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Laut Mythos fertigte der griechische Gott Hephaistos in seiner unterirdischen Schmiede Kriegswerkzeuge an, die den Heroen der griechischen Mythologie zum Sieg verhelfen sollten. So verdankte ihm Artemis, die Göttin der Jagd, ihren Bogen und Achilles sein Schild und Schwert. Es verwundert nicht, dass der einzige Handwerker unter den griechischen Göttern ein Schmied ist, denn seit jeher genießt dieser Beruf ein großes Ansehen und hat bis heute nichts von seiner Faszination und Aktualität eingebüßt – der Schwerpunkt der Arbeit hat sich allerdings verschoben: Während früher die Waffenherstellung im Fokus des Handwerks stand, steht heute der künstlerische und kulturhistorische Aspekt im Mittelpunkt und zieht auch ein neues Klientel an.

„Wir profitieren sehr vom Aufkommen der Mittelaltermärkte und -festivals“, erzählt der Schlossermeister Stephan Simmel, Inhaber der Kunstschmiede Simmel in der Ditthornstraße 9. Dort faszinieren, neben Feuershows und Schauspielen, auch Schmiedevorführungen die Mittelalter-Fans. „Deren Leidenschaft geht sogar so weit, dass sie eine Ausbildung als Schmied anstreben. Deshalb ist die Anfrage bei unserem Betrieb sehr groß“, erklärt er. Beim Betreten des Schmiedebetriebs wird deutlich warum: Die mit schwerem Eisen und offenem Feuer hantierenden Metallkünstler scheinen einer anderen Zeit entsprungen. In einer bis ins kleinste Detail technisierten Gesellschaft ist ein solcher Anblick selten und erzeugt eine fesselnde Atmosphäre. Der Charme des Berufs zog auch den 1918 geborenen und 2001 verstorbenen Franz Xaver Simmel in seinen Bann und er ließ sich, nachdem sein Bruder den elterlichen Hof übernahm, in einer Schmiede in Erpfenzell ausbilden. Nach dem Krieg machte er sich selbstständig und eröffnete schließlich 1954 die Kunstschmiede Simmel in der Lederergasse 15, wo er bis ins hohe Alter von 83 Jahren tatkräftig werkelte.

In seine Fußstapfen trat sein Sohn Stephan Simmel und ließ sich vom Vater höchstpersönlich das Schlosserhandwerk beibringen. „Das erste Lehrjahr habe ich aber bei einer Metallbaufirma gemacht, wo ich acht Stunden nur Rahmen abgeschliffen habe. Das war eine sehr monotone Arbeit. Mein Vater wollte, dass ich sehe, wie es in einem anderen Betrieb zugeht. Danach habe ich die abwechslungsreichen Tätigkeiten bei seiner Ausbildung sehr geschätzt“, ruft sich Stephan Simmel ins Gedächtnis.

Nun ist Stephan Simmel selbst Ausbilder und legt ebenfalls großen Wert auf Tradition und Familie. Seine beiden Söhne, Daniel und Robin, sind genauso wie seine Frau Belinda im achtköpfigen, bereits über 60 Jahre alten Familienbetrieb tätig. Während die jungen Männer das heiße Eisen bearbeiten, betreut ihre Mutter den Laden mit den Ausstellungsstücken in der Lederergasse. An Interessenten an einer Lehre mangelt es Stephan Simmel nicht und so kommt er auch ohne Inserate an Nachwuchs. Wer sich für eine Ausbildung im simmelschen Betrieb entscheidet, kann sich einer breiten Palette an Aufgaben sicher sein. Der Azubi soll in den dreieinhalb Jahren des Metallbauertrainings mit Schwerpunkt Metallgestaltung die verschiedensten Fertigkeiten entwickeln und zum Profi im Schmieden und Restaurieren werden. „Bei mir arbeiten lediglich Personen, die auch bei mir in der Ausbildung waren“, betont Stephan Simmel. „Die umfangreichen Kenntnisse, welche man in unserer Kunstschmiede braucht, werden auch nur hier genauso vermittelt“. Sieht man sich in der Kunstschmiede um, die aus Platzgründen von der Lederergasse in die Ditthornstraße verlegt wurde, sticht einem die große Bandbreite an Produkten sofort ins Auge. Neben Fenstergittern, Regalen und Wetterfahnen tummeln sich Ausleger, Schirmständer und Leuchten – die Schöpfungskraft der Handwerker scheint keine Grenzen zu haben.

