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Gewiss, Zauberer zu werden, führt die Hitlist der Wunschberufe mit Sicherheit nicht an. Und dennoch sind wir fasziniert, wenn wir jemandem begegnen, der von sich selbst behauptet, er sei ein Zauberer. Als Beweis lassen sie mit geschmeidigen Fingerübungen Gegenstände im Handumdrehen verschwinden und wieder erscheinen – Wir sind baff: Magie ist eine Kunst – ein meisterhaftes Spiel, bestehend aus Aufmerksamkeitslenkung, Täuschung und jahrelanger Übung. Davon leben allerdings können nur die wenigsten.

Dionysos (38), Moe (33), Nick (28), Gregor (28) und Wusi (26) zählen zum inneren Kern der Regensburger Zauberwelt. Sie alle verdienen sich ihre Brötchen mit der Zauberei und treten auf Firmenfeiern, privaten Veranstaltungen oder Kleinkunstbühnen auf. Großartig Werbung machen sie dafür allerdings nicht, die Qualität ihrer Darbietungen verbreitet sich über Mundpropaganda und Freunde. Allein von der Zauberei zu leben, traut sich aber nur Dionysos. Der Rest geht neben den Auftritten und Buchungen einem mehr oder weniger normalen Berufs-, oder Studentenleben nach. Auch Dionysos hat wie die meisten seiner Kollegen einen akademischen Abschluss – vor seinem „Zauberer-Dasein“ war er Architekt. Sich zwischen einem Bürojob und der Freiheit zu entscheiden, war für ihn keine leichte Entscheidung, dennoch hat er es vor dreizehn Jahren gewagt, seinen Job an den Nagel zu hängen. „Wenn man jemandem erklärt, man sei Zauberer, wird man oft gefragt, was man denn eigentlich mache, denn leben könne man davon ja schließlich nicht…“,erklärt Dionysos. „Keiner käme auf die Idee, einen Zahntechniker danach zu fragen, ob er von seinem Job leben kann. Als Zauberer hingegen wird man das immer wieder gefragt. In manchen Zeiten musste ich auch jeden Euro zweimal umdrehen, klar. Aber heute kann ich davon echt gut leben. Zurück ins Büro zu gehen, käme für mich nicht mehr in Frage.“

Der Weg zum Zauberkünstler ist mit harter Arbeit verbunden. Die Tricks werden wochen- und monatelang geübt und perfektioniert, sodass jede Bewegung fließend verläuft und eine perfekte Illusion erzeugt. „Meine ersten richtigen Tricks habe ich noch aus Büchern wie ,Bobo’s Coin Magic‘ geübt. Das ist zwar fast hundert Jahre alt, aber immer noch ein zu empfehlender Klassiker. Wenn man dann mit den ersten Übungen beginnt, stellt man schnell fest, dass man für die Zaubertricks Muskeln in den Händen braucht, von denen man gar nichts wusste. Da heißt es dann nur, dass man eine Münze unauffällig in der Handfläche halten soll, eine kleine Illustration zeigt dir dann, wo die Münze eingeklemmt wird“, meint Gregor. „Wie genau das funktionieren soll, weiß man zu Beginn allerdings nicht. Im Buch heißt es dann auch, dass man die Münze bei jeder Gelegenheit, also beim Essen, beim Kaffee trinken oder bei was auch sonst immer in der Hand halten soll, und das habe ich auch gemacht.“ „Auf Grundlage der ersten Tricks baut man sein Repertoire dann immer weiter aus. Oftmals gelingt ein Trick auch erst nach hundertmaligem Üben. Als ich das einmal während einer Vorführung einer netten alten Dame erklärte, hatte die plötzlich einen extrem traurigen Blick im Gesicht und meinte, dass ich wohl sehr einsam sein müsse“, lacht Dionysos. „So ist das allerdings nicht.“

