Kommunikation beeinflusst unsere Beziehungen enorm. Ob mit dem Postboten, der Arbeitskollegin oder dem Partner – wir sprechen jeden Tag miteinander und stolpern immer wieder in dieselben Fallen: Gespräche eskalieren, Aussagen werden falsch verstanden, gute Absichten kommen nicht an. Woran liegt das und wie können wir unsere Kommunikation verbessern?
Im Interview erklärt Anika Schiller, M.Sc. Psychologie, warum Missverständnisse entstehen, wie konstruktive Kritik gelingen kann, welche Rolle die „Realitätsbrille“ spielt und weshalb echtes Zuhören der Schlüssel für nahezu jede Beziehung sein kann.

© Anika Schiller
Sie ist Psychologin sowie systemische Beraterin und Therapeutin i. A. in Regensburg. In ihrer Privatpraxis bietet sie Einzel- und Paargespräche auf Deutsch, Spanisch und Englisch an. Mehr Informationen zu ihrer Praxis und ihren Angeboten finden Sie auf Ihrer Website.
Richtig kommunizieren
Was sind die wichtigsten Elemente einer gelungenen Kommunikation?
Ob eine Kommunikation gelungen ist, liegt in der subjektiven Wahrnehmung jeder und jedes Einzelnen. Hilfreich für gute Kommunikation finde ich die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation, bei der es darum geht, dem Gegenüber mit Empathie und Wertschätzung zu begegnen und mit all seinen Gefühlen und Bedürfnissen ernst zu nehmen.
Zudem spielt Körpersprache eine große Rolle. Wir kommunizieren mehr über Körpersprache und Stimme als über den Inhalt. Wenn diese mit Tonfall und Wortwahl zusammenpassen, wirkt das authentisch, überzeugend und schafft Vertrauen.
Wie erkennt man, ob man richtig verstanden wird?
Am einfachsten: Nachfragen. So arbeite ich auch als Therapeutin: Ich stelle gezielte Fragen und frage so lange nach, bis ich das Gefühl habe, mein Gegenüber gut zu verstehen. Jeder Mensch nimmt die Welt auf seine Art und Weise wahr – quasi durch seine subjektive Wahrnehmungsbrille – und um seine Sichtweise zu verstehen, muss ich nachfragen.
Kommunikationsprobleme lösen
Vielen fällt es schwer, zuzuhören. Welche Rolle spielt aktives Zuhören und Verstehen und wie kann man es üben?
Aktives Zuhören und Verstehen spielt eine große Rolle für gelungene Kommunikation. Beim Aktiven Zuhören geht es darum, mich voll auf mein Gegenüber zu konzentrieren, ihm das durch Mimik und Gestik zu zeigen, sowie das Gehörte in eigenen Worten zu paraphrasieren. Und nachzufragen, um sicherzugehen, dass man das Gesagte verstanden hat. Das kann man genau in diesen Schritten üben: Erst mal nur durch Mimik und Gestik die eigene Zugewandtheit zeigen, eventuell auch durch Füllworte wie „Aha“ und „Ja“, aber immer so, dass es authentisch bleibt. Im nächsten Schritt das Gehörte in eigenen Worten wiederholen, Gefühle spiegeln und schließlich nachfragen mit z. B. „Stimmt das so?“.
Wie geht man am besten mit verletzenden Aussagen um? Sollte man es immer direkt ansprechen, wenn man sich verletzt oder angegriffen fühlt oder es besser ein paar Tage ruhen lassen?
Das geht beides. Wenn es mir in der Situation gelingt, reguliert zu bleiben, ich-Botschaften zu senden statt zum Gegenangriff überzugehen, würde ich es direkt ansprechen. Wenn ich selber erst Zeit für mich brauche, um mich zu regulieren, oder nicht zufrieden bin, wie ich in der Situation reagiert habe, dann geht das ein paar Tage später genauso.
Wie kann ich andere höflich darauf aufmerksam machen, eine andere Kommunikationsform zu wählen?