Um ein Meister verschiedenster Techniken zu werden, hat Stephan Simmel sogar eine Reise nach Italien unternommen. Aufgrund seiner hervorragend abgeschlossenen Gesellen- und Meisterprüfung wurde ihm ein Stipendium des Europäischen Zentrums Venedig für die Berufe in der Denkmalpflege angeboten, welches sich auf der Insel San Servolo in der Lagune von Venedig befindet. Mit schwärmerischem Blick erzählt er von seinem dreimonatigen Aufenthalt: „Acht verschiedene Nationalitäten waren wir und hatten die verschiedensten Berufe. Es gab Stuckateure, Schmiede und Maler“ – und mittendrin den Schlosser Stephan Simmel. Mittels Exkursionen, Stilkunde und Projekten wurde den Teilnehmern die Kunst der Denkmalpflege näher gebracht und Simmel junior entdeckte seine Leidenschaft für die Erhaltung kulturgeschichtlich wertvoller Objekte, die auch seiner Wahlheimat zugutekommt.

Stephan Simmel geht nämlich mit offenem Auge durch die Domstadt und achtet darauf, wo die antiken Gebäude seine fachkundige Hilfe benötigen könnten. „Ich will Regensburg Gutes tun“, sagt er und das Amt für Denkmalpflege dankt ihm für dieses Engagement. Ein prominentes Beispiel für sein Wirken ist zum Beispiel der Justitiabrunnen am Haidplatz, dessen Statue mehrfach Opfer von Vandalismus wurde. So klaute man der Dame 1990 ihr Schwert und schlug ihr die linke Hand samt Waage ab. Dank Stephan Simmel und seinem Vater Franz Xaver konnten sich die Altstadtbesucher – kurzzeitig – wieder über eine vollständige Figur freuen, bevor sie daraufhin zum zweiten und dritten Mal beschädigt wurde. Doch durch die rettenden Hände der Kunstschmiede Simmel kann die Allegorie der Gerechtigkeit wieder in ihrem Originalzustand bewundert werden.

Diese Taten werden honoriert und so ist die Fachkompetenz des Traditionsbetriebes Simmel weit über die Regensburger Grenzen hinaus bekannt – sogar bis nach Südkorea haben es seine Werke geschafft. „Das war die wohl kurioseste Sache, die mir je passiert ist“, lacht Stephan Simmel. „Da stand auf einmal ein südkoreanischer Herr mit einem Dolmetscher vor meiner Tür und zeigte mir Abbildungen von Folterwerkzeugen aus dem Katalog des „mittelalterlichen Kriminalmuseums“ in Rothenburg ob der Tauber. Der Dolmetscher erklärte mir, dass der Mann 42 Folterwerkzeuge für sein Museum in Südkorea in Auftrag geben möchte. In drei Wochen sollte alles fertig sein.“ Der Besuch aus Fernost stellte sich als Yoo Chul-Ho vor, seines Zeichens Museumsdirektor aus Tongdo, der in seiner neuen Ausstellung Folterinstrumente des mittelalterlichen Europas präsentieren wollte. Um die Ernsthaftigkeit seines außergewöhnlichen Auftrags zu unterstreichen, wollte er dem verwunderten Simmel 10.000 DM in bar in die Hände drücken. „Ich habe ihm jedoch gleich gesagt, dass die Menge für die kurze Zeit viel zu groß ist und die Bezahlung zu wenig. Wir mussten erst einmal die genauen Konditionen schriftlich festlegen“, erinnert sich Stephan Simmel. Trotz ersten Bedenken willigte der Handwerker ein und das damalige Vier-Mann-Team der Werkstatt machte sich an die Arbeit. „Ich habe mich gleich auf den Weg in das Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber gemacht und die ausgestellten Instrumente heimlich durch die Scheibe abgemessen und abfotografiert“, schildert Stephan Simmel. Dort inspizierte er einen Tag lang Schandflöte, Henkermaske und Co. und fertigte Proportionsskizzen an. Insgesamt wurde in den folgenden Wochen die Hälfte der Ausstellungsstücke produziert und nach Eingang der Zahlung per Luftfracht nach Seoul geschickt. „Ob die Ausstellung ein Erfolg war, habe ich leider nie erfahren“, bedauert Stephan Simmel.

