Die Domstadt gilt für viele als die „nördlichste Stadt Italiens“. Doch woher kommt das eigentlich? Eine Umfrage in der Regensburger Altstadt zeigt: Es sind nicht nur die Cafés und die engen Gassen, die an Italien erinnern – auch Geschichte, Architektur und Lebensgefühl spielen eine entscheidende Rolle.
Kleine Cafés, gutes Eis, malerische enge Gassen und Leute, die mit einem kühlen Getränk in der Hand die Sonne genießen – nicht umsonst bezeichnen die Regensburger*innen ihre Stadt liebevoll als die nördlichste Stadt Italiens. Ein Blick in die Kartenapp der Wahl (oder in den guten alten Weltatlas aus Schulzeiten) zeigt: politisch und geografisch ist das nicht ganz richtig. Zumindest nicht während der letzten paar Jahrhunderte. Warum ist die Domstadt dennoch als die nördlichste Stadt Italiens bekannt? Wir haben in der Regensburger Innenstadt nachgefragt: Wo und wodurch fühlt sich Regensburg an wie die nördlichste Stadt Italiens?
„Ich würde sagen, die Gebäude in der Stadt. Und auch das Feeling, wenn man abends durch die Stadt geht, das fühlt sich an wie in Italien.“
– Sabrina, 24 Jahre, Studentin
„Wie Italien wirkt Regensburg meistens im Sommer, vor allem draußen. Es ist sonnig und warm und die Leute sind draußen und verbringen Zeit an den verschiedenen Plätzen in Cafés oder sitzen einfach auf dem Boden. Außerdem gibt es viele Festivals und man kann richtig beobachten, wie die Leute das Leben genießen.“
– Daria, Lehrerin
„Durch die kleinen Gassen in Regensburg. Man kann sie entlanglaufen und dann irgendwo rauskommen, wo man noch nie war. Zum Beispiel hat Stadtamhof mit seinen kleinen Läden einen schönen italienischen Vibe.“
– Julia, 20 Jahre, Studentin
„Die kleinen romantischen Gassen, die Kirchen, die vielen Cafés und Eisdielen, die Leute, die Aperol trinken – ich glaube, das alles zusammen fühlt sich für mich nach Italien an.“
– Lara, 20 Jahre, Studentin
„Eigentlich überall. Sobald es nicht mehr klirrend kalt ist, stehen die Stühle draußen, mittlerweile sogar ganzjährig. Ganz viele Menschen sind abends und nachts auf den Straßen unterwegs, wie man sich das eigentlich von Italien vorstellt. Und der Brückenbasar – der ist ja auch preislich sehr nah am Markusplatz. (lacht)“
– Sebastian, 54 Jahre, Goldschmied
„Ich glaube, dass das schon mit der Mentalität der Menschen zu tun hat. Obwohl man ja eigentlich sagt, der Oberpfälzer sei ein bisschen kühler, habe ich das Gefühl, dass durch diese studentische Ebene, die es hier gibt, viele Leute sehr aufgeschlossen sind. Ein bisschen Vida Loca, würde ich sagen. Hier in der Innenstadt, zum Beispiel am Bismarckplatz am Brunnen, sieht man das besonders.“
– Benno, 42 Jahre, Lehrer
„In der Gesandtenstraße sind unten in manchen Hauswänden kleine Fenster. Die kennt man auch aus Italien. Sie wurden früher genutzt, um zum Beispiel Essen oder Wein durchzureichen.“
– Sarah, 26 Jahre, Studentin
„Wenn man am Bismarckplatz in der Sonne sitzt und beispielsweise ein alkoholfreies Weizen trinkt und die Leute vorbeispazieren. Vor den Eisdielen sind immer lange Schlangen und überhaupt sind die Leute einfach super lebensfroh und den ganzen Tag draußen. Man fällt aus der Tür und die Stadt bietet einem einfach Dinge, die man tun kann.“
– Benedikt, 31 Jahre alt, arbeitet im Innenministerium
„Am meisten sieht man das an der Altstadt, weil es schon viele italienische Restaurants gibt, vor allem an der Steinernen Brücke, da kann man fast überall Pizza essen. Ich persönlich bin großer Pizza- und Italienfan, daher gefällt es mir in Regensburg sehr gut.“
– Anonym
Die Architektur, die Gastronomie, die Mentalität und das allgemeine Ambiente Regensburgs sind es also, woran die Leute denken, wenn sie von der „nördlichsten Stadt Italiens“ sprechen. Allerdings hört man diese Bezeichnung nicht nur in der Donaustadt, denn auch die Isar, der Lech und sogar der Rhein fließen durch die jeweils nördlichste Stadt Italiens, wenn man den jeweiligen Anwohner*innen glauben darf. Das wirft einige Fragen auf: Warum werden gerade Regensburg, München, Augsburg und Köln gerne mit diesem Prädikat versehen? Gibt es einen historischen Hintergrund, der die Bezeichnung rechtfertigt? Und welche der vier Städte ist nun eigentlich wirklich die nördlichste Stadt Italiens?

