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„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ – so steht es in der Bibel. Doch gilt diese Liebe auch Flüchtlingen? Scheinbar nicht immer. Gerade in der Corona-Pandemie schüren Rechtspopulisten den Hass gegen Migranten, verweigern Länder die Aufnahme von Geretteten und postuliert ein Pfarrer, dass ein Christ Flüchtlinge auch ertrinken lassen könne. Es gibt aber auch Menschen wie den Regensburger Michael Buschheuer, der sich zusammen mit seinen gegründeten Hilfsorganisationen Space Eye und Sea Eye den Kritikern mit aller Kraft entgegenstellt. Angesichts dieser gesellschaftlichen Spaltung beim Flüchtlingsthema stellt sich passend zur Weihnachtszeit einmal mehr die Frage: Liebt jeder seinen Nächsten wie sich selbst oder ist doch jeder sich selbst der Nächste?

Am Abend des 8. September 2020 bricht im griechischen Flüchtlingslager Moria ein Großbrand aus, der das ohnehin stark überfüllte Lager mit miserablen Zuständen fortan komplett unbewohnbar macht. Mehr als 12.000 Menschen sind auf einen Schlag obdachlos – unter ihnen 4.000 Kinder. Vorausgegangen war den Szenen eine Massenquarantäne aufgrund mehrerer Covid-19-Fälle und damit verbundenen starken Unruhen. Wenige Tage nach dem verheerenden Feuer nehmen griechische Sicherheitskräfte sechs junge Migranten als mutmaßliche Brandstifter fest. Am 16. September verkündet die Bundesregierung, dass sie 1553 Geflüchtete aus 408 Familien von den griechischen Inseln aufnehmen werde – zusätzlich zu den geplanten 150 unbegleiteten Minderjährigen. Alle Flüchtlinge haben bereits ein abgeschlossenes Asylverfahren hinter sich. Ende Oktober folgt die Nachricht vom Innenministerium, dass 100 der anerkannten Flüchtlinge in Bayern eine neue Heimat finden werden – 22 davon kommen nach Regensburg. In Kooperation mit der Hilfsorganisation Space Eye sollen die Geflüchteten im Rahmen einer Zwischennutzung in einem leerstehenden Gebäude in der Vitusstraße untergebracht werden, so die Stadt Regensburg. Die Wohneinheiten werden dabei an die Space Eye-Initiative „Second Life – Zweite Heimat Regensburg“ vermietet.

„Wir sind dabei, alles anzurichten und jede Wohnung mit einem Minimumstandard neu einzurichten“, verrät Space Eye-Gründer Michael Buschheuer. Wer konkret kommt, wie die Familien zusammengesetzt sind oder woher sie kommen, wisse man aber noch nicht. Deswegen stehe auch noch nicht fest, wie viele Wohnungen letztendlich für die Flüchtlinge gebraucht werden. Was bislang jedoch sicher ist, ist das Engagement und die Unterstützung von Künstlern wie Hannes Ringlstetter, von Lokalpolitikern wie Regensburgs Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer oder von Gastronomen wie Neli Färber. „Wir haben versucht, einen möglichst guten Querschnitt in der Gesellschaft zu erwischen, damit es ein gesamtgesellschaftlich getragenes Projekt wird“, ergänzt Buschheuer.

Auch die Resonanz unter den Anwohnern in der Vitusstraße sei beim Infostand, den Space Eye extra für sie aufgebaut hatte, positiv gewesen. Zwar seien die Menschen anfangs durchaus kritisch gewesen – „und das ist auch gut so“, sagt Buschheuer. „Warum kommen sie hierher? Warum nimmt Regensburg so viele auf? Wer passt auf sie auf? Wird es Konflikte geben? Das sind die normalen Gedanken, die sich jeder stellt und die wir uns auch gestellt haben. Wir haben uns auch gefragt: Ist es gut, viele Menschen zusammenzulegen oder nicht besser, sie gleich zu zerstreuen? Die üblichen Fragen eben, die sich jeder stellt und stellen darf“, erklärt der Space Eye-Gründer. Letztendlich habe man sich aber gut mit den Anwohnern verständigt, und einige wollen etwa in Form von Hausmeistertätigkeiten ebenfalls helfen, sobald die Flüchtlinge angekommen sind.   

Darf man Menschen ertrinken lassen?

