Für viele Porsche-Liebhaber ist er einer der schönsten Elfer überhaupt: der 911 der Baureihe 993. Als letzter luftgekühlter Porsche 911 genießt er längst Kultstatus. Bei einer herbstlichen Ausfahrt rund um Regensburg zeigt das Coupé, was seinen besonderen Reiz ausmacht und weshalb gut erhaltene Exemplare heute begehrt sind.
Die schönste Silhouette aller Zeiten. Die letzte Baureihe der luftgekühlten Motoren. Das wertigste Interieur. Und für El¬fer-Fans wohl auch das mit Abstand schönste Hinterteil: die Modellreihe 993 des Porsche 911. Modern und doch schon ein Oldtimer mit hohem Wert.
Ja, es ist endlich wieder mal Zeit, selbige ein bisschen zurückzudrehen und einen absoluten Traum der 90er auszufahren. Gerade wurde das Verbrenneraus wieder „geaust“, und wer wie ich ein Liebhaber von Oldtimern ist, dem hat diese Nachricht ebenfalls durchaus gut gefallen. Oldies wird es bei den heute fahrenden Computern auf vier Gummis nahezu sicher nicht mehr geben, und umso wichtiger ist es also, sich heute noch nach den besten der besten Oldies umzusehen. Wer hier gefragte Modelle mit guter Technik kauft, hat Spaß beim Nutzen und verliert oder gewinnt Geld – je nach Wahl eben.
Wir waren bei S & L in Pentling, denn wenn mit Leidenschaft und Fachwissen gewisse und besondere Fahrzeuge gesucht und dann angeboten werden, dann hier. Und da sich hier auch die Modellgenerationen dank großen Angebots aussuchen lassen, haben wir uns einen 993er geschnappt und den letzten beblätterten Herbsttag mit Sonne genommen, um einfach um Regensburg eine schöne Ausfahrt zu genießen. Ein 993er Cabrio aus bekanntem Besitz (für unter 70.000 Euro) in perfektem Zustand wäre auch da gewesen, ich bin aber leider ein absoluter Coupé-Fetischist. Nachtblau Metallic, etwas über 50.000 km, 4-Rad, Schiebedach, Klima, elektrische Rafflederbestuhlung, elektrische Fenster, die größte Soundanlage, innen schwarz – besser geht es einfach nicht bei einem 993 – außer, man legt nochmal mächtig drauf und wählt die S-Variante mit dem breiteren Heck samt Doppelgrill im Spoiler. Diese hat jedoch ebenfalls den gleichen Motor.
Die Baureihe 993 war die letzte Elfer-Baureihe mit luftgekühltem Boxermotor – gebaut von 1993–1998. Heiser röchelt der 3,6-Liter-6-Zylinder-Boxer in seiner unvergleichlich typischen Art. Das Röcheln wird dann natürlich bald zum kernigen Sportsound, wenn es in die höheren Drehzahlen geht. 286 PS. Das Facelift hat damit noch mal 14 PS mehr als die erste Generation des 993 und eine etwas andere Charakteristik in der Leistungsentfaltung. Die Mehrleistung entsteht dank der Vario-Ram - nicht zu verwechseln mit der variablen Ventilhubsteuerung VarioCam, die es dann in späteren 996ern gab. Die VarioRam ist aber eine merkliche Vorstufe, um die Zylinderbefüllung positiv zu beeinflussen!
In der zweiten 993-Generation vergrößerte Porsche den Ventildurchmesser und damit den möglichen Luftdurchfluss. Verkürzt erklärt wird hier in unteren Drehzahlen der Ansaugweg so lange gehalten, dass Öffnen und Schließen der Ventile eine Druckwelle erzeugen, die durch Reflexion zu einem stetigen Luftstrom Richtung Brennraum führt und sich dann vor dem Ventil staut. Geht dies auf, fließt dadurch mehr rein – eine Aufladung ohne Turbo also, die in unteren Drehzahlen mehr Drehmoment erzeugt. Soll der Motor aber auch oben weit ausdrehen, braucht er Unmengen an Luft mehr, und der beste Weg ist dann, den Ansaugweg widerstandslos, also möglichst kurz, zu gestalten. Dafür öffnen dann Resonanzklappen ab 5000 U/min – merklich in der Beschleunigung und deutlich am Ohr vernehmbar. Sportsound vom Feinsten.
