32 stationäre Betten, eine Tagesklinik und eine Ambulanz: Mit dem neuen medbo-Angebot bündelt Weiden die Versorgung psychisch erkrankter Kinder und Jugendlicher an einem Standort. Bereits zum Start ist die Nachfrage hoch.
Mit der neuen Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weiden bündeln die Medizinischen Einrichtungen des Bezirks Oberpfalz (medbo) wohnortnahe Hilfe für Kinder und Jugendliche in der Nordoberpfalz – ambulant, tagesklinisch und stationär. Die stufenweise Inbetriebnahme Kinder- & Jugendpsychiatrie begann im April 2026, nun wurde die Eröffnung der Klinik offiziell gefeiert.
1.600. So viele Behandlungen wurden allein in 2025 in der medbo Kinder- und Jugendpsychiatrie Weiden behandelt. 30 Prozent mehr als noch in 2019. Und die Kurve zeigt nach oben. „Wenn der Bedarf steigt, müssen wir Versorgung so gestalten, dass sie für Familien erreichbar bleibt“, sagt Bezirkstagspräsident Franz Löffler. „Vor allem in Krisen.“ Das gelte sowohl für den Weg in die Klinik genauso wie für den Besuch. „Eltern wollen erreichbar bleiben, vorbeikommen können, im Kontakt sein.“ Genau deshalb bringt der Bezirk Oberpfalz die stationäre Versorgung für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen erstmals in die Nordoberpfalz nach Weiden.
65 Beschäftigte eingestellt
Kern ist ein Vollangebot an einem Standort: 32 stationäre Betten (darunter acht für suchtkranke Jugendliche), eine Tagesklinik mit 18 Plätzen (inklusive Spezialangebot für Vorschulkinder) sowie Institutsambulanz und staatliche Schule für Kranke. Mit dem Neubau wächst auch das Team: Rund 100 Beschäftigte tragen die Versorgung in Weiden, 65 von ihnen wurden neu eingestellt. Auch hier ist die Tendenz steigend. Pflege, Medizin, Psychologie, Pädagogik, Sozialpädagogik und Fachtherapien greifen dabei ineinander – vom ersten Ambulanzkontakt bis zur stationären Stabilisierung. Dazu gehören auch Zusatzangebote wie Erlebnispädagogik, therapeutisches Klettern in der hauseigenen Kletterhalle, ein Therapiehund und Psychotherapie am Pferd.
„So muss Versorgung funktionieren“
Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach betont: „Mit dem Zentrum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Weiden verbessern wir die stationäre Versorgung in der Region ganz erheblich. Weite Wege wie bisher können künftig entfallen. Das ist gerade für die Angehörigen eine gute Nachricht. Wir fördern dieses wichtige Projekt mit knapp 18 Millionen Euro aus dem Krankenhausförderetat.“
Gerlach ergänzt: „Der Bayerischen Staatsregierung ist eine gute kinder- und jugendpsychiatrische Versorgung mit kurzen Wegen wichtig. Psychische Erkrankungen dürfen kein Tabu mehr sein. Vielmehr sollte offen darüber gesprochen werden, damit rechtzeitige Unterstützung möglich ist. Je sichtbarer und bedarfsgerechter solche Angebote sind, desto eher verhindern wir, dass aus einer Belastung eine Krise wird.“
Geschichte startet 1998
Die Geschichte der medbo in Weiden beginnt bereits 1998. Die medbo nimmt hier ihre erste dezentrale Institutsambulanz für Kinder und Jugendliche in Betrieb. 2001 folgt eine Tagklinik mit zunächst 12 Plätzen. Was lange als tragfähiges Angebot für die Region gilt, stößt in den vergangenen Jahren an Grenzen: Bedarf, Belastungen und Häufigkeit akuter Fälle nehmen zu – und für viele Familien bedeutet stationäre Behandlung bisher vor allem eines: weite Wege. „Wir wissen längst: Wenn die Versorgung mehr als 30 Kilometer weg ist, nimmt die Behandlungswahrscheinlichkeit um 50 Prozent ab“, zitiert Bezirkstagspräsident Franz Löffler aktuelle Erkenntnisse aus der Versorgungsforschung. „Diese Familien dürfen nicht unversorgt bleiben.“
„Versorgung muss sich an der Lebensrealität orientieren“
Der Ärztliche Direktor der medbo Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Amberg | Cham | Weiden Dr. Christian Rexroth bestätigt: „Mit Fahrtzeiten von einer Stunde und mehr zur nächsten stationären Behandlungsmöglichkeit stoßen Kinder und Eltern auf Hürden, die gerade im Familienalltag schwer wiegen.“ Manche Kinder kämen daher sehr spät in die Behandlung, andere gar nicht. In Weiden gehe es aber nicht nur um zusätzliche Betten, sondern um ein breiteres, differenzierteres Angebot und die Verzahnung der Versorgungsformen: ambulant, teilstationär und jetzt auch stationär – eingebettet in ein Netzwerk aus Kinder- und Jugendhilfe, Schulen, Kinder- und Jugendmedizin und weiteren Partnern. „Entscheidend ist die Flexibilität zwischen den Versorgungsformen – und dass sich Versorgung an der Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen orientiert“, sagt Rexroth.
„Nicht nur Regeln, sondern Spielraum“
Der Chefarzt der neuen Klinik David Aue beschreibt den Start in Weiden als bewussten Kulturaufbau: „Wir wollen, dass junge Menschen hier wieder Handlungsspielräume erleben – nicht nur Regeln.“ Die Klinik denkt Behandlung nicht als „Drinnen und Draußen.“ Sondern als Bewegung zwischen Rückzug, Stabilisierung und wieder mehr Aktivität und Selbstwirksamkeit im Alltag: mit großzügigen Therapieflächen, klaren Strukturen und bewegungsorientierten Elementen. Von Sport- und Bewegungsangeboten bis hin zu geschützten Bereichen, die Sicherheit geben, wenn es eng wird. Dazu passt ein Konzept, das Bewegung und Beziehung nicht als „Extra“ versteht, sondern als Teil der Therapie: Gruppen gehen regelmäßig raus, Teams arbeiten erlebnispädagogisch, und Angebote wie Klettern oder tiergestützte Therapie sollen Schritt für Schritt wachsen.
Vor der eigentlichen Inbetriebnahme bereitete sich das Klinikteam im Lehrbetrieb – bewusst noch ohne Patientinnen und Patienten – auf die Eröffnung vor. Das neue Team nutzte diese Zeit, um sich kennenzulernen, sich einzuarbeiten und Abläufe unter Realbedingungen zu testen: von Aufnahmen und Krisenwegen über Therapielogistik bis zu Schnittstellen zwischen Station, Tagesklinik und Ambulanz und zum Netzwerk. Diesen April ist der Klinikbetrieb schließlich stufenweise angelaufen.
„Schon jetzt zeigt sich, wie sehr das Angebot gebraucht wird“, betont Chefarzt David Aue. In den ersten Wochen steigt die Auslastung planmäßig und schnell an; auch tagesklinische Plätze sind stark nachgefragt. Gleichzeitig arbeitet das Team daran, die Versorgung nicht an der Kliniktür enden zu lassen. Gerade weil die ambulante Weiterbehandlung in der Region nicht immer leicht verfügbar ist. „Nach sechs Wochen Therapie ist das Problem nicht weg. Entscheidend ist, dass Vor- und Nachsorge funktionieren – dafür brauchen wir auch ambulante Strukturen“, sagt der Weidener Chefarzt.
medbo KU / Johannes Müller / RNRed