Ein Punkt beschäftigte die Anwohner am Infostand  jedoch etwas mehr. Wie viele andere Deutsche fragten sie sich, ob viele „junge Männer“ kommen. Darauf weiß jedoch auch Buschheuer keine Antwort, zumal sich für ihn die Frage – trotz aller Verständnis für die Sorgen und Ängste der Anwohner – auch gar nicht stellt: „Ich finde junge Männer genauso schutzbedürftig wie Kinder, junge Frauen oder Ältere. Aber natürlich ist es gesellschaftlich schwieriger, wenn man viele junge Männer an einem Platz versammelt – wie in jeder Kaserne oder abends in der Disko. Sie haben einfach doch viel Testosteron.“ So wie es aktuell aussieht, werden nach Regensburg aber kaum junge Männer kommen, da für Deutschland viele Familien geplant sind. „Wir haben kein konkretes Wissen darüber“, so Buschheuer. „Aber wenn Deutschland in Summe 1.553 Menschen aufnimmt und es 408 Familien sind, dann sind es – wenn man die Zahlen durchdenkt – scheinbar nur Familien.“  

Unabhängig davon bleiben junge Männer in der Flüchtlingsdebatte ein Brennpunkt. Der protestantische Pfarrer Matthias Dreher aus Nürnberg stellte in der Oktober-Ausgabe des Korrespondenzblattes in Bezug auf die Seenotrettung die These „Ein Christ kann ertrinken lassen“ auf. In seiner Argumentation stützt sich Dreher dabei auf mehrere Aspekte – einer davon sind die jungen Männer. Den Seenotrettern wirft er dabei vor, die wahre Identität der Flüchtlinge zu verheimlichen. Mit Verweis auf ein Interview mit dem Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerungund Entwicklung, Reiner Klingholz, der afrikanische Migranten vordinglich als gut gebildete Männer zwischen 20 und 30 Jahre ausweist, wirft Dreher eine Menge Fragen auf: „Warum also reden die Seenotretter und ihre Befürworter von diesen Menschen als von minderbemittelten, aus größter Not fliehenden, desinformierten, bestenfalls naiven, also quasi unmündigen Individuen? Warum wird nicht gesagt, dass manche Männer patriarchal auch ihre Frauen und diese die Kinder mit in das Lebens-Risiko ziehen?“

Diese als Fragen verpackten Anschuldigen, die Armutsmigration überspitzt gesagt als Mythos bezeichnen, bringen Buschheuer jedoch nicht aus der Fassung. Stattdessen kontert er mit einem Beispiel: „Vergleichen wir es mal mit der Geschichte eines Selbstmörders. Da ist man in einem ähnlichen Konflikt: Ein Mann stürzt sich ins Wasser, die Wasserwacht fährt los, sucht ihn in der Nacht und bringt sich selbst in Gefahr. Obwohl der Mann sich und die anderen selbst gefährdet hat, wird die Wasserwacht nicht fragen: ‚Bist du selbst gesprungen? Warum bist du gesprungen? Wie alt bist du? Warum siehst du keinen Sinn mehr in deinem Leben?‘ Sie würden ihn einfach retten. Seine Geschichte beginnt vielleicht in der Kindheit oder mit Depressionen im mittleren Alter, und die Geschichte endet irgendwo Jahrzehnte später. Deshalb kann man die Geschichte nicht auf einen Moment verkürzen.“ Für Buschheuer und sein Team drehe sich deshalb auch im Moment des Ertrinkens alles um die singuläre Frage: „Retten oder nicht? Und da gibt es nur die Antwort: Rettung.“

„Ich würde sogar ihn retten“

Ähnlich entkräftet Buschheuer die Kritik von Rechtspopulisten. Anfang November hat Sea Eye Strafanzeige gegen den AfD-Politiker Georg Pazderski gestellt. Nach Angaben der Hilfsorganisation habe Pazderski auf Facebook angedeutet, dass der Attentäter von Nizza, der im Ende Oktober 2020 drei Menschen bei einem Messerattacke in der Basilika Notre-Dame getötet hat, über das Rettungsschiffes Alan Kurdi nach Europa gekommen und Sea Eye deshalb mitverantwortlich für den Angriff sei. Buschheuer bezeichnet diese Vorwürfe als Volksverhetzung und unmenschliche Argumentationskette und gesteht dennoch: „Ich würde sogar ihn retten.“ Gleiches sagt er in Bezug auf den Attentäter von Nizza. Eine Selbstverständlichkeit, die nicht nur für Hilfsorganisationen zutreffe, sondern auch für staatliche Stellen. Dass man Terroristen einerseits verfolgen und ihre Taten verhindern muss, steht für Buschheuer außer Frage. Auch dass sie nach Europa kommen, müsse abgewendet werden. Andererseits müsse man aber jedem Menschen das Leben retten. „Drehen wir das Spiel einmal um: Der Mann (der Attentäter von Nizza, Anm. d. Red.) wurde während der Fahndung angeschossen, schwer verletzt und liegt im Krankenhaus. Was ist mit dem Arzt? Rettet er jetzt einen Menschen, von dem er weiß, dass er Terrorist ist? Am Ende hat ihm vielleicht noch der Polizist Erste Hilfe geleistet hat, obwohl er weiß, dass er Menschen umgebracht hat.“

