Im Lebenslauf von Pfarrer Joseph Dahlem ist vieles unklar: Wieso kam er in den 1870er Jahren nach Regensburg, wie eignete er sich archäologische Kenntnisse an und warum suchte er auf regionalen Bahnbaustellen nach Römergräbern? Wovon lebte er eigentlich nach seiner frühen Pensionierung?
Bekannt ist lediglich: Joseph Dahlem wurde am 20.12.1826 bei Aschaffenburg geboren, er studierte in Würzburg Theologie und wurde bereits mit 23 Jahren Priester. Er wirkte in verschiedenen bayerischen Pfarreien, schien aber mit der geistlichen Tätigkeit nicht besonders glücklich zu sein. Nach zahlreichen Krankenständen ließ er sich mit nur 41 Jahren pensionieren. Man kann sich vorstellen, wie niedrig die Pension gewesen sein muss....
Warum Dahlem bald nach der Pensionierung ausgerechnet nach Regensburg kam, ist nicht klar. Allerdings wurde er hier – ohne einschlägige Vorbildung – zu einem bedeutenden regionalen Archäologen mit Schwerpunkt römische Siedlungsgeschichte.
Ab 1870 war in und um Regensburg der Bahnbau das große Thema. Man wusste, dass beim Bau römische Gräberfelder und Siedlungen durchquert werden würden und dass mit Funden gerechnet werden musste. Der 1830 gegründete „Historische Verein von Oberpfalz und Regensburg“ erwarb für die Donautalbahn Richtung Ingolstadt die Rechte der archäologischen Überwachung der Bauarbeiten.
Es ist klar (und vor allem aus Italien leidlich bekannt), dass „archäologische Überwachung“ im Klartext Bauverzögerung bedeutet. Wurden Grundmauern oder Einzelstücke gefunden, mussten die Arbeiten zunächst eingestellt und der Fund fachmännisch gesichert und bewertet werden. Das konnte unter Umständen Wochen dauern. Wie praktisch, dass für das andere Bauvorhaben, die Bahnverbindung Richtung Nürnberg, die Ostbahn-Gesellschaft die Überwachungsrechte selber erhielt, ohne lästige archäologische Fremdüberwachung.

Römische Fundstücke von Dahlem im Historischen Museum Regensburg. © Stadt Regensburg, Bilddokumentation; Effenhauser
Ein Pfarrer taucht auf
Für die archäologische Überwachung der Bauarbeiten der Donautalbahn war die ständige Anwesenheit einer fachkundigen Persönlichkeit nötig. Die Mitglieder des „Historischen Vereins“ hatten aus beruflichen Gründen natürlich keine Zeit, den ganzen Tag auf der Baustelle herumzustehen oder waren fachlich nicht geeignet.
Zum Glück kam da ein pensionierter Pfarrer nach Regensburg. Er war noch ziemlich rüstig, behauptete sachkundig zu sein (was bei den Lateinkenntnissen sicher stimmte, wo er archäologische Bildung herhatte, war weniger klar) und erklärte sich gerne bereit, „seine Muße und Kenntnisse dieser Aufgabe zu widmen.“ So beschrieb Hugo Graf von Waldersdorff, Vorsitzender des Historischen Vereins, den Beginn der Zusammenarbeit mit Dahlem, über den er sich später sehr positiv äußerte: „Seinem unermüdlichem Eifer und seiner Sachkenntniß ist es zu verdanken, daß recht günstige Resultate erzielt wurden.“
So verbrachte der ehemalige Pfarrer seine Zeit also bei den Bauarbeiten. Seine Befugnisse waren aber begrenzt. Er musste sich nach den Zeitvorgaben der Baugesellschaft richten. Man kann annehmen, dass es aufgrund der Funde von hunderten Gräbern mit Beigaben, Grundmauern und Einzelobjekten doch immer wieder zu Bauverzögerungen gekommen ist... nicht zur Freude der Bauherren. Intensive Nachgrabungen konnten nicht durchgeführt werden. Dahlem führte eine archäologische Bewertung durch, protokollierte die gefundenen Objekte zumindest teilweise und verbrachte sie zu einem Zwischenlager in einer Baubaracke. Ab 1881 konnten die Funde in der St. Ulrichskirche besichtigt werden, nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie in das Historische Museum überführt.
Die Zahl der in dem Raum vorhandenen Gräber wird heute auf fünf- bis sechstausend oder noch viel mehr geschätzt. Nur ein Bruchteil davon ist erforscht.
Da an mehreren Stellen gleichzeitig gebaut wurde, musste Dahlem ständig den Ort wechseln und legte eine beachtliche Kilometerleistung pro Tag hin. Hilfskräfte hatte er keine zur Verfügung.
Ohne Dahlems Einsatz hätte man wahrscheinlich keine Kenntnis von der großen Ausdehnung der Gräberfelder, die Rückschlüsse auf die Dichte römischer Besiedlung an der Nordgrenze des Reichs zulässt.
Allerdings zeigte sich die nicht vorhandene fachliche Grundausbildung Dahlems in der mangelhaften Dokumentation der Funde und fehlender Publikationen. Dennoch wurde seine Grabungstätigkeit in Regensburg sehr geschätzt. Weitere Verdienste erwarb er sich mit dem Einsatz um die Bewahrung und Restaurierung der 1885 wiederentdeckten Porta Praetoria, dem Nordtor des römischen Lagers Castra Regina. Dabei konnte zusammen mit dem Historischen Verein Bischöflicher Widerstand gegen eine vollständige Freilegung der Porta und eine Tieferlegung des Straßenniveaus überwunden werden.