Ja, hier konnte der Hersteller klangtechnisch noch etwas beisteuern, heute wird das per Gesetz verboten – direkt durch reduzierte Geräuschwerte und indirekt durch die Abgasnormen, die zur Turbo-Pflicht und einhergehender Klanghäckselung führen. Ein 3,6-Liter-Boxer-Sauger ist ein Orchester, ein Turbomotor eine 4.-Klasse-Schulblockflötentruppe. 286 PS, großer Hubraum, hier um die 1450 kg Gewicht. Da ist Spaß gebucht. 5,3 Sekunden auf 100 km/h, 275 km/h Endgeschwindigkeit bei einem Top-Durchzug in allen Gängen. Letztere werden natürlich handgeschaltet – die Krönung dank einem perfekten Getriebe. Der 993 ist einfach ein vollendeter Elfer, lediglich an den Scheinwerfern scheiden sich die Geister. Das Fahrwerk ist wie bei einem heutigen Sportler. Es wurde im 993 komplett umentwickelt und mit Mehrlenker-Prinzip aufgebaut. Verkürzt dargestellt führten die Setups der 11er bis zum Vorgänger 964 bei starkem Einfedern in der Kurve zu einem Lenkimpuls, da sich die Geometrie leicht mitveränderte. In Grenzsituationen bleibt der 993 damit eben berechenbarer, dafür fehlt ein bisschen das absolut Direkte, das die Vorgänger auszeichnet.
Innen ist der 993 für mich gesamtbetrachtet der schönste Elfer. Alles ist absolut wertig, zeitlos, elegant abgestimmt und formschön designt. Die klassischen Instrumente sind einfach das Maß der Dinge, und wen wundert es, dass Porsche im neu geplanten und gerade gezeigten „Mission S“-Supercar wieder fünf eigenständige Rundinstrumente verbaut – anstatt Bildschirmen. Ach was!
Farblich etwas altbacken wirkt im 993 allenfalls der kleine Bordcomputer mit seinen gelben Ziffern und Symbolen – die 90er rufen laut! Er zeigt uns aber immerhin den braven Verbrauch von 7,5 Litern auf der Landstraße, und bei 130 km/h benötigen wir auch nur gut 9 Liter für 100 km. 30 Jahre später sind das immer noch Top-Werte, denn ein Sportler ist er eben auch nach heutigen Maßstäben nach wie vor und das beweist er mit jedem Kilometer echter 11er-Fahrkultur.
Die Werte der 993er sind in den letzten Jahren stabil – wie eigentlich der gesamte 11er-Markt. Nach einer unglaublichen Hausse vor nun auch schon wieder gut acht Jahren ist etwas Ruhe eingekehrt – je nach Modellreihe eben. Einen wirklich guten 993 zu finden, sollte der eigene Ansporn sein. Entweder bewusst günstig mit kommen¬der Motorrevision und Überholung vom Fahrwerk hin zu den üblichen Verdächtigen oder eben ein sehr solides Exemplar mit guter Historie und wenig Kilometern – das entscheidet Ihr Aktionsplan und Ihr Budget. Für unseren werden ca. 120.000 Euro fällig. Ausstattung und plausible Laufleistung siedeln ihn eben im oberen Preissegment an. Für die S-Modelle sind gut 30.000 mehr zu bezahlen – ein 993 Turbo wechselt auch gerne für 300.000 Euro zum nächsten Besitzer. An solche Preise kommt nicht mal ein Neuer ran.
Ein Autotest von Nick Lengfellner / filterVerlag