Mit Vollgas in die Kurve, das Motorrad fast waagerecht und keine Bremse in Sicht: Für Max Gammel aus Schierling ist das Alltag auf der Rennbahn. Der 19-Jährige fährt Speedway und Langbahn – zwei Motorsportdisziplinen, die höchste Konzentration und Körperbeherrschung verlangen. Was ihn daran fasziniert und wie er mit den Risiken umgeht.
Max Gammel über einen Sport, der keine Bremsen kennt, eine Familie zwischen Stolz und Sorge, ständigen Zeitmangel – und Stress, der manchmal guttut.Max driftet mit Vollgas in die erste Kurve, sein Hinterreifen wirbelt Staub auf. Das Motorrad liegt fast waagerecht in der Kurve. Er kontrolliert es vor allem über Gas, Kupplung und seinen Körper. Bremsen gibt es nicht. „Wer bremst, verliert“, sagt der junge Motorsportler.
Max Gammel ist 19 Jahre alt, kommt aus Schierling und arbeitet als Instandhalter. Im Februar hat er seine Ausbildung zum Industriemechaniker abgeschlossen, seit August macht er zusätzlich seinen Techniker. In seiner Freizeit steigt er auf ein Motorrad, an dem ein scheinbar entscheidender Teil fehlt: die Bremse.Warum ihn der Bahnsport so fasziniert? „Weil er einfach spektakulär ist“, schwärmt Max. „Und weil es sowas sonst nicht gibt.“ Er kenne keine andere Sportart, bei der das Publikum so nah an den Fahrern ist. „Die Zuschauer können bis ins Fahrerlager kommen und sich dort mit den Fahrern unterhalten. Während dem Rennen stehen sie dann direkt vorne an der Bande.“
Der Sport erfordert viel Disziplin, doch das stört Max nicht. Neben Laufen, Radfahren und Bergsteigen macht er Kraftsport. „Das ist wichtig, um das Fahrzeug kontrollieren zu können.“ Er fokussiert sich auf Übungen mit dem eigenen Körpergewicht wie Klimmzüge. Im Keller hat er sich zudem ein kleines Home-Gym eingerichtet. Vier bis fünf Sporteinheiten stehen wöchentlich auf dem Programm.
Dazu kommt einmal pro Woche Training auf der Rennbahn. Ein typischer Trainingstag sieht so aus: Die Speedway-Fahrer – meist sind es 10 bis 15 aus unterschiedlichen Leistungsstufen – wärmen sich gemeinsam auf. „Einlaufen, ein bisschen dehnen, sowas“, beschreibt Max. Danach geht es auf die Bahn: Sie drehen ihre Runden, probieren verschiedene Einstellungen aus oder verändern die Übersetzung. Auch Starts werden regelmäßig trainiert.
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Was ist Bahnsport eigentlich?
In Deutschland war die Sportart vor allem in den 70er- und 80er-Jahren bekannt. Heute genießt sie hierzulande deutlich weniger Aufmerksamkeit als etwa in Polen oder Dänemark. Dort ist Bahnsport ungefähr so bekannt wie in Deutschland Fußball. Unterschieden wird zwischen verschiedenen Disziplinen – die hierzulande bekanntesten sind Speedway und Langbahn.
Beim Speedway sind nicht nur die Strecken kürzer, sondern auch die Motorräder kleiner. Eine Langbahn kann dagegen bis zu 1000 Meter lang sein.
Speedway und Langbahn können sowohl als Mannschafts- als auch als Einzelsport betrieben werden. Gefahren wird auf einer ovalen Strecke, meist auf festem, sandigem Untergrund. Eine Besonderheit ist die Grasbahn, die deutlich unebener ist.
Vier Fahrer treten gegeneinander an, ein Lauf dauert vier Runden. Gebremst wird nicht – stattdessen wird das Motorrad in den Kurven bewusst quer gestellt. Wer zuerst ins Ziel kommt, erhält drei Punkte, der Zweite zwei, der Dritte einen.
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Max fährt inzwischen in der 500er-Klasse. „Das ist die höchste Klasse, mehr geht nicht“, sagt er. Der Konkurrenzdruck sei hier deutlich höher als in den niedrigeren Klassen.
Er fährt sowohl Speedway als auch Langbahn. Insgesamt besitzt er drei Motorräder, zwei für Speedway – eine Hauptmaschine, eine als Ersatz – und eine Langbahn-Maschine. Durchschnittlich 10.000 Euro kostet eine. „Aber es gibt auch B- oder C-Ware, die ist dann deutlich günstiger.“ Als gelernter Mechaniker kennt Max sich bestens mit seinen Bikes aus und tüftelt gerne selbst an ihnen herum.

© SG Fotografie, Sascha Geißler
Speedway-Opa Hans: Mittendrin statt nur am Rand
Seine ersten Runden drehte Max bei seiner Tante auf dem Bauernhof. Damals auf einer Crossmaschine für Kinder – also noch mit Bremsen. Speedway lernte er durch seinen Opa Hans kennen. Dieser arbeitete damals als Mechaniker in der Sportart. „Nachdem ich öfter dabei war, habe ich mir gedacht: ‚Das will ich ausprobieren.’ Und irgendwann hat der Opa dann gesagt: ‚Jetzt kaufen wir dir eine größere Maschine‘, erinnert er sich. Und dann ging’s los: Als Siebenjähriger startete Max offiziell in der 50-Kubikklasse im Speedway.
Seitdem immer an seiner Seite: Opa Hans – mittlerweile von vielen nur noch „Speedway Opa Hans“ genannt. Er kennt jedes Motorengeräusch, ist bei jedem Rennen dabei und unterstützt Max, wo er nur kann. Wahrscheinlich deshalb ist er gleichzeitig sein größter Kritiker. Auch Papa Michael Gammel ist ein großer Fan und bei fast jedem Rennen mit von der Partie.
