Eigentlich sollte es eine angenehme „Grand Tour“, also eine Kulturreise eines jungen Adeligen quer durch Europa werden. Doch dann verunglückte die Kutsche, und die Sache verlief für Achim von Arnim, dem späteren Star der Romantikszene, anders ...
Finanziert wurde die Reise von der Großmutter Caroline Maria Elisabeth von Labes, die mit der Seidenraupenzucht eines früheren Gatten zu Vermögen gekommen war. Allerdings stellte sie Bedingungen: Achim musste schriftlich garantieren, die Finger vom Glücksspiel zu lassen. Oma wusste also über die Schwächen des Enkels recht genau Bescheid! Immerhin war sie seit dem frühen Tod von Achims Mutter und dem Desinteresse des Vaters die Alleinerzieherin von Achim (geb. 1781) und seinem Bruder.
Natürlich gab Achim der Oma die Garantie. Ein naturwissenschaftliches Studium in Göttingen hatte er im Sommer 1801 aufgegeben, die Reise zusammen mit dem Bruder Carl Otto konnte also los gehen. Startpunkt war das elterliche Gut Zernikow (Brandenburg). Die Reise sollte über Regensburg (wo ein Großonkel lebte), dann weiter nach Wien, an den Rhein, nach Frankreich und England führen, auch die Schweiz stand auf dem Plan. Zwei bis drei Jahre waren dafür vorgesehen. Kein Problem: Das Geld war ja jetzt vorhanden, und hetzen brauchte man sich bei diesem Zeitrahmen auch nicht.
Gefährliche Reise
Aber warum die beiden ausgerechnet Ende November, zu Winterbeginn, die Reise beginnen wollten, ist nicht wirklich nachvollziehbar. Reisen mit der Kutsche waren damals – abgesehen vom mangelnden Komfort in den öffentlichen Postkutschen, dem eng gedrängten Zusammensitzen mit Fremden und mit Pausen, die gerade dann nicht gemacht wurden, wenn man sie persönlich ganz dringend brauchte – auch eine ziemlich unsichere Angelegenheit. Achsbrüche wegen mieser Straßenverhältnisse, durchgehende Pferde oder eingeschlafene Kutscher führten oft zu Unfällen. Im Winter, bei Eis, Schneelage und früher Dunkelheit, war die Sache noch um einiges gefährlicher. Und bei einer privaten Kutsche, die die Arnims zunächst zur Verfügung hatten, störte die mangelnde Ortskenntnis den Reiseablauf. Wer halbwegs vernünftig dachte und nicht unbedingt sofort reisen musste, verschob die Abreise lieber auf das Frühjahr. Aber Achim war zwanzig und dachte eben nicht vernünftig.
Bereits in Sachsen-Anhalt war zunächst einmal Endstation. Aus unbekannter Ursache kam die Kutsche vom Weg ab. „Wir fielen zwölf Fuß hoch von einem Berge herab und das Verdeck des neuen starken Wagens war völlig abgebrochen“ (Zwölf brandenburgische Fuß entsprachen circa 4,6 Meter). Achim war bewusstlos, erlitt eine schwere Gehirnerschütterung, wahrscheinlich auch Knochenbrüche und wurde sogar für tot gehalten. Irgendwie, Genaues ist nicht bekannt, wurden die Brüder nach Regensburg gebracht. Anfang Dezember 1801 kamen sie in die Stadt. Dort lebte ja der Großonkel, der als preußischer Gesandter zum Reichstag tätig war.
Doch dieser weilte gerade in Berlin, um sich neue Instruktionen zu holen. Aber seine Familie sorgte sich liebevoll um den verletzten Achim und Carl Otto (der offenbar unverletzt blieb). Durch die Beziehungen der Familie stand den jungen Herren die Regensburger Gesellschaft offen, auch zum Haus Thurn und Taxis hatten sie Kontakt. Doch zunächst war Genesung angesagt.
Ein Gelübde
Als es ihm wieder besser ging, streifte Achim in der Stadt herum.
Auf der Steinernen Brücke stehend, betrachtete er nachdenklich die Donau. In einem Fragment schrieb er: „Da stehe ich gestern (…) in der Mitte der Brücke, und sehe dem kommenden Strome zu, da klopft mich jemand an die Schulter.“
Dieser Jemand war Graf Ferdinand von Colloredo-Mannsfeld, ein in Wien geborener Studienfreund aus Göttingen, der eine steile diplomatische Karriere gemacht hatte und nun als kurböhmischer Gesandter zum Reichstag in Regensburg lebte. Ihm erzählte Achim von seinem Unfall, dass er nach der Genesung auf den Kalvarienberg zur Dreifaltigkeitskirche aufgestiegen sei und dort ein Gelübde abgelegt hätte: Er wollte der Kirche mit ihren Kreuzwegstationen als Dank einen Zyklus mit siebzehn Gedichten widmen. Die Hälfte davon sei angeblich schon fertig. Heute ist kein einziges erhalten. Ob sie in der Donau gelandet sind oder irgendwo auf der Reise verloren gingen?
Durch örtliche Bekanntschaften und Salonbesuche erfuhr Achim von einer Regensburger Traditionsfigur aus der Türkenzeit, dem Ritter Hans Dollinger, über den schon Emanuel Schikaneder 15 Jahre zuvor ein Theaterstück geschrieben und in Regensburg aufgeführt hatte. Über eben diesen Dollinger fand Achim von Arnim in einer Buchhandlung eine Ballade, die er in ein Sammelwerk alter deutscher Lieder einfügte („Des Knaben Wunderhorn“, ab 1806 erschienen). Hunderte Lieder und Balladen aus dem deutschen Sprachraum sind darin enthalten. Dieses Werk sollte ihn und den Freund und Mitherausgeber Clemens Brentano als „Romantiker“ berühmt machen, obwohl es Arnim mit der Textpräzision nicht so genau genommen hatte.

