Volvo erweitert seine Elektroflotte im Oberklassensegment mit dem ES90. Doch die neue Plattform schafft nicht nur die Grundlage für ein neues Fahrzeug, sie erweitert auch das Energiemanagement und somit sind in Zukunft 800 V als Bordspannung nutzbar – das halbiert auch die Ladezeit, wenn es mal schnell gehen muss.
Stromer im Winter zu testen war bei den ersten E-Fahrzeugen mit massivsten Reichweitenabzügen verbunden. So schlimm ist es heute nicht mehr, aber natürlich sind im Winter ein paar Verbraucher mehr an und der Akku mag ebenfalls wohl temperiert werden, Chemie bleibt Chemie. Dazu tobt Schnee und bald wird Braun zur Straßen- und Autofarbe. Regensburg hat es hier Mitte Januar gut erwischt, weshalb wir langsamst zum Fotoshoot – möglichst nahe bei Svenscar – rollen.
Limousine? SUV? Fastback? Ein bisschen von allem, warum auch in Klassen denken. Hier steht ein echter Mix mit all seinen Vorzügen. Groß, aber doch kompakt und elegant, dank 22-Zoll-Rädern etwas höher und damit sehr bequem zum Ein- und Aussteigen. Dadurch wird auch der Windwiderstand nicht so groß wie bei einem SUV und dies kommt der Reichweite entgegen. Eine sinnvolle und schöne Kombination, die mit wahnsinnig viel Freiheit im Fondpassagierbereich belohnt und trotzdem von hinten, dank steil abfallendem Heck, gute Lademöglichkeiten schafft: zwischen 424 und maximal 1.427 Litern (Frunk bis zu 27 Liter).
Und wie transportieren wir Insassen und Gepäck? Mit viel Power! In der Basisversion samt Heckantrieb werden 2.410 kg mit 245 kW (333 PS) und 480 Nm Drehmoment versorgt. 6,6 Sekunden auf 100 km/h machen Laune – mit Durchzug wie früher die ganz großen V8. Die Twin Engine Version hat dank des zusätzlichen Motors an der Vorderachse sogar 335 kW (456 PS) und beschleunigt ihre dann 2.610 kg in 5,4 Sekunden auf 100 km/h, es gipfelt in der Performance Variante mit soliden 500 kW (680 PS) und mehr als sportiven 4 Sekunden auf 100 km/h. Abgeregelt werden alle bei 180 km/h. Aber bitte bleiben wir nüchtern: es geht nicht um Dragracing. Das kann er, will man aber nicht. Genießen wir eine Luxuslimousine, die auf Abruf nicht enden wollenden Druck abliefert.
Wir fahren die Single Engine in der maximalen Ultra-Ausstattungslinie. Die einstellbare Lenkung gibt gutes Feedback. Dazu passt das Fahrwerk, welches ebenso eher komfortabel ausgelegt ist. Kein Rütteln, kein Schütteln – gut gebettet geht es über Land. Wer an der Dämpfung justieren mag, wählt das adaptive Luftfederfahrwerk und stellt auf „Hart“, wenn er kurviges Terrain flott durchfahren möchte und schnelle Lastwechsel öfter gefordert sind. Aber keine Sorge: Es wird nicht wirklich hart, sondern einfach etwas straffer.
Und da sind wir schon beim Thema Reise und Fahrt und wie immer bei der Reichweite. Wie oben schon gesagt, kommt dem ES90 seine flachere Karosserieform zu Gute, er muss einfach nicht so viel Luft wie z. B. ein SUV beiseite drücken, wenn man schneller fährt. In der Basisversion sind verbrauchbare 88 kWh im Akku und in den doppelmotorisierten Brüdern gibt es 102 kWh zum Zehren. Wie schon oft erklärt, braucht eine Verdopplung der Geschwindigkeit die 8-fache (!) Leistung. Während ein kleines Auto 6 PS für 60 km/h braucht, würde selbiges dann schon 48 PS brauchen, um 120 km/h zu fahren. Deshalb reicht der Akku in der Stadt viel weiter, da sorgen Heizung, Klima und Discolautstärke eher für Reichweitenunterschiede. Innerorts käme der kleine Akku laut Volvo wohl knapp 800 km weit, der große sogar über 900 km. Wir haben Überland getestet und hier zählt der Speed. Bei 100 km/h benötigten wir 19 kWh für 100 km (Reichweite so 463 km), bei 130 km/h 25 kWh (Reichweite so 352 km) und auf der Landstraße bei 80 km/h 17 kWh (Reichweite so 517 km) pro 100 km. In wärmeren Tagen geht es ein Stück weiter. Aufgeladen wird flott: In etwas über 20 Minuten geht es am Schnelllader von 10 auf 80 Prozent und dies mit der Volvocard für 55 Cent pro Kilowatt.
Interieur: sitzt! Das beginnt beim Fahrer, welcher bequem und gut geführt dank vielfacher Einstellbarkeit die Fahrt genießt. Wer will, optioniert noch Massage hinzu. Haus weg, Partner weg: Volvo hilft, da wohnt man gerne. Wer will, verzichtet auf Leder und wählt „Nordico“ – ein Kunstlederderivat, dessen Kunststoff möglichst umweltschonend, teils aus Kiefernöl, gewonnen wird und das dank Perforierung übrigens auch wunderbar atmungsaktiv wird (Test EX30 damals). Bei uns sind die Sitzflächen aus Nappaleder und die Seitenteile aus Nordico. Alles ist wirklich toll verarbeitet und designed, klar wie eine Nacht im hohen Norden – jedoch ohne die Kälte.
Und dann war da noch die Sache mit den Gadgets. Volvo liefert hier, was das Herz des ein oder anderen begehren mag. Neben kleinem Tacho und wunderbar großem 14,5-Zoll-Touchscreen in der Mitte gibt es optional vom Head-up über Sprachverstärkung im Innenraum, einem Klangorchester, das seinesgleichen sucht, hin zu automatischem Einparken alles, was in heutigen Fahrzeugen gewünscht wird. Insbesondere werden aber auch andere Verkehrsteilnehmer geschützt: Neben diversen Systemen zur Kollisionsvermeidung rettet auch der Door Opening Alert seit gut zwei Jahren Radlerleben – der Radar überwacht von hinten kommende Objekte und warnt ggf. beim Türöffnen. Volvos Driver-Understanding-System erkennt dagegen über Innenraumsensoren eventuelle Unaufmerksamkeit oder auch einen Totalausfall des Fahrers und hilft von leicht korrigierend bis hin zum sicheren Abbremsen in den Stillstand. Bidirektionales Laden im Haus geht hiermit übrigens auch – soweit man seinen Akku nicht nur dem Fahren opfern möchte.
Um mit Volvos neuer Limousine durch die Gegend stromern zu dürfen, benötigt man für die Basisversion 70.490 Euro mit bereits üppiger Ausstattung. Je nach Wunsch an Power werden dann 5.000 bzw. 10.500 Euro zusätzlich fällig. Insgesamt sind zudem zwei weitere Ausstattungslinien erhältlich und bei allen drei gibt es verschiedenste Optionen zusätzlich – Individualisierung bleibt groß geschrieben bei diesem wirklich gelungenen Fahrzeug.
Nick Lengfellner I filter Magazin