Mit Spannung erwartet: Des Volkes Lieblingsvolvo gibt es jetzt eben nicht mehr nur als Premium-Mittelklasse-SUV XC60, sondern alternativ auch rein elektrisch – den EX60. Frisch eingetroffen, haben wir ihn Anfang August gleich bei Svenscar abgeholt und bei weiß-blauem Sommerwetter in unser wunderschön hügeliges Umland entführt.
Volvo hat den Fokus hier auf Reichweite gesetzt. Das sieht man ganz klar an der flüssig und „smooth“ gestalteten Karosserie mit ihren 4,80 Metern Länge. Der aufkommende Fahrtwind – Feind des Akkus und der Reichweite – soll hier wenig steile Angriffsflächen bekommen, an denen er sich stauen kann und weggeschoben werden muss. Die vordere Haube zieht sich deshalb dezent nach unten, alle Flächen, auch um die Stoßfänger, sind möglichst glatt und damit windschlüpfrig, soweit möglich. Ein SUV wird immer mehr Widerstand erzeugen als eine flachere Limousine. Betrachtet man aber SUVs untereinander, ist der Unterschied zu z. B. einem Klotz wie einem Land Rover Defender verbrauchsseitig riesig. Volvo hat das optimal umgesetzt und eine sportliche Silhouette mit einem cW-Wert von rekordverdächtigen 0,26 erzeugt – etwas weniger kantiges Outdoor-Männerego, aber dafür funktionale Reichweite. Das passt – insbesondere das neu gestylte Heck, welches man aber live sehen muss. Und so erzielen wir auf der Autobahn auf ebener Strecke gute Verbräuche für dieses große Fahrzeug! Bei 100 km/h verbrauchen wir knapp 16 kWh für 100 km und bei 130 km/h knapp 22 kWh für 100 km. Das sind fast Verbrauchswerte einer Limousine. Und jetzt kommt die Crux: Volvo verbaut einen wirklich großen Akku. Im Basis-P6 (Heckantrieb) sind 80 kWh nutzbar, in unserem P10 (Allrad) sind um die 91 kWh nutzbar und im noch kommenden P12-Modell (Allrad) werden sogar 112 kWh nutzbar sein – damit geht es dann sogar ca. 800 km weit.
Mit unserem Allrad kommen wir bei 100 km/h ca. 580 km weit und bei 130 km/h ca. 420 km. In der Stadt geht es wie immer noch ein gutes Stück weiter – bei 50 km/h ist der Fahrtwind eben nicht das Problem. Volvo bietet im EX60 ebenfalls die 800-Volt-Architektur und man kann damit auch weit über 300 kW Ladeleistung aufnehmen: Von 10 auf 80 % reicht also gut eine Viertelstunde Ladezeit, wenn die Power da ist.
Den Einstiegsvolvo gibt es mit Heckantrieb und 374 PS (480 Nm Drehmoment), unser P10 hatte fantastische 510 PS (710 Nm) und, wenn die Spitzenversion herauskommt, im P12, dann werden 680 PS (790 Nm) zur Verfügung stehen. Unser P10 beschleunigt damit wirklich mehr als sportlich (4,6 Sekunden von 0 auf 100 km/h, V-max abgeregelt bei 180 km/h), und man muss sich zusammenreißen, um Pneu und Akku nicht dauernd auszulasten – LKW-Kolonnen überholen: ein Vergnügen. Wohl dem, der brav bleibt. Früher wurde die Lust am Gasgeben oft auch durch das Fahrwerk etwas reduziert, da abrupte Beschleunigungen und Lenkbewegungen meist mit Nicken und Wanken beantwortet wurden. Ein softeres Setup schafft eben besseren Reisekomfort. Nicht so im P10: Hier ist ein wirklich gutes adaptives Fahrwerk verbaut, das beides kann. Straight und knackig. Volvo hat hier das für sein bislang bestes Fahrwerk verbaut. Es passt sich – auf einem hier neuen Level – fortwährend an und bleibt präzise, wenn der Dompteur am Lenkrad arbeitet. Glückwunsch – und bei Fahrwerken bin ich selten zu begeistern, gerade in dieser Gewichtsklasse und Zweckausrichtung: Im P10 werden immerhin ca. 2350 kg in alltagsfreundlicher SUV-Form bewegt. Der akkubedingt tiefe Schwerpunkt hilft hier ebenfalls deutlich. Power, Reichweite, Fahrwerk – Note 1.
Volvo hat auch sonst einiges an der Fahrzeughandhabe aufgefrischt. Das beginnt bei der Scheckkarte, die das Auto entsperrt, soweit man kein Eigner ist – dieser hat das Auto im Handy registriert (oder umgekehrt) und wird darüber zum Öffnen und Starten berechtigt. Schlüssel adé. Geschmacksfrage.
Türgriffe gibt es nicht mehr, am Ende der Türe sind kleine „Winglets“ oben angebracht, eine sanfte Berührung und die Türe geht auf. Windschlüpfrigkeit kommt eben nicht von ungefähr. Innen erwartet uns ein cleanes, aufgeräumt-modernes Design, und dabei fällt sofort das Lenkrad auf – klein und platzsparend, man gewöhnt sich aber schnell daran, und natürlich benötigt man keine Kraft, um es zu bewegen, die Elektrik unterstützt und gibt trotzdem ein wirklich sehr gutes Feedback zurück. Auch sind am Lenkrad echte Tasten zur Bedienung von Fahrassistenzen, Bordcomputer und Infotainment. Fahrinformationen liefert ein kleiner Monitor vor dem Fahrer. Wer Verbrauch und andere Funktionen sucht, findet sie am großen Monitor in der Mitte, wo er wie gewohnt in diversen Menüs alles findet, was es braucht – angebunden an Google, um mit Assistenz auch andere Infos zu besorgen, zu navigieren oder Lademöglichkeiten bequem zu planen. Veganes Leder, Schafwolle bei den Sitzen, FSC-zertifiziertes Holz – Volvo arbeitet möglichst nachhaltig. Maximal können ca. 1650 Liter zugeladen werden, der Frunk fasst knapp 60 Liter und unter dem Kofferraumboden verbirgt sich ein großes Fach für Handgepäck oder Ähnliches.
Wer den EX60 sein Eigen nennen möchte, startet bei 62.990 Euro. Für nur 3000 Euro mehr gibt es dann schon den P10 mit großem Akku, viel Power und dem adaptiven Fahrwerk in Serie! Wer 71.990 Euro zahlt, bekommt den P12 – ein Orbitalgeschoss. Für alle gilt, dass bereits viel an Bord ist und natürlich auch noch für eigene Wünsche optioniert werden kann. Von diesem Auto werden wir bald viele sehen, da bin ich mir sicher.
Nick Lengfellner| filterVERLAG