Ein 850-Seiten Wälzer: Das „Wunderhorn“ mit den beiden Herausgebern. (Foto: Wolfgang Ludwig)
Die Romantik betonte Anfang des 19. Jahrhunderts als Gegenbewegung zur nüchternen Aufklärung Gefühle und Naturverbundenheit und fand unter jüngeren Künstlern zahlreiche begeisterte Anhänger.
Merkwürdige Menschen in Regensburg
Wenn man sich zwei Monate in einer Stadt aufhält und von einer Gesellschaft zur anderen herumgereicht wird, bekommt man schon Einblick in das Leben der Menschen. Es zeigt aber, dass Achim sich in Regensburg trotz vieler Bekanntschaften nicht wirklich heimisch fühlte: „Regensburg ist mir durch die genauere Kenntnis vieler sehr merkwürdiger Menschen (...) sehr merkwürdig geworden.“ Was da so „merkwürdig“ sein sollte, bleibt durch mangelhafte Stilistik und Präzision im Ausdruck in den Briefen unklar. Jedenfalls übte der junge norddeutsche Protestant heftige Kritik am südlichen Katholizismus. In Briefen an Freunde beklagt er die „Irreligiosität“ in katholischen Ländern, wo sich „die Religiosität fast nur in den Klöstern einiger Orden findet.“ Ob ein zwanzigjähriger „Ausländer“ bei so komplexen Themen da wirklich den Durchblick hatte, ist fraglich.
Anfang Februar 1802 verließen die Brüder die Stadt und setzten ihre Grand Tour wahrscheinlich per Schiff und Postkutsche nach Wien und München fort. Der anschließende Aufenthalt in Frankfurt sollte für Achim von Arnim schicksalhaft werden. Dort traf er den Freund Clemens Brentano, mit dem er eine mehrtägige Rheinreise nach Koblenz unternahm.
Immer wieder kamen Bänkelsänger aufs Schiff, die alte Volksweisen vortrugen. Vieles, was die beiden da hörten, findet sich im „Wunderhorn“ wieder.
Dieser Brentano kümmerte sich eifrig um die Heiratsvermarktung seiner jüngeren Schwester und versuchte unermüdlich, sie irgendwelchen Männern schmackhaft zu machen. Doch Bettina Brentano war eine gebildete, ehrgeizige und vor allem selbstbewusste Person. Von vielen Herren, die da vorgeführt wurden, wollte sie einfach nichts wissen, manche hatten sogar Angst vor der jungen, für sie unheimlichen Frau. Achim scheint aber Gefallen an ihr gefunden zu haben. Vorerst jedoch zog es ihn weiter auf seine Reise durch Deutschland, Frankreich und England, die er bis 1803 fortsetzte. Arnim und Bettina blieben in Kontakt, dennoch dauerte es noch einige Jahre, bis die beiden im Jahr 1811 heirateten.

Ludwig Emil Grimm: Bettina Brentano (später v. Arnim) in einen Wollschal gehüllt. Ca. 1809. (Freies dt. Hochstift, mit frdl. Genehmigung, Foto: D.Hall)
Blutwurst-Eklat in Weimar
Die Hochzeitsreise führte das Paar nach Weimar, um Goethe, den beide schon länger kannten, zu besuchen. Dort kam es zwischen Goethes Gattin Christiane und Bettina zu einem in der Literaturgeschichte berühmten Eklat: Bei einer Ausstellung übte Bettina, Vertreterin der neuen romantischen Kunstauffassung, Kritik am Künstler, der im klassischen Stil malte und ein guter Bekannter der Goethes war. Die beiden Damen gerieten in Streit, Bettina soll die etwas beleibte Christiane Goethe eine „Blutwurst, die toll geworden ist“ genannt haben; Christiane soll Bettina die Brille von der Nase gerissen und sie gebissen haben. Das war´s dann mit der Freundschaft der Arnims und Goethes.
„Merkwürdig“ wie die Regensburger angeblich gewesen sein sollen, verlief auch die Ehe von Achim und Bettina: Sie lebten zwar vorwiegend getrennt, aber harmonisch – vielleicht gerade deswegen? Das Paar hatte dennoch sieben Kinder, sie hielt sich meist in Berlin auf, nahm intensiv am gesellschaftlichen Leben teil, schrieb einen Roman und zeigte großes soziales Engagement. Er hingegen bewirtschaftete das einsam gelegene, geerbte Gut Wiepersdorf in Brandenburg, circa 100 Kilometer südlich von Berlin, wo es Bettina nach einem kurzen Versuch nicht ausgehalten hatte. Achim aber schätzte die Freiheit von gesellschaftlichen und familiären Verpflichtungen. Neben Verwaltungstätigkeiten fand er genug Zeit zum Schreiben. Der umfangreiche romantische Ritterroman „Die Kronenwächter“ entstand in dieser Einöde.

J.H.C. Francke: Caroline von Labes, 1782. Großmutter und Erzieherin von Achim v. Arnim (Freundeskreis Schloss Wiepersdorf, mit frdl. Genehmigung)
Achim starb 1831. Viele seiner Werke wurden später von Bettina herausgegeben. Sein Einfluss auf die Romantikbewegung war enorm. Heute hingegen gelten die meist umfangreichen Romane als schwer lesbar. Auch das klischeehafte Judenbild des Dichters wird heutzutage kritisiert.
Wolfgang Ludwig I filter Magazin