Was müsste ein Unternehmen heute tun, um in 800 Jahren noch zu existieren? Viele Unternehmen entstehen mit großen Ambitionen, wachsen schnell – und verschwinden ebenso schnell wieder vom Markt. Die St. Katharinenspitalstiftung hat es jedoch geschafft, seit acht Jahrhunderten ihren ursprünglichen Auftrag zu erfüllen: kranken und bedürftigen Menschen zu helfen – und dabei hat die Stiftung Krisen, Kriege und gesellschaftliche Umbrüche überstanden.
Die St. Katharinenspitalstiftung feiert in diesem Jahr ihr 800-jähriges Bestehen – und gehört damit zu den ältesten noch bestehenden Stiftungen der Welt, die über Jahrhunderte hinweg nicht nur überlebt, sondern ihren ursprünglichen Auftrag bis heute bewahrt haben: kranken und bedürftigen Menschen zu helfen. Was auf den ersten Blick wie ein historisches Relikt wirkt, ist in Wahrheit ein funktionierendes Modell, das Krisen, Kriege, wirtschaftliche Umbrüche und gesellschaftliche Veränderungen überstanden hat.
Der Ursprung eines Modells, das bis heute trägt
Das St. Katharinenspital in Stadtamhof geht auf das Jahr 1220 zurück. Es entstand aus dem Zusammenschluss des alten Domspitals und des Brückenspitals. Ursprünglich als Armen- und Krankenhaus für rund 100 Menschen ausgelegt, versorgte es zeitweise bis zu 400 kranke und bedürftige Menschen sowie Reisende und Pilger.
Finanziert wurde das Spital vor allem durch Spenden. Als wichtigster Förderer gilt der Regensburger Bischof Konrad IV., der bis heute als Gründer der Stiftung verehrt wird. Im Jahr 1226 schuf er ein für die damalige Zeit bemerkenswert strukturiertes Kontroll- und Entscheidungsgremium: den Spitalrat, besetzt mit Vertretern der Kirche und der Stadt. Seine Aufgabe war es, sicherzustellen, dass die Stiftung ihrem Zweck treu blieb und nicht zu persönlichen Interessen missbraucht wurde. Der sogenannte Spitalleiter war mit der Führung der Stiftung betraut.
Unter dieser Struktur entwickelte sich die Organisation weiter. Noch im selben Jahr entstand die Spitalbrauerei – heute eine der ältesten Stiftungsbrauereien der Welt. Das Bier wurde damals jedoch ausschließlich als „nahrhafter Schlaftrunk“ an die Kranken ausgegeben. Darüber hinaus wuchs der Besitz der Stiftung über die Jahrhunderte kontinuierlich an – vor allem durch Schenkungen und Zustiftungen wohlhabender Bürger. So verfügte sie bald über umfangreiche Ländereien, darunter Ackerflächen und Weinberge, deren Erträge die Versorgung der Kranken langfristig sicherten.
Ab dem späten Mittelalter veränderten sich – unter anderem durch klimatische Entwicklungen und wirtschaftliche Faktoren – die landwirtschaftlichen Bedingungen und damit auch die Trinkgewohnheiten. Während der Weinbau zurückging, gewann die Bierproduktion zunehmend an Bedeutung und entwickelte sich zu einem wichtigen wirtschaftlichen Standbein der Stiftung.

