Seit mehr als einem Jahrhundert erlebt das Handwerk einen Umbruch nach dem anderen. Industrialisierung, Digitalisierung und nun künstliche Intelligenz verändern Berufe und Betriebe immer wieder. Trotzdem bleibt das Handwerk ein zentraler Teil der regionalen Wirtschaft. Warum es Krisen übersteht und weshalb gerade der technologische Wandel neue Chancen eröffnet.
Als sich am 11. Juni 1900 in Regensburg 24 Kammermitglieder und zwölf Mitglieder des Gesellenausschusses zur Gründungsversammlung der Handwerkskammer trafen, stand das Handwerk stark unter Druck. Die Industrialisierung war in vollem Gange. Maschinen ermöglichten es, viele Waren schneller und günstiger herzustellen. Die neue Kammer sollte dem Handwerk daher eine gemeinsame Stimme geben. Erster Präsident wurde der Regensburger Spenglermeister Josef Hochapfel.
In den folgenden 126 Jahren wurde das Handwerk in Niederbayern und in der Oberpfalz immer wieder totgesagt. Ab den 1960er-Jahren wurden Schulen und Hochschulen ausgebaut, immer mehr junge Menschen machten Abitur und studierten. Wer eine erfolgreiche Karriere anstrebte – so schien es – benötigte einen Hochschulabschluss. Im Zuge der Digitalisierung in den Neunzigerjahren geriet das Handwerk erneut in Bedrängnis. Digitale Konstruktionszeichnungen, computergesteuerte Maschinen und neue Verwaltungsprogramme erforderten Investitionen und zusätzliches Wissen. Viele bezweifelten, dass kleine Betriebe mit diesem technischen Wandel Schritt halten könnten.
Heute gibt es im Bezirk der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz fast 43.000 Handwerksbetriebe. Damit gehört rund jedes fünfte Unternehmen in der Region zum Handwerk. Die Betriebe beschäftigen etwa 219.000 Menschen und stellen rund 18 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze. Fast jeder fünfte Beschäftigte und beinahe jeder dritte Auszubildende arbeitet damit im Handwerk.
Mit künstlicher Intelligenz (KI) hat der nächste technologische Umbruch längst begonnen. Doch während KI inzwischen Texte schreibt, Daten auswertet und ganze Arbeitsabläufe übernimmt, werden für ein undichtes Dach, eine defekte Heizung oder eine neue Stromleitung weiterhin Menschen benötigt, die ihr Handwerk beherrschen.
Wie schafft es ein so alter Wirtschaftszweig, jeden neuen Umbruch zu überstehen? Die Antwort liegt in seiner Struktur und in einer Fähigkeit, die das Handwerk seit jeher auszeichnet: Es hält nicht am Alten fest, sondern passt sich neuen Gegebenheiten an.

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126 Jahre Belastungstest
Schon die ersten Jahrzehnte nach der Gründung der Handwerkskammer waren von schweren Krisen geprägt. Der Erste Weltkrieg, die Inflation und die Weltwirtschaftskrise brachten zahlreiche Betriebe in Bedrängnis. Während des Nationalsozialismus verlor das Handwerk schließlich seine eigene Interessenvertretung: 1942 löste das NS-Regime die Handwerkskammern auf und gliederte sie zum 1. Januar 1943 in die Gauwirtschaftskammer Bayreuth ein, eine zentral gesteuerte Organisation, in der die bisherigen Kammern für Industrie, Handel und Handwerk zusammengefasst wurden.
Mit dem Zusammenbruch des NS-Regimes löste sich die Gauwirtschaftskammer Bayreuth auf. Die von den Nationalsozialisten geschaffene Organisation hatte ihre politische Grundlage verloren und war für die von den Alliierten geplante Neuordnung der Wirtschaft nicht mehr vorgesehen. Bereits im Mai 1945 begann in Regensburg der Aufbau einer eigenständigen Handwerkskammer. Am 25. Oktober löste die amerikanische Militärregierung die Gauwirtschaftskammer auch rechtlich auf und ließ Handwerkskammern und Innungen wieder als selbstständige Organisationen zu.
Bevor frühere Funktionsträger jedoch wieder ein Amt übernehmen durften, prüften die Besatzungsbehörden, ob und wie eng sie mit dem NS-Regime zusammengearbeitet hatten. Bis diese Prüfungen abgeschlossen waren, setzte die Militärregierung einen Kraftfahrzeughandwerksmeister zum Präsidenten ein. Führung, Gremien und Verwaltung mussten vollständig neu aufgebaut werden.