„Ich fühle mich ängstlich und verunsichert, wenn deine Stimme laut wird. Ich brauche Sicherheit und Ruhe für eine konstruktive Diskussion. Wärst du bereit, mit ruhigerer Stimme zu sprechen, damit ich dir besser zuhören kann?“
Stärkere Freundschaften und Liebesbeziehungen durch bessere Kommunikation
Wie sollte man am besten kommunizieren, um stabile Freundschaften aufzubauen, die lange halten und sich positiv anfühlen?
Ich denke, gerade in Freundschaften ist es wichtig, sich nicht zu verstellen und deshalb möglichst intuitiv zu kommunizieren. Für eine ausgeglichene Freundschaft ist wichtig, dass beide „Geben“ und „Nehmen“, also ich nicht immer nur meiner Freundin mein Leid klage, sondern auch ihr Zeit und Raum für ihre Themen und Gefühle gebe – und auch andersrum ich nicht immer nur zuhöre und (emotional) versorge, sondern auch mal versorgt werde und dafür vielleicht auch mal aktiv um Hilfe frage.
Können Sie ganz typische Fehler in der Kommunikation zwischen Paaren nennen, die schnell zu Streit führen?
Sich nicht zuhören. In den Verteidigungsmodus gehen, statt erst mal zu versuchen, den anderen zu verstehen. Sich keine Zeit für richtige Gespräche nehmen.
Wie konkret kann dieser Streit verhindert werden?
Es kann helfen, sich feste Zeiten zu setzen, in denen es nur darum geht, dem jeweils anderen zuzuhören. Also z. B. als Abendritual: Fünf Minuten spricht der eine Partner und der andere hört zu und dann fünf Minuten der andere. In der Arbeit mit Paaren nutze ich z. B. auch Übungen zum Paraphrasieren und aktiven Zuhören oder die „VW-Regel“ (= aus Vorwürfen Wünsche machen).
Welche Faktoren sind besonders wichtig, um Missverständnisse in Partnerschaften zu vermeiden?
Es kommt immer auf das individuelle Paarsystem an. Aber ich würde sagen, genügend Paarzeit, viel aktives Zuhören und klare Kommunikation der eigenen Bedürfnisse sind wichtige Faktoren. Viel Nachfragen und über die eigenen Emotionen zu sprechen ebenso.
Wie kann man Dinge, die einen stören, konstruktiv ansprechen – ohne dass der andere sich angegriffen fühlt?
Auch hier würde ich mich wieder an die Grundregeln der Gewaltfreien Kommunikation halten: Ich beschreibe erst objektiv (!) meine Beobachtung, dann meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse in der Situation und kann schließlich einen Wunsch an mein Gegenüber richten. Das braucht Übung, weil wir schnell dazu neigen, zu interpretieren, zu verallgemeinern, Urteile über den anderen zu fällen – und es ist gar nicht so leicht, ganz bei sich und den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen zu bleiben. Wenn es dauerhaft nicht klappt, Dinge konstruktiv anzusprechen, dann kann eine Paarberatung wirklich hilfreich sein.
Gibt es bestimmt Kommunikationsstrategien, die emotionale Nähe stärken?
Wenn ich selber etwas von mir preisgebe, mich auch verletzlich zeige, kann das emotionale Nähe stärken.
Wie die Herkunft Gespräche beeinflusst
Ein Thema, auf das sich Anika Schiller ebenfalls spezialisiert hat, ist die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Nationalitäten.
Sie beraten Menschen auch in Englisch oder Spanisch. Welche besonderen Hürden haben Sie in Ihrer Laufbahn als Psychologin beobachten können, wenn Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern miteinander kommunizieren?
Jeder Mensch hat aufgrund seiner Gene, seiner Erziehung, seines sozialen Umfelds, seiner Biografie usw. seine eigene Art und Weise, die Welt wahrzunehmen, zu fühlen und zu handeln. Er hat quasi seine eigene „Realitätsbrille“. Wenn Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern kommunizieren, kommt noch eine zusätzliche Dimension dazu, in der sich ihre „Realitätsbrille“ unterscheidet. Dadurch kann es, genau wie bei den anderen Dimensionen, zu Missverständnissen kommen, bei denen die Interaktion auf beiden Seiten nicht erwartungsgemäß verläuft.
