Zum Weltflüchtlingstag 2026 und 75 Jahre nach Inkrafttreten der Genfer Flüchtlingskonvention warnt die Organisation Sea-Eye e.V. vor einer Aushöhlung internationaler Schutzstandards. Angesichts von mehr als 1.300 Toten und Vermissten im Mittelmeer seit Beginn des Jahres fordert die Seenotrettungsorganisation mehr Solidarität und den uneingeschränkten Schutz von Menschen auf der Flucht.
Am morgigen Weltgeflüchtetentag, den 20. Juni, richtet Sea-Eye den Blick auf die Situation von Menschen auf der Flucht im Mittelmeer und auf eines der wichtigsten menschenrechtlichen Dokumente unserer Zeit: die Genfer Flüchtlingskonvention. Das internationale Abkommen, das in diesem Jahr sein 75-jähriges Bestehen feiert, bildet bis heute die Grundlage für den Schutz von Menschen, die vor Krieg, Verfolgung und Gewalt fliehen.
„Menschenrechte gelten für alle Menschen“
Die Notwendigkeit dieses Schutzes zeigt sich täglich auf dem Mittelmeer. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind allein im ersten Halbjahr 2026 mehr als 1.300 Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer ums Leben gekommen oder werden vermisst - die Dunkelziffer ist mutmaßlich deutlich höher. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die auf der Suche nach Sicherheit ihr Leben verloren haben. Eine erschütternde Realität, die gerade am Weltgeflüchtetentag nicht in Vergessenheit geraten darf.
Als zivile Seenotrettungsorganisation erlebt Sea-Eye seit Jahren, wie die Rettung von Menschenleben zunehmend erschwert wird. Politische und bürokratische Maßnahmen setzen zivile Rettungsorganisationen unter Druck und behindern lebensrettende Einsätze. Gleichzeitig endet die Unsicherheit für viele Überlebende nicht mit ihrer Ankunft in Europa. Mit der Reform des Gemeinsamen Europäischen Asylsystems (GEAS) drohen weitere Einschränkungen beim Zugang zu Schutz und fairen Asylverfahren.
Vor diesem Hintergrund gewinnt das Jubiläum der Genfer Flüchtlingskonvention besondere Bedeutung. Das Abkommen wurde 1951 als Konsequenz aus den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs geschaffen. Nach den Verbrechen des Nationalsozialismus und dem Versagen vieler Staaten gegenüber Menschen auf der Flucht sollte sichergestellt werden, dass Schutzsuchenden grundlegende Rechte garantiert werden – unabhängig von Herkunft, Religion oder politischer Überzeugung.
Doch 75 Jahre später geraten diese Grundsätze zunehmend unter Druck. Wenn politische Entscheidungsträger*innen die Genfer Flüchtlingskonvention infrage stellen, werden nicht nur internationale Schutzstandards massiv geschwächt. Auch die historischen Lehren aus Krieg, Verfolgung und Vertreibung drohen so in Vergessenheit zu geraten.
„Menschenrechte gelten für alle Menschen – auch und gerade für Menschen auf der Flucht", erklärt Anna di Bari, Vorständin von Sea-Eye, zum Weltgeflüchtetentag. „Die Genfer Flüchtlingskonvention erinnert uns daran, dass Schutz kein Privileg, sondern ein Recht ist. Als Seenotretter*innen erleben wir täglich, was auf dem Spiel steht, wenn dieses Recht missachtet wird. Unsere Aufgabe ist es, Menschen vor dem Ertrinken zu retten und dort hinzusehen, wo andere wegschauen. Wir stehen für Solidarität und Menschenrechte – auf dem Wasser und an Land."
Wie dringend diese Debatte geführt werden muss, zeigt auch der Dokumentarfilm „Kein Land für Niemand", der anlässlich des Weltgeflüchtetentags in zahlreichen Kinos deutschlandweit gezeigt wird. Diesen Dokumentarfilm hat Sea-Eye gemeinsam mit einem Förderbündnis – bestehend aus Pro Asyl, dem Mennonitischen Hilfswerk, Sea-Watch, German Doctors und United4Rescue – im letzten Jahr veröffentlicht. Der Film macht die Folgen der europäischen Migrationspolitik sichtbar und lenkt den Blick auf die Lebensrealität von Menschen auf der Flucht sowie auf die Herausforderungen der zivilen Seenotrettung.
Zum Weltgeflüchtetentag und zum 75. Jubiläum der Genfer Flüchtlingskonvention ruft Sea-Eye dazu auf, den Schutz von Menschen auf der Flucht nicht als politische Verhandlungsmasse zu betrachten, sondern als Ausdruck von Menschlichkeit, Solidarität und rechtsstaatlicher Verantwortung. Die Entwicklungen auf dem Mittelmeer und an den europäischen Außengrenzen zeigen: Die Werte, die vor 75 Jahren in der Genfer Flüchtlingskonvention festgeschrieben wurden, sind heute aktueller denn je.
Sea-Eye e.V. / RNRed