Sexy. Das muss man KGM lassen, in Sachen Pick-up Design ist hier ein echt gelungenes Fahrzeug am Start. Dabei handelt es sich zudem um eine Neuheit auf dem deutschen Markt: Es ist der erste Pick-up mit reinem E-Antrieb, der hier ganz regulär beim Händler gekauft werden kann! Nicht, dass es überhaupt noch viele weitere E-Pick-ups gäbe, aber wenn, müssen diese immer importiert und umgebaut werden. Wer zuerst kommt …!
Unsere Vorfreude auf den Erstling wird etwas heruntergekühlt: Wir sind bei mehr als minus acht Grad, als wir unseren KGM Musso EV in Sarching im Autohaus Bieber abholen. Das zeigt sich auch beim schnellen Abkärchern – das Wasser gefriert sofort am Auto und zeichnet herrliche Eisblumenmuster über die Türen, während vorne Eiszapfen von der Stoßstange wachsen. Ein Tag wie gemacht für Stromertests also? Ja! Real Life eben. Pluspunkt gleich beim Einsteigen: Es ist alles geheizt, er stand an der Ladesäule und hat gleich mal antemperiert. So ist das fein, da alles wirklich intuitiv angelegt ist: Gang rein und einfach los, Einweisung nicht nötig. Wenigstens ist es heute trocken, dafür aber absolut nebelig. Unten. Der Vorteil von Regensburg: neben Unten gibt es nahe ein Oben – und nach einem Sicherheits- und Detailfotoshoot an der Donau schwingen wir uns hinauf in den sonnigen Bayerischen Wald, wo auch bald Pick-up und Landschaft symbiotisch ein Gesamtkunstwerk ergeben.
Am Weg in die Freiheit testen wir natürlich den Verbrauch und zugegeben ist das wie zu erwarten bei einem Pick-up mehr, als bei einer windschnittigen Limousine. Hier reißt hinter dem Fahrerhaus der Luftstrom ab und Wirbel kosten eben Energie. Auch Heck und massive Front sind zum Fahrtwind eher konfrontativ eingestellt und ein zartes Ableiten wird zum Kraftakt des Verdrängens. So messen wir etwas mehr Verbrauch: bei 100 km/h benötigen wir für 100 km 19 kWh und kämen somit (bei nutzbarer Batteriekapazität etwas über 80 kWh) etwas über 400 km weit. Bei 130 km/h sind es dann schon 29 kWh für 100 km, die Reichweite dabei also 277 km. In der Stadt geht es deutlich weiter und auch im Sommer gehen ein paar % mehr als heute. Trotzdem: Räder schnell auf die Ladefläche geworfen und ab übers Land in unsere regionalen Berge – perfekt!
Wer nur Heckantrieb möchte, erhält solide 152kW/207 PS für seine 2.165 kg. Wählt man den Allradler, bekommt man PRO Achse solch einen Elektromotor und damit eine Gesamtleistung von bis zu gut 400 PS für nun 2.285 kg. Die Antriebssteuerung verteilt dabei die Power einzeln auf die Räder und sorgt für optimale Traktion: Funktioniert! Unser 4WD hat viel Power und wer am Kurvenausgang Vollgas gibt, merkt in Ansätzen, wie abgeregelt wird, ebenfalls beim Lossprinten und erst recht, wenn es feucht ist. Das macht Spaß und hinzu kommt ein Fahrwerk, das ausdrücklich Lob verdient. Pick-up (Gewicht weiter oben) und die kurvigen Straßen? Überraschend wie präzise und planbar er durch die Kurven zirkelt. Wirklich besser als so manche deutlich flacheren E-Mobile und beim Fahrwerk sind wir kritisch – da sportwagenaffin. Er benötigt auch kein adaptives Fahrwerk, es sitzt, ist aber für rasantes Prügeln durchs Gelände dann sicher zu straff – aber wer macht das schon. Wer im Gelände oder Schnee noch weitere Hilfe vom Antriebsstrang braucht, der regelt Programme über den Gangwahlschalter – lange ziehen löst die möglichen Modi aus. Im Gelände hilft dann ein elektronisches Traktionskontrollsystem, das über das Abbremsen rutschender Räder Kraft auf die Räder mit Grip bringt. Vorteil: agil, superschneller Eingriff, sicher. Wer kilometerlange Schlamm- oder Sandpassagen öfter powern will, der ist mit einem mechanischen Sperrdifferential besser bedient – das gibt es heute aber fast nirgends mehr, auch nicht in teuren Luxus-SUVs.
Aufgeladen wird der Musso EV mit maximal 120 kW. Von 10% auf 80% braucht man dann etwas über 36 Minuten. Dafür kann man auf Wunsch auch die Elektrokettensäge aus dem Fahrzeug speisen und wer möchte, zieht bis zu 1.800 kg hinterher.
Das Interieur ist robust und schön designet, genau wie man es sich für dieses Auto vorstellt - fast schon etwas zu elegant. An Bord ist dabei von Haus aus alles: vom Querverkehrwarner über Verkehrszeichenerkennung, Einparkhilfe, Rückfahrkamera bis hin zum Navi. In der teureren Luxus-Variante kommt hier noch eine elektrische, sehr ansprechend belederte Bestuhlung samt Belüftung, Lenkradheizung, Sitzheizung hinten, 360-Grad-Kamera und Ambientlight hinzu. Mehr an Features braucht es selten. Ebenfalls gelungen: Druckknöpfe am Lenkrad und dort wird auch der Spurhalteassistent und der Fahrassistent per Knopf an- und ausgeschaltet. Jedes Fenster hat seinen eigenen Hebeknopf beim Fahrer – den Bildschirm nutzt man für Navi, Senderwahl und Klima. Alles ist ein bisschen zurückhaltender und auf das Wesentliche reduziert angelegt. Optisch bleibt es ein Traum an Outdoor-Auto, wo man mal hinten schnell Sachen reinwirft oder auch zum Arbeiten in den Wald fährt. Die voll in robustem Plastik ausgeschlagene Ladefläche misst knapp 1,35 Meter Länge, 51 cm Höhe und knapp 1,52 Meter breite – außerhalb der Radkästen auch noch mehr.
In der Basis (Core) kostet der Musso EV 41.990 Euro – wohlgemerkt ist hier aber alles an Bord, was man so benötigt. Optional sind dann lediglich 4-Radantrieb (+4.000 Euro), Kunstledersitze (+1.400 Euro) und Wärmepumpe (+1.300 Euro). Letztere entzieht der Außenluft Energie und trägt zu einer höheren Reichweit bei – sollte man ordern. Dann gibt es noch die Lux-Variante welche bei 48.990 Euro beginnt – optional ist hier dann nur noch der 4-Rad für ebenfalls 4.000 Euro Aufpreis. Freunde des Pick-ups können auch ohne Strom fahren, jedoch nicht ganz so durchgestyled wie mit dem neuen E-Bruder, dafür aber ab 38.990 Euro.
Nick Lengfellner I filter Magazin