„Einige andere Zauberer arbeiten hingegen nur mit Gimmicks, sprich: mit gekauften Tricks oder Gegenständen aus dem ,Zauberkasten‘, für die man auch nicht viel können muss, und meinen dann, es wäre Zauberei“, ergänzt Moe. „Richtige Fingerfertigkeit besitzen aber nur mehr wenige,und der Laie kann auch nicht unterscheiden, ob es sich um einen 50 € Trick handelt oder um harte Arbeit. Komplett ohne läuft es jedoch auch nicht: Es kommt aber immer darauf an, ob jemand auch ohne Gimmicks arbeiten kann oder nicht. Bei einer guten Zaubershow werden immer so wenig Gimmick wie möglich benutzt.“ „Gerade beim Close-up, also dem Zaubern am Tisch, verwendet man hier und da gelegentlich manipulierte Gegenstände. Die Raffinesse liegt allerdings darin, Gegenstände aus dem Publikum zu verwenden, also Dinge, die gar nicht manipuliert sein können“, erlärt Nick. „Bei manchen Zaubertricks flippen die Leute dann auch so richtig aus, weil sie es sich nicht mal Ansatzweise erklären können, wie die der Trick funktioniert. Dennoch sind und bleiben es Tricks.“ „Bei Mentalmagiern, die vorgeben, sie könnten Gedankenlesen oder Wahrsagen, merken viele Leute nicht, dass es sich dabei ebenso um Tricks handelt, sondern glauben tatsächlich, es sei Magie. Dabei muss man nur seine Wahrnehmung für die Mikrobewegungen im Gesicht des Gegenübers schärfen, und die Fragen so stellen, dass man irgendwann die gewünschten Antworten erhält. Natürlich setzt das unglaublich viel Übung und Kenntnis voraus, aber es ist und bleibt ein Trick. Und wenn jemand wie Uri Geller schließlich behauptet, er hätte übernatürliche Kräfte, setzt das dem Ganzen die Krone auf“, schließt Wusi ab.

„Bei einer richtig guten Show, geht der Zauberkünstler immer direkt auf sein Gegenüber ein. Vor allem beim Close-up ist das wichtig“, erklärt Nick. „Man muss immer im Auge haben, was das Gegenüber im Blick hat. Und trotzdem den Menschen als Ganzes wahrnehmen, damit man individuell auf ihn eingehen kann.“ „Hier kommt es besonders darauf an, dass der oder die Zuschauer in den ersten zwei Minuten so viele magische Momente wie möglich erleben. Man kommt an einen Tisch und fängt praktisch sofort, an die Menschen mit kleinen schnellen Tricks aus der Fassung zu bringen und neugierig zu machen, bis man sie an der Angel hat“, führt Georg fort. „Danach kann man beginnen, eine Geschichte um den Trick zu weben, die Unterhaltung auf weitere Wahrnehmungsebenen auszuweiten.“ „Auf der Bühne ist das wiederrum etwas ganz anderes“, ergänzt Moe. „Hier kommt es vor allem darauf an, eine persönliche Note in die Show zu bringen, und man muss das Publikum dort abholen, wo es ist: Beim Mensch-sein. Also, in erster Linie geht es hier darum, eine bestimmte Atmosphäre aufzubauen, damit die Zuschauer sagen können: Das war ein echt tolles Erlebnis und ein echt sympathischer Kerl. Auch wenn ihnen einige Zaubertricks vielleicht nicht so gefallen haben – die Geschmäcker sind schließlich verschieden und man weiß nicht, mit welcher Erwartungshaltung sie zu Show kommen.“ „Man kann das Rad eben nicht neu erfinden. Und viele Leute kommen in der Erwartung, etwas Ähnliches wie im Fernsehen zu erleben. Das hat jedoch meistens nicht allzu viel mit Zauberei zu tun. Ich meine, ich habe während einer Buchung auch schon mal ein Auto verschwinden lassen, aber dennoch ist es auf der Bühne angenehmer, ohne ein riesiges Theater und Kistenschupsen zu arbeiten“, erklärt Dionysos.

„Man kann auch mit Fug und Recht behaupten, dass sich die Art und Weise, wie Unterhaltung konsumiert wird, verändert hat“, fügt Moe hinzu. „Das Publikum ist schwieriger geworden. Irgendwie schwerer erreichbar. Es fällt den Leuten schwerer, sich auf etwas richtig einzulassen als noch vor ein paar Jahren. Umso wichtiger ist es, dass man seine eigene Persönlichkeit mit auf die Bühne bringt. Und ein gepiercter, bärtiger Zauberer müsste den Nerv der Zeit eigentlich treffen.“ „Was den meisten Leuten auch nicht klar ist, dass im Fernsehen fast überhaupt kein Trick ohne Stuches abläuft. Also Personen, die in den Trick eingeweiht sind“, erklärt Dionysos weiter.