Doch schon 1948 geriet das Handwerk erneut unter Druck. Die amerikanische Militärregierung führte die nahezu uneingeschränkte Gewerbefreiheit ein. Damit konnte fast jeder einen Handwerksbetrieb gründen, ohne einen Meisterbrief oder eine vergleichbare Qualifikation vorweisen zu müssen. Daraufhin stieg zwar die Zahl der Gründungen, jedoch auch die Zahl der Insolvenzen stark an, denn vielen Betriebsinhabern fehlten fachliche und kaufmännische Kenntnisse. Zugleich häuften sich Beschwerden über mangelhafte Arbeiten und die Zahl der Unfälle im Bauhandwerk nahm zu. Die Kammer schätzte den daraus entstandenen wirtschaftlichen Schaden auf rund 30 Millionen Mark jährlich. Folglich stellte der Bundestag die Meisterpflicht im Jahre 1953 mit der neuen Handwerksordnung wieder her.
Da die Aufgaben der Handwerkskammern immer umfangreicher wurden, bündelten Niederbayern und die Oberpfalz ihre Verwaltung, Beratung und Bildungsarbeit. Zum 1. Januar 1974 schlossen sie sich zur heutigen Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz zusammen.
Auch die Öffnung der Grenzen veränderte die Bedingungen für die Betriebe. Als 1989 der Eiserne Vorhang fiel und 2004 die EU-Osterweiterung folgte, fürchteten viele Unternehmen günstigere Konkurrenz aus den Nachbarländern. Diese Sorge bestätigte sich nicht. „Es war eine Win-win-Situation“, sagt Hans Schmidt, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Niederbayern und die Oberpfalz lagen nicht länger am Rand, sondern in der Mitte Europas.
Finanzkrise, Corona, gestörte Lieferketten und Energiekrise stellten das Handwerk später vor neue Aufgaben. Keine dieser Krisen ließ es unberührt. Aber keine hat es verdrängt.
Das atmende System
Warum das Handwerk solche Umbrüche immer wieder übersteht, erklärt Schmidt mit seiner besonderen Struktur. Seine Wirtschaftskraft verteilt sich überwiegend auf inhabergeführte mittelständische Betriebe mit starker regionaler Identität. Seine Einschätzung stützt er dabei auf langjährige internationale Erfahrung. Vor seinem Wechsel zur Handwerkskammer arbeitete er für einen weltweit tätigen Technologiekonzern und reiste regelmäßig in die USA und nach China. Dort erlebte er zwar technische Spitzenleistungen, diese konzentrierten sich jedoch häufig auf einzelne Unternehmen und Spezialisten.
Eine leistungsfähige Industrie und eine breite mittelständische Struktur sind eine Besonderheit des deutschen Wirtschaftsmodells. Das Spektrum reicht vom Kleinstbetrieb mit wenigen Beschäftigten bis hin zum Unternehmen mit mehreren hundert Mitarbeitern. Weil sich Aufträge, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Risiken auf viele eigenständige Betriebe verteilen, hängt die Stabilität des Handwerks nicht vom Erfolg einzelner großer Arbeitgeber ab. Schmidt bezeichnet es deshalb als „atmendes System“: „Wenn sich die Nachfrage verändert, werden manche Betriebe kleiner, während andere wachsen, zusätzliche Aufträge übernehmen oder neue Tätigkeitsfelder erschließen. Da sich diese Anpassung auf Tausende Unternehmen verteilt, gerät nicht die gesamte Struktur ins Wanken.“
Gleichzeitig sind die Betriebe fest in ihrer Region verwurzelt. Eine Werkstatt lässt sich nicht ohne Weiteres schließen und ins Ausland verlagern. Die Inhaber leben meist dort, wo sie arbeiten. Sie kennen ihre Beschäftigten persönlich, engagieren sich in Gemeinden und Vereinen oder arbeiten mit den Schulen vor Ort zusammen. Das beeinflusst auch ihre Entscheidungen. „Der klassische Mittelständler hält seine Mitarbeiter, solange es nur irgendwie geht“, sagt Schmidt.