Ein Rennwochenende besteht für Max nicht nur aus dem Wettbewerb selbst. So wird bereits am Vortag stundenlang am Motorrad gearbeitet: Einstellungen werden überprüft und die Maschine für den Einsatz vorbereitet. Nach dem Rennen beginnt das Prozedere von vorne: Das Motorrad muss zerlegt und gesäubert werden. Natürlich alles gemeinsam mit Opa Hans.
„Sie können das nicht sehen“
Und wer tröstet ihn, wenn es mal nicht so gut läuft? „Ich muss ehrlich sagen: die Oma.“ Immer wenn er zwischen den Rennen ein bisschen Zeit hat, telefoniert er mit ihr. „Die Oma ist immer für mich da und hört mir zu“, sagt er.
Auf die Frage, ob die Oma oder die Mama auch mal bei einem Rennen dabei sind, kommt die Antwort schnell: „Nein. Sie können das nicht sehen. Sie haben immer Angst, dass etwas passiert. Das ist ganz schwierig für sie.“
Vollgas ist die sichere Bank
Dass sein Sport nicht ungefährlich ist, weiß auch Max. „Aber während des Rennens darfst du an sowas nicht denken“, sagt er. Die erste Kurve sei die gefährlichste, weil dann noch alle vier Fahrer eng beieinander sind – häufig komme es auch zu Körperkontakt.
„Das Wichtigste ist, am Gas zu bleiben. Du musst immer Drehzahl haben, dann hast du Kontrolle über das Motorrad. Wenn du vom Gas runtergehst, kann es dich zum Beispiel in die Bande raustreiben.“
Doch das allein reicht nicht, es gibt zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen. So sind etwa in den Kurven am Fahrbahnrand sogenannte Air Fences angebracht – eine Art Luftpolster, die bei einem Sturz den Aufprall abfedern sollen. Die Fahrer tragen außerdem eine umfangreiche Schutzausrüstung mit Protektoren für Knie, Schultern, Brust, Rücken und Becken.
Trotz aller Vorkehrungen stürzte Max im vergangenen Jahr in Bad Hersfeld schwer – der schlimmste Sturz seiner bisherigen Karriere. „Ein anderer Fahrer ist mir dann über den Po gefahren.“ Dabei brach sich Max das Steißbein. Nach diesem Unfall hat sich Max zusätzlich einen Körper-Airbag gekauft, den er seitdem bei jedem Rennen trägt.

© Tom Taenzel Bahnsport
Zwei Leben
Max ist Motorsportler. Er ist aber auch Industriemechaniker und Instandhalter bei Webasto. 40 Stunden pro Woche arbeitet er dort. Seit August macht er zusätzlich eine Weiterbildung zum Techniker. Dass dafür auch Zeit vom Bahnsport abgeht, musste er seiner Familie erst erklären. „Als ich verkündete, dass ich die Technikerschule mache und deshalb auch schon einige Veranstaltungen absagen musste, war der Opa nicht immer begeistert“, erzählt Max. Der 19-Jährige weiß, warum er sich dafür entschieden hat. „Mir macht der Sport nach wie vor Spaß, aber ich muss natürlich auch auf meine Zukunft schauen.“
Viel Zeit zum Durchatmen bleibt ihm nicht. „Ich brauche aber auch einen gewissen Stress, damit ich gut arbeiten kann.“ Trotzdem gibt es diese Momente, in denen er denkt: „Puh, jetzt wird schon alles ein bisschen viel.“ Dann sucht er Ruhe in der Natur. Am liebsten fährt er in die Berge zum Wandern – mit einem Freund, aber am liebsten ganz alleine. Auch beim Radfahren oder Laufen kommt er runter.
„Man muss natürlich auf manches verzichten.“
Er lebt bei seinem Papa in Schierling und bei seiner Mama in Schönach bei Sünching. Viel Zeit für Familie und Freunde bleibt ihm während der Saison, die von März bis Oktober geht, allerdings nicht. „Zeit ist bei mir immer ganz schwierig. Das können meine Freunde, glaube ich, ganz gut beurteilen“, schmunzelt er. „Aber sie unterstützen mich, weil sie wissen, wie wichtig mir der Sport ist.“ Dennoch nimmt er sich bewusst Zeit für seine Lieben: „Es ist schwierig, aber es geht.“ Sogar auf der einen oder anderen Party ist er anzutreffen. Alkohol gibt’s ebenfalls, wenn auch nur in Maßen.
Auf die Frage, ob er schon einmal eine Veranstaltung absagen musste, die ihm persönlich wichtig war, sagt er: „Ja, ganz oft.“ Er ist Mitglied in mehreren Vereinen wie zum Beispiel dem Fischerverein. An Veranstaltungen oder Festen kann er trotzdem oft nicht teilnehmen. „Man muss natürlich auf manches verzichten, aber es macht mir einfach Spaß.“
Nun neigt sich die Saison dem Ende zu. Im Winter, wenn auf den Bahnen wetterbedingt kein Bahnsport möglich ist, bleibt wieder mehr Zeit für Freunde und Familie. Doch nach der Winterpause geht es für Max wieder auf die Rennbahn. Wie weit ihn der Motorsport noch führt, weiß er selbst nicht. „In letzter Zeit denke ich mir oft: Ich will vor allem, dass es mir Spaß macht, deshalb möchte ich einfach auf mich zukommen lassen, was mein Weg noch bringt.“
Marina Triebswetter / filterRedaktion