Der Laststufenschalter aus Regensburg feiert sein 100-jähriges Jubiläum – eine Schlüsseltechnologie für stabile Stromnetze und die Energiewende. Zeitgleich zu diesem Jubiläum verabschiedet sich CEO Dr. Nicolas Maier-Scheubeck nach 30 Jahren. Er baute Reinhausen zum Weltmarktführer aus.
Ein Bauteil, das kaum jemand kennt, aber jeder benötigt: Während Deutschland Milliarden in die Energiewende investiert, entscheidet eine Erfindung aus Regensburg darüber, ob sie überhaupt gelingt.
Das Infrastruktur-Paradox
Die Welt wird elektrischer, und das in einem Tempo, das noch vor zehn Jahren kaum jemand für möglich gehalten hätte. Elektroautos ersetzen Verbrennungsmotoren, Wärmepumpen verdrängen Gasheizungen. Ganze Industrieprozesse, die jahrzehntelang auf fossilen Brennstoffen basierten, werden auf Strom umgestellt. Hinzu kommen KI-Rechenzentren, deren Strombedarf sich mit jeder neuen Modellgeneration vervielfacht. Laut einer im Dezember 2024 veröffentlichten Studie der Universität Mannheim werden allein in Deutschland bis 2045 rund 651 Milliarden Euro in den Ausbau der Stromnetze investiert werden müssen, um diesen Bedarf zu decken. Das ist mehr als doppelt so viel wie bisher. Der Punkt, der dabei oft übersehen wird: Mehr Strom ist die eine Sache. Stabiler Strom eine andere.
Stabiles Stromnetz als Standortfaktor
Warum ist das so wichtig? In Privathaushalten äußern sich Schwankungen in diesem System meist relativ harmlos: ein kurzes Flackern der Lampe, ein Neustart des Routers. In der Industrie können die Konsequenzen hingegen gravierend sein. In der Halbleiter- und Elektronikindustrie etwa kann eine Spannungsschwankung im Bereich von Millisekunden dazu führen, dass laufende Produktionsprozesse sofort abbrechen. Die Produkte, die sich gerade im Prozess befinden, werden zum Ausschuss. In der chemischen Industrie kann ein unkontrollierter Spannungsabfall eine laufende Reaktion zerstören und neben wirtschaftlichem Schaden auch Sicherheitsrisiken verursachen. Wo lebenserhaltende Systeme auf eine stabile Stromversorgung angewiesen sind, zeigt sich: Netzstabilität ist längst ein harter Standortfaktor.
Eine Grundvoraussetzung für ein stabiles Stromnetz ist der Laststufenschalter. Er sorgt dafür, dass Transformatoren die Spannung im laufenden Betrieb ohne Unterbrechung regeln können. Allein 50 Prozent des weltweiten Stroms werden mit Lösungen eines Unternehmens geregelt, von dem die meisten vermutlich noch nie etwas gehört haben: Reinhausen, einem Familienunternehmen aus Regensburg.
Eine Erfindung, die seit 100 Jahren funktioniert
1926, also vor genau 100 Jahren, wurde das Patent für den Laststufenschalter angemeldet.
Dr. Bernhard Jansen, Elektroingenieur und später Vorstand der OBAG, des heutigen Bayernwerks, erkannte ein Problem, das mit der wachsenden Industrialisierung immer drängender wurde: Transformatoren müssen ihre Spannung an wechselnde Lasten anpassen können. Bevor es den Laststufenschalter gab, gelang dies nur, indem man den Transformator ausschaltete, die Stufe wechselte und anschließend den Trafo wieder zuschaltete. Das bedeutete eine Unterbrechung der Stromversorgung – und damit Stillstand, Produktionsausfälle, Dunkelheit.
Jansens Lösung ist ein zweistufiges Schaltprinzip, das sich bis heute nicht grundlegend verändert hat. Bevor der Kontakt von einer Spannungsstufe zur nächsten wechselt, wird kurzzeitig ein Widerstand zugeschaltet, der den fließenden Strom begrenzt und den entstehenden Stromstoß dämpft. Erst dann erfolgt der eigentliche Kontaktwechsel, innerhalb von wenigen Millisekunden, ohne Unterbrechung der Versorgung. Die Funktionsweise des Laststufenschalters lässt sich mit der eines Automatikgetriebes in einem Auto vergleichen: Die Übersetzung kann ohne Kraftverlust oder einen spürbaren Übergang geändert werden. Und so ähnlich ist es auch beim Laststufenschalter: Obwohl in Stufen geschaltet wird, erscheint die Spannungsregelung beim Leistungstransformator für den Verbraucher stufenlos.