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Mit allem verbunden
Wie weit die Arbeit der Handwerksbetriebe reicht, zeigt sich in ihrer engen Verbindung mit anderen Teilen der Wirtschaft. Besonders anschaulich wird das in der Landwirtschaft. Ein landwirtschaftlicher Betrieb gehört zwar nicht zum Handwerk, ist aber auf Land- und Baumaschinenmechatroniker angewiesen. Fällt während der Ernte eine Maschine aus und kann nicht rechtzeitig repariert werden, bleibt möglicherweise ein Teil der Ernte auf dem Feld zurück. Auch Industrieunternehmen benötigen spezialisierte Handwerksbetriebe, die Bauteile fertigen, technische Anlagen installieren und warten oder Reparaturen durchführen. Ohne sie können ganze Produktionsabläufe ins Stocken geraten.
Im täglichen Leben beginnt die Arbeit des Handwerks beim Brot auf dem Frühstückstisch und reicht bis zur Brille, zum Hörgerät, zu orthopädischen Hilfsmitteln und zum Zahnersatz. Kfz-Betriebe halten Menschen mobil, Elektrohandwerke sichern die Stromversorgung und die Baugewerke schaffen und erhalten Wohnraum. „Das Handwerk ist mit nahezu allen Lebensbereichen verflochten“, fasst Schmidt zusammen.
Warum KI das Handwerk nicht ersetzen kann
Auch im Handwerk wird künstliche Intelligenz die Arbeit verändern, allerdings an anderer Stelle als häufig vermutet. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) untersucht regelmäßig, welche Tätigkeiten sich mithilfe der jeweils verfügbaren Technik automatisieren lassen. Dieses sogenannte Substituierbarkeitspotenzial sagt jedoch nicht voraus, ob ein Beruf verschwinden wird. Es zeigt lediglich, welcher Anteil seiner Aufgaben theoretisch von Computern oder Maschinen übernommen werden könnte.
Seit die generative KI-Texte verfasst, Daten auswertet und Programmcodes schreibt, übernimmt sie zunehmend auch Aufgaben, die bislang hochqualifizierte Beschäftigte erledigten. Besonders geeignet sind standardisierte Bildschirmtätigkeiten. Handwerker arbeiten dagegen meist unter Bedingungen, die sich nur schwer vereinheitlichen lassen. Jede Baustelle ist anders, jedes Gebäude hat seine Besonderheiten und nicht jeder Schaden hält sich an einen Bauplan. Eine KI kann Messwerte auswerten oder Hinweise auf eine Fehlerquelle liefern. Sie steigt jedoch nicht in einen verwinkelten Heizungskeller, öffnet eine Wand und entscheidet vor Ort, wie sich eine defekte Leitung am besten reparieren lässt.
Schmidt geht deshalb nicht davon aus, dass ganze Handwerksberufe verschwinden: „Heizungsbauer, Elektriker oder Maurer werden auch in den kommenden 50 Jahren nicht durch künstliche Intelligenz ersetzt werden.“
Das bedeutet jedoch nicht, dass die KI am Handwerk vorbeigeht. Sie dient den Betrieben vor allem als Werkzeug. Eine Bäckerei kann mit ihrer Hilfe beispielsweise anhand der bisherigen Verkaufszahlen berechnen, welche Mengen zukünftig in welchen Filialen benötigt werden. So lässt sich die Produktion genauer planen und weniger Backwaren müssen weggeworfen werden.
Die Handwerkskammer untersucht indes gemeinsam mit der Technischen Hochschule Deggendorf, wie sich künstliche Intelligenz auch für kleinere und mittlere Handwerksbetriebe nutzen lässt. Das auf drei Jahre angelegte Forschungsprojekt beschäftigt sich unter anderem mit der automatisierten Erstellung von Angeboten sowie den dazugehörigen Angebotspreisen. Basis hierfür sind CAD- (Computer-Aided Design) bzw. CNC-Daten (Computerized Numerical Control) sowie alte Angebote, die von der KI ausgewertet werden. CAD-Daten sind digitale Konstruktionszeichnungen, in denen unter anderem Maße, Materialien und einzelne Bauteile erfasst sind. CNC-Daten enthalten die Anweisungen, nach denen eine computergesteuerte Werkzeugmaschine diese Teile bearbeitet. Eine Herausforderung besteht darin, dass in mittelständischen Betrieben insgesamt weniger Daten vorliegen als in vergleichbaren Industriebetrieben. Mittelständische Betriebe investieren daher, gerade bei öffentlichen Ausschreibungen, viel Zeit in die Kalkulation, obwohl sie nicht wissen, ob sie den Auftrag erhalten. Die Forscher prüfen daher, ob eine KI solche Daten auswerten und daraus eine belastbare Grundlage für die Preisberechnung erstellen kann. Kooperationsbetriebe in diesem Projekt sind beispielsweise Schreinereien, Metallbaubetriebe oder Zimmereien, die Bauteile am Computer planen und anschließend mithilfe computergesteuerter Maschinen fertigen.