Ein klassisches Beispiel: Ich verabrede mich mit einer Freundin – die z. B. aus Peru stammt – für acht Uhr in der Maximilianstraße. Um Punkt acht stehe ich, typisch Deutsch, mit meinem „monochronen Zeitverständnis“ und meiner „Sachorientierung“, alleine da. Um 20 nach acht bin ich inzwischen ziemlich verärgert, als die Freundin kommt und mir fröhlich erzählt, sie habe noch XY getroffen und der Nachbar habe noch ihre Hilfe gebraucht. Mit ihrem „polychronen Zeitverständnis“ und ihrer „Personenorientierung“ ist es selbstverständlich, dass sie dem Nachbarn hilft und ein paar Worte mit XY austauscht und sie dann Zeit mit mir verbringt, egal ob sie dann um acht oder um 20 nach acht in der Maximilianstraße steht. Unsere beiden Realitätsbrillen sind aufgrund verschiedener Kulturstandards unterschiedlich. Solche Situationen kennt wahrscheinlich jeder. Wenn ich dabei nicht offen bleibe und versuche, für einen Moment auch die Brille meines Gegenübers aufzusetzen, können Konflikte verhärten, ich mein Gegenüber als unhöflich empfinden oder es ganz zum Kontaktabbruch kommen.
Können Sie noch ein Beispiel für konkrete sprachliche Missverständnisse nennen, die Sie bereits miterlebt haben?
Ein häufiges Missverständnis erlebe ich zwischen deutscher Direktheit und englischer Höflichkeit. Ein englischsprachiger Partner sagt etwa „I’m fine“, um Konflikte zu vermeiden, während die deutsche Partnerseite das wörtlich als „alles ist gut“ versteht. Ebenso wurde ein direktes deutsches „Was willst du damit sagen?“ einmal als scharf und kritisch empfunden, obwohl es als Rückfrage gemeint war. Solche Nuancen führen oft zu unnötigen Verletzungen – und genau dort setze ich in der Therapie an.
Wie könnten mögliche Sprachbarrieren gelöst und somit eine interkulturelle Kommunikation verbessert werden?
Genau wie bei anderen Missverständnissen und Kommunikationsproblemen auch: Eine offene Haltung einnehmen, gut zuhören, ganz viel miteinander sprechen und nachfragen!
Gibt es auch bestimmte Körpersprachen oder Gesten, die sich je nach Kultur unterscheiden?
Ja, definitiv – etwa im Umgang mit Blickkontakt oder beim sozialen Lächeln. Aber in der Paartherapie erlebe ich meistens, dass individuelle Unterschiede deutlich stärker wiegen als kulturelle Muster. Zwei Menschen aus derselben Kultur können völlig unterschiedliche Signale senden, während sich zwei aus verschiedenen Kulturen intuitiv bestens verstehen. Deshalb nutze ich die Kultur-Dimension auch nur zur Hypothesenbildung, frage aber im Einzelfall immer bei den Individuen nach.
Welche Bücher oder Methoden empfehlen Sie Menschen, unabhängig von ihrer Kultur, die in Freundschaften und Liebesbeziehungen besser kommunizieren möchten?
Wie schon erwähnt bin ich ein Fan der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg. Dazu gibt es viele Videos und Bücher. Carl Rogers hat sehr hilfreiche Theorien zur Kommunikation entwickelt, unter anderem das Aktive Zuhören. Und ansonsten empfehle ich natürlich jedem und jeder, sich bei Bedarf professionelle Unterstützung zu suchen. Im Beratungssetting kann man neue, für sich passende Kommunikationsstrategien erarbeiten und im geschützten Rahmen ausprobieren.
Frau Schiller hat außerdem mit uns darüber gesprochen, wie man am Arbeitsplatz richtig kommuniziert.
Ein Interview von Marina Triebswetter I filter Magazin