Nach der Patentanmeldung 1926 entsteht nur drei Jahre später, 1929, der erste Prototyp in Zusammenarbeit mit Reinhausen.

Bernhard Jansen. © Archiv Reinhausen GmbH
Reinhausen: Die Möglichmacher der Energiewende
Reinhausen ist seit 1868 in Familienbesitz. Ein Unternehmen, das in Generationen denkt statt in Quartalen, trifft andere Entscheidungen: Es investiert in Technologien, bevor der Markt sie fordert. „Wir haben viele Lösungen schon entwickelt, bevor sie nachgefragt wurden. Deshalb gestalten wir den Markt aktiv mit – und warten nicht darauf, bis andere etwas tun”, sagt Geschäftsführer Dr. Nicolas Maier-Scheubeck.
Diese Haltung erklärt, wie aus einer Lizenz für Jansens Patent ein Weltmarktführer werden konnte, der heute mit mehr als 60 Standorten in 27 Ländern präsent ist, rund 5.500 Mitarbeiter beschäftigt und einen Jahresumsatz von 1,5 Milliarden Euro erwirtschaftet.
50 Prozent des weltweiten Stroms werden von Lösungen von Reinhausen geregelt. Und das bedeutet: In 185 Ländern wirkt ein Bauteil, das nach demselben Prinzip arbeitet wie Jansens Erfindung von 1926.
Wie langlebig die Kerntechnologie ist, zeigt ein Beispiel aus Ingolstadt: Im dortigen Kraftwerk arbeitet ein Laststufenschalter aus dem Jahr 1950 noch immer im aktiven Betrieb. Er ist 76 Jahre alt und wird regelmäßig von Reinhausen-Spezialisten gewartet. Bei Reinhausen gilt als Grundsatz, dass viele dieser Produkte die Transformatoren überleben, in denen sie verbaut sind.
Während Jansens Prinzip heute noch genauso wie vor 100 Jahren funktioniert, hat sich das Unternehmen jedoch verändert: Heute liefert Reinhausen nicht mehr nur den Laststufenschalter, der die Spannung regelt, sondern auch die Intelligenz, die ihn überwacht. Sensoren, die im Transformator messen, was in ihm vorgeht. Software, die daraus ein digitales Abbild in Echtzeit erstellt.
Systeme, die ganze Flotten von Transformatoren gleichzeitig im Blick behalten und vorhersagen, welches Gerät gewartet werden muss – lange bevor es eventuell ausfällt. Was 1926 noch eine rein mechanische Lösung war, ist heute ein ganzes System aus Lösungen, sowohl analog als auch digital. Reinhausen hat sich schon vor einigen Jahren strukturell richtig positioniert und war mit ihrem umfassenden Angebot der Zeit voraus.
Das Netz der Zukunft benötigt eine Erfindung von 1926
Im Stromnetz des 20. Jahrhunderts konnte die Spannungsregelung im Verborgenen arbeiten, weil die Netze vergleichsweise stabil und die Lasten gut vorhersehbar waren. Im 21. Jahrhundert wird sich das grundlegend ändern. Wenn an einem windreichen Tag Hunderte von Windparks gleichzeitig Strom einspeisen, steigt die Spannung im Netz. Wenn der Wind nachlässt oder eine Wolke die Solaranlage abdeckt, fällt sie. Das Netz muss diese ständigen Schwankungen in Echtzeit ausgleichen – zusätzlich zu dem ohnehin wachsenden Bedarf durch Elektromobilität, Wärmepumpen und Industrie.
Je konsequenter die Energiewende umgesetzt wird, desto abhängiger wird sie von einer Erfindung, die 100 Jahre alt ist. Mit ihm fließt der Strom stabil aus der Steckdose – ob bei Flaute oder Sturm, ob mitten in der Nacht oder am helllichten Tag.