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Die nördlichste Stadt Roms?
Schon die historischen Namen dreier der Städte weisen auf einen zumindest mediterranen Einfluss hin: ‚Oppidum Ubiorum‘ bzw. ‚Colonia Claudia Ara Agrippinensium‘ (Köln), ‚Augusta Vindelicorum‘ (Augsburg) und ‚Castra Regina‘ (Regensburg) wurden alle drei von den Römern gegründet. Dabei gehen Augsburg und Regensburg auf römische Militärlager zurück, während Köln seinen Anfang in einer vom römischen Statthalter Agrippa eingerichteten Ansiedlung des Germanenstammes der Ubier hat. München fällt hier aus der Reihe, es wird erstmalig im 12. Jahrhundert als ‚Munichen‘ urkundlich erwähnt. Aber reicht eine römische Gründung allein aus, um eine Stadt zur nördlichsten Italiens zu machen? Wahrscheinlich nicht, denn sonst ginge der Titel wohl an Wallsend, eine von den Römern gegründete Stadt im Vereinigten Königreich, die nach ihrer Lage am östlichen Ende des Hadrianswalls im heutigen Tyne and Wear in England benannt ist. Sie ist die nördlichste noch existierende Stadt, die sich aus einer römischen Befestigungsanlage entwickelt hat.
Handel mit Venedig
Besonders wichtig für kulturellen Austausch ist natürlich der Handel. Und im Handel mit Italien war Regensburg früh und lange eine der wichtigsten Städte im deutschsprachigen Raum. Es wird angenommen, dass Regensburg bereits vor dem 10. Jahrhundert Handelsverbindungen unter anderem nach Venedig unterhielt. Das zeigt sich zum Beispiel am ‚Fondaco dei Tedeschi‘, dem historischen deutschen Handelshof in Venedig. Der Fondaco war eine Art verpflichtende Unterkunft und Operationsbasis für Händler aus den heutigen deutschen Gebieten, aber auch aus Polen, Ungarn und Böhmen. Hier hatten die Regensburger Kaufleute vom 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts den Vorsitz an der Tafel im Speisesaal inne – eine Position mit hohem Prestige, die zeigt, was für eine herausragende Stellung Regensburg in dieser Zeit im Handel mit Venedig einnahm. Im 15. Jahrhundert verlor Regensburg als Handelsplatz an Bedeutung und die Regensburger Kaufleute mussten den Vorsitz an der Tafel an die Nürnberger abtreten. Auch Köln und Augsburg waren wichtige Handelszentren mit guten Verbindungen nach Italien, ihre Kaufleute spielten ebenso eine Rolle im ‚Fondaco dei Tedeschi‘. München war im 15. und 16. Jahrhundert noch kein zentraler Handelsplatz, aber auch hier bestanden Beziehungen nach Italien.
Italien – ein Lebensgefühl?