An der OTH Regensburg untersucht das CyberCraft Lab hingegen, wie digitale Technik die handwerkliche Arbeit selbst erleichtern kann. In der Bauhalle der Handwerkskammer testeten kürzlich Studierende und Doktoranden gemeinsam mit Maurerazubis eine KI-Software für Pflasterarbeiten.
Mithilfe einer sogenannten Augmented-Reality-Brille, die zusätzlich zur Realität eine computergenerierte dreidimensionale Darstellung zeigt, können die Azubis erkennen, an welcher Stelle, in welchem Muster und in welcher Höhe die einzelnen Steine verlegt werden müssen. Dadurch lassen sich komplizierte Arbeitsschritte anschaulich vermitteln und direkt üben.

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Auch körperlich anstrengende Tätigkeiten können technisch erleichtert werden. Dafür werden unter anderem Exoskelette erprobt. Dabei handelt es sich um Stützsysteme, die am Körper getragen werden und Muskeln sowie Gelenke beim Heben schwerer Gegenstände entlasten. Ein KI-gesteuerter vierbeiniger Transportroboter, der sich auch auf unebenem Gelände bewegen kann, soll in Zukunft Baumaterial und Werkzeug über die Baustelle transportieren. Für Schmidt zählt dabei allein der praktische Nutzen: „Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein. Sie muss dem Betrieb einen konkreten Nutzen bringen.“
130 Berufe, viele Wege nach oben
Zwischen Hörgerät und Heizungsanlage, Sauerteig und Solardach liegen mehr als 130 handwerkliche Ausbildungsberufe. Sie verbinden technisches Verständnis, Kreativität, Präzision, körperliches Geschick und den Umgang mit Menschen in ganz unterschiedlichen Formen. Wer gerne tüftelt, gestaltet, repariert oder am Ende des Tages sehen möchte, was er geschaffen hat, findet im Handwerk ebenso einen Beruf wie jemand, der sich für digitale Technik, Gesundheit oder nachhaltige Energieversorgung interessiert. Die Wahl richtet sich damit weniger nach einem vorgegebenen Bildungsweg als nach den eigenen Fähigkeiten.
Auch die Chancen auf einen Ausbildungsplatz sind gut. In der Oberpfalz gibt es rechnerisch circa zwei offene Lehrstellen pro Bewerber. Jugendliche können häufig zwischen mehreren Betrieben und Berufen wählen. Für Schmidt verändert sich zunehmend auch der Blick der Eltern, die eine Ausbildung lange für weniger aussichtsreich hielten als ein Studium. Folglich stieg die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im ostbayerischen Handwerk zuletzt das dritte Jahr in Folge. In der Oberpfalz betrug das Plus zum Ausbildungsstart 2025 fast sieben Prozent. In diesem Jahr wird mit einer weiteren Steigerung gerechnet.
Der Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften wird weiter wachsen. Nach den Schätzungen des Bundesinstituts für Berufsbildung und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung werden der deutschen Wirtschaft bis 2029 rund 530.000 Fachkräfte fehlen. Diese Zahl bezieht sich zwar auf den gesamten Arbeitsmarkt, doch gerade im Bau- und im verarbeitenden Gewerbe wird mit steigender Nachfrage gerechnet. Wer heute eine handwerkliche Ausbildung beginnt, entscheidet sich daher für Kenntnisse, die auch in Zukunft benötigt werden.
Dabei muss die Karriere nicht mit der Gesellenprüfung enden. Vielmehr können sich Handwerker fachlich spezialisieren, Verantwortung für Mitarbeiter und Projekte übernehmen und die Meisterprüfung ablegen. Weil in vielen Unternehmen in den kommenden Jahren die Nachfolge ansteht, eröffnen sich jungen Fachkräften mit einem Meisterbrief nicht nur Chancen auf eine Gründung, sondern auch darauf, einen bestehenden Betrieb zu übernehmen.