30 Jahre Hochspannung: Veränderung in der Geschäftsführung
Drei Jahrzehnte lang hat Dr. Nicolas Maier-Scheubeck die Geschicke der REINHAUSEN-Gruppe wesentlich geprägt. Seit seinem Eintritt in die Reinhausen GmbH im April 1996 hat er dazu beigetragen, das Familienunternehmen als Weltmarkt- und Technologieführer zu positionieren. Ende Juli 2026 scheidet er auf eigenen Wunsch aus der Geschäftsführung aus.

Dr. Nicolas Maier-Scheubeck. © Reinhausen GmbH
Dr. Nicolas Maier-Scheubeck ist am 1. April 1996 in die Geschäftsführung der heutigen Reinhausen GmbH eingetreten. Geografisch gesehen war es für den 34-jährigen Diplom-Kaufmann nur ein kleiner Schritt: Geboren in Steinweg, musste er lediglich den Regen überqueren, um seinen Dienst im Stadtteil Reinhausen anzutreten. Am gegenüberliegenden Ufer erwartete ihn ein traditionsreiches Familienunternehmen, das zu diesem Zeitpunkt – trotz einer bereits beeindruckenden Exportquote – noch ein sehr deutsches Ingenieur-Verständnis pflegte („Made in Germany“); mit einem Kernprodukt, das zwar systemrelevant ist, aber kaum jemand kennt: Laststufenschalter „Made by Reinhausen“ verrichten in Leistungstransformatoren ihre Arbeit und halten Stromnetze weltweit auch dann stabil, wenn sich Lasten und Spannungen laufend verändern.
In den zurückliegenden dreißig Jahren sind aus ursprünglich 115 Millionen zwischenzeitlich mehr als 1,5 Milliarden Euro Umsatz, aus 1.050 mehr als 5.500 Mitarbeiter und aus damals 5 nun bereits 50 Beteiligungsgesellschaften mit 62 Standorten in 27 Ländern geworden. Auch die Belegschaft am Standort Regensburg hat sich verdreifacht, wodurch die Reinhausen GmbH vor Ort einer der größten Arbeitgeber wurde. Unter der Marke MR werden heute weltweit innovative Lösungen angeboten, die Hersteller, Inbetriebnehmer und Betreiber kritischer Netztechnik bei der Sicherstellung von Lastfluss und Stromqualität unterstützen. Die Hälfte des weltweit übertragenen Stroms wird mit Produkten der REINHAUSEN-Gruppe geregelt. Entsprechend bedeutsam sind diese Lösungen auch für das Gelingen der globalen Energiewende.
Ende Juli scheidet Dr. Nicolas Maier-Scheubeck nun auf eigenen Wunsch aus der Geschäftsführung aus. Sein Abschied fällt mit dem hundertjährigen Jubiläum des Laststufenschalters zusammen: Am 13.07.1926 meldete Dr.-Ing. Bernhard Jansen seine Erfindung zur unterbrechungsfreien Regelung von Transformatoren unter Last zum Patent an. Mit der Industrialisierung, Vermarktung und Weiterentwicklung dieses Produkts sowie der gezielten Erweiterung des Portfolios reifte die REINHAUSEN-Gruppe zum Weltmarkt- und Technologieführer in anspruchsvollen Nischen der elektrischen Energietechnik.
Persönliche Haltung und Passung
Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Regensburg und Köln war Dr. Nicolas Maier-Scheubeck als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Produktionsmanagement und Controlling der Universität Regensburg tätig, wo er auch berufsbegleitend promovierte. Anschließend übernahm er eine Führungsfunktion in Einkauf und Logistik der Paul Hartmann AG. Später wechselte er zur damaligen Schitag Ernst & Young AG und beschäftigte sich mit Unternehmensbewertungen sowie der Neuordnung der ostdeutschen Energiewirtschaft.