Die Zufriedenheit ihrer Kunden ist der Werkstatt Simmel seit ihrer Gründung im Jahr 1954 ein großes Anliegen, die qualitativ hochwertigen Produkte sind keine Stangenware. Ob geschmackvolles Metalldesign oder Schmiede- und Schlosserarbeiten – der Auftraggeber wird mit in den Produktionsprozess eingebunden und seine individuellen Wünsche werden bis ins kleinste Detail berücksichtigt. Besonders persönlich wird das Kundengespräch, wenn es um das Thema Friedhofsgestaltung geht, denn die Schmiede bietet stilvolle Grabkreuze an. „Viele Personen lassen sich bereits zu Lebzeiten Objekte für die eigene Grabgestaltung anfertigen. Dabei sind wir beim Design relativ frei, solange die Richtlinien der Friedhofssatzung eingehalten werden“, klärt Simmel auf und zeigt auf einen kunstvoll gestalteten Lebensbaum in der Ecke. „Grabkreuze können individueller gestaltet werden und sehen fantasievoller aus als Grabsteine“, meint Stephan Simmel, „leider sind sie in unseren Breiten nicht sehr üblich.“ Wie sehr der Familie Simmel die Zufriedenstellung der Klienten am Herzen liegt, zeigt der große Aufwand, den Franz Xaver Simmel einmal unternahm, um ein Grabkreuz anzufertigen, das ein Regensburger auf einem Salzburger Friedhof gesehen hatte. Nachdem der Mann starb, nahm dessen Frau Kontakt zum Kunstschmied auf und dieser fuhr prompt zum Salzburger Petersfriedhof, um von dem besagten Kreuz Maß zu nehmen und es abzufotografieren.

Das breite Spektrum der angebotenen Werke spiegelt sich in der Verschiedenheit der Auftraggeber wider. Nicht einmal das Fernsehen macht vor den Toren der Simmel-Werkstatt halt. „Einmal mussten wir einen Schlüsselgriff für den Film ‚Die Jagd nach der heiligen Lanze‘ anfertigen, für den eine Szene in der Nähe von Regensburg gedreht wurde. Der Schlüssel hatte eine wichtige Rolle und musste in der Walhalla in einem Versteck gefunden werden“, berichtet Stephan Simmel. „Der Film lief auf RTL. Das ist dann schon interessant, den eigenen Gegenstand im Fernsehen zu sehen.“

Am liebsten sieht der Spezialist für Restauration und Metalldesign sein Wirken jedoch in Regensburg, vor allem, wenn bereits in der dritten Simmel-Generation daran gearbeitet wird – wie an der Domkirche St. Peter. Mit schwärmerischem Blick beschreibt Stephan Simmel diesen ungewöhnlichen Arbeitsplatz. „Das ist einmalig, wenn man auf den Domtürmen steht, da erscheint der Himmel nicht mehr weit. Man blickt auf die Dächer der Altstadt und ich denke, hier habe ich etwas gemacht und dort, das ist etwas ganz Besonderes für mich.“

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