Welchen Stellenwert der Meisterabschluss hat, ist heute auch außerhalb des Handwerks weitgehend bekannt. Im Deutschen Qualifikationsrahmen ist er ebenso wie der Bachelorabschluss der Stufe sechs zugeordnet. Das bedeutet, dass beide Abschlüsse ein vergleichbares Anforderungsniveau aufweisen. Sie sind jedoch inhaltlich verschieden und nicht austauschbar. Meisterinnen und Meister dürfen zusätzlich die Bezeichnung „Bachelor Professional“ führen.
In Bayern eröffnet der Meisterbrief außerdem den allgemeinen Zugang zu einer Hochschule. Die Fachrichtung der Meisterprüfung begrenzt die Studienwahl jedoch nicht. Ein Elektromeister kann sich grundsätzlich auch für ein Medizinstudium bewerben, muss dafür jedoch, wie alle anderen Bewerber, die jeweiligen Zulassungsvoraussetzungen erfüllen. Wer die Realschule besucht, seine Ausbildung verkürzt und anschließend den Meister in Vollzeit macht, kann unter besonders günstigen Voraussetzungen etwa zur gleichen Zeit ein Studium aufnehmen wie ein Gymnasiast. Bis dahin hat er bereits zwei berufliche Abschlüsse erworben und praktische Erfahrung gesammelt. Über die „Berufsschule Plus“ können Auszubildende mit mittlerem Schulabschluss drei Jahre lang zusätzlichen Unterricht besuchen und parallel zu ihrer Ausbildung die Fachhochschulreife erwerben.
Die Verbindung funktioniert auch in die andere Richtung. Einige Handwerksbetriebe bieten duale Studiengänge an, die eine praktische Ausbildung mit einem Hochschulstudium verbinden. Auch Bachelor- und Masterabsolventen finden im Handwerk Aufgaben, etwa in der technischen Entwicklung, in der Betriebsführung oder als mögliche Nachfolger eines Unternehmens. „Berufliche und akademische Bildung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden“, sagt Schmidt. „Wir brauchen beides. Welcher Weg der richtige ist, hängt von den Fähigkeiten und Zielen des Einzelnen ab.“
Damit Jugendliche diese Möglichkeiten kennenlernen, gibt es in Bayern seit dem Schuljahr 2022/2023 den verpflichtenden Tag des Handwerks. Jede Schülerin und jeder Schüler an einer allgemeinbildenden weiterführenden Schule nimmt während der Schulzeit mindestens einmal daran teil. Statt sich Berufe lediglich erklären zu lassen, arbeiten die Jugendlichen mehrere Stunden lang praktisch in einer Werkstatt, in einem Bildungszentrum der Handwerkskammer oder in einem Betrieb. Allein in Niederbayern und der Oberpfalz erreicht die Kammer damit nach eigenen Angaben rund 16.000 junge Menschen im Jahr. Besonders verändert hat sich laut Schmidt die Haltung vieler Gymnasien. Schulen, an denen eine berufliche Ausbildung vor wenigen Jahren kaum ein Thema war, nehmen mittlerweile sehr interessiert am Tag des Handwerks teil. Nicht nur für die Schüler, sondern auch für die Lehrkräfte ist das eine gute Erfahrung.
Auch die Herkunft entscheidet immer weniger darüber, wer diese Chancen nutzt. 18,5 Prozent der Auszubildenden in Niederbayern und der Oberpfalz haben keinen deutschen Pass. Vor 15 Jahren lag ihr Anteil noch bei drei bis vier Prozent. Darin zeigt sich, wie offen das Handwerk inzwischen für junge Menschen geworden ist. Ein Satz aus der Imagekampagne bringt es für Schmidt auf den Punkt: „Im Handwerk zählt nicht, wo jemand herkommt, sondern wo er hinwill.“

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Das Handwerk bleibt, weil es sich verändert
Dass das Handwerk seit 126 Jahren Krisen und Umbrüche übersteht, bedeutet nicht, dass seine Berufe unverändert geblieben sind. Eine Übersicht der Innungen aus dem Jahr 1937 verzeichnet für die Region 42 Handwerke. Darunter waren Wäscher und Plätter, die Kleidung und Wäsche gewerblich reinigten und bügelten, Seiler, die Seile und Taue herstellten, sowie Putzmacher, die Hüte und andere Kopfbedeckungen fertigten. Manche dieser Tätigkeiten verloren aufgrund neuer Produkte und Maschinen ihre Grundlage. Andere entwickelten sich weiter. Der Beruf des Stellmachers, der früher Wagenräder und Aufbauten aus Holz herstellte, ging in den heutigen Karosserie- und Fahrzeugbau über.