© St. Katharinenspitalstiftung
Vielseitigkeit als Mittel zum Erfolg
Die breit gefächerte Unternehmensstruktur sorgt bis heute für Stabilität innerhalb der Organisation. „In 800 Jahren gibt es immer Phasen, in denen einzelne Bereiche schlechter laufen“, erklärt der heutige Spitalmeister Wolfgang Lindner, der die Stiftung seit 2018 leitet. „Wenn es in der Brauerei nicht gut läuft, erwirtschaften vielleicht die Pflege oder die Forstwirtschaft höhere Gewinne. Dann stützt man sich darauf und entlastet den anderen Bereich.“
In seiner Rolle ist Lindner im Grunde mit einem Geschäftsführer vergleichbar. Denn auch wenn es sich formal um eine Stiftung handelt, arbeitet die Organisation in vielen Bereichen wie ein klassisches Unternehmen. „In der Struktur unterscheiden wir uns kaum: kaufmännische Leitung, Technik, Brauerei, Pflege – dazu ganz normale Themen wie Personal, Arbeitsrecht und Lohnbuchhaltung. Auch wir werden jährlich geprüft und haben klare Aufsichtsgremien.“
Als mittelständisch geprägte Organisation hat sich die Stiftung dabei eine bemerkenswerte Agilität bewahrt. Entscheidungen werden schnell und unbürokratisch getroffen und umgesetzt – ein deutlicher Vorteil in einer zunehmend komplexen Welt.
Gleichzeitig unterscheidet sich die Unternehmensführung in einem entscheidenden Punkt von vielen modernen Betrieben. „Wir denken in langen Zeiträumen“, sagt Lindner. „Heute sind viele Unternehmen stark auf Monats- oder Quartalszahlen ausgerichtet. Wenn die schlecht sind, wird sofort reagiert. Das machen wir nicht. Wir waren nie Gewinnmaximierer und haben nie versucht, alles auszureizen.“
Diese Haltung kommt nicht von ungefähr: Lindner selbst kennt beide Welten. Vor seiner Tätigkeit im Spital war er in großen Konzernen und öffentlichen Einrichtungen tätig und weiß daher zu würdigen, wie das Unternehmen allen stürmischen Zeiten trotzte und dabei der Erfüllung seines sozialen Auftrags stets treu blieb.

Spitalmeister Wolfgang Lindner. © Florian Hammerich
„Es kann nicht nur um ‚satt und sauber’ gehen“
Wie bereits vor Hunderten von Jahren fließt auch heute ein Teil der Erträge aus der Brauerei und der Forstwirtschaft in die Stiftung zurück, um gemeinnützige Projekte zu ermöglichen. Damit wird unter anderem der hauseigene Sozialdienst finanziert, der die gesamte Freizeitgestaltung der Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims übernimmt. Ein äußerst wichtiges Angebot, um die Menschen nicht nur oberflächlich zu versorgen, sondern ihnen auch weiterhin die Möglichkeit zu geben, am Leben teilzuhaben.
„Es kann nicht nur um ‚satt und sauber’ gehen“, betont Lindner. „Es muss auch Menschlichkeit geben – Gespräche, Beschäftigung, Zuwendung. Dafür nehmen wir bewusst finanzielle Abstriche in Kauf. Das ist unser großer Luxus: dass wir solche Entscheidungen überhaupt treffen dürfen.“ Durch diese Art der Unternehmensführung können auch neue soziale Projekte geplant und umgesetzt werden.
„Die Aufgabe der Verwaltung sollte sein, zu helfen, wo es nur geht“
Ein besonderes Anliegen Wolfgang Lindners ist die Hospizarbeit. Das Team steckt mitten in der Vorplanung eines Kinderhospizes, um den Fokus der Stiftung zu erweitern und auch junge Menschen sowie deren Angehörige besser unterstützen zu können. Denn Familien mit schwer kranken Kindern stehen vor enormen Herausforderungen. Um solche Projekte ins Leben zu rufen, muss Lindner jedoch mit zahlreichen bürokratischen Hürden kämpfen. „Der größte Aufwand liegt meist nicht in der Idee, sondern in der Umsetzung – vor allem in der Stadtverwaltung“, kritisiert Lindner. „Selbst kleine Vorhaben ziehen sich über Jahre hin, weil man unzählige Genehmigungsstellen durchlaufen muss und klare Abläufe fehlen.“