Eine Konzernkarriere strebte er dabei nie an: „Börsennotierte Unternehmen stellen in der Betriebswirtschaftslehre ein Leitbild dar. Sich auf die schwer erklärbare Kursentwicklung statt auf konkrete Eigentümerinteressen stützende Entscheidungen, gefällt in einer Zentrale fernab der Werke, entsprechen nicht meiner Vorstellung einer dienenden Wertschöpfung. Das Zerlegen und Rekombinieren etablierter Firmen, zumal zur kurzfristigen Steigerung des Unternehmenswertes, ist mir keine Herzensangelegenheit. Ich bevorzuge das organische Wachstum als Ergebnis des wiederkehrenden Ringens unterschiedlicher Fachdisziplinen um echten Fortschritt, die industriell-familiäre Verbindung von Menschen und Technologien, die koordinierte Umsetzung einer langfristigen Strategie.”
Auch in einem scheinbar stabilen Branchen- und Arbeitsumfeld können wichtige Entscheidungen zu früh oder zu spät, zu vorsichtig oder gar übermütig gefällt werden. Als Lernfeld für die Zukunft beschäftigen Dr. Nicolas Maier-Scheubeck daher bis heute vor allem unerkannt und insofern ungenutzt gebliebene Chancen. Seine Erfahrungen mit schwachen Signalen und der Strategieumsetzung fasst er dabei wie folgt zusammen: „Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist in Führungsfragen keinesfalls eine Gerade.“ Diese Einstellung ergänzte sich rückblickend perfekt mit der Unternehmenskultur aus flachen Hierarchien, persönlicher Verantwortung und Zusammenhalt. Hiervon profitiert die Reinhausen GmbH, ein von Applikationsverständnis, Innovation, Wertschöpfung und Mitarbeiterzufriedenheit geprägtes Familienunternehmen, nun schon in der sechsten Generation.
Dem Markt voraus
Die REINHAUSEN-Gruppe betreibt zwei Geschäfte: Einerseits werden Produkte und Lösungen für Hersteller und Inbetriebnehmer kritischer Netzbetriebsmittel, andererseits Dienstleistungen und Systeme für deren Betreiber angeboten. Bereits vor einem Vierteljahrhundert wurde diese Idee mit der Vision des intelligenten Transformators verknüpft. Durch die Verbindung von Aktorik, Sensorik, Kommunikationstechnik und Analytik entsteht – idealerweise in Echtzeit und bereits dezentral am Transformator – ein vielschichtiges digitales Abbild, mit dessen Hilfe Betreiber zugleich Investitionen und Betriebskosten senken können.
Das globale Bevölkerungswachstum treibt den Stromverbrauch, die dem Klimawandel geschuldete Energiewende erfordert den Übergang zur „all-electric society“. Nach dem weltweiten Aufbau einer nicht-fossilen und stärker dezentralen Energieerzeugung verlagert sich der Schwerpunkt aktuell hin zu Speicher- und Netztechnologien. Bis 2050 wird ein Wachstum des globalen Strombedarfs um 80 %, der Ausbau von Übertragungs- und Verteilungsnetzen um 120 % und eine Steigerung des Bedarfs an Transformatoren um 200 % prognostiziert. Dazu kommen ungeplante Lastspitzen im Bestand, ein rascher Netzausbau und neue Anwendungen wie Batteriespeicher und Rechenzentren.
Neben der auf Unabhängigkeit zielenden Unternehmensführung und einer langfristig angelegten Innovationspolitik haben hierzu auch gezielte Akquisitionen beigetragen, unter anderem der Erwerb verschiedener auf Sensorik und Prüftechnik spezialisierter Unternehmen. Jüngere Beispiele der Marktmacher-Funktion von REINHAUSEN sind ETOS® (Plattform zur Digitalisierung von Transformatoren), ECOTAP® VPD® (Basis für regelbare Ortsnetzstationen) und TESSA® APM (Software zum Management der installierten Flotte).
Weitergabe der Leidenschaft
Wilfried Breuer, seit bald acht Jahren Mitglied der Geschäftsführung, wird ab August 2026 die Rolle des Sprechers der Geschäftsführung übernehmen. Ihm zur Seite stehen Holger Michalka und Dr. Manuel Sojer. Letzteres freut Dr. Nicolas Maier Scheubeck ganz besonders, handelt es sich doch bei Dr. Manuel Sojer um die erste nicht familienzugehörige Führungskraft überhaupt, die aus dem Unternehmen heraus in die Geschäftsführung befördert wurde: „Auch personell ist die REINHAUSEN-Gruppe für das weitere Wachstum sehr gut aufgestellt.“
Reinhausen GmbH / RNRed