„Auch wenn es total zufällig aussieht, sind die Leute Teil des Tricks.“ „Manche Zauberer trainieren auch wochenlang, den Ball rücklinks ins Publikum zu werfen, um die eingeweihten Personen ,unauffällig‘ auf die Bühne zu holen. Als Zauberer kennt man die Tricks jedoch, man beschäftigt sich ja auch intensiv damit und weiß was möglich und was nicht möglich ist.“ „Ebenso verhält es sich mit der angeblichen Blitzhypnose. Niemand fällt binnen fünf Sekunden in einen derartigen Trancezustand. Vor allem nicht, wenn er zum ersten Mal hypnotisiert wird. Das ist dann alles einfach nur fake“, ärgert sich auch Dionysos. „Richtig gute Magie versucht die Leute nicht zu verarschen, sondern sie zu faszinieren und vor den Kopf zu stoßen. Um die Leute zu verarschen, muss man nicht viel können. Wie gesagt, echte Zauberei ist harte Arbeit – vor allem wenn man sich eigene Tricks überlegt.“

„Es gibt auch einen Codex unter den Zauberern“, erklärt Wusi. „Weder kopiert man einen Trick Eins zu eins, noch erklärt man ihn den Zuschauern, was auch überhaupt nichts bringen würde. Sie könnten ihn ja ohnehin nicht nachmachen.“ „Außerdem liegt im Nicht-Wissen auch die Faszination für den Zuschauer“, führt Nick fort. „Es ist auch unglaublich befriedigend, wenn eine Person, nach dem ihr ein Trick gezeigt wurde, fünf Minuten lang überlegt, wie er denn funktioniert.“ „Das ist dann eben auch Teil der Anerkennung, die man vom Publikum erhält“, nickt Dionysos. „Sowas darf man den Zauberkünstlern auch nicht nehmen. Die größte Anerkennung ist aber, wenn man mit seinen Kunststücken andere Zauberer beeindruckt. Als ich noch studierte, habe ich sogar mal für David Copperfield in einem Regensburger Italiener gezaubert. Das war damals eine Riesensache für mich, dass ich einem der bekanntesten Zauberer der Welt quasi durch Zufall eine kleine private Zaubershow direkt nach seinem Essen vorführen durfte: Ich hatte damals in einem Restaurant gejobbt, und der Nachbarwirt meinte, ,Du bist doch Zauberer, wenn der Copperfield mal wieder zum Essen da ist, dann rufe ich dich an und dann kannst du ihm was zeigen.‘ Geglaubt, habe ich ihm damals natürlich kein einziges Wort. Als ich dann plötzlich angerufen wurde, war das natürlich der Hammer! Ganze 30 Minuten durfte ich dann für Copperfield im geschlossenen Restaurant zaubern und als ich sah, wie fassungslos und begeistert er war, war das natürlich das größte Lob überhaupt für mich.“ „Es ist ja auch nicht so, als würden wir Kinderzauberei praktizieren“, meint Moe. „Es gibt auch echt krasse Tricks, wo es sogar den einen oder anderen Zauberer umhaut.“

Für qualitativ hochwertige Zauberkunst braucht es weder Awards, noch Megabühnen mit Hochstaplern, sondern passionierte, aufrichtige Künstler sowie ein passendes Angebot. Da die meisten Zaubershows jedoch privat durchgeführt werden, verwundert es auch nicht, weshalb wir die Zauberszene in Regensburg ein klein wenig aus den Augen verloren haben. Sicher, es gibt noch den „Magic Sunday“ im Statt-Theater – allerdings auch nur noch vierteljährig. Dafür findet jeden ersten Monat eine Zaubershow mit Moe im Regensburger Spitalkeller statt und manchmal findet man den einen oder anderen Zauberkünstler sogar im W1 beim „Home is there the Art is“. Um das Angebot weiter auszubauen, plant Dionysos sein neues Soloprogramm auf die Bühne des Turmtheater zu bringen. Im Winter 2018/2019 wartet sogar eine große Zaubershow: Der 1. Regensburger Winterzauber! Bei diesem sind nicht nur Dionysos und Co. auf der Bühne, sondern auch weitere regionale und internationale Zauberkünstler.

Die Regensburger Zauberszene ist jung, bunt und alles andere als konventionell. Sicher, alle fünf lieben es, ihr Gegenüber hinters Licht zu führen, vor den Kopf zu stoßen und ein klein wenig zu ärgern. Das macht die Faszination des Zauberers auch aus – eben magische und unerklärliche Momente zu ermöglichen. Gerade in unserer medial vollgestopften und wissenschaftlich entzauberten Gesellschaft, stellt das Geheimnisvolle einen großen Gewinn dar. Man muss sich nur darauf einlassen.

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