Auch in jüngerer Zeit verschwanden Berufe. Als die Digitalfotografie den Film verdrängte, wurden beispielsweise kaum noch Fotolaboranten gebraucht. Fotografen gibt es weiterhin, doch ihre Arbeit hat sich stark verändert. Geblieben ist, was die Technik allein nicht ersetzen kann: den Blick für Licht, die Perspektive und den richtigen Moment.
Häufiger als das vollständige Verschwinden ist jedoch die Vermischung mehrerer Tätigkeitsfelder. Kfz-Mechaniker und Kfz-Elektriker waren früher zwei getrennte Ausbildungsberufe. Mit der zunehmenden Elektronik im Fahrzeug entwickelte sich daraus der Kfz-Mechatroniker. Gleichzeitig kommen neue Spezialisierungen hinzu. Der Ausbildungsberuf Elektroniker für Gebäudesystemintegration entstand, weil Heizungen, Beleuchtung, Sicherheitstechnik und andere Anlagen inzwischen digital miteinander vernetzt und aus der Ferne gesteuert werden können.
Schmidt erwartet deshalb keine große Zahl völlig neuer Handwerksberufe. „Bestehende Berufe werden sich weiterentwickeln und zusätzliche Schwerpunkte erhalten.“ Beim Kfz-Mechatroniker gehören inzwischen auch elektrische Antriebe, Hochvoltsysteme sowie die Technik rund um das Laden von Elektrofahrzeugen zur Ausbildung. Künftig dürfte auch das bidirektionale Laden an Bedeutung gewinnen, bei dem ein Elektroauto Strom speichert und ihn bei Bedarf wieder an ein Gebäude oder ins Stromnetz abgibt.
Mit diesen Entwicklungen hat sich auch das Bild des Handwerks verändert. Moderne Maschinen, digitale Messgeräte und technische Hilfsmittel erleichtern viele Arbeiten, die früher körperlich belastender und mit mehr Schmutz verbunden waren. „Handwerk bleibt jedoch auch Arbeit mit den Händen“, sagt Schmidt. „Das ist ja auch das Schöne daran. Doch moderne Technik macht sie in vielen Bereichen leichter und sauberer.“
Trotz des häufigen Wandels ist der Qualitätsanspruch an die Arbeit jedoch über all die Jahrzehnte hinweg erhalten geblieben. So staunten Architekten der OTH Regensburg kürzlich nicht schlecht, als sie die Sanierung eines denkmalgeschützten Gebäudes in Regensburg planten. Die 70 Jahre alten Fenster befinden sich noch immer in so gutem Zustand, dass sie erhalten werden sollen. Das ist möglich, weil die Rahmen sorgfältig gearbeitet und fachgerecht eingebaut wurden und auch die Verglasung von höchster handwerklicher Qualität ist. Damit die Fenster weitere Jahrzehnte überstehen, werden auch in Zukunft Handwerker benötigt, die historische Konstruktionen verstehen und instand setzen können.
Darin sieht Schmidt eine Zukunft des Handwerks: „Das Handwerk wird sich nicht über den niedrigsten Preis behaupten, sondern über die Qualität seiner Arbeit.“ Dieser Anspruch passt zu einer Entwicklung, die heute unter dem Begriff Nachhaltigkeit diskutiert wird. Produkte und Gebäude sollen möglichst lange halten, repariert und weiter genutzt werden. Für das Handwerk ist dieser Gedanke nicht neu. Langlebigkeit und Instandhaltung gehören seit jeher zu seinen Stärken.
Hinzu kommt die Arbeit, die in den kommenden Jahrzehnten noch zu erledigen ist. Politische Beschlüsse können Ziele für die Energiewende festlegen, und die Wissenschaft kann neue Verfahren entwickeln. Photovoltaikanlagen, Wärmepumpen, Dachdämmungen und Ladestationen müssen dennoch geplant, eingebaut und gewartet werden. Dasselbe gilt für Straßen, Brücken, Schulen, Wohnhäuser sowie die technische Ausstattung der Gesundheitsversorgung.
Für Schmidt steht deshalb fest: „Das Handwerk bleibt unverzichtbar, weil es die Energiewende, Infrastrukturprojekte und die Gesundheitsversorgung in die Praxis umsetzt. Zugleich sorgt seine mittelständische Struktur auch in Krisen für Stabilität.“
126 Jahre sprechen dafür, dass er recht hat.
Ein Bericht von Kathrin Gnilka / RNRed