Aber was macht heutzutage eine Stadt zur nördlichsten Stadt Italiens? In unserer Umfrage hat niemand an die historischen, wirtschaftlichen und politischen Verbindungen mit Italien gedacht. Vielmehr ging es um Architektur, Kunst, Lifestyle, Kulinarik und Flair. Alle vier Städte – Köln, München, Augsburg und Regensburg – teilen diese Faktoren und jede Stadt hat ihre ganz eigenen Bereiche, die an das Land, wo die Zitronen blühen, erinnern oder sogar direkt von dort importiert sind.
Die Kölner*innen berufen sich bei ihrer Argumentation auf die offene Art und die Lebensfreude der Menschen und nicht zuletzt auf den Kölner Karneval, der sowohl vor als auch nach seiner Erneuerung 1823 italienische, speziell venezianische, Einflüsse verarbeitet. Ein Beispiel von vielen ist der rheinländische „Lappenclown“, ein traditioneller Clownstypus beim Kölner Karneval.
Er soll von der Figur des ‚Arlecchino‘ aus der italienischen Schauspieltradition der ‚Commedia dell’Arte‘ abstammen.

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In München verweist man auf das südländische Flair der Stadt mit ihren vielen italienischen Restaurants, ihren imposanten Plätzen und dem Stilbewusstsein ihrer Bewohner, das im Vergleich zu anderen deutschen Großstädten besonders an Italien erinnert. Neben dem allgemeinen Lebensgefühl hat auch München eine Reihe an handfesten Ähnlichkeiten zu Italien. Das Schloss Nymphenburg ist nur eines von mehreren Münchener Wahrzeichen, die einen starken italienischen Einfluss aufweisen. Außerdem kann man im Schlosspark Nymphenburg seit 2015 eine Fahrt mit einer echten venezianischen Gondel buchen – sehr italienisch.

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Rot, Weiß und Grün sind nicht nur die Farben der italienischen Flagge, sondern auch die des Augsburger Stadtwappens – ein Zufall? Ja. Jedenfalls informiert die Website der Stadt, dass die Augsburger Farben auf das Banner des Augsburger Bischofs und auf die Feldzeichen des Herzogtums Schwaben zurückgehen. Trotzdem, für die gefühlte Wahrheit der nördlichsten Schwabenhauptstadt Italiens findet sich hier schon das erste Argument. Außerdem ist die emotionale Nähe zum sonnigen Süden in der Musik und den Texten der Augsburger Italo-Schlager-Band „Roy Bianco & die Abbrunzati Boys“ spürbar, die – möglicherweise mit einem kleinen Augenzwinkern – mit diesem gewissen, schwer greifbaren Sehnsuchtsgefühl nach dem Süden spielt.
Die Meinung der Regensburger kennen wir bereits. Das Ambiente macht die nördlichste Stadt Italiens aus. Auch Regensburg hat ein handfestes Alleinstellungsmerkmal zu bieten: die Geschlechtertürme. Nach italienischem Vorbild errichtet, dienten sie als Statussymbol für reiche Familien. Mit etwa 20 erhaltenen Türmen verfügt Regensburg heute über den größten Bestand im bayerischen Raum.
Dolce Vita ohne Grenzen
Welche deutsche Stadt letztendlich den Titel als nördlichste Stadt Italiens verdient, das wird sich nicht einwandfrei objektiv klären lassen. Die tatsächlich nördlichste Stadt Italiens, also die am nördlichsten gelegene Stadt der italienischen Republik, ist übrigens Sterzing, eine kleine Stadt in Südtirol, etwa in der Mitte zwischen Innsbruck und Bozen gelegen.
Und vielleicht ist auch ein objektiv herleitbarer Titel gerade nicht das wichtigste Kriterium für die nördlichste Stadt Italiens. Entspricht es nicht viel mehr dem Gefühl von la dolce vita, die kalten Fakten nicht zu ernst zu nehmen und bei einem kühlen Aperol Spritz draußen in den Gassen oder an den Ufern einer der nördlichsten Städte Italiens die ersten warmen Frühsommertage zu genießen? In diesem Sinne alla salute!
Lukas Bäuml I filter Magazin