Ähnlich wütend macht ihn der Vorwurf, Seenotretter stünden mit Schleusern in einer Ecke. Das deutet etwa Dreher an, indem er den Seenotrettern vorwirft, dass sie zwar nicht mit den Schleppern kooperieren würden, dass man aber zumindest voneinander wüsste und die jeweiligen Seefahrt-Bewegungen aufeinander abstimme. Das sei nicht nur an der Wahrheit vorbei, sondern einfach unverschämt, entgegnet Buschheuer. Und selbst wenn Seenotrettung mal zum Teil des Problems werden sollte, was sie aber noch lange nicht sei, würde er nicht anders handeln. Und diese Einstellung lasse sich wiederum leicht nachvollziehen, sobald man sie auf andere Lebensbereiche übersetzt. „Ist die Bergwacht Teil des Problems von Menschen, die in den Bergen verunglücken? Irgendwie schon, weil die Leute wissen, dass die Bergwacht da ist, wenn etwas passiert. Wenn man jetzt Menschen in den Bergen einsam erfrieren lassen würde, würden sich vielleicht weniger gefährlich verhalten.“ Dies sei jedoch eine Überlegung, die so gar nicht zivilisiert sei und die in den uns typischen Lebensbereichen niemals in den Sinn kommen würde, so Buschheuer.

Liebe deinen Nächsten?!

Neben Vorwürfen und Anschuldigungen erschwert seit Monaten die Corona-Pandemie die Rettung von Menschen in Not: Resettlement- und humanitäre Aufnahmeprogramme wurden zu Beginn der Krise auf Eis gelegt, für Nicht-EU-Bürger gab es eine Einreisebeschränkung, und Länder wie Italien oder Malta  verhängten den Notstand und erklärten ihre Häfen als „nicht sicher“. Das liegt aber nicht allein am Coronavirus. Jede Pandemie verschärft die Migration, wie Buschheuer weiß. Dass Flüchtlingsprogramme auf Eis gelegt werden, liege dabei zum einen an der Angst, dass Menschen sich bewegen – „und Bewegungen sind in der Pandemie einfach kein Spaß“. Zum anderen müssen die organisatorischen Kräfte für ihre Schutzprogramme reisen – ebenfalls kein Spaß. Von der Pandemie und vor allem von den beschlossenen Maßnahmen ist aber nicht nur die Arbeit von Hilfsorganisationen betroffen, sondern auch jeder Mensch, der sich auf eigene Faust auf den Weg in eine bessere Zukunft macht – egal ob zu Wasser oder zu Land. Priester Dreher sieht Christen deshalb aber noch lange nicht in der Bringschuld. Vielmehr ist er der Ansicht, dass ihr Wunsch nach einem besseren Leben weder den Migranten das Recht gebe, diesen Wunsch auch erfüllt zu bekommen, noch Christen dazu verpflichte, entsprechende „Erfüllungshilfe“ zu leisten – „erst recht nicht jenseits deutscher Hoheitsgebiete zu Wasser und zu Land“. Unterm Strich könne demnach ein Christ im Zuge der Zwei-Reiche-Lehre, die operative Struktur-Politik dem Staat überlasse, „Verantwortung vernachlässigende Migranten ertrinken lassen“.

Sollen also gerade Christen sich selbst näher sein als ihren Mitmenschen und das obwohl sie selbst am meisten die Nächstenliebe propagieren? Für Buschheuer kommt das nicht in Frage. Egal ob Christ oder nicht – Buschheuer will den Menschen helfen, gerade auch zur Weihnachtszeit. „Es ist nämlich nicht nur das Fest der Nächstenliebe, sondern auch noch saukalt.“ Deswegen wird Space Eye zusammen mit vielen Helfern und Spendern auch in diesem Jahr wieder die „Winterhilfe für Moria“ durchführen. Bis Weihnachten sollen so zehn Container mit Hilfsgütern in alle griechischen Flüchtlingslager gebracht werden. Für die Aktion hat Space Eye zudem eine Karte anfertigen lassen. Sie bildet eine Mutter, die in Moria sitzt, mit ihrem Kind ab, dazu geschrieben steht die Frage: „Did you forget the mother with the child?“ – und das nicht ohne Grund. Denn gerade an Weihnachten sollte man noch einmal darüber nachdenken, wie das mit der Mutter und dem Kind eigentlich war. „Sie waren selbst Flüchtlinge“, sagt Buschheuer und resümiert: „Die christliche Botschaft besteht am Ende hauptsächlich aus Nächstenliebe. Das ist ausreichend. Denn mit diesem zentralen Element der Nächstenliebe kann man schon echt viel beantworten.“
Bildquelle: Kamerafoto / sonstige | Sea Eye/ Space Eye

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