tabakwerbung in Printmedien und online sowie grenzüberschreitende Werbung und Sponsoring. |
| 2007/08: Nichtraucherschutzgesetze führen zu Rauchverboten in Restaurants, Bars und öffentlichen Gebäuden. |
| 2016: Deutschland führt verpflichtende Schockbilder auf Zigarettenpackungen ein. Kanada führte bereits 2000 als erstes Land weltweit bildliche Warnhinweise auf Zigarettenpackungen ein. |
| 2020: Deutschland verabschiedet als letztes Land der Europäischen Union ein Verbot der Außenwerbung für Tabakprodukte und E-Zigaretten ab 2022. (mit mehrjährigen Über-gangsfristen). |
Lange war Alkohol ein Versprechen: auf Entspannung, auf Nähe, auf einen besseren Abend. Es ist eine Gewohnheit entstanden – eine enge Verknüpfung zwischen Alkoholkonsum und bestimmten Emotionen. Für manche bedeutet er Belohnung, für manche Sicherheit in unsicheren Momenten.

© www.vascoplanet.com / Vyacheslav Argenberg
Immer mehr Menschen entkoppeln diese Funktionen. Je öfter ohne Alkohol getanzt, gefeiert oder sich begegnet wird, desto selbstverständlicher wird diese Erfahrung für viele.
Doch er ist noch da – in Bars, auf Geburtstagen, im Biergarten. Vielleicht liegt der eigentliche Wandel daher nicht darin, dass weniger getrunken wird, sondern darin, dass der Umgang mit Alkohol bewusster geworden ist – ob er nun bewusst genossen oder darauf verzichtet wird.
Ein Bericht von Marina Triebswetter I filter Magazin