Das Pflegeheim von innen. © Florian Hammerich
Somit musste er eine weitere Idee, ein Wohnheim für Pflegekräfte auf einer seiner brachliegenden Ackerflächen zu bauen, für unbestimmte Zeit auf Eis legen, da die Genehmigungen der Stadt, um Ackerflächen in Bauland umzuwandeln, Jahre dauern.
„Die Verwaltung müsste wieder stärker als Dienstleister agieren“, fordert Lindner. „Wir als Stiftung investieren unser eigenes Geld und Risiko. Da sollte die Aufgabe der Verwaltung sein, zu helfen, wo es nur geht – nicht nur zu erklären, warum etwas nicht geht.“
„Jeder soll hier in Ruhe arbeiten können“
Der soziale Gedanke der Stiftung beschränkt sich nicht nur auf Projekte zugunsten der Bevölkerung, sondern spiegelt sich auch im Umgang mit den Mitarbeitenden wider. Während in vielen Unternehmen Flexibilität und Leistungsdruck zunehmen, setzt man im Spital bewusst auf ein anderes Prinzip. „Jeder soll hier in Ruhe arbeiten können“, so Lindner. „Es geht nicht darum, jeden Tag die maximale Leistung abzurufen.“
Was zunächst einfach klingt, berührt ein Thema, das viele Menschen heute beschäftigt: das Bedürfnis nach Sicherheit, Zugehörigkeit und Stabilität. In einer Arbeitswelt, die sich immer schneller dreht, wächst bei vielen der Wunsch nach genau diesen Dingen.
Lindner sieht vor allem die Global Player stärker in der Verantwortung: „Gewinnmaximierung hat absolut ihre Berechtigung, gerade bei börsennotierten Unternehmen. Muss aber jede Entscheidung maximal profitabel sein? Oder kann man auch gesellschaftliche, menschliche und nachhaltige Aspekte einbeziehen?“
Gerade beim Thema Wohnungsbau möchte er mit gutem Beispiel vorangehen und wünscht sich, dass sich auch andere Organisationen in diesem Bereich deutlich stärker einsetzen: „Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann, dass große Unternehmen wieder stärker in den Wohnungsbau für Mitarbeitende investieren.“ Das würde Druck vom Markt nehmen. Wir bauen aktuell Azubiwohnungen, weil sich junge Menschen in Regensburg Wohnraum kaum noch leisten können. Für mich ist das eine moderne Umsetzung der ursprünglichen Idee: Schutz bieten – ein Dach über dem Kopf, Sicherheit und Stabilität. Und genau das versuchen wir zu bieten.“
„Als Gesellschaft sind wir entscheidungsarm geworden“
Für die Zukunft sieht sich Lindner gut aufgestellt. „Große Sorgen mache ich mir nicht“, erklärt er. „Die Herausforderungen sind im Grunde die gleichen wie seit 800 Jahren. Aber dank unserer verschiedenen Geschäftsbereiche sind wir stabil aufgestellt.“

Brauer bei der Arbeit. © Florian Hammerich
Während die Stiftung im Bereich der Pflege zunehmend mit Fachkräftemangel zu kämpfen hat und der Bierkonsum seit Jahren sinkt, sorgen Forstwirtschaft und Grundbesitz weiterhin für Stabilität. Gerade diese Mischung macht das Modell robust.
Doch worauf es für ihn wirklich ankommt, ist die Haltung in unserem Land. „Als Gesellschaft sind wir entscheidungsarm geworden“, sagt er. „Es wird oft gar nicht mehr entschieden oder nur unverbindlich. Alle warten darauf, dass jemand einen Fehler macht. Diese Entwicklung lähmt nicht nur Unternehmen, sondern auch ganze Strukturen.“
Was bleibt
Die St. Katharinenspitalstiftung zeigt, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftliche Verantwortung kein Widerspruch sein müssen. Dass es möglich ist, Entscheidungen nicht nur nach Zahlen zu treffen, sondern auch nach Werten. Und dass langfristiges Denken kein Hindernis, sondern ein stabilisierendes Fundament sein kann.
Denn während sich Arbeitswelten verändern und Loyalität schwindet, bleibt ein Bedürfnis konstant: der Wunsch nach Sicherheit, nach Zugehörigkeit, nach einem Ort, an dem man nicht nur arbeitet, sondern Teil von etwas ist.

Spitalarchiv. © Florian Hammerich
Unternehmen können und sollten dabei eine größere Rolle spielen, als sie es heute oft tun. Nicht nur als Arbeitgeber, sondern als Teil einer Gemeinschaft.
Dafür braucht es Mut. Den Mut, Entscheidungen zu treffen, auch wenn sie nicht perfekt sind. Den Mut, nicht jeden Trend sofort mitzugehen, und den Mut, den Menschen wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen.
Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus 800 Jahren Unternehmensgeschichte.
Kathrin Gnilka I filter Magazin