Porta Praetoria: Auch hier war Dahlem tätig. © Wolfgang Ludwig
Ein anderer Laie
Die erfolgreiche archäologische Laientätigkeit des Pfarrers weckt Erinnerungen an einen anderen, allerdings weltbekannten deutschen Archäologen: Heinrich Schliemann, ein in Norddeutschland geborener Zeitgenosse Dahlems, dessen Leben trotz sozialer Unterschiede gewisse Parallelen zu dem des Pfarrers aufweist – seine Wirkung war jedoch um ein Vielfaches größer.
Auch Schliemann (1822 – 1890) war archäologischer Laie. Ursprünglich Kaufmann, kam er mit dem Handel von Salpeter, Schwefel und Blei zu einem enormen Reichtum, vergleichbar mit heutigen Tech-Giganten. Er zog sich genauso wie Dahlem mit 41 Jahren aus dem Erwerbsleben zurück und beschäftigte sich ab da mit dem Lieblingsthema seiner Jugend: der Auffindung und Freilegung Trojas, was ihm ab 1871 auch gelang.

Heinrich Schliemann. © Dt. Archäologisches Institut Istanbul
Sowohl Dahlem als auch Schliemann hatten im fortgeschrittenen Alter einigen Ärger: Der eine mit dem Bischof (es ging um die Art der Freilegung der Porta Praetoria) und dem Historischen Verein in Regensburg (wegen persönlichen Querelen), der andere mit der türkischen Regierung, weil Schliemann Fundstücke im großen Stil nach Deutschland verbracht hatte. Dahlem war einige Zeit beleidigt, konnte aber wieder besänftigt werden, Schliemann zahlte eine höhere Geldstrafe quasi aus der Portokasse.
Schliemann verbrachte nach dem spektakulären Grabungserfolg mit seiner Familie bis zu seinem Tod 1890 noch schöne Jahre in Athen. Sein ehemaliges Wohnhaus ist heute ein numismatisches Museum in der Nähe des Syntagma Platzes, das schon allein wegen der spektakulären Raumgestaltung sehr sehenswert ist.

© Wolfgang Ludwig
Dahlem lebte in seinen letzten Jahren in bescheidenen Verhältnissen und schwer krank in Regensburg, wo er 1900 starb. Sein Erbe ist heute in Form zahlreicher Funde im zwar weniger spektakulären, aber ebenso sehenswerten Historischen Museum am Dachauplatz zu sehen.
Wolfgang Ludwig I filter Magazin